Joggen mit dem Kopf Auf
www.doctornet.de kann man im Sitzen trainieren.
Zum wiederholten Male war ich eingetaucht ins Internet-Universum der Selbsttests. Das Auswertungsprogramm von «Gehirnjogging-Online» (erreichbar unter www.doctornet.de oder www.gehirnjogging-online.de) teilt mir mit: «Sie haben 13 richtige Antworten in 108 Sekunden.» Es sollen «auswertende Wissenschaftler» Zugriff auf meine Resultate haben, dennoch fühle ich mich von diesem virtuellen Gehirn-Trainer recht alleine gelassen. War das nun gut, schlecht oder eher mittel mit den 13 Antworten? Auch die kryptische Gra½k gibt keine eindeutigen Hinweise. Als eigenverantwortliches Individuum muss man sich heute seinen eigenen Reim auf die eigene Performance machen.
Auf den ersten Blick geht es bei «Gehirnjogging-Online» einfach darum, sich in einer Serie von Aufgaben Wörter oder Bilder einzuprägen. Der Test entspricht, auf den zweiten Blick, den diffusen Leistungspro½len des zeitgenössischen Kapitalismus: Es geht nicht mehr darum, einen verbindlichen Normwert zu erreichen; stattdessen hat man sich in grenzenloser Selbstoptimierung zu üben. Man hat sich «kontinuierlich auf Trab zu halten», um seine «Plastizität» und «fluide Intelligenz» zu verbessern, heißt es auf der Website. Nie ist man gut genug. Garniert werden solche Selbstverbesserungsprogramme mit marktüblichem Grinsi-Klinsi-Jargon. Wie der Fußball-Bundestrainer will «Gehirnjogging-Online» unsere «Begeisterungsfähigkeit» wecken und dabei helfen, «Leistungssteigerungen oder Trainingsrückstände frühzeitig zu erkennen».
Und noch eins wird klar: Das seit vielen Jahren «wissenschaftlich erprobte» Gehirnjogging lässt sich mit Fug und Recht als ideologischer Vorreiter der aktuellen Verklärung des einen Denk-Organs begreifen. Der ganze Mensch, sein Schicksal, sein Können und Wollen und Sehnen – nicht nur sein Intellekt, sondern auch seine Partner- und Lieblingssüßigkeitenwahl – werden ja angeblich von Verschaltungen im Gehirn festgelegt. Wer sein Leben ändern will, muss also die Synapsen lockern. «Gehirnjogging-Online» verspricht uns denn auch, dass wir bei regelmäßigem Zerebral-Training «wesentlich älter» werden und «länger gesund und ½t» bleiben – «ganz zu schweigen von einer höheren Lebensqualität und beruflichem Erfolg». Dass uns möglicherweise ein Freud’sches Unbewusstes oder eine andere verborgene Instanz bei der Fitmacherei des Schädelinneren stören könnte – dieser Gedanke scheint im Zeitalter des fröhlichen Zerebralismus so out zu sein wie Sepp Herberger und Berti Vogts zusammen.
Und doch trauen die Animateure des Gehirnjoggings der schieren «Plastizität» und «Begeisterungsfähigkeit» ihrer Klientel nicht so ganz. Ein bisschen Angstmache muss schon sein: Schlechte Trainingsergebnisse beim Gehirnjogging seien nämlich «ein guter Frühindikator für viele sonst unheilbare Krankheiten». Für alle Fälle wartet, auf www.doctornet.de nur einen Klick entfernt, der «Depressionstest».
Aram Lintzel