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Ausgabe 11.03
Inhalt
Editorial

Humor

Frauke Meyer-Gosau
«Früher war mehr Lametta»
Kleine Zeitreise zu Loriots Achtzigstem


Titel
Raoul Schrott – Genie oder Scharlatan?
Richard David Precht portraitiert die schillerndste Figur der jüngeren deutschsprachigen Literatur: den Erzähler, Lyriker, Übersetzer, Vorleser, Herausgeber und Weltnomaden Raoul Schrott


Das Kriminal
Schwedische Melancholie
Franz Schuh über einen neuen Krimi aus Skandinavien


Bücher des Monats
Claudia Schmölders
Werner Hofmann: Goya
Ingeborg Harms
Durs Grünbein: Vom Schnee oder Descartes in Deutschland
Hanna Leitgeb
George L. Mosse: Aus großem Hause. Erinnerungen
Holger Noltze
António Lobo Antunes: Was werd ich tun, wenn alles brennt?
Manfred Schneider
Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte 1914–1949
Sigrid Löffler
Imre Kertész: Liquidation


Naher Osten
Hubert Leber
Vom Teilen reden, vom Ganzen träumen
Kein Frieden in Nahost – eine Ursachenforschung anhand neuer Literatur


WorldWideWeb
Wolfgang Kemp
Wasserwolkenlärm
Auf den Seiten von Amazon. Betrachtungen eines Benutzers


Jungautoren
Jörg Magenau
Versuchte Punktlandung
Wie Michael Lentz, Annette Pehnt und Michael Kumpfmüller versuchen, einen erfolgreichen zweiten Roman zu schreiben


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Wolfgang Schmidbauer || Joseph Croitoru || Norbert Gstrein || Dietmar Dath || Hartmut Spiegel und Christoph Selter || Julia Franck || Martin Walser || Martina Zöllner || Peter Schäfer || Richard J. Bernstein || Jan Assmann || Ulrich Bielefeld || Botho Strauß || Gregor Gysi || Valentin Groebner
Bildbände: Thomas und Heinrich Mann in der Karikatur || Albrecht Dürer || Mary Ellen Mark


Weiße Elefanten
Tot oder lebendig
Wie Kinderbücher vom Sterben und Weiterleben erzählen


Die Beiseite

Winnetou Revisited
Richard David Precht über ein identitätsstiftendes Filmerlebnis seiner Generation


Kurz & bündig
Bücher von Jean-Philippe Toussaint || Uwe Seeler und Roman Köster || Sabine Peters || Alexander Demandt || Maike Wetzel || Kocku von Stuckrad || Petri Tamminen || Karl-Heinz Kohl
Bildbände: Korda sieht Kuba || Ansichtssache Fußballplatz


Das Magazin
Mitten aus Madrid || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Literatur im Kino || Leserbriefe || Netzkarte || Hörbücher || Was liest Norbert Miller?


Impressum

Leserumfrage

Vorschau, P.S., Register

Editorial
Was haben, liebe Leserin, lieber Leser,

Maxim Biller, Alban Nikolai Herbst und Dieter Bohlen miteinander gemein? Erstere schreiben Literatur, während Letzterer, nach Meinung seiner Ghostwriterin, «gesellschaftliches Rülpsen» in Buchform unter die Leute bringt. Aber alle beschäftigen die Gerichte mit kalkulierten Skandalen. Alle drei Autoren ziehen – wie hasserfüllt, hämisch, kunstvoll verfremdet oder kunstlos direkt auch immer – über verflossene Geliebte, Bekannte oder Weggefährten her, worauf sich diese getroffen fühlen und versuchen, das jeweilige Werk gerichtlich aus dem Verkehr ziehen zu lassen.

Für literarische Bücher minder prominenter Autoren wie Biller oder Herbst kann dies das Aus bedeuten. Für den mächtigen Marketing-Verbund Bohlen-«Bild»-Bertelsmann-RTL-Gottschalk ist es der ultimative Werbe-Kick: Darüber kann auf dem Boulevard wochenlang mit Wonne gerülpst werden.

Wer das Buch Philip Roths über Claire Bloom, Max Frischs Frauenbloßstellung «Montauk», Thomas Bernhards «Holzfällen», die Offenbarungen der Geliebten Gottfried Benns oder Heimito von Doderers gelesen hat, kann sich über die jüngsten «Kiss-and-Tell»-Exzesse in Buchform nicht wirklich wundern. Neu ist allerdings die Einebnung der Nuancen zwischen Fiktion und Autobiografie, der Unterschiede zwischen Literatur und Sachbuch: Das Bewusstsein von der Autonomie der Kunst schwindet, bei den Autoren, bei den Klägern wie bei den Richtern. Die Autoren stellen ihr Leben über die Literatur, die Richter lesen sie, scheint’s, mit boulevard-gelenktem Fahnderblick – und die Klägerinnen? Durchschauen sie den paradoxen Mechanismus von Schlüsselromanen eigentlich nicht? Wer sich zu erkennen gibt, der war es und bewirkt, was er doch vermeiden möchte: öffentlich ins Gerede zu kommen. Oder geht es gerade darum?

Fragen, die sich einem Buchmarkt-Exhibitionisten wie Martin Walser nicht stellen. Er hat dafür gesorgt, selbst Herr des Entblößungsverfahrens zu bleiben, das die Autorin Martina Zöllner in seinem Namen führt, indem sie ihren Roman auf Entschlüsselung geradezu anlegt.
Lesen Sie, was Robin Detje auf Seite 61 zur neuesten Mode der literarischen Frauen-Erniedrigung zu sagen hat.

Ihre Literaturen-Redaktion

P. S.: Zusammen mit diesem Heft erhalten die Abonnenten von Literaturen als Extra ein Hörbuch – «Meine Deutschen Gedichte» von Hartmut von Hentig, gelesen von ihm und Eva Mattes.

Schwerpunkt - Früher war mehr Lametta
Schwerpunkt 11.2003 Kleine Zeitreise zu Loriots Achtzigstem
Hat Loriot die Wirklichkeit verändert? Oder hat die Wirklichkeit Loriot nachgegeben? Fest steht: Wer einmal angefangen hat, unter Loriot-Perspektive um sich zu schauen, dem sieht bald alles nach Loriot aus. Etwa der Eintrag, der sich im Internet, offenkundig notdürftig aus dem Französischen eingedeutscht, unter «Loriot» findet und den Vogel gleichen Namens beschreiben soll: «Gelber Pirol.

Praktisch auch groß wie eine Amsel», liest man da. «Die Männchen sich sind sehr wiedererkennbar und lassen entdecken, sobald er ihren Lebensraum in den buschigen Gipfeln der Bäume verlässt. Sein Inkubationsterritorium kann sich in den épars Dickichten, den gemischten Hölzern oder selten in Kiefernwäldern, den Eisenschrotten, den Obstgärten und den Parks befinden» – spätestens, wenn auch noch der geheimnisvolle Hinweis auf einen «Präzedenzfall Feldschwirl» erfolgt, ist man bereit zu glauben, der Meister selbst habe seine Hand im Spiel gehabt.

Doch antwortet der Alltag dem Zeichner, Sketch-Dichter, Verkleidungskünstler und Filmautor ja längst schon kongenial mit Stückchen aus dem Original-Tollhaus – nur hätte man sie ohne Loriots aufklärerische Vorarbeit bis heute wohl kaum so wahrgenommen. So berichtet etwa die Internet-Seite von «Kiezblo(g/ck)» am 7. August 2003 von einem «Morgendlichen Abschlepperstauchaos à la Loriot»: 20 Abschleppfahrzeuge versuchen vor Tau und Tag Kraftfahrzeuge aus dem absoluten Halteverbot zu entfernen, während deren Besitzer in Schlafanzügen und Pantoffeln aus dem Haus hasten und in ihre widerrechtlich geparkten Autos springen, worauf wegen des allgemeinen Motorenlärms aus dem Haus «Ruhe!» gebrüllt wird, bis endlich die Polizei kommt, die Straße vollends blockiert und das bereits handgemein gewordene Gewoge von Abschleppern, Hausbewohnern und Falschparkern zu trennen versucht.

Die «Ostfriesischen Nachrichten» vom 2. September 2003 wiederum verheißen unter der Schlagzeile «Victorbur: ‹Probeliegen à la Loriot› kein Thema für Markus Kamps», dass «Verbraucherberater» Kamps den Kunden des Möbelhauses Schmidt dabei behilflich ist, das richtige Bett zu finden. Ein Foto zeigt, dass er dabei auf das Kunden-Probeliegen zugunsten einer martialischen Kunden-Vermessungsapparatur verzichtet, in die er hier zu Demonstrationszwecken den «Fachverkäufer Hendrik Sjuts» eingespannt hat – eine dringliche optische Mahnung an Loriot, über ein Update seines Bettenhaus-Sketchs nachzudenken. Wenn nicht die gesamte Meldung überhaupt – schon die Ortsbezeichnung «Victorbur» gibt ja zu denken – der Vorstellungswelt des Victor von Bülow, genannt Loriot, entsprungen ist.

Nichts ist umsonst

Wer allerdings aus schierer Verehrung für den Meister einfach dessen Werke ins Netz stellt, dem wird die Fröhlichkeit schnell ausgetrieben. «Auf dieser Seite befanden sich einmal eine Menge Texte und Sketche von Loriot», klagt ein anonymes Ich auf der Seite www.bruhaha.de. «Ich wollte damit dem größten deutschen Humoristen der Nachkriegszeit ein kleines Denkmal setzen, ihm meine Reverenz erweisen. Doch dann wurde mir in einer ziemlich unfreundlichen Mail mitgeteilt, dass dies eine Copyright-Verletzung sei … So haben es diese sauberen Herrschaften also mal wieder geschafft, daß der Privatmensch seine Begeisterung für hervorragende Künstler nicht artikulieren darf. Aber keine Sorge, ich werde auf einer zukünftigen Webseite eine Menge über Loriot veröffentlichen, ohne sein ‹Artwork› über Gebühr zu strapazieren. Die reine Nennung des Namens ‹Loriot› kann mir nämlich keiner verbieten!»

Wiederum von Loriot selbst? Oder hat der Fan in seinem Überschwang übersehen, dass Loriot keineswegs nur die Sprache («Nehmen Sie das eventuell sofort zurück?») und die Wahrnehmung («Küssen Sie jetzt Ihre Frau, Herr Blöhmann!» – «Wer? Ich?») seines Publikums geprägt, sensibilisiert und bereichert hat? Dass er einer beglückten Nation mit den Jahren vielmehr auch ein ansehnliches Warenangebot zur Verfügung stellte, zu dem seine Texte, Sketche und Filme ebenso gehören wie Kunstdrucke, Aufkleber, Postkarten («Standard» und «Weihnachten»), T-Shirts, Baseballkappen, Bettwäsche, Büsten, Tempotaschentücher mit Loriot-Motiven, Schreibwaren oder Uhren – nichts ist umsonst, auch der Spaß an der Freude nicht. Wer den in einer greifbaren Form bewahren will und zahlt, kann sich seine Wünsche in der «Wuppertaler Herrenboutique» erfüllen, die man über die seit 1998 existierende offizielle Loriot-Website erreicht. Hier erfährt man dann auch, dass seit dem 1. November 2002 «das Adventsgedicht als Faltkarte erhältlich» ist – eine Offerte, die selbst wie ein Loriot-Gag klingt.

Von «Reinhold, dem Nashorn», dessen Erlebnisse Loriot seit 1953 für die Kinderseite des «Stern» zeichnete, über die Cartoons, in denen Menschen mit Knollennasen groteske Missgeschicke und Missverständnisse durchlitten, über den Fernsehhund Wum und schließlich die Kette von TV-Sketchen und Kinofilmen begründete der Erfindungsreichtum des Multimediakünstlers ein Imperium der Waren und Ideen. Zu einem fabelhaften Extra-Geschäft aber konnten diese Waren nur werden, weil Loriots Ideen bei Lesern und Zuschauern einen zentralen Nerv trafen: Sie erkannten sich wieder – und durften dann in Bildern und Geschichten erleben, dass anderen Durchschnittsbürgern durchaus noch weit schrecklichere, weit lächerlichere Dinge zustießen.

«Können Sie ihm nicht ein kl. Fläschchen E 605 eingeben?»

Dieses mitten ins immer gekränkte Spießer-Herz treffende, die Gekränkten aber immer wieder auch durch ihr eigenes Gelächter tröstende «Genau wie wir! Nur viel schlimmer …» war allerdings keineswegs von Anfang an ein Erfolgsrezept. Im Gegenteil: als der Absolvent der Hamburger Landeskunstschule 1950 begann, «es mit Heiterem zu versuchen», hagelte es wütende Proteste, insbesondere gegen die »Stern»-Cartoon-Serie «Auf den Hund gekommen», in der Loriot die Rollen von Mensch und Hund vertauscht hatte. «Ekelerregend und menschenunwürdig», «widerlich», «geschmacklos», «quälend» und «primitiv, daß einen das Grausen ankommt», fanden die Leser des Jahres 1953 die «scheußlichen, menschenverhöhnenden Hundewitze»: «Ich sehe in den Bildern eine starke Herabsetzung des ‹homo sapiens›. So weit darf es doch nicht gehen.» Und weil die Leser drohten, den «Stern» nicht mehr zu kaufen, stellte Chefredakteur Henri Nannen die Serie nach nur sieben Folgen ein. Dabei war dort nichts Schlimmeres zu sehen gewesen als etwa ein überdimensioniertes Hundepaar auf einem Biedermeier-Sofa, vor dem ein Mini-Loriot-Mensch in Stresemann und Melone herumtaperte, und die strickende Hundehausfrau bemerkte: «Alles, was er macht, ist sinnlos …»

Mussten sich also die Menschen und ihre Verhältnisse erst ändern, damit sie zu Loriots Humor passten? Es sieht ganz danach aus. Die harmlos-melancholischen «Noch’n Gedicht»-Scherze von Heinz Erhardt bereiteten in den fünfziger Jahren ein erstes öffentlich begehbares Lach-Terrain jenseits der deutschen Herrenwitz-Tradition. Doch noch in den sechziger Jahren weckte Loriot mit seinen Zeichnungen für die Illustrierte «Quick» Mordgelüste: «Jede Nummer besudelt er die Quick mit seinem Blödsinn», hieß es 1963 in einem Leserbrief. «Mir und vielen meiner Bekannten erregt er Brechreiz mit seinen Zeichnungen. Können Sie ihm nicht ein kl. Fläschchen E 605 eingeben?»

Gut vorstellbar, dass die Idee von der legendären, ganzen Gebäudekomplexen zum Einsturz verhelfenden «Steinlaus» (der ein Witzbold später sogar einen Eintrag in das medizinische Nachschlagewerk «Pschyrembel» verschaffte) in diesen Jahren der bundesdeutschen Versteinerung ihren Ursprung hatte. 1976 stellte Loriot «den gefräßigen kleinen Nager mit dem kräftigen Gebiß» in seiner Fernsehsendung vor: «Der Appetit einer geschlechtsreifen Steinlaus ist erstaunlich. Etwa 28 Kilogramm Beton und Ziegelsteine benötigt das Männchen zur täglichen Sättigung … Während der Schwangerschaft verzehrt ein Weibchen fast das Doppelte … Darunter litten allerlei öffentliche Gebäude, hier und da auch mal ein Gotteshaus» – eine kreative Antwort immerhin auf den Vorschlag, den Künstler mittels eines Unkrautvernichtungsmittels aus der Welt zu schaffen.

Der Edelmann als Revolutionär

Bis Loriot allerdings mit seinen Humorattacken die ehernen Festungen deutscher Ernstverschworenheit ins Wanken bringen konnte, musste das Volk erst noch die Fress- und die Reise-Welle hinter sich bringen und die Adenauer-, (Ludwig) Erhard- und Kiesinger-Jahre absolvieren. Fast genau einen Monat, bevor die Große Koalition ihren 3. Entwurf der Notstandsgesetze einbrachte, und vier Monate vor der Ermordung des Studenten Benno Ohnesorg begann dann Loriots endgültiger Weg in den Ruhm: mit der Fernsehsendung «CARTOON», die zum ersten Mal am 5. Februar 1967 ausgestrahlt wurde. Loriot trat hier in allerlei Verkleidungen nun auch als Schauspieler in Aktion, Seite an Seite mit Evelyn Hamann. Dieses Paar allein, die Themen, an denen es sich abkämpfte, seine von gefährlich erhöhtem innerem Druck und erzwungener äußerer Zurückhaltung zeugende Mimik und Gestik riefen alle Klischees des deutschen Spießers auf, dessen Zwanghaftigkeit und wild entschlossene Selbstunterdrückung unweigerlich zu anarchischen Triebentladungen im unpassendsten Moment führten.

Um Karikaturen der real existierenden Mehrheit der bundesrepublikanischen Population handelte es sich da, die das sich allein rechtschaffen und korrekt dünkende Kleinbürgertum in seinen bizarrsten alltäglichen Entgleisungen und Obsessionen aufs Korn nahmen und den preußischen Edelmann Vicco von Bülow als fortgeschrittenen Sponti-Profi im Kielwasser der Achtundsechziger erwiesen. Auch dass die erste nackte Frau auf deutschen Bildschirmen 1969 bei ihm zu sehen war, spricht für Loriots Teilhabe am tabustürmenden gesellschaftlichen Aufbruch, ohne den seine spezielle Komik weder eine so enorme Verbreitung noch einen solchen Zuspruch gefunden hätte – einerseits.

Andererseits präsentierte sich dort auf samtenem Sofa zugleich der ideale Schwiegersohn und Onkel, ein Liebling der geplagten Eltern rebellischer Kinder: immer nobel gekleidet, immer fein und verhalten im Ausdruck, immer verschmitzt, niemals peinlich, laut oder auf andere Weise unangenehm auffallend. Der sanfte Sofa-Imperator suggerierte: Die Leute mit den emotionalen Durchbrüchen, die nur – Ordnung, Ordnung! – mal eben ein Bild gerade rücken wollen und dabei das Haus in Schutt und Asche legen, das sind die anderen. Wir hier sehen ihnen nur zu bei ihrem halt- und hoffnungslosen Treiben. Wir nämlich sind die, die sich am gemeinen gehörnten Waldmops ebenso ergötzen wie an der Nudel auf der Nase eines hilflosen Kavaliers oder am Auftritt eines sprechenden Hundes, der nicht sprechen kann: Connaisseurs der intelligenten, von allen jederzeit durchschauten Harmlosigkeit. Es war genau diese Mischung aus klamottiger Situationskomik, dem Spiel mit Verklemmtheiten, deutschen Stereotypen und dem aberwitzig Unwahrscheinlichen, die im gesellschaftlichen Klima der späten sechziger, dann der siebziger Jahre gezielt-geplant aus dem Rahmen fiel und doch, dank der Sophistication ihres Urhebers, nie die Contenance verlor. Loriot – nicht Willy Brandt, Rudi Dutschke oder etwa ein Andreas Baader – war der repräsentative Held dieser Aufbruchszeit: An allem kratzte er zur allgemeinen Wonne ein bisschen, niemandem geschah dabei ein Leid oder Unrecht, und alle fühlten sich hinterher wohler, ja, beinahe entspannt.

Er ist unser

«Früher war mehr Lametta», nörgelte der stets vom Bluthochdruck aufgeputschte Opa Hoppenstedt auf jenem loriotschen Weihnachtsfest, da das Kind statt eines Gedichts «Zicke-Zacke Hühnerkacke» aufsagte, sein Gesicht zu einer grausen Fratze verzog und dafür mit einem Miniatur-Atomkraftwerk beschert wurde. Früher war, allein diese Szene zeigt es, auch Komik etwas anderes. Während Loriot noch demonstrierte, wie man mit einer Plastikattrappe die Punktlandung einer Torte im Gesicht des Gegenübers sportlich-handwerklich einübt (und der Tortenwurf dann natürlich trotzdem danebengeht), wollen heutige TV-Konsumenten die Torte fett im Gesicht des anderen aufklatschen sehen, dessen Schrecksekunde dabei bitte im Close up.

Das Mitleid, das einen im Lachen befiel, wenn Loriots Horrorfilm-Darsteller, gebeten, nun doch seine scheußliche Maske abzunehmen, verwirrt zurückfragte: «Maske? Welche Maske?» – dieses Mitleids-Erschrecken ist ziemlich genau das Gegenteil dessen, worauf die Comedy-, Quatsch- und Klamauk-Sendungen ausgehen, die heute die Programme beherrschen: Einen muss es voll treffen, damit das Publikum aus dem Lachen nicht mehr herauskommt. Loriot ist der zeitliche Vorgänger, nicht der Vorläufer solcher Veranstaltungen. Seine Komik konnte in seiner Zeit eine zivilisatorische Wirkung entfalten, weil es sich hier eben nicht nur um einen zivilisierten Autor handelte, sondern ebenso um eine Zeit, die nach Barbarei und Verdrängung ihre Zivilisierung für möglich hielt.
Loriot hat zu ihrer, unserer Kultivierung beigetragen, indem er den Gegenstand des Gelächters, aber auch dessen sprachliche Erscheinung verfeinerte.

Seine Sketche mit Ewigkeitswert, die vom Jodelkurs über das Eierkochen zu der unwiderlegbaren Erkenntnis führten, dass Männer und Frauen einfach nicht zusammenpassen, werden jetzt von der Theater AG des Gymnasiums Neckartenzlingen ebenso gespielt wie von freien Gruppen in Neu-Ulm, Idar-Oberstein oder Balzheim, und triumphierend heißt es in einer Ankündigung des «Publikumsrenners»: «Nicht nur Loriot kann Loriot spielen!»

Damit ist er selbst nun endgültig dort angekommen, wo seine Szenen vor Jahrzehnten ihren Ausgang nahmen: Die früheren Objekte haben ihn sich angeeignet, seine Einfälle sind Teil ihres Alltags, Folklore. Bedenkt man, wie dieser Alltag und seine Akteure aussahen, bevor Loriot sie entschlossen loriotisierte, kann man allen Beteiligten zu dieser Lebens-Leistung nur gratulieren. Die Gelegenheit dazu ist günstig: Am 12. November wird Victor von Bülow 80 Jahre alt.

Von Frauke Meyer-Gosau
Foto: SWR / Hugo Jehle

Seit 1954 erscheinen Loriots Bücher im Diogenes Verlag.
Für einen ersten Werküberblick empfiehlt sich die Neuausgabe von
Loriot’s Gesammelte Werke in vier Bänden:
Loriot’s Großer Ratgeber,
Loriot’s Heile Welt,
Möpse & Menschen,
Loriot’s Dramatische Werke
Diogenes, Zürich 2003. 1232 S., 96,60 §


sowie die Neuausgabe von Loriot
Mit einem Vorwort von Patrick Süskind und einem Nachwort von Loriot.
Diogenes, Zürich 2003. 216 S., 24,90 §
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