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Ausgabe 01/02.06
Die Beiseite
Die Beiseite Im Bett mit einem gebadeten Bären
Wo sind sie, die niedlichen Paargeschichten, die man so gerne lesen möchte? Muss man sich denn alles selber schreiben?

Freundliche Verlage schicken mir freundliche Buchankündigungen. Marianne Fredriksson: «Die Jahre mit Jan». Er ist Naturwissenschaftler und glaubt an Fakten. Sie gehört zu den Menschen, die auf der Suche sind. Er hat Angst vor ihrer Intuition, die er nicht greifen, nicht begreifen kann. Beide fürchten sich vor der großen Liebe und davor, von ihren Gefühlen fortgerissen zu werden. Und doch versuchen Jan und Angelika mit aller Macht, zueinander zu gelangen …

Paula Fox: «Was am Ende bleibt». Eine friedlich geordnete, langjährige Ehe in New York. Als Sophie von einer Katze gebissen wird, beginnt eine Reihe von Zwischenfällen, die mehr und mehr Lebenslügen unter der idyllischen Oberfläche offenbaren. Am Ende ist nichts mehr, wie es war.

Das wird wieder nix. Ich ahne es. «Lebenslügen» und «mit aller Macht» – das spricht ganz eindeutig gegen das Buch, das ich suche. Es ist tragisch. Ein Buch mit der für mich perfekten Liebesgeschichte habe ich nie gefunden. Wahrscheinlich gäbe das nicht genug her, es braucht wohl Elend, Leid, Ekstase. Mich haben merkwürdige Obsessionen nie interessiert. «Liebesleben» von Frau Shalev – eine Million Handarbeitslehrerinnen können sich nicht irren, dachte ich, und quälte mich durch die Seiten. Alte Männer, die junge Frauen schlecht behandeln, so ein bisschen Sado-Maso-Gewürge nach Dienstschluss – da sage ich gerne «Nein danke» und gehe meiner Wege.

Das sind Aufregungen von Menschen, deren Leben nicht aufregend ist. Nichts für mich, obgleich ich denke, mein Leben ist vermutlich eines der langweiligsten, die existieren, ein paar Mönche ausgenommen. Murakamis «Gefährliche Geliebte» – wunderbares Buch, aber die Erkenntnis, dass wir alles falsch machen, hatte ich auch schon vorher.

Wieder aus der Handarbeitslehrerinnen-Abteilung: «Salz auf meiner Haut». Sich wild paaren mit einem Mann, der nach Fischen riecht – auch nix für mich, und so genau will ich es gar nicht wissen.

Vielleicht bin ich besonders prüde, aber erotische Darstellungen in Büchern befremden mich. So wie Küssen-Schauen im Fernsehen. Schmatzen und sich ablecken sind Dinge, die ein wohlerzogener Mensch ordentlich zu Hause erledigen sollte, ohne auf Beobachtung zu hoffen. Schon klar also, dass all die wilden Französinnen und Franzosen, die über Partnertausch und offene Ehen schreiben, mich nicht unbedingt zu Freudentänzen verführen können. Wo man auch hinliest – ob Roth oder Zola, ob Tschechow oder Shakespeare – eine meiner Gemütslage adäquate Beschreibung einer Beziehung habe ich nirgends entdecken können. Immer schweigen sie, oder was noch schlimmer ist: Sie schreien, reißen sich Trikotagen vom Leib, intrigieren, betrügen, taumeln und lösen sich auf. Verdammt – wer will denn so was? Doch nur Leute ohne Hobby.

«Ihr Arsch war mir geruchsnah» – wer diesen atemberaubend widerwärtigen Satz geschrieben hat, ist mir entfallen. Kirchhoff oder einer, der aussieht wie Kirchhoff, aber ich glaube, Sie haben jetzt schon verstanden, worum es mir geht. Nein?

Die perfekte Schilderung einer für mich perfekten Beziehung fand ich in einem Film. Es war «Hana-Bi» von Takeshi Kitano. Ein Paar, das zusammensitzt und spielt. Und ansonsten ist, außer dass der Mann ein paar Leute umbringt und die Frau am Ende stirbt, nicht viel los.

Das ist Liebe nach meiner Façon. Statt des Buches zur Liebe fand ich neulich ein Foto, das für mich das Paradies dokumentierte. Leider vergessen, wo. Ein mittelaltes, wohlhabendes englisches Paar lag in gepflegter Hauskleidung in einem englischen Upperclass-Blümchenzimmer auf einem riesigen Bett. Ein Hund war dabei, alle lasen, Teetassen standen herum, und ich seufzte tief. Das ist Liebe für mich. Mit Mann und Hund in einem riesigen, gut riechenden Bett liegen, lesen und Teegebäck futtern. Nur ohne Hund. Warum nur schreibt keiner darüber?

Eine kleine Geschichte über ein niedliches Paar, das wie gebadete Bären in einer Wohnhöhle lebt, in Morgenröcken durch die Flure bummelt, im Bett liest und isst, ohne sich auf die Nerven zu gehen. Und ab und an mal den Bauch des anderen kraulen. Das möchte ich lesen: wie das geht und warum das so selten geht. Womöglich, weil alle so einen Ich-reiß-dir-die-Klamotten-runter-und-meine
-Lenden-beben-Quatsch im Kopf haben, dass sie den Bären nebenan übersehen? Sich mal bloß nicht zufrieden geben damit, dass man einen Menschen neben sich weiß, der eben nur ein Mensch ist und der einen nicht verrückt macht, nicht wahnsinnig, nicht toben lässt und in Ausnahmezustände versetzt, wie sie viele vielleicht suchen, zumindest aus zweiter Hand, in Büchern.

Liebe Leser, es wird unangenehm draußen, ich will zu Bett mit Büchern und ohne Hunde, bitte sagen Sie mir, wo die niedlichen kleinen Liebesgeschichten zu finden sind, die ich suche. Sonst muss ich das Zeug selber schreiben, und da weiß ich doch, wie es ausgeht: Am Ende sind alle tot, und die Gedärme hängen an der Lampe. Das kann es ja auch nicht sein. Vielen Dank für Ihre Hilfe, und einen warmen Abend wünsche ich Ihnen.




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