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Ausgabe 12.03
Inhalt
Editorial

Schwerpunkt
Zur Sache Deutschland
Krise als Chance
Alles wird anders, aber nicht alles wird schlechter: Über die Republik in Zeiten des Umbruchs.
Mit Beiträgen von Gunter Hofmann, Warnfried Dettling und Richard David Precht


Lebenshilfe
Dieter Thomä
Die lange Nacht des Glücks
Mit neuen Ratgebern unterwegs zu Wonne und Happiness. Ein Selbstversuch


Das Kriminal
Liebesgrüße aus Wien
Franz Schuh über Kommissarinnen im Swinger-Club


Bücher des Monats
Wilfried F. Schoeller
Carlos Ruiz Zafón: Der Schatten des Windes
Robert DeVille
Edward Gibbon: Verfall und Untergang des römischen Imperiums
Frauke Meyer-Gosau
Cornelia Funke: Tintenherz
Gustav Seibt
Asfa-Wossen Asserate: Manieren
Manfred Schneider
Denis Johnson: Fiskadoro
Jan Engelmann
Arno Münster: Ernst Bloch. Eine Biographie


Portrait
Sigrid Löffler
Kundschafter im Tal der Prüfungen
Fragmente zu Leben und Zeit des südafrikanischen Nobelpreisträgers J. M. Coetzee


Die Beiseite
Kapitalist Hotzenplotz
Richard David Precht über Kinderbücher aus Ost und West


Weiße Elefanten
Britta Sebens, Bo Steen
Nicht nur zur Weihnachtszeit
Bücher zum Hinschauen, Schmökern, Debattieren und Weiterlesen


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Thorwald Proll und Daniel Dubbe || Gerd Koenen || Kurt Oesterle || Roswitha Haring || Katja Oskamp || Claudia Rusch || Lars Gustafsson || Jhumpa Lahiri || Heinz Spielmann
Bildbände von Georg Gerster || Michael Light


Musik-Literatur
Bernd Feuchtner
Künstlerträume, in Worte gefasst
Eine Bestandsaufnahme zwischen Dichtung und Wahrheit, Wissenschaft und Wissen, Faust und Adorno


Kurz & bündig
Bücher von Bernd Brunner || Wilfried Steiner || Anke Velmeke || Karl Christ || Dieter Thomä (Hg.) || Christof Siemes || Christian Gailly || Heinz Halm
Bildbände von Charlotte Brunel || Dirk Berger u. a.

Impressum

Kritiker-Umfrage

Vorschau, P.S., Register
Editorial
Es gibt nichts Schöneres, liebe Leserin, lieber Leser,

als in einem Buch eine Erfahrung wiederzuerkennen, die man selbst gemacht hat. Sagt Alexander Kluge, der neue Büchnerpreisträger, dessen Erzählungsband «Die Lücke, die der Teufel läßt» in der Literaturen-Kritiker-Umfrage gleich viermal genannt wird, am häufigsten von allen empfehlens- werten Büchern des Jahres 2003 (siehe S. 92).

Neuerdings verstehen viele Erwachsene Kluges Satz so, dass sie in Büchern am liebsten in ihre Kindheitserfahrungen zurücktauchen. Flugs nutzen die Strategen der Buchbranche diesen Trend: Durch seriöse Umschläge machen sie Kinderbücher von Joanne K. Rowling, Cornelia Funke oder Isabel Allende auch für Erwachsene kompatibel und taufen die Jugendware um – «All-Age-Books» heißt die neueste Mode auf dem Buchmarkt (siehe S. 44).

Wenn es stimmt, dass Erwachsene zur Kinderlektüre greifen aus Sehnsucht nach reichhaltigem, lustvollem, mystisch-märchenhaftem Fabulieren, das ihnen die heutige Belletristik nicht zu bieten scheint, dann weiß Literaturen auch andere Abhilfe. Wie wäre es mit dem phantastischen, fabelhaften, atemberaubenden Buch des Grafen Jan Potocki? Dem Urbild aller Schmöker à la Umberto Eco? Dem Vorläufer aller Schauerromantik à la Edgar Allan Poe und aller Bücherbücher à la Borges? Dem abendländischen Gegenstück zu «Tausendundeine Nacht»? Wie wäre es mit «Die Handschrift von Saragossa»?

Ebenso abenteuerlich wie das Leben des polnischen Universalgelehrten Jan Graf Potocki (1761–1815) ist das Schicksal seines Werkes, das erst in unseren Tagen in seiner Einzigartigkeit begriffen wird – als totaler Roman, so komisch, schaurig, erotisch, leuchtend bunt und aktuell wie kein anderer. Denn im Grunde geht es darin um die vergleichende Gegenüberstellung von Christentum und Islam, um die Chancen einer Konkordanz europäischer und orientalischer Kulturen, erzählt am Beispiel des maurischen Geschlechts der Gomelez, das sich seit der arabischen Herrschaft über Spanien in Gebirgshöhlen bei Granada verborgen hält, einen neuen Führer sucht und ein unterirdisches islamisches Reich aufgebaut hat, um von hier aus die Welt zu erobern, am Ende aber sich selbst in die Luft sprengt. Erkennen Sie darin eine selber gemachte Erfahrung wieder?

«Die Handschrift von Saragossa» ist in gleich zwei Ausgaben und zwei Übersetzungen soeben neu erschienen, bei Zweitausendeins und bei Kein & Aber. Eine lustvolle Weihnachtslektüre wünscht

Ihre Literaturen-Redaktion
Schwerpunkt - Zur Sache Deutschland
Schwerpunkt 12.2003 Ein Herbst des Heulens und Zähneklapperns liegt hinter uns, wie ihn Deutschland lange nicht erlebt hat. Fast hätte man meinen können, alle sozialen Sicherungssysteme und demokratischen Gewissheiten des Landes seien dem Untergang geweiht. Höchste Zeit für einen nüchternen Blick auf die Lage und eine sachliche Debatte zur Sache Deutschland.

«Die alte Ordnung trägt nicht mehr, eine neue ist noch nicht gefunden», lautet der Befund Warnfried Dettlings, der für das «Land im Übergang» vor allem eine neue Chance sieht: Der Umbau der Gesellschaft bedeute das wünschenswerte Ende gleich zweier deutscher Sonderwege, in der Familien- und in der Einwanderungspolitik. Besonders intensiv tönt das Wehklagen, wenn es um den Osten geht. Richard David Precht geht der Frage nach, ob die Neuen Länder nicht ein beispielhafter «Experimentalraum» für ganz Deutschland seien: Die umbruchserfahrenen Ostdeutschen als «Pioniere der Zukunftsgesellschaft» – kann das sein? Außerdem wirft Gunter Hofmann, aus aktuellem Anlass, einen Blick zurück auf die alte Bundesrepublik und einen ihrer geeichten Krisenmanager. Seine kritische Würdigung zum 85. Geburtstag Helmut Schmidts gilt dem Altkanzler und dessen Metamorphosen eines «Mehrheitsdeutschen»

Foto Katja Hoffmann/Laif

Ausgabe 12.2003
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