Könnte es sein, liebe Leserin, lieber Leser, dass ein leichter Überdruss Sie beschleicht angesichts zahlloser Gedenktage? Vielleicht verhält es sich mit ihnen inzwischen wie mit den «Kulturhauptstädten» Europas � sie wechseln einfach zu rasch.
Wer kann die einander überbietenden Erinnerungsimperative überhaupt noch wahrnehmen? Nirgends funktioniert der Bücherausstoß des Marktes reflexhafter als beim Thema «Drittes Reich».
Erst recht, wenn sich die Serie der 60. Jahrestage über fast ein Jahr erstreckt � vom D-Day am 6. Juni und dem gescheiterten Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 bis zur Befreiung von Auschwitz am 27. Januar und dem Weltkriegsende am 8. Mai 1945. Am 10. Mai, mit der Einweihung des Berliner Holocaust-Mahnmals, gelangt der deutsche Gedenk-Reigen an ein nur vorläufiges Ende. Literaturen interessiert am Weltkriegsende vor allem der Übergang: die Fortschreibung in der Veränderung politischer Konzepte und privater Maximen. Darum setzt dieses Heft auf Original- Zeugnisse aus der Zeit des Kriegsendes und des Friedensanfangs � nicht nur in Texten, sondern gleichermaßen in Bildern. Als Kronzeugen für den Zusammenbruch wie für das Weiterleben nach 1945 werden die Journalisten Curzio Malaparte und Margret Boveri mit lange verschollenen Büchern vorgestellt. Zugleich aber macht Literaturen auch mit Künstlern wie Conrad Felixmüller, Heinrich Stegemann oder Bernt Rösel bekannt, die aus unmittelbarer Anschauung der Zerstörung erste, verstörende Bilder und Zeichnungen gewannen.
Das Jahr 1945 ist im Schwarz-Weiß der Fotografien im kollektiven Bildgedächtnis verankert � höchste Zeit, der Erinnerung Farbe zu geben, findet Ihre Literaturen-Redaktion