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Ausgabe 01/02.06
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Inhalt
Editorial


Fotografie
Geheimnisvolle Raster
Andreas Gefellers «Supervisions»


Schwerpunkt
Zu zweit. Geschichten vom Paar
Im Doppelpack: Bruder und Schwester, Dichterin und Dichter, Mann und Mann, Frau und Frau, Mann und Frau Mit Beiträgen von Dieter Thomä, Sigrid Löffler, Daniela Strigl, Frauke Meyer-Gosau und Hermann Kurzke

Dieter Thomä
Uns gibt es nur zu zweit
Ferdinand Fellmann und Harry Frankfurt denken über die Zweisamkeit nach

Sigrid Löffler
Ist es okay, wenn ich das gleiche Buch schreibe wie du?
Nicole Krauss und Jonathan Safran Foer sind New Yorks neuestes Wunderkind-Paar

Daniela Strigl
Hand- und Herzgefährten, ganz ohne Kochtopf
Friederike Mayröcker und Ernst Jandl wollten nie ein Poeten-Duo sein

Frauke Meyer-Gosau
Die Kinder der Moderne
Böse und begabt, unternehmungslustig und verloren: die Geschwister Erika und Klaus Mann

Hermann Kurzke
Die Liebe ist der Endzweck der Weltgeschichte
Im Paar vollendet sich die Liebesreligion der Romantik


Das Kriminal
Highsmith
Franz Schuh erlebt einen echten Thrill


Bücher des Monats
Hans-Jörg Rheinberger
Horst Bredekamp: Darwins Korallen
Beatrix Langner
Zeruya Shalev: Späte Familie
René Aguigah
Frank Westerman: El Negro
Ulrich Baron
Jens Rosteck: Jane und Paul Bowles
Hilal Sezgin
Dagmar Herzog: Die Politisierung der Lust
Wolfgang Schneider
Matthias N. Lorenz: Auschwitz drängt uns auf einen Fleck


Die Beiseite
Sibylle Berg
Im Bett mit einem gebadeten Bären
Wo sind sie, die niedlichen Paargeschichten, die man so gerne lesen möchte?


Vergangenheitsindustrie

Richard David
Precht War Stalin Kommunist?
Neues über Mao, Stalin und Hitler: Der Markt der Schurkenliteratur wächst


250 Jahre Mozart
Holger Noltze
Lies den Amadeus!
Eine Revue zu Beginn des Mozart-Jahres


Lebenshilfe
Thomas Palzer
Pillen zum Denken
Philosophie als Apothekenwissenschaft und Unternehmensberatung


Literaturen Special
Sex, Lügen und Coming-Out
Colm Tóibíns Essay «Liebe in dunklen Zeiten»


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Hans-Ulrich Treichel || Joseph J. Ellis || Durs Grünbein || Oliver Rathkolb || Walter Benjamin, Gretel Adorno || Eric Frey || Felix R. Paturi || Ilse Aichinger || Geert Mak || Franzobel || Hans-Martin Gauger || Kathrin Schmidt || Heiner Müller || Brigitte Mayer-Müller || Gregor Schöllgen || Kristof Magnusson || Greil Marcus || Sam Shepard || Bob Dylan || Eginald Schlattner || Bildbände von Art Wolfe || Albert Watson || Werner Spies (Hg.) || Bernd Polster || Henri Stierlin || Peter Bialobrzeski


Weisse Elefanten
Michael Schmitt
Wie kann man von der Liebe reden?
Eine kleine Geschichte der Gefühle


Heine-Jubiläum
Jürgen Wertheimer
Ein hypernervöser Seismograf seiner Zeit
Heinrich Heine als Provokateur und Stadtneurotiker


Kulturgeschichte
Jutta Person
Des Wahnsinns fette Beute
Anormale, Irre und Freaks sind die Schreckfiguren der Vernunft


Kurz & Bündig
Bücher von Marijane Meaker || Bernd Harder || Patrick Leigh Fermor || Gunter Hofmann || Ulrich Woelk || Bert Rebhandl || Mary Gordon || Klaus Modick || Ruth Schweikert
Bildbände von Katharina von der Leyen, Enver Hirsch || Carmen Stephan, Gleice Mere || Malcolm Brown


Das Magazin
Mitten aus New York || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Netzkarte || Mitten aus Los Angeles Was liest Daniel Kehlmann? || Hörbücher


Impressum

Vorschau, P. S., Register

Editorial
Der Name Chetkovich, liebe Leserin, lieber Leser,

wird Ihnen vermutlich nichts sagen. Und genau das ist Kathryn Chetkovichs Problem. Sie ist die Gefährtin des amerikanischen Autors Jonathan Franzen – und selbst auch Schriftstellerin. Als sein Roman «Die Korrekturen» zum Weltbestseller explodierte, erlitt Kathryn Chetkovich eine schwere Schreib- und Identitätskrise: Sie beneidete Franzen glühend um seinen Erfolg und war eifersüchtig auf seinen Ruhm. Immerhin war sie selbstkritisch genug, im Magazin «Granta» kürzlich ihre Rivalitätsgefühle öffentlich zu beichten. Ihr Essay «Envy» macht publik, was selten direkt ausgesprochen wird – dass sich in Lebenspartnerschaften von Schriftstellern Liebe, Konkurrenzdruck und Erfolgsneid unheilvoller zu mischen scheinen als bei anderen Künstlerpaaren. Beim gemeinsamen Auftritt sind Anne-Sophie Mutter und André Previn oder Ulrich Mühe und Susanne Lothar, waren Gustaf Gründgens und Marianne Hoppe oder Benjamin Britten und Peter Pears nicht automatisch Rivalen. Bei literarischen Paaren ist das fast unvermeidlich – sie konkurrieren direkt. Und nicht immer ist die Liebe stärker als der Neid.

Die Literaturgeschichte kennt den brutalen Konkurrenzkampf zwischen Ernest Hemingway und Martha Gellhorn und das wenig lyrische Ende der Dichter-Ehe von Sylvia Plath und Ted Hughes. Literaturen zeigt an ausgewählten Paar-Geschichten, dass es auch anders gehen kann – mit etwas Glück und Großzügigkeit. Und wenn es unglücklich endet, wie im Falle von Klaus Mann oder Jane Bowles, muss das wiederum nicht unbedingt an Erika Mann oder Paul Bowles gelegen haben.

Auffallend freilich, wie oft der verstorbene Partner dem überlebenden zum literarischen Stoff wird, etwa im Falle von John Bayleys Elegie für Iris Murdoch. In diesem Heft trauert Friederike Mayröcker um den Gefährten Ernst Jandl. Und die Amerika-Besucherinnen Judith Kuckart und Antje Ravic Strubel berichten aus New York und Los Angeles über ein Werk, das deutschsprachige Leser erst in einigen Monaten werden lesen können – Joan Didions bewegendes Gedenkbuch für ihren toten Ehemann, den Autor John Gregory Dunne. Literaturen Special präsentiert diesmal einen Essay des irischen Schriftstellers Colm Tóibín: «Liebe in dunklen Zeiten» ist der Versuch, einen schwulen Literatur-Kanon zu begründen. Das Supplement findet sich in der Mitte dieses im Umfang stark erweiterten Literaturen-Doppelhefts. Wunderbare winterliche Lese-Abende wünscht

Ihre Literaturen-Redaktion

P.S.: Allen Abonnenten präsentiert Literaturen dieses Jahr das Hörbuch «Oscar Wilde: Lord Arthur Saviles Verbrechen», gelesen von Ulrich Matthes

Schwerpunkt - zu zweit - Geschichten vom Paar
Schwerpunkt 01/02.2006 Schon beim ersten Paar unserer kulturellen Überlieferung ging etwas schief – die Schlange kam dazwischen. Aber das war, natürlich, Literatur. Im wirklichen Leben haben Paare seit Beginn der bürgerlichen Gesellschaft – zum ersten Mal frei, Konflikte zwischen Gefühl und Konvention ernst zu nehmen – das Zweier- Dasein infrage gestellt. Musste es denn wirklich so sein: ausschließlich, heterosexuell und lebenslang? Wann immer gesellschaftliche Verhält- nisse ins Trudeln gerieten, wankte auch die klassische Zweier-Formation; die Geschichte (folglich auch die Literaturgeschichte) verzeichnet unterschiedlichste Versuche, neue Formen des Zusammenlebens zu probieren. Literaturen folgt diesen Variationen von der Gegenwart bis zurück zur Romantik – am Beispiel literarischer Paare, deren Zusammenleben auch für ihre Arbeit als Autoren nicht ohne Folgen blieb. Dieter Thomä markiert jüngste Positionen zu Liebe und Zweisamkeit in der Philosophie. Sigrid Löffler hat die Zweit-Romane des New Yorker Traumpaars Nicole Krauss und Jonathan Safran Foer gelesen und stellt fest: Hier sind zwei literarische Synchron-Schwimmer unterwegs. Daniela Strigl portraitiert die Wiener Herzgefährten Friederike Mayröcker und Ernst Jandl, die nie ein Poeten-Duo sein wollten. Frauke Meyer-Gosau folgt den Paar-Lebensweisen der Geschwister Erika und Klaus Mann von ihren exzentrischen Wunderkindertagen bis ins spätere Unglück. Und Hermann Kurzke erklärt, was es mit der Liebesreligion der deutschen Romantik auf sich hat – schon beim romantischen Paar konnte die erotische Praxis der kühnen Theorie nicht standhalten. Die Fotos zu diesem Schwerpunkt stammen aus dem Band «Photie Man» von Tom Wood
Kulturgeschichte
Kulturgeschichte 01.2006 Des Wahnsinns fette Beute

Anormale, Irre und Freaks sind die historischen Zerrfiguren der Normalität. Was aber, wenn der Wahnsinn wahrer ist als sein normales Spiegelbild? Kleine Reise durch die Geschichte des Irreseins

Von Jutta Person

Der Titel lässt sofort das Gegenteil vermuten: Tatsächlich ist in David Gilberts Roman «Die Normalen» genau das, was als normal zur Schau gestellt wird, ziemlich sonderbar. Wem das Label «normal» auf der Stirn klebt, der hat vermutlich einen ordentlichen Schlag weg. Die Gruppe von Normalen, die in Gilberts Roman ein noch nicht zugelassenes Psychopharmakon gegen Bezahlung testet, entpuppt sich fast zwangsläufig als Freakshow. Und das liegt nicht allein an dem Medikament, das gegen Schizophrenie helfen soll und dabei eine ganze Palette an psychotischen Störungen freisetzt. Billy Schine, Hauptfigur und jugendlicher Anti-Held, fühlt sich von einem Kredithai verfolgt, einer seiner Mit-Probanden outet sich als Schussnarben-Fetischist, ein anderer sticht sich die Augäpfel aus, und die einzige Frau der Test-Gruppe ist eine Nymphomanin mit Helfer-Syndrom.

Neben die blutigen Privat-Psychosen tritt die amerikanische TV-Wirklichkeit als mächtige Konkurrentin: Jeden Tag zappt Billy durch die Programme, und überall zeigt sich, dass der Klinik-Alltag auch nicht irrwitziger ist als die Realität. Dass der Roman dabei ziemlich altmodisch wirkt, mag zum einen an seinem Douglas-Coupland-haften Eifer liegen, so viel Gestörtes wie möglich auf die Bühne zu zerren. Wahnsinn auf allen Kanälen; und keine Testperson ohne Kindheitstrauma, spastische Zuckungen oder Alkoholproblem. Zum anderen folgt David Gilbert einem jahrhundertealten Gemeinplatz, wenn er die Welt selbst als Tollhaus vorführt. Die vernebelte Sicht der menschlichen Laborratten lässt den Komplex Amerika erst richtig hervortreten, oder, noch deutlicher: Die Gesellschaft selbst ist krank und Normalität ihr größter fake. Eine interessante Pointe bietet der Roman dennoch: «Wir haben es hier mit einer Kalibrationsstudie zu tun», verrät ein Arzt dem zweifelnden Billy. Ein Teil der Versuchspersonen wird mit Placebos gefüttert, um den Einfluss der Umgebung auf die Normalbevölkerung zu ermitteln – «so wie man den Behälter wiegt, bevor man ihn mit Inhalt füllt».

Dieses Bild von der Eichung des Maßes trifft den Kern aller Normalitäts-Debatten: Wie lassen sich psychische Norm und psychische Abweichung festlegen, wenn es keinen Ur-Meter für Vernunft und Verrücktheit, Wahrheit und Wahn gibt? Wie lassen sich biologische und soziale Einflüsse unterscheiden, wenn Zuckerpillen ähnlich merkwürdige Reaktionen hervorrufen wie Psychopharmaka? Quellen des Wahns: Gene oder Gesellschaft?

Ob der Wahnsinn irgendwo im menschlichen Körperinneren sitze und demnach organisch lokalisierbar sein müsse, oder ob er auf immaterielle Faktoren wie Psyche und Gesellschaft zurückgehe, ist eine Streitfrage, die sich in unzähligen Varianten durch die Psychiatriegeschichte zieht. Interessant sind aber gerade jene Konstellationen, die sich mit der aktuellen «Gene-versus-Gesellschaft»-Front nicht mehr verrechnen lassen. Heute gilt die Betonung der Biologie als konservativ, doch in früheren Zeiten war es genau umgekehrt. So macht zum Beispiel Roy Porters griffige, elegante und leicht zu lesende Kulturgeschichte des Wahnsinns darauf aufmerksam, dass der Blick aufs Organische in der Frühen Neuzeit den Glauben ans Übersinnliche ablöst. Progressiv war im 17. Jahrhundert, wer sich dem körperlichen Substrat des Wahnsinns zuwandte: Erst wenn es Hexen und Teufel nicht mehr gibt, lassen sich die natürlichen Ursachen einer – heilbaren – Krankheit erforschen. Auch der Dualismus zwischen «Psychikern» und «Somatikern», den man der deutschen Psychiatrie im 19. Jahrhundert zuschreibt – auf der einen Seite das romantische Festhalten an Seelenkräften, auf der anderen die harte biomedizinische Orientierung am Gehirn –, entpuppt sich als kompliziertes Knäuel, das sich nicht einfach in «Körper» versus «Seele» aufspalten lässt. Heinz Schott und Rainer Tölle beleuchten in ihrer «Geschichte der Psychiatrie» auf fast 700 Seiten all jene Stereotypen, die aus der Psychiatrie der Moderne eine medizinische Erfolgsgeschichte mit einer immer genaueren Vermessung von Hirnrinde, Nerven oder Drüsen machen. Das Daten- und Fakten-Massiv dieses sorgfältig abwägenden Bandes reicht von Humoralpathologie und Paracelsismus über Mesmerismus, Hypnose, Nervenheilkunde und Degenerationslehre bis zu Stichworten wie Neurophysiologie, Genetik, Psychiatrie-Reform, Depression und Elektrokrampftherapie. Den Autoren, einem klinischen Psychiater und einem Medizinhistoriker, geht es dabei vor allem um die heutige Psychiatrie und deren Patienten: Gegen «Geschichtsvergessenheit und Philosophieferne der gegenwärtigen Biomedizin» setzen sie auf den Dialog mit den Geisteswissenschaften.

Zerrbilder der Vernunft
Abgesehen aber vom realen Leiden der Betroffenen war der Wahnsinn immer auch ein Faszinosum: Objekt der Schaulust und der theoretischen, literarischen und philosophischen Neugier gleichermaßen. Von Rainald Goetz bis Thomas Pynchon, von Michel Foucault bis Gilles Deleuze und Félix Guattari bot der Wahnsinn Autoren eine Möglichkeit, die Vernunft als Konstrukt zu beobachten. Mehr noch als all die anderen Anderen – Frauen, Tiere, Nichteuropäer, Arme, Delinquenten – verübt der Irre als Schreckfigur einen direkten Angriff auf das Denken: Wie lassen sich geordnete, logische Ideen über wild wuchernde Assoziationen stellen, wie qualifiziert man das eine als richtig, das andere als falsch? Narrenschiffe, Narrenkäfige oder die Zurschaustellungen der Wahnsinnigen in Hospitälern wie dem berüchtigten Londoner Bedlam, de Sades Charenton oder der Pariser Salpêtrière: seit den sechziger Jahren beugt sich die Wissenschaft über die unterschiedlichen historischen Formen der Stigmatisierung und Überwachung, um auf die jeweilige Gesellschaft rückzuschließen.

Generationen von Kulturhistorikern
haben wahnsinnige Texte und Texte über den Wahnsinn gelesen; in unzähligen Seminaren hat man die Magnetisier-, Strahlen- und Elektro-Modelle der Paranoiker als diskursive Wechselwirkungen analysiert. Wahnsinnige, die eine Welt schrecklicher Wunderwaffen erfinden, mit Gott schlafen, Heerscharen von Spionen und Überwachungsmaschinen phantasieren, mit Kaisern und Königen korrespondieren, Geschlechtsumwandlungen am eigenen Körper beschreiben, gelehrte Traktate verfassen – diese Wahnsinnigen waren nicht nur Objekte der Literatur und der Kunst, sondern auch selbst literarische und künstlerische Produzenten. «Genie und Irrsinn» werden nicht erst seit Cesare Lombrosos notorischer Studie aus dem späten 19. Jahrhundert als physiologisch zusammenhängend betrachtet; seit der antiken Säftelehre des Galen gilt etwa die Melancholie als Ursache produktiver Gemütszustände, wie ein gerade erschienener Ausstellungsband über «Genie und Wahnsinn in der Kunst» eindrucksvoll belegt. Als Psychiater wie Hans Prinzhorn in den zehner und zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts damit beginnen, die faszinierenden Bilder von Psychotikern zu sammeln – die hier abgebildeten Hexenköpfe und Maschinen-Skizzen August Natterers stammen aus der Sammlung Prinzhorn –, hat sich der Zusammenhang von Genie und Wahnsinn im kollektiven Gedächtnis schon wieder mehrfach weitergedreht. «Le style, c’est le corps», schreibt Doktor Gottfried Benn – von Hirnzellen und Drüsen erhofft man sich Aufschluss über die geniale Persönlichkeit. Längst schon ist der Genie-Kult des 19. Jahrhunderts in eine obsessive Suche nach Degenerationsmerkmalen am Künstler umgekippt; an Mallarmé vermerkt man die spitzen Ohren, an Zola die degenerativen Greiffüße, an Hölderlin die körperlichen Zeichen der Schizophrenie. Im «Dritten Reich» schließlich führt die totale Biologisierung des Menschen nicht nur zur Stigmatisierung der Moderne als «Entarteter Kunst», sondern zum Massenmord an psychisch Kranken.

Das Krumme soll gerade werden
Doch die wichtigste historische Wendemarke in der Wahrnehmung des Wahnsinns liegt im 18. Jahrhundert: Der Mensch scheint, aus philanthropischer Warte, besserungsfähig und erziehbar, und deshalb gilt auch das Irresein als ein heilbares Missverständnis. «Angespornt vom Optimismus der Aufklärung, wurde die praktische Psychiatrie durch die Erfahrung in den Anstalten verändert; die Wiederherstellung der geistigen Gesundheit in wohldurchdachten und gut geführten ‹Anstaltsmaschinen› wurde zum Standardanspruch», schreibt Roy Porter. Im Grunde geht es darum, die Wahnsinnigen auf den Pfad der Tugend zurückzuführen: Vernunft, so denkt man die Kranken zu überzeugen, sei einfach vernünftiger als der Wahn. Dieser Glaube an die Korrigierbarkeit des Menschen zeigt sich in der aufklärerischen Begeisterung für die Orthopädie, deren Folgen nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern eben auch Irre zu erleiden hatten. Die kontrollierte Körperhaltung und -bewegung war eine Obsession, die man mit orthopädischen Maßnahmen wie dem Zwangsstuhl auch in den Anstalten in die Praxis umsetzte: Was krumm war, soll gerade werden. Eine der Urszenen der Psychiatrie und ihrer Geschichtsschreibung ist die Befreiung der Irren von den Ketten: Am 11.11.1793, so die Legende, nimmt der Arzt Philippe Pinel den Patienten im Hôpital Bicêtre die Eisenketten ab – um ihnen im Tausch erst einmal die Zwangsjacke anzulegen. Das Schlagwort «régime moral» sollte europaweit einen humaneren Umgang mit den Irren einleiten, gefolgt vom «non restraint», einer Behandlungsform, die schließlich ganz auf den physischen Zwang verzichtete. «Diese neuen Ideen passten zum sozio-politischen Optimismus der Revolutionszeit. Die progressiven Kräfte wollten die Überbleibsel des Irrenhauses aus dem Ancien régime wegfegen. Die Bollwerke der Repression, des sinnlosen Zwangs und der hoffnungslosen Verwahrung mussten verschwinden», so Porter über den Umschwung in Frankreich.

Registrieren, vermessen, auswerten
Dass die Irren endlich nicht mehr wie Käfigtiere gefangen gehalten, sondern als therapierbare Kranke wahrgenommen wurden, ist ein unbestrittener historischer Fortschritt. Und doch sind seit Foucaults Untersuchungen zu «Wahnsinn und Gesellschaft» von 1961 die zweischneidigen Konsequenzen dieses Prozesses bekannt: Die Befreiung von den Ketten und vom äußeren Zwang brachte eine immer subtilere Überwachung und Reglementierung des Inneren mit sich. In seinen jetzt auf Deutsch erschienenen Vorlesungen über «Die Macht der Psychiatrie» von 1973/74 wendet sich Foucault erneut dem Wahnsinn zu – allerdings unter den veränderten Vorzeichen einer Machtanalyse, die sich für die Feinstrukturen im Verhältnis zwischen Arzt und Kranken interessiert. Diese «Mikrophysik der Macht» äußert sich in den Blicken, Strategien und Taktiken; und gleichzeitig lassen diese Gesten der Mikro-Ebene eine gesamtgesellschaftliche Verschiebung erkennen: von der Souveränitätsmacht hin zur Disziplinarmacht. Während der alte Souverän, der König, noch eine sichtbare, genau umgrenzte, zepterschwingende Größe war, wird «an der Stelle dieser enthaupteten und entthronten Macht eine blasse, farblose anonyme Macht installiert». Diese Macht der Disziplin äußert sich im Anlegen von schriftlichen Dossiers – Schulzeugnissen, Polizeiakten, Krankengeschichten – ebenso wie in einer rundherum verwirklichten Sichtbarkeit. Alles wird registriert, vermessen und ausgewertet. Und dabei, so Foucault, entstehen erst Individuen, die nicht assimilierbar sind: Die Anormalen fallen gewissermaßen durch sämtliche Raster. «Kurz, die disziplinarische Macht hat diese doppelte Eigenschaft, anomalisierend zu sein, das heißt, immer eine gewisse Anzahl von Individuen abseits zu stellen, Anomie, Irreduzibles zutage treten zu lassen und stets normalisierend zu sein, stets neue Vereinnahmungssysteme zu erfinden, die Regel stets wiederherzustellen. Es ist eine fortwährende Arbeit der Norm in der Anomie, welche die disziplinarischen Systeme kennzeichnet.» Der Irre wird in diesem disziplinarischen System zum Anormalen, der zwar nicht mehr mit roher Gewalt, dafür aber mit dem pädagogischen Enthusiasmus der Psychiater und mit neuen orthopädischen Apparaten traktiert und korrigiert wird. Für die Psychiatrie schlägt Foucault deshalb eine zweite Urszene vor, die er im Lauf dieser höchst spannenden Vorlesungen analysiert: In Pinels Hauptwerk findet sich eine Beschreibung des wahnsinnigen englischen Königs George III., die genau den Umschwung von der Souveränitäts- zur Disziplinarmacht illustriert. Dabei geht es vor allem um die Beschreibung der Diener, die den tobenden, mit Kot um sich werfenden König «stolz» anblicken, bändigen und reinigen. Die Blicke und Gesten dieser Szene sind entscheidend: Dem König, der sich in der Position der «angeketteten Sklaven» befindet, tritt «die verhaltene, disziplinierte, ausgeglichene Kraft der Diener» gegenüber. Den Akt der Besudelung liest Foucault als «jahrhundertealte Geste des Aufstandes gegen die Mächtigen», denn lediglich die Ärmsten schleuderten Steine und Unrat auf die Herrscher – während wütende Handwerker und Bauern immerhin noch Sensen und Knüppel zu werfen hatten. Im «Augenblick der Konfrontation mit der ärztlichen Macht» wird der König ein kotiges Nichts.

Die Disziplinarmacht mit ihrer normalisierenden Wirkung macht auch vor Königen und Kaisern nicht Halt, wie diese eindrucksvolle Szene belegt. Die Normalisierung bringt das moderne Individuum erst hervor – und entwirft gleichzeitig sein anormales Zerrbild. Vieles an Foucaults Gedanken mag nach dreißig Jahren bekannt wirken, doch dieses Paradox der Norm – mit einem disziplinierenden Raster das moderne Individuum zu erzeugen – bringt in seinen Vorlesungen immer noch heilsame Erkenntnis-Schocks zustande. Dass «die Biologie» allein keinen Wahnsinn erzeugt, ist schließlich auch heute längst noch nicht Common Sense. Aber ganz abgesehen von allen ideologischen Schlachten zwischen Genen oder Gesellschaft, Körper oder Psyche, organischem Substrat oder immateriellem Milieu – für den Betroffenen bleibt in den meisten Fällen entscheidend, dass andere die Definitionsmacht über das eigene Leben ergreifen. Am besten bringt das vielleicht der wahnsinnige Dramatiker Nathaniel Lee nach seiner Einweisung in Bedlam zum Ausdruck, den Roy Porter zitiert: «Sie nannten mich verrückt, und ich nannte sie verrückt, und verdammt noch mal, sie haben mich überstimmt.»
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