Jan Philipp Reemtsma Der Literaturwissenschaftler, Essayist, politische Publizist und Mäzen ist Stifter und Vorstand des Hamburger Instituts für Sozialforschung und der Arno-Schmidt-Stiftung und seit 1996 Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Hamburg. Zuletzt veröffentlichte er die Studie «Folter im Rechtsstaat« und die Aufsatzsammlung «Das unaufhebbare Nichtbescheidwissen der Mehrheit. Sechs Reden über Literatur und Kunst»
Wie das so geht mit dem Lesen und den Büchern, man kennt das ja –: ich hole die bestellten Bücher ab, heute Hans Becks «Karriere und Hierarchie. Die römische Aristokratie und die Anfänge des cursus honorum in der mittleren Republik» und die neue Caesar-Biografie von Werner Dahlheim, Bücher, die ich brauche, weil ich irgendwann einmal über Christoph Martin Wielands kommentierte Übersetzung der Briefe Ciceros etwas schreiben will, die seine vierte historische Erkundung der antiken Fundierung unserer Kultur darstellen: nach den Romanen «Peregrinus Proteus» und «Agathodämon» (Spätantike, Aufstieg des Christentums), «Aristipp und einige seiner Zeitgenossen» (Sokrates-Zeit, Scheitern der attischen Aufklärung) die Darstellung des Endes der römischen Republik … – ich hole also die bestellten Bücher ab, und nehme en passant mit, was da – tolle, lege – zufällig mitgenommen sein will. Erstens …
… erstens muss ich eine Schwäche für Schiffbrüche gestehen, die schon weit vor die Lektüre von Arno Schmidts «Die Schule der Atheisten» (wo der klassische Satz steht: «Nunja, wer Schiffbrüche mag …») datiert, und habe einige davon im Regal, der tollste immer noch der aus Matthew Kneales großartigem Tasmanien-Roman «Englische Passagiere», wo ganz am Ende ein Wombat ein Expeditionsschiff kurz vor seiner Rückkehr nach England verdient scheitern lässt …
… apropos Tasmanien: Nicholas Shakespeares «In Tasmanien» darf in einem Leben auch nicht ungelesen bleiben …
… erstens also will da im Buchladen Mike Dashs «Der Untergang der Batavia» mitgenommen sein und gelesen werden, die exzellent erzählte historische Rekonstruktion eines Schiffsuntergangs vor der Westküste Australiens im 17. Jahrhundert, den einige überlebt haben, und von denen einer, ein niederländischer religiöser sektiererischer Freigeist – ja, so eine Mischung gibt es auch – ein irrsinniges Terror- und Mordsystem auf einer kahlen Insel errichtet, bis man sie denn doch findet und ihn auf zeittypische Weise der henkenden Justiz überantwortet. Was man so Kulturgeschichte nennt …
… zweitens Antal Szerbs «Das Halsband der Königin». Das Thema ist bekannt und hat bereits Goethe aufgeregt («Der Großcophta»): Am Vorabend der Französischen Revolution wird zwei Pariser Juwelieren ein opulentes Brillantenkollier durch eine Trickbetrügerin, die sich eines in die Königin Marie Antoinette verliebten Kardinals bedient, mithilfe inszenierter Rendezvous, plump gefälschter Briefe und nicht einlösbarer Zahlungsversprechungen abgeluchst und Stein für Stein privat verscherbelt, dieweil die Juweliere bei der Königin auf Zahlung dringen. Die Sache ist mehrfach dargestellt worden, von Historikern und von Literaten (Stefan Zweig), wird aber hier zu einem präzisen Portrait des Ancien Régime und einer Studie über die Frage, in welcher Weise eine Herrschaftsform das Vertrauen in ihre eigene Überlebensfähigkeit verliert. Ein Zufallsfund, der ausgesprochen nützlich für die Arbeit an einem Buch mit dem Arbeitstitel «Vertrauen und Gewalt» ist, das schon längst fertig sein könnte, wenn nicht dauernd was dazwischenkäme …
… drittens schließlich «Kerners Köche. Die besten Rezepte aus der TV-Show», nicht weil es ein gutes Kochbuch wäre, sondern weil die Sendung so erfreulich bizarr ist, und weil zwischen all den lärmenden, dicken, ziegenbärtigen Köchen eine ebenso schöne wie charmante Österreicherin namens Sarah Wiener unbeirrt ihre Sachen kocht und ebenso unbeirrt das Gesicht verzieht, wenn ihre Kollegen irgendeinen unplausiblen Kram offerieren. Und für die Anregung, die grundplausible Kombination von Karotten, Ingwer und Koriander nicht nur, wie wir das alle hoffentlich seit Jahren machen, als Gemüse und als Gemüsesuppe, sondern auch als Brotaufstrich zu verwenden, danke ich an dieser Stelle recht herzlich …
… doch worüber ich eigentlich schreiben wollte, war die Re-Lektüre von E. T. A. Hoffmanns «Des Vetters Eckfenster», die …
– aber das würde jetzt zu weit führen.