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Ausgabe 01/02.06
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Frank Westerman - El Negro
Der schwarze Knoten der Geschichte

Wie ein Niederländer einem ausgestopften Afrikaner hinterreist und darüber ein Sachbuch als Reportage, Detektivgeschichte und Entwicklungsroman schreibt

Von René Aguigah

Es ist ein halbes Jahr her, dass im Augsburger Zoo ein «African Village» zu besichtigen war. Ein paar Tage lang afrikanisches Kunsthandwerk, Ledertaschen, geschnitzte Warzenschweine, schwarze und blonde Rastalocken, Dunkelhäutige in Jeans, bunten Kleidern oder halbnackt, jedenfalls aber zwischen Giraffen-, Antilopen- und Pavian- Gehege. Die süddeutsche Steppenlandschaft, meinte die Zoo-Direktorin, sei «genau der richtige Ort», um «die Atmosphäre von Exotik zu vermitteln».

Das Problem lag auf der Hand, und Interessenvertretungen wie die «Initiative schwarzer Menschen in Deutschland» haben es seinerzeit markiert: Afrikaner im Zoo, das ist die Wiederkehr des kolonialen Blicks, zu sehr ähnelt die Szenerie den Völkerschauen während des Kaiserreichs. Ein anderes Problem gewann erst während des Streits Kontur: Natürlich waren Afrikaner selbst an der Organisation des «African Village» beteiligt, und natürlich wollten die afrikanischen Standbesitzer sehr wohl ihre Waren anbieten. Was von der Augsburger Sommeraffäre blieb, war Verwirrung: ein Zoo und eine Stadt, die nichts dabei finden, Menschen inmitten von wilden Tieren auszustellen, eine Interessenvertretung, die die Interessen derjenigen, die sie vertreten will, nicht berücksichtigt, lebende Exponate, die sich nicht exponiert fühlen, und eine Senegalesin, von der der Satz überliefert ist: «Manchmal ist es besser, unter Tieren zu leben als unter Menschen.»

Du bist Deutschland – ein Land, das lange Zeit vergessen hat, dass es überhaupt einmal zum Platz an der Sonne aufgebrochen war, stolpert allmählich seiner kolonialen Vergangenheit entgegen. Dieses Deutschland erreicht nun ein Buch, dem hier ein ebenso großes Publikum zu wünschen ist, wie es das in den Niederlanden schon hat: Frank Westermans «El Negro. Eine verstörende Begegnung». Denn der holländische Autor (der zuletzt den schönen Band «Ingenieure der Seele» über sowjetische Schriftsteller der Stalinzeit vorgelegt hat) zeigt seinen Lesern die Wunden, Narben, Druckstellen unserer condition postcoloniale. Dabei schreibt er mit leichter Hand und ohne moralische Imperative. Und Westermans Buch böte vorzügliches Anschauungsmaterial für eine noch ausstehende Poetik der populären Nonfiction-Literatur: «El Negro» hat einen politisch-historischen Gegenstand, ist zugleich aber auch eine Kriminalgeschichte in Reportageform und ein Sachbuch als Entwicklungsroman.

El Negros Leben nach dem Tod
Ausgangspunkt ist eine private Urlaubstour durch Spanien. Im Museum für Naturgeschichte in der 14.000-Einwohner-Stadt Banyoles stößt Frank Westerman 1983 auf einen ausgestopften Afrikaner. «Einen Speer in der rechten, einen Schild in der linken Hand. Aufmerksam und dabei leicht gekrümmt, die Schultern hochgezogen. Halbnackt, bedeckt nur mit einem Bastschmuck und einem orangefarbenen Lendentuch. Seine Haut war unmenschlich schwarz … Er stand in einem gläsernen Schrank mitten auf dem Teppich. Auf den Sockel war ein Täfelchen geschraubt: ‹Buschmann aus der Kalahari›.» Schnell stellt sich heraus, dass die Herkunft aus der Kalahari-Wüste zweifelhaft ist – wie überhaupt, obwohl doch das Museum der Schauplatz bürgerlichen Wissens schlechthin ist, Informationen zu diesem Museumsstück spärlich fließen und unzuverlässig bleiben. «Die Unklarheit seiner Geschichte war bezeichnend für seine Vernichtung als Individuum. Außer seinen Eingeweiden war ihm auch die Persönlichkeit genommen worden», schreibt Westerman. Er beschließt, der Geschichte des Afrikaners nachzuspüren. Von dieser Recherche handelt sein Buch.

Der Mann, den in Banyoles alle einfach «der Schwarze», El Negro, nennen, lebte Anfang des 19. Jahrhunderts im Gebiet des heutigen Südafrika, dort, wo die Flüsse Oranje und Vaal zusammenfließen. Er gehörte zum Volk der Bechuana, sprach Setswana und wohl auch ein bisschen Niederländisch. Er war nicht größer als 1,40 Meter und wurde etwa 27 Jahre alt. Viel mehr ist nicht herauszubekommen. Und so schreibt Westerman vor allem über El Negros Leben nach dem Tod.

Unmittelbar nach seinem Begräbnis, 1830, wird der Afrikaner von einem französischen Händler und Naturforscher aus der Erde geschaufelt; Exhumierung wird man diesen Vorgang kaum nennen. Jules Verreaux, bekannt für seine lebensechten Hundepräparate, häutet den Verstorbenen und stopft ihn aus. Zusammen mit Antilopen, Hyänen und Affen verschifft er ihn nach Paris. Von dort wird El Negro nach Spanien verkauft. Er kommt nach Barcelona, wo er 1888 bei der Weltausstellung gezeigt wird, und dann eben in das Provinzstädtchen Banyoles. Ein Jahrhundert später, 1992, als Barcelona die Olympischen Spiele austrägt, protestieren auswärtige Gäste gegen die Ausstellung des Leichnams. 1993 versuchen sich Pathologen an einer Autopsie, ohne klaren Befund. Erst im Jahr 2000, und gegen den Widerstand der Einwohner von Banyoles, wird El Negro nach Botswana überführt und dort ein zweites Mal beerdigt. Genauer: sein Schädel samt einiger Arm- und Beinknochen werden Gegenstand einer christlichen Bestattungszeremonie. Seine Haut, in all den Jahren regelmäßig von Konservatoren mit Schuhcreme nachgeschwärzt, bleibt in Spanien, zu wissenschaftlichen Zwecken.

Der menschlichste Menschenaffe
Frank Westerman nimmt seine Leser auf all seinen Recherche-Reisen mit. Wir trampen durch Spanien, tauchen ins Paris des 19. Jahrhunderts, ins Barcelona der Weltausstellung, fahren durchs südliche Afrika. In der Bibliothek schauen wir dem Forscher bei der Lektüre über die Schulter, sitzen mit am Tisch, wenn der Detektiv mit seinen Zeugen spricht. Nicht jedem mag die enge Tuchfühlung geheuer sein. Und der Verdacht liegt nah, der Autor habe das vergleichsweise dürre Gestänge nachprüfbarer Fakten mit reichlich Lametta behängen müssen, um ein ganzes Buch daraus zu machen.

Aber dass Westerman seine DetektivRecherche reportagehaft erzählt, bringt in Wahrheit doppelten Ertrag: Er macht die Geschichte Lesern zugänglich, die eine herkömmliche historische Studie zum selben Thema oder einen Band mit exzentrischer postkolonialer Theorie gleich aus der Hand legen würden. Und darüber hinaus erlaubt diese Methode, das konkrete Geschehen um El Negro vielfach zu verknüpfen – etwa mit der Struktur wissenschaftlichen Klassifizierens, mit der Geschichte des Rasse-Denkens in Europa, mit der Gegenwart der Wahrnehmung von Hautfarben. So begegnet Westerman dem großen Pariser Anatomieprofessor Georges Cuvier, der von El Negros Existenz gewusst haben muss. Um 1815 sezierte Cuvier die so genannte «Hottentotten-Venus», Sara Baartman mit Namen, um hernach ihre sagenumwobenen großen Schamlippen, konserviert in Spiritus, der Akademie der Wissenschaften vorzuführen. Oder Schneeflocke tritt auf, der prominenteste Insasse des Zoos in Barcelona: der einzige Albino-Gorilla der Welt, den die Zoobesucher wegen seines weißen Fells als «menschlichsten Menschenaffen» verehren.

«Die Entwicklungshilfe half nicht»
Westermans Buch sprudelt nur so von derartigen Beobachtungen. Falls er tatsächlich versucht haben sollte, dem «Individuum» El Negro seine «persönliche» Geschichte wiederzugeben, musste er scheitern: Es gibt (nach juridischen, wissenschaftlichen, journalistischen Standards des Westens) keine Quellen, die darüber Aufschluss geben könnten. Was stattdessen gelingt, ist nicht weniger wert: Westerman macht aus dem namenlosen El Negro einen Knotenpunkt der Geschichte, in dem Weiße und Schwarze, Heutige und Gestrige, Leichenschänder und Präparate, auch Menschen und Tiere einander – wieder – begegnen.

Frank Westerman geht noch einen Schritt weiter. «El Negro en ik» heißt das Buch im Original, und tatsächlich handelt es beinahe ebenso sehr von seinem Autor wie von seinem Gegenstand. Zu Beginn wird der 19-jährige Spanien-Urlauber als zupackender Idealist vorgestellt: ein Student der Tropischen Kulturtechnik, der Afrika und Lateinamerika nicht nur mit der neuesten Bewässerungstechnik beglücken, sondern auch die «Kluft zwischen Weiß und Nicht-Weiß» überbrücken will. In den anschließenden Exkursen über seine Zeit als Entwicklungshelfer und Auslandsreporter wird erzählt, wie die hochgesteckten Ziele dahinschmelzen. «Die Hilfe half nicht», stellt er im vom Bürgerkrieg zerrütteten Sierra Leone fest, und irgendwann während des Aufenthalts in Südafrika heißt es: «Während ich El Negros Spur durch zwei Jahrhunderte europäischer Geschichte verfolgte, hatte ich die Idee aufgegeben, Farbe dürfe keine Rolle spielen. Dieses Ideal ist unerreichbare Utopie.»

Auch hier schreibt Westerman knapp und verständlich, beispielsweise über die Aporien der wirtschaftlichen Zusammenarbeit, vulgo: Entwicklungshilfe, auf dem afrikanischen Kontinent – über bevormundende Strukturen von Hilfsprogrammen, den Zynismus der Einsatzkräfte, die Zementierung der einheimischen Clan-Geflechte. Und sicher lässt sich die Geschichte der eigenen Reifung als erkenntnistheoretischer Aufklärungsversuch lesen: Der Forscher untersucht sein Objekt (El Negro), indem er gleichzeitig auch das Subjekt der Recherche (sich selbst) beobachtet – mit dem Ziel, die totale Objektivierung des ausgestopften Menschen zu relativieren. Dennoch ist dieser persönliche Reifeprozess der schwächste Strang in diesem Buch. Wahrscheinlich ist ein Entwicklungsroman zuletzt doch nur so interessant wie sein Protagonist, zumindest im Register der Nonfiction. Ein Weltreisender jedenfalls, der sich, wie Westerman, zunächst darüber wundert, dass es etwa in Jamaika auch Rassismus gegen Weiße geben kann, ist, mit Verlaub, ein wenig naiv.

Wer aber bereit ist, dem Erzähler als Twen ebenso zu folgen wie dem recherchierenden Grübler mit Mitte dreißig, liest dieses Buch mit Spannung und Gewinn. Weil Westerman die
Was liest...
Daniel Kehlmann Daniel Kehlmann
Mit knapp dreißig Jahren kann der gebürtige Münchner, der in Wien Philosophie und Literaturwissenschaft studierte, bereits auf fünf Romane, einen Band Erzählungen und einen Essayband verweisen. Sein jüngstes Buch, der biografische Roman «Die Vermessung der Welt», ist ein internationaler Erfolg und hat ihn auf Bestsellerplätze zwischen «Harry Potter» und Dan Brown katapultiert

Wenn mich ein Autor begeistert, versuche ich jede Zeile von ihm zu lesen. Seit gut einem Jahr verfolge ich das Projekt, alle Romane, Erzählungen und Essays des Peruaners Mario Vargas Llosa kennen zu lernen – und bin gerade bei seinem wohl experimentellsten Roman, «Maytas Geschichte» aus dem Jahr 1984. Ein namenloser Schriftsteller, dem Vargas Llosa zahlreiche Details seiner eigenen Biografie mitgibt, beschließt, einen Roman über Alejandro Mayta, einen vergessenen peruanischen Berufsrevolutionär, zu schreiben, der vor Jahrzehnten mit einer schlecht geplanten Revolte elend gescheitert ist. Er beginnt, Maytas Leben zu erforschen, besucht Familienmitglieder, alte Weggefährten und politische Freunde wie Gegner, nicht zuletzt, um auf diese Art ein Stück untergegangener Historie aus der Vergessenheit zu holen.

In parallelen Strängen, oft innerhalb eines Satzes die Zeit- und Realitätsebene wechselnd, erzählt Vargas Llosa die Besuche des recherchierenden Autors bei den Zeitzeugen – und zugleich den Roman, der dabei in seinem Kopf entsteht. So bringt er es fertig, dass wir beides neben- oder eigentlich übereinander sehen: den Rohstoff, aus dem einmal die Geschichte werden soll, und die kunstvoll geformte Narration selbst. Absatz für Absatz bekommen wir die Differenzen zwischen beiden vorgeführt, all die Manipulationen, Veränderungen und geschickten Lügen, die nun einmal das gelungene Erzählen ausmachen.

Das ist keine leichte Lektüre – und ist es noch weniger, da Vargas Llosa sich auch auf der scheinbar realistischen Gegenwartsebene von der Wirklichkeit entfernt: Das Peru, durch das sich sein forschender Schriftsteller bewegt, ist ein von apokalyptischen Bürgerkriegen zerrissenes Land, seinem realen Vorbild nur entfernt ähnlich. Man muss sehr aufpassen, um keinen Hinweis und kein Detail der Transformation zu versäumen, muss immer wieder grübeln, als gelte es, ein Kreuzworträtsel zu lösen. Das macht die Lektüre manchmal zu einer fast allzu kühlen intellektuellen Übung – aber zugleich liegt eben darin auch der Reiz dieses faszinierend klugen Buches, das letztlich auch ein Abgesang auf die große Zeit des südamerikanischen Romans ist. Der gewaltige Anspruch, die Wirklichkeit eines Kontinents in all ihrer Komplexität vollgültig in Fiktion zu überführen, wie er noch aus Carlos Fuentes’ «Terra Nostra», Gabriel García Márquez’ «Der Herbst des Patriarchen», Alejo Carpentiers «Das Reich von dieser Welt» und auch Vargas Llosas Frühwerk «Die Stadt und die Hunde» spricht, wird hier mit resignativer Geste in seiner Vergeblichkeit entlarvt. Der Rechercheur scheitert, Geschichte lässt sich nicht einfangen, Fiktion und Wirklichkeit kommen nie zur Deckung, und nicht einmal der Lebenslauf eines einzigen Mannes ist ohne Manipulation zu einer Geschichte zu formen. All dies wird klar, wenn der Schriftsteller im letzten Kapitel Alejandro Mayta selbst gegenübersitzt, der überraschenderweise nicht, wie man bis dahin angenommen hat, bei seinem Aufstand in den Bergen getötet wurde, sondern schon lange als Eisverkäufer in Lima arbeitet. Mayta ist ganz anders, als der Erzähler ihn imaginiert hat, und selbst erinnert er sich kaum mehr an die Ereignisse; der Autor weiß aufgrund seiner Recherchen besser über das Geschehene Bescheid als die Hauptfigur, und das Gespräch zwischen Schreiber und Protagonist wird zu einem kläglichen und misstrauischen Aneinandervorbeireden.

Erst wenn der Schriftsteller durch die Müllberge am Stadtrand Limas nach Hause fährt, wird dem Leser klar, dass er all das miteinander bekommen hat, von dem ihm gerade demonstriert wurde, dass es nicht zusammenpasst: die Wirklichkeit und die Fiktion, eine geschichtliche Abhandlung und eine faszinierende Erzählung, Maytas wahre Geschichte und Maytas Legende. Der Roman überzeugt uns, dass dies nicht nebeneinander bestehen kann, fügt es dann doch, mit atemberaubender Souveränität, zusammen. Somit ist «Maytas Geschichte» auch und vor allem ein Triumph jener merkwürdigen Kunst des Lügens, die man Erzählen nennt.
Die Beiseite
Die Beiseite Im Bett mit einem gebadeten Bären
Wo sind sie, die niedlichen Paargeschichten, die man so gerne lesen möchte? Muss man sich denn alles selber schreiben?

Freundliche Verlage schicken mir freundliche Buchankündigungen. Marianne Fredriksson: «Die Jahre mit Jan». Er ist Naturwissenschaftler und glaubt an Fakten. Sie gehört zu den Menschen, die auf der Suche sind. Er hat Angst vor ihrer Intuition, die er nicht greifen, nicht begreifen kann. Beide fürchten sich vor der großen Liebe und davor, von ihren Gefühlen fortgerissen zu werden. Und doch versuchen Jan und Angelika mit aller Macht, zueinander zu gelangen …

Paula Fox: «Was am Ende bleibt». Eine friedlich geordnete, langjährige Ehe in New York. Als Sophie von einer Katze gebissen wird, beginnt eine Reihe von Zwischenfällen, die mehr und mehr Lebenslügen unter der idyllischen Oberfläche offenbaren. Am Ende ist nichts mehr, wie es war.

Das wird wieder nix. Ich ahne es. «Lebenslügen» und «mit aller Macht» – das spricht ganz eindeutig gegen das Buch, das ich suche. Es ist tragisch. Ein Buch mit der für mich perfekten Liebesgeschichte habe ich nie gefunden. Wahrscheinlich gäbe das nicht genug her, es braucht wohl Elend, Leid, Ekstase. Mich haben merkwürdige Obsessionen nie interessiert. «Liebesleben» von Frau Shalev – eine Million Handarbeitslehrerinnen können sich nicht irren, dachte ich, und quälte mich durch die Seiten. Alte Männer, die junge Frauen schlecht behandeln, so ein bisschen Sado-Maso-Gewürge nach Dienstschluss – da sage ich gerne «Nein danke» und gehe meiner Wege.

Das sind Aufregungen von Menschen, deren Leben nicht aufregend ist. Nichts für mich, obgleich ich denke, mein Leben ist vermutlich eines der langweiligsten, die existieren, ein paar Mönche ausgenommen. Murakamis «Gefährliche Geliebte» – wunderbares Buch, aber die Erkenntnis, dass wir alles falsch machen, hatte ich auch schon vorher.

Wieder aus der Handarbeitslehrerinnen-Abteilung: «Salz auf meiner Haut». Sich wild paaren mit einem Mann, der nach Fischen riecht – auch nix für mich, und so genau will ich es gar nicht wissen.

Vielleicht bin ich besonders prüde, aber erotische Darstellungen in Büchern befremden mich. So wie Küssen-Schauen im Fernsehen. Schmatzen und sich ablecken sind Dinge, die ein wohlerzogener Mensch ordentlich zu Hause erledigen sollte, ohne auf Beobachtung zu hoffen. Schon klar also, dass all die wilden Französinnen und Franzosen, die über Partnertausch und offene Ehen schreiben, mich nicht unbedingt zu Freudentänzen verführen können. Wo man auch hinliest – ob Roth oder Zola, ob Tschechow oder Shakespeare – eine meiner Gemütslage adäquate Beschreibung einer Beziehung habe ich nirgends entdecken können. Immer schweigen sie, oder was noch schlimmer ist: Sie schreien, reißen sich Trikotagen vom Leib, intrigieren, betrügen, taumeln und lösen sich auf. Verdammt – wer will denn so was? Doch nur Leute ohne Hobby.

«Ihr Arsch war mir geruchsnah» – wer diesen atemberaubend widerwärtigen Satz geschrieben hat, ist mir entfallen. Kirchhoff oder einer, der aussieht wie Kirchhoff, aber ich glaube, Sie haben jetzt schon verstanden, worum es mir geht. Nein?

Die perfekte Schilderung einer für mich perfekten Beziehung fand ich in einem Film. Es war «Hana-Bi» von Takeshi Kitano. Ein Paar, das zusammensitzt und spielt. Und ansonsten ist, außer dass der Mann ein paar Leute umbringt und die Frau am Ende stirbt, nicht viel los.

Das ist Liebe nach meiner Façon. Statt des Buches zur Liebe fand ich neulich ein Foto, das für mich das Paradies dokumentierte. Leider vergessen, wo. Ein mittelaltes, wohlhabendes englisches Paar lag in gepflegter Hauskleidung in einem englischen Upperclass-Blümchenzimmer auf einem riesigen Bett. Ein Hund war dabei, alle lasen, Teetassen standen herum, und ich seufzte tief. Das ist Liebe für mich. Mit Mann und Hund in einem riesigen, gut riechenden Bett liegen, lesen und Teegebäck futtern. Nur ohne Hund. Warum nur schreibt keiner darüber?

Eine kleine Geschichte über ein niedliches Paar, das wie gebadete Bären in einer Wohnhöhle lebt, in Morgenröcken durch die Flure bummelt, im Bett liest und isst, ohne sich auf die Nerven zu gehen. Und ab und an mal den Bauch des anderen kraulen. Das möchte ich lesen: wie das geht und warum das so selten geht. Womöglich, weil alle so einen Ich-reiß-dir-die-Klamotten-runter-und-meine
-Lenden-beben-Quatsch im Kopf haben, dass sie den Bären nebenan übersehen? Sich mal bloß nicht zufrieden geben damit, dass man einen Menschen neben sich weiß, der eben nur ein Mensch ist und der einen nicht verrückt macht, nicht wahnsinnig, nicht toben lässt und in Ausnahmezustände versetzt, wie sie viele vielleicht suchen, zumindest aus zweiter Hand, in Büchern.

Liebe Leser, es wird unangenehm draußen, ich will zu Bett mit Büchern und ohne Hunde, bitte sagen Sie mir, wo die niedlichen kleinen Liebesgeschichten zu finden sind, die ich suche. Sonst muss ich das Zeug selber schreiben, und da weiß ich doch, wie es ausgeht: Am Ende sind alle tot, und die Gedärme hängen an der Lampe. Das kann es ja auch nicht sein. Vielen Dank für Ihre Hilfe, und einen warmen Abend wünsche ich Ihnen.
Das Kriminal
Das Kriminal Highsmith
In einer weißen Nacht las ich unglückseligerweise eine Geschichte von Patricia Highsmith. Weiße Nächte sind solche, in denen der Schlaf nicht kommt. Kein Schlaf, kein Traum – der Mensch liegt wach, und die Angst lauert. In diese Stimmung riss mich die Highsmith noch tiefer hinein. Ich begann zu lesen, plötzlich gab es keinen Ausweg, jedenfalls den nicht, mit der Lektüre aufzuhören. Die Sache wurde psychedelisch und zugleich interessant für die Literaturtheorie. Was ist Literatur?

Die Erzählung «Schuß von nirgendwo» steht in dem neu erschienenen, von Paul Ingendaay mit einem Nachwort versehenen Band «Nixen auf dem Golfplatz» von Patricia Highsmith (Diogenes, 19,90 §). Es beginnt damit, dass ein Zweiundzwanzigjähriger von einer Welt in eine andere wechselt. Ein Student der Malerei fährt aus den USA nach Mexiko; eine unglückliche Liebe ist der Auslöser und auch der Wunsch, in der Fremde Motive für die Kunst des Malens und des Zeichnens zu finden. Highsmith beschreibt die Hitze in Mexiko, «die Stunde der Sonne, eine Stunde, die fast vier Stunden währte, während das Leben sich überall in den Schatten, in kleine Zimmer wie das seine verkroch». Von seinem Zimmer aus hatte er einen Jungen gesehen, der in der Mittagshitze ein sonderbar grausames Spiel mit Katzen trieb: Der Junge lockte die Katzen mit einer Schüssel Milch an, aber wenn sie saufen wollten, zog er ihnen die Schüssel weg. Warum? Die Frage erübrigte sich, denn als die gleiche Prozedur sich an einem anderen Tag wiederholte, hörte man einen Schuss von irgendwoher. Der Junge starb mitten auf der Plaza. Dem Zeugen aus Amerika wurde eindringlich, aber erfolglos abgeraten, zur Polizei zu gehen. Die Polizisten sperrten den Zeugen sofort ein, worauf er versuchte, über die Botschaft in der Hauptstadt Hilfe zu bekommen. Das Merkwürdige im Verlauf der Geschichte ist, dass die Spannung, dass das Bedrohliche sich nicht (wie der Leser erwartet) steigert, sondern abgebaut wird wie nichts. Die Katastrophe, auf die alles hinzudeuten schien, verläuft im Sande. Der Augenzeuge eines Mordes, der ungesühnt bleibt, wird freigelassen und fährt mir nichts, dir nichts in seine Heimat zurück.

Das Bild vom toten Jungen wird nur noch in der Rückschau sichtbar; es wird zum Kunstgegenstand, denn der Augenzeuge zeichnet es immer wieder. Immer wieder macht er sich von dem Ereignis ein neues Bild: «Eine neugierige Taube flog in das Bild hinein wie eine Friedenstaube, die sich aus lauter Enttäuschung vielleicht in einen Raubvogel verwandeln würde. Ein gespenstisches mageres Kätzchen stand erstaunt und steifbeinig vor der Milch und dem Blut, das gerade den Zement des Gehsteigs erreicht hatte. Ein Auge des Jungen war überrascht geöffnet, so wie sein Mund, und wenige Zentimeter von seinen Fingern entfernt war die flache Schüssel. Wie würden die Farben bei Tageslicht aussehen?»

In der Nacht sahen sie für mich grell und zugleich finster aus. Ich fürchte, ich habe erlebt, was die Angelsachsen einen thrill nennen: «A cold fear thrills through my veins.» Wenn ich mir zusammensuche, wie es dazu kam, finde ich die folgenden Elemente: das einschneidende Ereignis in der Fremde; man hat sie aufgesucht, um einen Schmerz zu überwinden, der einem daheim zugefügt wurde; die Hitze, durch die das Leben für Stunden zurückweicht; die Farben (der Junge war weiß gekleidet); der unverständliche Sadismus einer elaborierten Tierquälerei; Leben und Tod, Milch und Blut, die tödliche, aus dem Nichts kommende Kugel; die Unschuld, der man nicht glaubt; das Gefängnis, die Mauern, die einen von der Außenwelt abschließen; die Hilfe, die man – in aussichtsloser Lage – erhofft; die Rückkehr und die Erinnerung, die bleibt, weil man in ihr, sich Bilder machend, das Ereignis, das nicht aufhört, präsent zu sein, zu bannen versucht.

Man sagt, Literatur sei «aus Sprache», aber eine ihrer Definitionen muss wohl lauten, dass sie mittels ihrer Sprache alles Verbale hinter sich lässt, indem sie Bilder evoziert, die mindestens für die Momente der Lektüre archaische, also von keiner Zivilisation geschützte und gemilderte Gefühle schaffen. In einer der Stories fällt das Wort von «dieser furchtbaren Schwebe zwischen Illusion und Wirklichkeit». Das verrät nicht mehr und nicht weniger als das Betriebsgeheimnis der Literatur von Patricia Highsmith. Wenn der Wahnwitz Methode wird und wenn die grandiosen handwerklichen Fähigkeiten dieser Autorin sich selbständig machen, dann hat ihre Kunst etwas leicht Schematisches. Vielleicht gilt das für die Geschichte «Der Stoff, aus dem der Wahnsinn ist». Dieser Stoff ist so geschickt geschrieben, dass man denken muss, es wird ganz jemand anderer wahnsinnig als der, der es am Ende schafft und (in einem exklusiven, beinahe schon schicken Gruselbild) vollkommen verrückt aus dieser Welt scheidet. Am besten scheint mir die «Schwebe zwischen Illusion und Wirklichkeit» in der Titelgeschichte gelungen zu sein. «Nixen auf dem Golfplatz» ist eine Geschichte von weltmeisterlicher Ironie. Ein Mann, der schwer verletzt wurde, als er den Präsidenten der Vereinigten Staaten vor einem Attentat schützte, gibt seine Genesungsparty. Demonstriert soll werden, dass alles in Ordnung ist, und so scheint es auch zu sein, bis allmählich klar wird: Irgendetwas kann da nicht stimmen

Von Franz Schuh

Netzkarte
Netzkarte Kann man dich googeln?
Klick nach sich selbst: Die obligatorische Internet-Suchmaschine hat den Typus des Google-Narzissten hervorgebracht

«Willkommen in der Google-Gesellschaft!», so steht es einladend auf der Website zu einem kürzlich erschienenen Buch, das den «digitalen Wandel des Wissens» behandelt: «Die Google-Gesellschaft»? Nun, tatsächlich hat uns die obligatorische Suchmaschine ja einige Neuigkeiten beschert: die Kulturtechnik des digitalen Wühlens, einen neuen Duden-Eintrag («googeln»), zusammengegoogelte Diplomarbeiten, die Suchmaschine «Google Earth», mit der man die Erdoberfläche absuchen kann (http://earth. google.com) – und sogar ein journalistisches Stilmittel, den so genannten Google-Einstieg: Zeitungsartikel, die damit beginnen, die im Internet gefundenen Einträge des gesuchten Wortes aufzuzählen, sind längst modischer Standard ().

Doch leider fehlt in dem von Kai Lehmann und Michael Schetsche herausgegebenen Buch über die «Google-Gesellschaft» (Transcript, Bielefeld 2005. 408 S., 26,80 §) die buchstäblich asoziale Seite der Websuche. Seien wir ehrlich: Ist es nicht so, dass Google eine Horde von Narzissten hervorgebracht hat? Millionen von Menschen sind tagtäglich damit beschäftigt, sich selbst zu googeln. Der Blick auf üppige Suchergebnisse mit dem eigenen Namen gibt dem Google-Narzissten das berauschende Gefühl, prominent zu sein: Ah, die Firma hat mich online gestellt, meine Platzierung beim letzten Stadtviertel-Marathon wird gelistet, und meine klugen Äußerungen im Online-Forum zur Lage der Fußball-Nationalmannschaft stehen auch noch im Netz!

Der Google-Narzisst bewegt sich im geschlossenen Kreislauf, indem er nach sich selber klickt, anstatt sich mit anderen zu vernetzen. Sein Narzissmus blockiert letztlich die allgegenwärtigen Ströme der Kommunikation. Zugleich lässt sich diese beständige Selbstsuche auch als psychische Abwehrstrategie gegen die Entfremdungseffekte des Computer-Zeitalters begreifen: Ist es nicht beruhigend, hinter den Bildschirmoberflächen immer wieder ein vertrautes Ich anzutreffen? Die ultimative Selbst-Befriedigung wäre es wohl, sich selbst als Googol ergoogeln zu können: Nach diesem Wort für eine Eins mit hundert Nullen – zehn hoch hundert – ist die Suchmaschine benannt. Doch nicht einmal Paris Hilton und Franz Beckenbauer haben das bisher geschafft. Man will eine Trefferliste dieser Größenordnung auch niemandem wünschen; es steht zu befürchten, dass der Narzissmus dann schnell in furchtbarste Paranoia umkippen könnte.

Und noch etwas gibt es, das Google der Welt beschert hat: einen neuen gesellschaftlichen Antagonismus. Auch Sozialisten ältesten Typs ist inzwischen geläufig, dass die Welt sich nicht nur in Arme und Reiche spaltet, sondern auch in Bewohner der Nord- und der Südhalbkugel, in Wissende und Nichtwissende. Und die jüngste politische Unterscheidung in der informatisierten Welt verläuft entlang dieser Frage: Kann man dich googeln oder nicht?

Aram Lintzel
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