Warum grinst die Mona Lisa? Das Geheimnis eines Welterfolgs:
Der Thriller-Autor Dan Brown
Von Ulrich Baron
Hey, das kann ich auch!» will Dan Brown sich im Jahre 1994 gesagt haben, nachdem er während eines Tahiti-Urlaubs eine alte Ausgabe von Sydney Sheldons «Doomsday Conspiracy» am Strand gefunden und sofort durchgelesen hatte. Damals war er noch Englischlehrer an der Phillips Exeter Academy in Exeter, New Hampshire, aber irgendwie hatte er doch Recht. Schon seine ersten drei Romane «Diabolus» (1998), «Illuminati» (2000) und «Meteor» (2001) waren erfolgreich; aber sein vierter, «Sakrileg. The Da Vinci Code» (2003), wurde zum Weltbestseller. Als dieses Buch Anfang 2004 auf den deutschen Buchmarkt kam und sofort an die Spitze der «Spiegel»-Bestsellerliste vorstieß, zog man in Browns Heimat schon Zwischenbilanz über einen Mega-Erfolg. Demnach sei «The Da Vinci Code» nach 58 Wochen auf der Bestsellerliste der «New York Times» in 56 Auflagen mit insgesamt 7,35 Millionen Exemplaren erschienen, und noch immer würden jede Woche zwischen 80.000 und 90.000 Bücher verkauft. Dies meldete der «Boston Globe» im Mai 2004.
Da fragt man sich schon: Wie bringt Dan Brown das fertig? Dass er morgens um vier aufsteht, kann seinen Erfolg nicht erklären, denn viele Menschen, die ihr Leben lang kleine Brötchen backen, fangen sogar noch früher an. Erklärungsträchtiger scheint der Hinweis, dass Brown, Sohn eines neuenglischen Mathematik-Professors, als Kind knifflige Rätsel und Codes habe lösen müssen, um seine Weihnachtsgeschenke zu finden. Inzwischen sind die Rätsel und mit ihnen auch die Geschenke größer geworden.
Die Welt des Dan Brown ist voller Geheimnisse, Codes, Symbole, Mysterien, Verschwörungen, und das ist auch fast schon alles, denn wenn man diese Zutaten abzieht, dann bleibt kaum noch Welt übrig. Diese Bücher sind spielerische Appelle an einige der niedrigsten Instinkte, denen Homo sapiens sein Überleben und seinen evolutionären Erfolg verdankt: Neugier und Misstrauen. Magische Zeichen, geheime Gesellschaften, jahrhundertealte Verschwörungen halten diese Welt in ihrem Innersten zusammen, und wer sie kennt oder zu entschlüsseln weiß, der gewinnt. Das Erfolgsrezept trivialer Bestseller ist einfach: Sie ähneln Gerüchten und Spielen. Man muss sie nicht gelesen haben, um mitreden zu können. So entsteht Mundpropaganda, die sich rasend schnell und flächendeckend ausbreitet. Wenn der Eindruck aufkommt, hier würde geheimes Herrschafts- und Hintergrundwissen verabreicht und zudem all das bestätigt, was man der Kirche insgeheim schon immer zugetraut hat, dann ziehen Neugier und Misstrauen plötzlich an einem Strang. Und den Menschen in die Buchhandlung.
Kulturstätten, Kulte und Killer Plötzlich ist dann ein Thriller-Autor wie Dan Brown in aller Munde und in allen Medien, auch wenn man bei seinem deutschen Verlag nicht einmal dessen Geburtsdatum angeben kann. Mit dem Slogan «8 neue Leser pro Minute» wirbt der Lübbe-Verlag für Browns «Sakrileg» und droht Unentschlossenen: «Es ist eine Sünde, diesen Bestseller nicht zu lesen.» Auf was für Höllenstrafen wird sich da erst eine Julia Navarro gefasst machen müssen, deren Debüt uns der Limes-Verlag mit einer Bauchbinde ans Herz legt, auf der sie als «Die Autorin, die Dan Brown entthronte» angepriesen wird, weil ihr Roman Browns «Sakrileg» vom ersten Platz der spanischen Bestsellerliste verdrängt habe? Doch natürlich ist alles nur ein Spiel, das den Gesetzen seiner eigenen Logik folgt. In Dan Browns soeben auf Deutsch erschienenem Roman «Diabolus» entschlüsselt und überwacht ein US-Geheimdienst mit seinem Top-Secret-Supercomputer die Gespräche, Faxe und E-Mails von Terroristen und Kriminellen � und wahrscheinlich auch von ehrbaren Bürgern. Dass die Geheimdienstler damit kein Problem haben, erscheint bedenklich, aber realistisch. Dass sie ihr eigenes Dilemma nicht zu spüren bekommen, ist eher verwunderlich: Wenn man weiß, was der Gegner vorhat, kann man Gegenmaßnahmen ergreifen. Das ist ja der Sinn geheimdienstlicher Abwehr. Doch mit jeder Abwehrmaßnahme signalisiert man auch, dass man ihm auf die Schliche gekommen ist. Wenn der Gegner also nicht wissen soll, was man weiß, darf man sein Wissen nur sehr diskret anwenden. Doch solche Geheimdienst-Zwickmühlen wären wohl schon zu realistisch und zu sperrig für Browns Romane. In «Illuminati» und in «Sakrileg» ist Europa nichts als ein schlecht klimatisierter Museums- und Abenteuerpark voller Kulturstätten, Kulte und Killer. Mit einer Boeing X-33, die «locker Mach 15» schafft, erreicht man es in einer knappen Flugstunde, und fast alles, was man wissen muss, bringen Dan Browns Helden ja schon mit. Dieses seltsam vielsprachige Vorgebirge Asiens voller alter Kirchen und Bruderschaften könnte eigentlich ein friedlicher Ort sein, wo sich der blaue Himmel über kleinen Mädchen wölbt, die dann «Hügel voller Edelweiß» hinunterrollen. Wenn es nur nicht so viele schreckliche Verschwörungen gäbe, an denen nebst der katholischen Kirche auch deren erbittertste Gegner, die «Illuminati», beteiligt sind. Und dann diese Europäer selbst! Schwerfällige, kryptologisch ungeschulte Menschen mit feuchtkaltem Händedruck, die den Symbolforscher Robert Langdon aus Harvard erst heranziehen, wenn es fast schon zu spät ist � wenn etwa der Louvre-Direktor ermordet wurde oder der Vatikan mit Antimaterie gen Himmel befördert werden soll.
Natürlich gibt es auch Ausnahmen, neue Europäer gewissermaßen. Die fesche Italienerin Vittoria Vetra etwa, die «in ihren Khakihosen und dem weißen ärmellosen Top überhaupt nicht wie eine gelehrte Physikerin» aussieht. Doch die Tochter eines katholischen Priesters (!), der am Genfer Kernforschungszentrum CERN heimlich Antimaterie produzierte, hat sogar «eine von Einsteins fundamentalen Theorien» widerlegt, indem sie einen Thunfischschwarm mit automatischen Kameras beobachtete. Welche Theorie und wie genau? Das bleibt ihr Geheimnis. Aber Vittoria ist als Kind ja auch Hügel voller Edelweiß hinuntergerollt.
Drei Regeln fürs literarische «Trivial Pursuit» Wer Dan Browns Thriller liest, der lässt sich also auf eine Art literarisches «Trivial Pursuit» für Solospieler ein � ein Spiel, das viel Faktenwissen und Bildungsspreu nach einfachen Regeln arrangiert. Eine dieser Regeln lautet, dass Browns männliche und weibliche Heldengestalten zwar hochintelligent sind, sich dies aber nicht öffentlich anmerken lassen, weil sich ihre Talente auf Spezialgebiete wie Symbolologie, Kryptologie, Wasserball oder das Orchideenfach «Fremdsprachen» beschränken. Wie Karl Mays Old Shatterhand gehören sie zur Gattung der unterschätzten Helden, die zunächst immer etwas deplatziert wirken, damit ihre Triumphe dann umso glanzvoller ausfallen.
Eine zweite Regel ist, dass Held und Heldin einander fast spontan als intellektuell gleichwertig erkennen, schätzen und lieben lernen, denn das Herz liest ja mit. So erweist sich der ans CERN berufene Symbolologe Langdon zwar in kernphysikalischer Hinsicht als ausgesprochener Rohrkrepierer: «Annihilation? Der Klang des Wortes gefiel ihm nicht.» Doch sein hilfloses Gestammel vermag den unbestechlichen weiblichen Blick Vittorias nicht zu täuschen: «Robert Langdon war Amerikaner, sportlich gebaut, konservativ gekleidet, offensichtlich äußerst scharfsinnig», stellt sie fest; allein schon dadurch hebt er sich nach ihrer Ansicht aus der Masse normal begabter Europäer heraus, die in Langdon eher den verschusselten Ami sehen würden.
Die dritte und wichtigste Regel aber folgt dem Prinzip der einsamen Helden: Selbst die mächtigsten und personalreichsten Geheimorganisationen wie die amerikanische «National Security Agency» vergeben ihre wichtigsten Aufträge gern an Außenstehende oder bringen ihre Chefkryptologen in Situationen, wo sie Fällen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz samt Gefährdung der nationalen Sicherheit schutzlos ausgeliefert sind.
In «Diabolus» droht ein verblendeter Bürgerrechtler das Abhörzentrum der USA zu lähmen, indem er einen unüberwindlichen Code ins Internet stellt. In «Meteor» keimt der schlimme Verdacht, dass es sich beim Meteoriten voller außerirdischer Fossilien, mit dessen Fund die NASA ihr Image aufpolieren will, um eine Fälschung handelt. «Illuminati» holt zum finalen Schlag gegen die Kirche aus, und in «Sakrileg» bekämpft das Opus Dei eine geheime Bruderschaft, die Beweise für die Menschennatur Christi hütet. Das klingt haarsträubend, und das soll es ja auch, denn der Ehrgeiz eines jeden � wie es bei Brown fachmännisch heißt � «Konspirationstheoretikers» verlangt nach Zusammenhängen, die dem gesunden Menschenverstand widersprechen. Umso größer ist dann der Aha-Effekt, wenn der Groschen gefallen ist. Ist das Auge über der Pyramide auf der Ein-Dollar-Note nicht ein altes Freimauersymbol? Und sind die Freimaurer nicht von den Illuminati unterwandert worden, einem Geheimbund religionskritischer Wissenschaftler wie Leonardo da Vinci? Sieht die Mona Lisa ihrem Schöpfer nicht verdächtig ähnlich? Grinst sie deshalb so? Grinst sie über Dan Brown oder gar über uns?
Es fällt schwer, solche Fragen abschließend zu beantworten. Sie werden in zahllosen Internet-Foren von zahllosen Lesern diskutiert. Dan Brown hat dem Affen reichlich Zucker gegeben, indem er in «Sakrileg» antikatholische Ressentiments und Spekulationen über das unterdrückte Weibliche im Christentum verband und zudem auf die amerikanische Neigung spekulierte, die Bibel wörtlich zu verstehen. Wer sich ernsthaft auf diese Bücher und ihre Suggestionen einlässt, merkt gar nicht mehr, dass er spielt. Und wer fragt, warum geheime Gesellschaften � statt ihre Spuren zu verwischen � lieber geheimnisvolle Zeichen hinterlassen, bei deren Anblick der Fachmann sofort «Illuminati!» schreit, der ist einfach ein Ketzer. Schlimmer noch: ein Spielverderber.
Ulrich Baron ist Publizist und Literaturkritiker und lebt in Hamburg
Thriller von Dan Brown: Diabolus (Digital Fortress). Roman
Aus dem Amerikanischen von Peter A. Schmidt. Lübbe, Bergisch Gladbach 2005.
524 S., 19,90 ¤
Illuminati (Angels and Demons). Roman
Aus dem Amerikanischen von Axel Merz. Bastei-Lübbe TB, Bergisch Gladbach 2003.
701 S., 8,90 ¤
Meteor (Deception Point). Roman
Aus dem Amerikanischen von Peter A. Schmidt. Bastei-Lübbe TB, Bergisch-Gladbach 2003.
622 S., 8,90 ¤
Sakrileg (The Da Vinci Code). Roman
Aus dem Amerikanischen von Piet van Poll. Lübbe, Bergisch Gladbach 2004.
606 S., 19,90 ¤