Glanzstücke englischer Küche Im Alter wird man zum Veteranen dessen, was man einst mit Vergnügen aufgeschnappt hat. Deshalb erzählen die Alten immer dieselben Geschichten (und gewiss auch, weil sie – wie das Fernsehprogramm – vergessen haben, dass sie sich wiederholen). Ich erzähle gern und immer wieder ein Ereignis aus einem der Beatles-Filme: Die Beatles werden gefragt, was sie denn am liebsten im Kino sehen, und es folgt die Antwort: die deutschen Edgar- Wallace-Filme.
Der Witz dieser Antwort rührt für mich daher, dass echte Briten Freude an einer deutschen Fälschung haben. An die erfreuliche Fälschung dachte ich bei der Lektüre von Erich Loests «Der Mörder saß im Wembley-Stadion» (Steidl, 10 §). Dieses Buch hat einen historischen Hintergrund, und damit meine ich weniger die Fußballweltmeisterschaft von 1966, sondern die vom Autor im Nachwort festgehaltene Entstehungsgeschichte: Loest war nach siebenjähriger Haft in Bautzen entlassen worden. Damit er nicht Hilfe im Westen suchte, stellte der geheime Stasi-Spitzel «Adler», ein Lektor und «Freund» Loests, Kontakte zu Berliner Verlagen her: «Herr Loest, Sie sollten Kriminalromane schreiben!», also irgendwas, das nicht in der DDR spielt und bei dem man ein Stück Anti-Imperialismus unterbringen kann. «Damit ist dringend benötigtes Geld zu verdienen – na?» 1967 war das Buch zum ersten Mal erschienen, und jetzt, in neuer Bearbeitung, ach ja, kurz vor der Weltmeisterschaft, liegt es wiederum vor. In einer Rezension las ich, Loest verfüge über etwas Schreckliches, über etwas ganz Entsetzliches, nämlich über eine «augenzwinkernde Schreibe». Augenzwinkernde Schreibe wird nur bei Bindehautentzündung verziehen. «Der Mörder saß im Wembley- Stadion» ist ein Kriminalroman mit stark parodistischen Akzenten (oder solchen, die man überhaupt nur aushält, wenn man sie als Parodie auffasst), und merkwürdig, wenn Loest im Nachwort betroffen schreibt, dass sein aus den Stadtplänen und Fotos der Deutschen Bücherei konstruiertes Wembley «in Wirklichkeit» anders aussieht, dann scheint er zumindest fürs Erste den Reiz seiner Fälschung nicht zu akzeptieren. Ich gebe zu, die Fälschung (die bei Loest auch aus der Unkenntnis des wirklichen London stammt) erinnert mich an eine Original-Fälschung: an die deutschen Edgar-Wallace-Filme. Es kommt zwar kein Frosch (geschweige denn einer mit der Maske) vor, aber immerhin ein Meisterverbrecher, der «Delphin» genannt wird. Der «Delphin» steht hinter allem, und ich schwöre, kaum war der Name gefallen, wusste ich schon, wer er ist und was er im Zivilberuf so treibt. Die Edgar-Wallace-Filme schufen eine eigene archetypische Welt des Verbrechens: ein schneller vifer Inspektor, eine junge weibliche Unschuld in Gefahr (sie trägt bei Loest den schönen Namen «Babette Horrocks»); ein Journalist, der die Nase zu tief in den Fall steckt, als dass er sie noch einmal herausziehen könnte.
Das Verbrechen hatte in den Filmen nicht selten eine solide Grundlage: Halbe Genies waren dafür zuständig, prima Bankräuber oder Gefängnisausbruchsspezialisten. Auch kleine Gauner, in der Hierarchie des Bösen ganz unten, mussten vorkommen, um – als schwächstes Glied in der Kette – die Spuren in die richtige Richtung zu legen. Gut ist das von Loest geschrieben, wie so ein kleiner Gauner von Spezialisten aus dem Zuchthaus befreit wird. Er greift instinktiv zur Strickleiter, die ihm ein maskierter Mann von der Mauer herab zuwirft. Eigentlich wird er ja bald entlassen und will gar nicht ausbrechen, aber der Mensch hat eben Reflexe, die ihn jetzt schon zur Freiheit drängen. Was soll ich sagen, die Spezialisten haben perfekt gearbeitet – sie haben allerdings nur ein kriminelles Leichtgewicht, also den Falschen befreit. Ein Mord, der natürlich in der Telefonzelle passiert, liest sich so: «… drehte sich halb zur Seite und hielt sich schwankend fest; da schoss der Mann noch einmal. Er nahm den pendelnden Hörer auf und hielt ihn ans Ohr: ‹Was ist denn!›, rief eine Stimme. ‹Haben Sie …› Der Mörder hängte auf.»
Wenn das nicht die Verschriftlichung einer Filmszene ist, dann sind die Wallace-Filme vergeblich gedreht worden. Pate von Loests Schreibweise ist der ½ktive Nebel, aus dem das Schreckliche hervortritt. Das Nebelhafte wird mit konkreten Angaben gespickt, darunter der Maien-Gag: «Richmond ist herrlich im Wonnemonat.» Da haben sicher alle Stadtpläne und Fotos von London in der Deutschen Bücherei zu kichern begonnen. Einmal steht auf der Speisekarte von Kommissar Varney: «Ein zartes Steak Wellington, das Glanzstück der englischen Küche, dazu Wirsing.» Dazu sage ich nichts. Manchmal bleibt die Chose im altväterischen Stil stecken. Aber ich habe das Buch mit Vergnügen gelesen, und sogar die Fußballweltmeisterschaft hat mich wenig gestört. Ja, ja, das waren bittere Minuten für uns Anglophile, als Hurst in der 78. Minute endlich einschoss – ich glaube, gegen Argentinien, und am Ende lauteten «die Paarungen»: England gegen Portugal und Deutschland gegen die Sowjetunion. Vorbei, vorbei. Aber einen Gedanken habe ich noch: Ich bin sicher, was immer auch der Mensch sich zusammenreimt und -dichtet, damals im Wembley-Stadion saß in der Masse ein wirklicher Mörder. Was heißt: einer? – zwei oder drei, vielleicht sogar eine ganze Mörderbande. Gedenken wir ihrer und hoffen wir, dass sie alle erwischt worden sind.
Von Franz Schuh