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Ausgabe 09.05
Übersicht Ausgabe 09.2005
Inhalt
Editorial


Schwerpunkt
Der Neue Mensch: Klonen mit Michel Houellebec
Schrauben und Schreiben � Biowissenschaften, Robotik und Literatur basteln an besseren Human-Modellen.


Das Kriminal
Venedig ohne die Donna
Franz Schuh erträgt kein Va bene mehr und flieht vor einer Donna-Leon-Kopie


Bücher des Monats
Frauke Meyer-Gosau
OH Jung-Hee: Vögel
Holger Noltze
Michael Gielen: «Unbedingt Musik»
Ruth Klüger
Philip Roth: Verschwörung gegen Amerika
Michael Jeismann
Leon Goldensohn: Die Nürnberger Interviews
Ulrich Baron
Jonathan Franzen: Schweres Beben

Jan Engelmann
Dietmar Dath: Die salzweißen Augen


Schnellschüsse
René Aguigah
Im Wahl-Mart
Ulrich Beck, Wolfgang Herles und andere vermissen bei der Bundestagswahl die große Alternative


Kulturkritik
Hans-Joachim Lenger
Zertrümmerte Welten
Richard Sennett und Georg Franck fragen, was den neuen Kapitalismus zusammenhält


Weiße Elefanten
Sabine Berloge
Der eisige Hauch der Wirklichkeit
Im vorletzten «Harry Potter»-Band bekommt das Böse aktuelle Namen: Rassismus, Fanatismus und Terror


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Kazuo Ishiguro || Markus Lüpertz || Ian McEwan || John Dupré || Pierre Bourdieu
Bildbände von Jan Wenzel || Esther Ruelfs, Ulrich Pohlmann (Hg.)

Die Beiseite

Sibylle Berg
Hier also war es, genau hier
Was suchen die Literatur-Travellers, wenn sie auf den Spuren ihrer Lieblingsbücher durch die Welt fahren?

Portrait
Hans-Peter Kunisch
«Das Leben ist ein Abenteuerroman»
Unterwegs mit dem Bankräuber Ludwig Lugmeier, der seine Autobiografie geschrieben hat

Handke und die Folgen
Sigrid Löffler
Die Arbeit am Mythos des Jetzt
Peter Handkes Reisejournal ist eine Gegenschrift zu seinen jugoslawischen Zorngesängen

Slavenka Drakulic
Ein Text und ein fatales Jubiläum

Cornelia Vismann
Die Zeugenschaft der Details

Medien-Meinungen zu Peter Handkes
Essay «Die Tablas von Daimiel»


Kurz & Bündig

Bücher von Christa Wolf || Niklas Luhmann || Olga Flor || Robert Stockhammer || David J. Edmonds, John A. Eidinow || Britta Lange || Claude Simon
Bildband von Jochen Sander


Das Magazin

Mitten aus Stockholm || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Leserbriefe || Netzkarte || Literatur im Kino || Was liest Felicitas Hoppe? || Hörbücher

Schwerpunkt - Der Neue Mensch
Wir sind die Roboter
Menschliche Maschinen und maschinenhafte Menschen leben seit langem unter uns � als mythische Zwitter-Phantasien und profane Techno-Knechte
Sie mähen den Rasen, spülen das Geschirr, füttern den Hamster und werden selbst zum Haustier: Roboter sind mitten unter uns. Und wenn die medizinische Entwicklung Schritt hält, sind sie bald auch in uns. Als mikroskopisch kleine Nanoroboter könnten sie verstopfte Arterien reinigen und Medikamente transportieren. Damit nähern sich die Roboter immer mehr den Cyborgs an, die als Mensch-Maschine-Schnittstellen ebenfalls allerlei biotechnisches Gerät an und in sich tragen. Nach der weitesten Definition wäre sogar jeder zweite Kriegsveteran ein Cyborg: Körper-Prothesen � aber auch Brillen, Herzschrittmacher, Impfungen oder das Auto, das einen mit Blech umgibt, gelten demnach als Hilfsmittel, die den menschlichen Körper in seine Umwelt hinein ausdehnen.

Vor allem die androiden Roboter verwandeln das früher streng geschiedene Feld von natürlichen und künstlichen, menschlichen und maschinellen Fähigkeiten in eine flexible Grauzone. Die am Menschen orientierten Robotermodelle vieler japanischer Konzerne verfügen über Spracherkennungsprogramme, beherrschen den zweibeinigen Gang und können mithilfe kombinierter Mimik und Gestik sogar Emotionen darstellen. Und auf dem Spielzeugsektor hat Aibo, der elektronische Hund von Sony, schon vor sechs Jahren eine neue Ära eingeleitet: ein sich selbst steuerndes Bell-Gerät, das bei Bedarf auch wieder zum Schweigen gebracht werden kann. Mischwesen aus Mensch und Maschine, Technik und Natur sind ein jahrtausendealtes Faszinosum. Aus der Antike sind bewegliche Statuen oder mythische Fluggeräte wie die des Baumeisters Dädalus bekannt, die das Unbelebte mit Leben ausstatteten oder umgekehrt den Radius des Menschen erheblich erweiterten. Dabei haben Homunculi in der hermetischen Tradition des Paracelsus, die Golems im Judentum, die Automaten des 18. Jahrhunderts, die Prometheus- und Frankenstein-Kreaturen der nachfolgenden Jahrhunderte eines gemeinsam: Sie verkörpern die Gier des Menschen nach einem selbstgeschaffenen Knecht, der mal als nützlicher Gefährte, dann wieder als gefährlicher Konkurrent auftritt.

Wenn SciFi-Träume wahr werden

Diese hybriden Kreaturen bevölkern ein Zwischenreich aus Erträumtem und tatsächlich Gebautem, wobei sich zwischen den Experimenten der Naturwissenschaftler und Techniker auf der einen und den Dichtern und Denkern auf der anderen Seite keine eindeutige Rangfolge ausmachen lässt: Keineswegs spiegelt die Literatur bloß das technisch bereits Realisierte wider � ganz im Gegenteil scheint in der Fiction oft das vorweggenommen, was als Science im technischen Zeitalter Anspruch auf absolute Objektivität erhebt. Je genauer man die exakten Wissenschaften betrachtet, desto romanhafter scheinen sie zurückzublicken.

«Woher stammen die Roboter?», fragt Daniel Ichbiah in seinem phantastisch bebilderten Band über die «Geschichte, Technik und Entwicklung» sich selbst steuernder Maschinen � und findet eine erste Antwort in dem Theaterstück «R. U. R.» von 1920. Der tschechische Schriftsteller Karel Capek hatte mit «Rossum�s Universal Robots» dem Mythos des androiden Blech-Sklaven eine begriffliche Form gegeben und gleich auch die größte Angst ins Bild gesetzt: Die künstlichen Arbeitskräfte des Unternehmers Rossum revoltieren nämlich gegen die Menschen und führen aufs Drastischste vor, was die losgelassene Technik alles anzetteln kann. Die billigen Bediensteten ohne Gefühls- und Seelenleben führen eine Massenarbeitslosigkeit herbei, die aber irgendwann in die vollständige Auflösung der Arbeit selbst umschlägt. Nachdem die ungleich effizienteren Roboter alle menschenmögliche Arbeit übernommen haben, bleibt ihren ehemaligen Vorbildern nichts mehr zu tun. «Ich will über Menschen herrschen», scheppert es bald darauf aus dem Mund eines mechanischen Arbeiters, und der Aufstand der Geknechteten nimmt seinen Lauf.

Noch etwas später, in den fünfziger Jahren, liefert wiederum die Literatur das entscheidende Stichwort. Angeregt durch ihre Lektüre, so Daniel Ichbiah, gründeten die Ingenieure Joseph Engelberger und George Devol das erste Robotik-Unternehmen namens Unimation: «Nach einem langen Gespräch über Isaac Asimovs Roboterromane vereinbarten sie, eigene Modelle zu entwickeln.» Ichbiahs Geschichte der Roboter hebt den wichtigen Anteil der Schriftsteller und Filmemacher hervor, die mit ihren Technik-Utopien die tatsächlichen Konstruktionsversuche angekurbelt haben. Roboter, das wird hier immer wieder betont, müssen keine widerwärtigen Stahlmonster sein, wie es die technophobe Horrorvision von der entmenschlichten Gesellschaft behauptet. Ganz im Gegenteil ermöglichen sie ungeheure Fortschritte in der Medizin, der Industrie und auch im Alltagsleben. Staub saugen und Unkraut jäten, aber auch Kinder beaufsichtigen und Alte pflegen � in Zukunft alles ein Job für den diensteifrigen Elektro-Kameraden?

Der Krieg als Vater der Maschinen

Wie unbedarft Ichbiahs Blick auf die Geschichte der Technik bisweilen gerät, zeigt sich am deutlichsten im Kapitel über Militär-Roboter. Dort verweist der Autor zwar vorsichtig auf die Gefahren, die ein Roboter als potenzielle Tötungsmaschine in sich birgt � doch vorgestellt werden vor allem «humanitäre» Roboter, die in der Minen-Entschärfung, bei der Rettung von Opfern in unbekanntem Gelände oder der Analyse verdächtiger Gepäckstücke zum Einsatz kommen. Dabei zählen die meisten Erstschlagswaffen � Cruise Missiles wie der selbststeuernde, unbemannte Marschflugkörper «Tomahawk» � zur Kategorie der Militär-Roboter, wie überhaupt die Militärtechnologie als treibende Kraft der Robotik betrachtet werden muss. Das Bild vom unverzichtbaren Helfer des Menschen lässt sich damit nicht mehr hochhalten. Und doch hätte gerade ein genauerer Blick auf die Militärtechnologien einer Kulturgeschichte des Roboters die nötige Brisanz verliehen, um aus der langweiligen Dialektik von Technik-Ekel und Technik-Begeisterung auszubrechen.

Der Cyborg, ein postmodernes Zauberwesen

Auch die Entstehungsgeschichte des Cyborgs, des zweiten einflussreichen Mischwesens im 20. Jahrhundert, setzt sich aus den unterschiedlichsten Bauteilen des Imaginären � Kybernetik, Raumfahrt, aber auch Philosophie und Literatur � zusammen. Cyborgs � «cybernetic organisms» � sind Menschen, die als lebendige Organismen Maschinenteile in sich integrieren. Die Raumfahrtforscher Manfred E. Clynes und Nathan S. Kline verwendeten den Ausdruck in den sechziger Jahren, als es darum ging, den menschlichen Körper so hochzurüsten, dass er die Strapazen im Weltraum ertragen würde. «Cyborgs als Hybridwesen sind notwendig monströser Abstammung. Wenn Cyborgs noch Eltern hätten, dann wären es das Raumfahrtprogramm der NASA und das medizinische Forschungslabor am Rockland State Hospital in Orangeburg, New York», schreibt Simon Ruf in einem brillanten Aufsatz zur Genealogie des Cyborgs. Während sich der Roboter also mit seiner elektronischen Datenkapazität und seiner maschinellen Arbeitskraft gewissermaßen von außen dem Menschen annähert, kriecht der biotechnisch hergestellte Cyborg direkt unter die Haut des alten Human-Modells.

Neben den ganz realen Anstrengungen, die ursprüngliche, fehleranfällige Hülle des Menschen im Weltraum hinter sich zu lassen, übte die Bio-Techno-Mensch-Maschine aber auch eine enorme Faszination auf die poststrukturalistische und feministische Theorie aus. Der Cyborg-Körper galt als Hilfsmittel, mit dem man vermeintliche anthropologische Konstanten noch einmal ordentlich umbiegen wollte. Denn der Poststrukturalismus hatte das «Wesen» des Menschen als Teil einer obsolet gewordenen metaphysischen Ordnung verabschiedet, die mit ihren Ganzheitsphantasien letztlich mitschuldig war an den Totalitarismen der Moderne. Und ebenso wurden Natur und Natürlichkeit im Feminismus als Konstrukte enttarnt, die unter der Flagge des Immer-so-Seienden die herrschenden Verhältnisse zementieren. Die Maschine, das Monster, das Mischwesen, so verkündete die Philosophin Donna Haraway in ihrem berühmten Cyborg-Manifest aus den achtziger Jahren, seien Schlüssel zur Subversion alter Identitäten und Hierarchien.

Nimmt man allerdings aktuelle Künstlichkeits-Visionen � wie etwa Michel Houllebecqs Roman vom Neuen Menschen � unter die Lupe, scheint sich der Spieß längst schon wieder umgedreht zu haben. Es sind die enttäuschten Romantiker, die sich die Vorstellung vom «Ende des Menschen» zu Eigen gemacht haben: Techno-Nerds basteln an einer Welt, die ohne Blut, Schleim und menschliche Reproduktivkräfte auskommt � ein Traum der Biotechnologie und Elektronik, wie ihn der alte Frankenstein mit seiner Selbstzeugungsphantasie nicht besser hätte ausmalen können. All die Chrom- und Elektro-Träume � nichts als Ausgeburten zu kurz gekommener Dr. Seltsams? «Die eigentliche Kränkung des Menschen im 20. Jahrhundert», hält der Technikphilosoph Bernhard Irrgang fest, «besteht darin, dass der Wissenschaftler, der Theoretiker und der Mathematiker nicht die exemplarischen und am höchsten stehenden Menschen sind, sondern dass gerade diese Menschen am leichtesten von Expertensystemen simuliert werden können.» Von der einstigen emanzipatorischen Kraft der Hybriden scheint momentan kaum etwas übrig geblieben. Doch das ist kein Grund, in traurige Retro-Träume vom alten, ganzen Körper zu verfallen � vielleicht arbeiten unbekannte Asimovs schon längst an neuen Körper-Utopien.

Den Menschen zu erneuern, ist ein alter Traum. In seiner jüngsten Variante handelt er von Klonen, Replikanten, Cyborgs, von Schönheit, Gesundheit und Unverwüstlichkeit. Wie jeder Traum hat auch dieser seine sehr realen Seiten. Längst erforschen Wissenschaftler die Gene mit dem Ziel, Menschen umzubauen und zu programmieren. Und längst ist die Grenze verwischt zwischen «heilenden» und «optimierenden» Manipulationen menschlicher Eigenschaften.

Neo-Menschen bewohnen auch das Universum von Michel Houellebecq. In seinem neuen Roman «Die Möglichkeit einer Insel» leben Klone im besten Mannes- oder Frauenalter. Stirbt einer dieser Androiden, nimmt wenige Nanosekunden später ein physiologisch identisches Exemplar seinen Platz ein. INGEBORG HARMS hat Houellebecq in Paris getroffen. Sie stellt den Roman vor und portraitiert die Posen des französischen Erfolgsschriftstellers. ANDREAS KUHLMANN diskutiert, welche Folgen die Erforschung des menschlichen Genoms und Gehirns hat. Seine These: Der Mensch ist tatsächlich im Begriff, sich selbst zu verändern � Einspruch erheben können wir nur von Fall zu Fall. JUTTA PERSON untersucht Mensch-Maschinen-Zwitterwesen, die uns in Literatur und Alltag begegnen. Und WOLFGANG SCHNEIDER taucht in eine Epoche, die den alten Traum vom Neuen Menschen mit politischen Mitteln verwirklichen wollte: Neue Bücher von Stephan Wackwitz und Richard David Precht erzählen vom «roten Jahrzehnt» nach Achtundsechzig

Von Jutta Person


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