
Warum dem Kritiker über Franz Schuhs Essays nichts zu sagen bleibt, was der Autor nicht bereits selber formuliert hat, voll mieselsüchtiger Selbstironie
Von Heinrich Detering
«‹Schwere Vorwürfe, schmutzige Wäsche› von Franz Schuh besteht aus einem bunten Gemisch von Selbstgesprächen, Erzählungen, Notaten und dokumentarischen Skizzen, von echten oder fingierten Bekenntnissen, von phantasierten Visionen (unter anderem des eigenen Todes) und skurrilen bis anrührenden Reflexionen über Liebe, Tod, Sinnlosigkeit.»
Dieser Satz ist schon deshalb bedenkenswert, weil Franz Schuh ihn geschrieben hat; er stammt wörtlich aus dem Einleitungstext des rezensierten Buches selbst. Da stehen gleich auch andere treffende Charakterisierungen dieses Hauptwerks, das aus lauter Nebensachen besteht, zum Beispiel die, dass es sich um ein «Hauptwerk» handle, «das aus lauter Nebensachen besteht». Dies gehört zu den überraschendsten Eigenschaften von Franz Schuhs an Überraschungen nicht armem Buch: Was immer man darüber sagen möchte, es steht schon drin. Eigentlich müsste die Kritik darum aus nichts weiter bestehen als ein paar Zitaten wie diesen. Im Übrigen bedarf es des Kritikers nur noch, um eine möglichst überzeugende Leseempfehlung auszusprechen, indem er das Buch mit einigen passenden Adjektiven versieht, es zum Beispiel schräg oder verschroben nennt oder einfach: wunderbar.
Dem Leser den Sessel wegziehen Wie hingeplaudert setzen diese Texte ein, diese über hundert stets mit eigener Überschrift versehenen, also eigenständigen Abschnitte. Manchmal verbinden Leitmotive sie zu größeren Komplexen, manchmal scheint ein neuer Gedankengang anzubrechen, und dann ergeben sich doch wieder unvermittelte Beziehungen. Gedankengirlanden bilden sich so, verschlingen, entwirren sich wieder. Behelfsweise kann man dies alles essayistisch nennen, nur dass der Begriff hier auch Gedichte und Erzählungen unterschiedlicher Länge einschließen muss, philosophische Erörterungen, Aphorismen zur Lebensweisheit und Anti-Anekdoten von manchmal abgründiger Pointenlosigkeit. «Essays» sind sie alle in jenem wörtlichen Sinn, den der Essayist Thomas Mann einmal in eigener Sache hervorgehoben hat: als Selbstversuche des Schreibenden.
Wer sich nicht in unvertrautes, manchmal riskantes Gelände führen lassen will, sollte sich mit Schuh besser gar nicht erst einlassen. Er pflegt eine Denk- und Schreibart, die dem Leser den Boden unter den Füßen und manchmal den Lesesessel unterm Gesäß wegzieht. Das lässt naturgemäß an österreichische Traditionen denken, an Polgars vertrackte Spielfreude oder Karl Kraus’ Sprachexerzitien; und es ist doch eine Mischung aus Ernst und Anarchie darin, die in keinem Kakanien aufgeht.
Sprunghaft in Zeitlupe Auf den ersten Blick scheint es beinahe behäbig, wie Schuh ab- und ausschweift, den Faden scheinbar verliert und unversehens wieder da anknüpft, wo der Leser voreilig schon einen Riss vermutet hatte. Wie er extemporiert, Bögen schlägt und Kreise schließt und dabei am Rande feststellt, dass überhaupt «Kreislauf als Metapher für alles plausibel erscheint».
Wer aber diesen mürrisch verlangsamten Bewegungen folgt, gerät schneller auf Abwege, als ihm lieb ist. Die Bewegungsart, die Franz Schuh vorzieht und daher erfunden hat, könnte man ein bedächtiges Hakenschlagen nennen, Sprunghaftigkeit in der Zeitlupe. Sehr still geschieht das meist, leicht zu überlesen, und es ist doch die Regel, die einzige Regel. «Vor langer Zeit habe ich mit Ernst Jandl in einem Schriftstellerverband eng zusammengearbeitet. Ich habe damals sehr unter ihm gelitten und» – wie wird er den Satz beenden? So: «und bin heute froh, daß es nicht umgekehrt war»; das war’s, damit ändert sich die Perspektive wieder, aber der kleine Haken in der Leserseele sitzt fest. Eine Passage unter der Überschrift «Literatur und Verbrechen» erzählt gleich zu Beginn von einem «Gerichtssaalkrimi» aus dem Londoner Old Bailey. Zwanglos lässt Schuh seine Reisebeobachtungen hinübergleiten in Nietzsches Dialektik von Moral und Verbrechen und, fast im selben Atem, in Marx’ sarkastische Rekonstruktion der ökonomischen Produktivität des Verbrechens (schon diese Verwandtschaft wahrzunehmen, belehrt und erfreut), dann in Balzacs Mord-als-Selbstmord-Geschichte «Verlorene Illusionen». Und schließlich landet er bei der kriminellen Künstlerphantasie Hannibal Lecters. Rasch und schlackenlos entwickelt sich diese Gedankenbewegung, so folgerichtig, dass der Begriff des Feuilletonistischen eine sträfliche Unterschätzung wäre, aber auch so beweglich und fintenreich, dass hinter jedem Satzende eine neue Wendung zu erwarten ist.
Ist eh Wurscht – in the long run
So beiläufig wie die Blickrichtung wechselt Schuh auch die Stilregister; «ich stehe nicht an», sagt er, «in the long run» und «ist eh Wurscht»; er gibt dem «Kleide der Kirche» das kleidsame Dativ-E und spricht von «Deus ex Machina» so leicht wie von «suspense». Die Beispiele stammen von einer einzigen Druckseite; und da gibt es keine Bruchstelle oder überstehende Kante, an der man sich lesend verhakte. Auch das schöne mittelhochdeutsche «mieselsüchtig» kehrt hier verwandelt wieder, und wenn im Fernsehen der alte Dichter interviewt wird, dann brennt in seinem Blick «Augengelichter». Nicht einmal Jelinek’sche Kalauer verschmäht Schuh bei Gelegenheit («weit vom Schuß, jedenfalls weit vom Fluß»). Die Selbstironie, die ebenso zur Grundausstattung dieser Texte gehört wie ihre Denklust und Beobachtungsenergie, garantiert fast immer Kurzweil. Aber sie bildet, das tritt deutlich hervor, nur die Außenseite eines Entsetzens, das ohne sie nackt wäre und in das die Gedankenfolge doch so unausweichlich einmündet wie ein mäandernder Strom in den Ozean. «Kein Prozeß kann dem Entsetzen gerecht werden», endet die Old-Bailey-Reflexion, «und wenn der Schrecken auch nur Literatur ist, so existiert doch die Vermutung, daß hinter aller Kultur das Entsetzliche lauert und damit eine fundamentale Freiheit, die, ungebunden, bestialisch sein könnte.» Wir befinden uns auf Seite 20 des Buches, knapp 400 liegen noch vor uns. Man kann mit Franz Schuhs Essays lange zusammenleben.
Freddy Quinns Streichholzschachteln
Von Ernst Jandls letzten Gedichten ist die Rede, von der Kirche und dem Buddhismus und Freddy Quinns Streichholzschachteln. Aber auch über Sprachphilosophie und Erkenntnistheorie lernt man hier Unerwartetes, über Computerviren und Schreibwerkzeuge, Reiseerlebnisse in São Paulo und Palermo, Madrid und Birmingham.
Tragende Rollen spielen die Salzburger Festspiele und andere Ereignisse der österreichischen Gesellschaft und Hochkultur; immer wieder geht es ins und um das Kaffeehaus, um die Wiener und die Grazer. Wenn Schuh zum «Lob der Nutzlosigkeit» mitteilt, «daß ich stets nach dem Prinzip der Nutzensbegrenzung gelebt habe», dann darf man das auch als poetologische Maxime lesen. Das schließt nicht im Geringsten aus, dass man hier nützliche Einsichten gewinnen kann – zum Beispiel in die Fehlentwicklung, die dazu geführt hat, dass «Zeit» ein Substantiv ist. Gerade dies ist doch «ein Wort, das nur als Zeitwort den gemeinten Sinn haben könnte» – denn, und nun kommt wieder einer dieser stillen und genauen Sätze: «Die Zeit verstreicht nicht, sondern das Verstreichen ist die Zeit.» Was immer hier an Wahrnehmungen, Empfindungen und Empfindlichkeiten formuliert wird, stets ist es selbstreflexiv gebrochen; das Wort «Reflexion» übersetzt Schuh selbst einmal nebenbei mit «Brechung». Stellt er eine Frage, schreibt er: «Frage»; stellt er eine Behauptung auf, erklärt er: «ich behaupte». Schuhs Schreibweise ist eine narzisstische Kunst, könnte man sagen; man müsste nur richtig betonen: ein Narzissmus, der ganz zu Kunst geworden ist.
«Bevor ich den im fortlaufenden Text fortlaufenden Satz schreibe und er hier zu lesen sein wird», liest man überrascht im fortlaufenden Text, «will ich über ein Wort etwas sagen, das, wie ich es schon weiß, in dem kommenden Satz des fortlaufenden Textes vorkommen wird.» Das Romantische dieser Ironie liegt in dem Einschub «wie ich es schon weiß»: Der Leser hatte ja auch gar nichts anderes erwartet; natürlich weiß der Schreiber des Textes bei dessen Durchsicht, was er geschrieben hat, da bedarf es doch keines besonderen Hinweises. Erst der Hinweis aber lässt den Schreiber des Textes wie eine Figur in einer selbstgemachten fiktionalen Welt erscheinen, eine Romangestalt. Wenn es dann nach der eine Druckseite langen Unterbrechung weitergeht, steht im folgenden Satz die eingeklammerte Bemerkung «(und dies ist der im fortlaufenden Text folgende Satz)», was ja bei Lichte besehen gar nicht mehr der Fall ist. Das Wort aber, um dessentwillen dieser Aufwand betrieben wird, ist «Nachdenklichkeit» und also nichts anderes als das begriffliche Resümee dessen, was in ebendieser Unterbrechung vorgeführt worden ist: eine vollendete Gedankenschleife und zugleich eine Exemplifikation dessen, was hier bedacht wird. Die kürzeste Form dieser Selbstironie ist der Satz: «Kein Wort ist wahr, auch dieses nicht!»
Souveränität und Verletzlichkeit
Ein Höhepunkt des Bandes ist die Erzählung über die Trunksucht und das Sterben des Schauspielers William Holden, ein großartiges, furchtbares Stück über fiktionale Identitäten und reale Körper, das wie alle großen Geschichten eben deshalb etwas Modellhaftes gewinnt, weil es – aber das tut Schuh eigentlich immer – das Einzelne, diesen Einzelnen so ernst und wichtig nimmt. Schon diese sechseinhalb Seiten lohnen die Anschaffung des Buches. Denn sie geben, es gibt eine Ahnung davon, wie es gewesen sein muss, «als das Sprechen noch geholfen hat».
Es ist ein Vergnügen, sich mit Schuh durch die Welt zu denken; was nicht ausschließt, dass es dabei schmerzhaft zugehen kann, peinigend oder auch nur peinlich. Aber dieses eigenartige Ineinander von Souveränität und Verletzbarkeit, Anarchie und Eigensinn macht noch die kältesten Passagen zu einer wundersam wärmenden Leseerfahrung. Dem Leser geht es mit Schuh, wie es Schuh mit Chaplin geht, über den er einen hübschen Zweizeiler gereimt hat: «Mit dem Leichtgewicht des Steckens / Hält er das Gleichgewicht des Schreckens.»
Und es ist erstaunlich, was wir alles erfahren über diese Figur: über sein Körpergewicht und das Verhältnis natürlicher und künstlicher Bestandteile in seinem Gebiss, über das Sterben seiner Mutter, über sein Gedächtnis und seine Einsamkeit («ich rufe niemanden an, aber ich kann die Telefonnummern auswendig»). Auf seine narzisstische Seelenstruktur weist er selbst hin, sagt, wenn er in einem heiklen Zusammenhang von sich selber reden will, «der Mensch» und fügt in Klammern hinzu: «Ich rede von mir, gerade jetzt bedarf ich einer Sammelbezeichnung.» Und irgendwie wird er, gerade indem er sich preisgibt, unangreifbar. Von seiner Angst vor Auflösung spricht er in einem dieser entwaffnenden Sätze, «dieser lebensnostalgischen Angst vor dem Tod, einer Schwäche also, die ich für die Verachtung Stärkerer bereitstelle».
Manchmal geht ein Satz daneben, geht ins Leere, verpufft. Dann steht die Preziosität in keinem plausiblen Verhältnis zur Einsicht. Aber es wäre kleinlich, herumzumäkeln an diesem mieselsüchtigen Miesepeter, diesem narzisstischen Weltbeobachter, diesem wehrlosen Pessimisten, der den Reiz des Flüchtigen liebt und eine Begabung zum Glück hat, an die er nicht glaubt. «Die Gesprächsfetzen der anderen Gäste im Hof fügten sich glücklich zu nichts»: So klingt in diesem von Stimmen erfüllten Buch das Glück. Man kann nicht umhin, es zu teilen.