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Ausgabe 07/08.06
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Literatur im Kino
Kino 07/0806 Alle Scheinheiligkeit auf Erden
Porno ohne Sex: Die Oscar-gekrönte Verfilmung des Bestsellers «Die Geisha» ist neu auf DVD
Der amerikanische Literaturprofessor Norman Maclean zitierte gern aus einem Ablehnungsschreiben, das er ein- mal für seinen Roman «Aus der Mitte entspringt ein Fluss» bekommen hatte: «Da sind Bäume drin», hatte ein Lektor mit knapper Schärfe formuliert. Wer Arthur Goldens Weltbestseller «Die Geisha» an einer beliebigen Stelle aufschlägt, wird vielleicht etwas Verständnis gewinnen für die verkürzte Wahrnehmung überarbeiteter Verlagsangestellter. Da liest man etwa: «Das Donnern des Meeres klang wie eine bittere Klage … Das Heulen des Windes und das Zit- tern der Bäume – alles schien mich zu verspotten. War es möglich, dass sich der Fluss meines Lebens tatsächlich geteilt hatte?» Für die in ein Geisha-Haus verkaufte Fischertochter Chiyo teilt sich der, wenn man im Bilde bleiben möchte: Fluss des Lebens wider Erwarten zum Besseren. Die geheime Liebe zu einem Ingenieur, der ihr als Mädchen die feucht-grauen Augen getrocknet und dessen Taschentuch sie seither kultisch gehütet hat, wird sich doch noch erfüllen. Auch er hat den Blick nicht vergessen können und findet ihn wieder im kunstvoll geschminkten Gesicht der erfolgreichsten Geisha Japans.

Was allerdings ist eine erfolgreiche Geisha? Die Verklärung von Zwangsprostitution zu einer Frage des Stils gehört zum liebgewonnenen Japan-Bild, nicht nur in Europa. Die Firma Columbia, die diesen nostalgischen Hollywood-Film bei Steven Spielberg als Produzenten und Rob Marshall, dem Regisseur des Musicals «Chicago», in Auftrag gab, gehört längst Japanern. Das sollte man wissen, bevor man die bis zur obligatorischen Sumo-Ringkampfszene komplettierte Reise durch die Schauseiten im Land des erkauften Lächelns als westliche Projektion beklagt. Aber Pauschalreisen blieben touristisch – auch dann, wenn man sie bei einem einheimischen Veranstalter bucht. Andererseits gehört dekorativer Exotismus zu den Elementen auch des alten Hollywood. Allein durch die Schönheit ihres Scheins lassen gelungene melodramatische Kinoreisen alle politischen Vorbehalte hinter sich. Die Schönheit ist also nicht das Problem dieser «Geisha»-Verfilmung. Da auch die Japaner wissen, dass sie keine attraktiveren und talentierteren Stars haben als die Chinesinnen Gong Li, Ziyi Zhang und Michelle Yeoh, sollen diese uns in den Hauptrollen nur recht sein. Und wenn der US-amerikanische Kameramann Dion Beebe fast so gut mit Farben spielt wie seine asiatischen Kollegen, wenn der Komponist John Williams täuschend echt das chinesische Violin-Motiv aus «Tiger und Drache» nachahmt – warum nicht? Alles wäre uns lieb und teuer, das uns noch einmal so selig im Kitsch schwelgen ließe wie «Die Welt der Suzie Wong» (1960) oder der asienverliebte Hollywood-Klassiker «Alle Herrlichkeit auf Erden» mit William Holden (den die Chinesen übrigens genauso lieben). Wenn man in Kalifornien inzwischen auf chemischem Wege besseren Bordeaux herstellt als in Bordeaux – nur her damit. «Die Geisha» aber, dieses mit klinischem Kalkül ersonnene Kunstprodukt, war schon ein Monstrum, als es Arthur Goldens Feder entsprang. Mit erklecklichem Aufwand, eingeleitet vom Vorwort einer erfundenen Übersetzerin, simuliert das Buch die Authentizität dieser «Memoirs of a Geisha». In einer blumigen Metaphorik, die den erfundenen Konfuzius-Sprüchen des Kinodetektivs Charlie Chan zur Ehre gereichte, führt es in sein schwül-lüsternes Reich, wo Mädchenbrüste noch «Fujis» heißen. Diese 576 Seiten sind keine Schmonzette, sondern ein ausgewachsener Schmonz. Mit 145 Minuten erreicht die mit drei Oscars ausgezeichnete Verfilmung ähnliche Dimensionen. Da aber im Kino, anders als in der Literatur, Bäume wenig zu sagen haben und auch das Donnern des Meeres nicht klingt wie «eine bittere Klage», passiert darin noch weniger. Das im Genre obligatorische tragische Ende hatte schon Golden uns vorenthalten. Nein, dieser Porno ohne Sex, dieses Melodram ohne dramatischen Bogen ist wirklich nicht «Alle Herrlichkeit auf Erden».

Daniel Kothenschulte
Netzkarte
Netzkarte Liebe Deinen Zwang …
… wie dich selbst! Auf www.selbsthilfe-therapie.de können wir Neurotiker ein Tagebuch der Zwangshandlungen schreiben

Lange Zeit bin ich spät schlafen gegangen. Ein unfreiwilliger Kontrollgang hielt mich vor der Nachtruhe auf. Herd aus, Tür zu, Wasserhahn dicht? Das dauerte. Inzwischen habe ich diese Zwangskontrollen unter Kontrolle und kontrolliere nicht mehr im Haushalt, sondern anderswo und nur gelegentlich. Aber was ist nur mit den Mitmenschen los? Sie werden immer zwanghafter und lieben ihre Schrullen und Tics wie sich selbst. Selbst der metrosexuelle Superstar David Beckham bekennt sich zu seiner Deformation (www.gala.de): «Bei mir muss immer alles in geraden Linien stehen und Paare bilden.» Für kein anderes modernes und modisches Leiden gibt es im Netz so viele Hilfsangebote: Wasch- und Reinigungszwänge, Kontroll-, Ordnungs-, Zähl-, Wiederholungszwänge, für jeden Subzwang finden sich ausufernde Diskussionsforen. Auch zahllose Zwangsgedanken («Ich könnte mich infiziert haben», «Das Haus könnte abbrennen») werden öffentlich debattiert. Dass es sich beim «Zwangi» allerdings, anders als die psychologische Vulgata meint, nicht um einen Langweiler, sondern um ein hochgradig schöpferisches Wesen handelt, scheint allein die Seite www.selbsthilfe-therapie.de erkannt zu haben. Dort wird das heimgesuchte Subjekt aufgefordert, ein «Tagebuch der Zwangsgedanken und Zwangshandlungen» zu führen und an den Webmaster zu schicken. Leider sind die Tagebücher nicht öffentlich zugänglich. Dabei wäre die Lektüre dieser Berichte womöglich literarisch inspirierend. Denn das Zwangssubjekt pflegt ein verwinkeltes Verhältnis zur Realität; erst durch Zwangshandlungen und -gedanken stellt es ein Verhältnis zur Welt her, an dessen Existenz es im Grunde zweifelt. Was für ein poetisches Potenzial liegt in solchen metaphysischen Umwegen! Darstellungen des Zwanges gab es denn auch immer wieder in der Literatur, man denke etwa an die Hände waschende Lady Macbeth, den Geld zählenden Helden in Ludwig Tiecks «Der Runenberg», an Zeno Cosinis Rechenzwang oder auch an verschiedene eingezwängte Protagonisten bei Thomas Bernhard.

Was heute fehlt, ist eine Aktualisierung des Themas. Denn der Zwang ist das zeitgemäße Symptom schlechthin: Bildet das individuelle Zwangssymptom nicht eine winzige Festung der Sicherheit im Strudel ökonomischer Deregulierung und Prekarisierung? Birgt der Wiederholungsakt durch seine entschleunigende Wirkung nicht ein subversives Potenzial in der Hektik der Globalisierung? Auch über die alltägliche Vermehrung des Control Freaks durch neue Medien («Habe ich die intime SMS an den richtigen Empfänger geschickt?») wäre in diesem Zusammenhang nachzudenken. Und über die Wiederkehr des Religiösen. Schon Sigmund Freud hat schließlich über den Zusammenhang von «Zwangshandlungen und Religionsübungen» räsoniert. Wie das religiöse Ritual stellt nach Freud auch der Zwangsakt eine «heilige Handlung» dar. Nämlich die einer einsamen Privatreligion.

Aram Lintzel
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Silvia Bovenschen Silvia Bovenschen
Die Literaturwissenschaftlerin und Publizistin, Jahrgang 1946, lebt in Berlin. Ihre Essays kreisen um Themen wie Freundschaft und Gefühle, Körper und Mode, Tiere oder Pornografie. Zuletzt veröffentlichte sie Aufsätze und Streitschriften unter den Titeln «Über-Empfindlichkeit. Spielformen der Idiosynkrasie» und «Schlimmer machen, schlimmer lachen»

Nie las ich ein besseres Buch über die Welt der Kinder. Ich lese es intellektuell beeindruckt von der Klugheit des Autors, und ich lese es begeistert, versunken in eine Seeräubergeschichte.

Der englische Erzähler Richard Hughes (1900–1976) ist ein Meister des doppelten Bodens. «Sturmwind auf Jamaika» (A High Wind in Jamaica), 1929 erstmals erschienen, kann als ein englischer See- und Abenteuerroman gelten und ist doch sehr viel mehr als das. Alle Lockstoffe, wie wir sie noch aus den Tagen unserer Kinderlektüren kennen, sind vorhanden: Piraten, gekaperte Schiffe, ein Mord, Kolonialherren, Sturmwinde und die karibische See. Allerdings: die Piraten sind keine blutrünstigen Seeräuber mehr, sie sind es nur noch, weil sie nichts anderes können; die Kolonialherren sind machtlos und verarmt; der Mord ist Resultat einer kindlichen Panikhandlung; allein die Südsee und die Sturmwinde sind noch, was sie immer schon waren. Das Buch führt uns in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, ins postkoloniale Jamaika. Eine Atmosphäre der Überwucherung und Auflösung, eine müde naturrhythmische Gelassenheit liegt über allem, auch über dem Leben eines englischen Ehepaars, das seine besseren Tage hinter sich hat. Deren Kinder wachsen leicht verwildert heran. Sie werden, nachdem ein Hurrikan das marode Wohnhaus zerstört hat, aus Sorge um ihr leibliches, seelisches und geistiges Wohl von den Eltern auf ein Schiff gebracht, das sie für ihre weitere Erziehung nach England bringen soll. Dieses Schiff wird von halbherzigen Piraten gekapert, die nun, neben ihrer kargen Beute, die Kinder am Hals haben.

Da sich die ratlosen Freibeuter freundlich verhalten, haben die Kinder kein Bewusstsein einer Gefährdung. Eroberungsfreudig und anpassungselastisch fügen sie sich in das neue Schiffsleben ein. Im Mittelpunkt des Geschehens steht die zehnjährige Emily. Zu der Zeit, da sie auf das Schiff kommt, sieht sie sich geadelt durch das Erlebnis eines Erdbebens. Das Erdbeben war geringfügig, ohne Gefahr für Leib und Leben. Da aber Emily zuvor schon eine Idee von der Macht dieses Naturereignisses hatte, gibt es dafür einen Raum in ihrer Phantasie. Weit weniger beseelt ist sie hingegen von dem wahrhaft lebensbedrohenden Hurrikan. Allein der Tod des geliebten Katers, der in dieser Sturmnacht zugrunde geht, beeindruckt sie. (Weit mehr als der eines Menschen, den das gleiche Schicksal ereilt.) Mit der Beschreibung dieser vernunftfernen und moralfreien Bewertung von Gefahr und Schrecken, die die Erlebnisse in Emilys innerer Welt finden, präludiert Hughes sein großes Thema: das unausweichliche Unverständnis zwischen Kindern und Erwachsenen. Durchgängig beibehalten ist eine doppelte Perspektive. Und eine doppelte Plausibilität. Die Wertungen, die die Kinder ihren vielfältigen Erlebnissen mit Dingen, Tieren und Menschen einräumen, werden plausibel, weil Hughes uns die kindlichen Phantasie-Logiken diskret und sprachmächtig nahe bringt. (Jene wild aufgeladenen Verknüpfungen, die die kindliche Einbildungskraft bei den frühen Weltaneignungen vornimmt.) Und auch die Interpretationen, die die Erwachsenen für das kindliche Tun finden, sind plausibel – aber falsch. Wir verstehen die Kinder, wir verstehen die Erwachsenen, und wir verstehen, warum diese die Kinder nicht verstehen.

Als die Kinder schließlich von den Piraten an die «Zivilisation» eines englischen Schiffes übergeben werden, passen sie sich wiederum begeistert der neuen Erlebniswelt an. Sie schmiegen sich ins unverdiente Mitleid und bedienen die stereotypen Erwartungen mit unzutreffenden Erzählungen über die Schrecknisse auf dem Piratenschiff. Die Kinder «verraten» die zuvor geliebten Seeräuber, weil sie in ihren Aussagen den neuen Suggestionen folgen, die ihnen bald wirklicher scheinen als die vergangenen Wirklichkeiten. Und die Erwachsenen verurteilen die an den Todesfällen unschuldigen Piraten zum Tod, weil sie es nicht besser wissen und weil ihre eingeschliffene Vorstellungskraft keinen anderen Weg weist. An einer Stelle vergleicht Hughes die Unzugänglichkeit einer Kinderseele mit dem Innenleben eines exotischen Tieres, von dem wir nichts wissen können. Emily, die als Einzige die ganze Wahrheit kennt, schweigt undurchdringlich. Der Roman blamiert unsere sentimentalen und psychologisierenden Vorstellungen von dem, was ein Kind sei. Der Vater Emilys kommt einmal näher an die Wahrheit, als ihn für einen kurzen Moment ein unerklärliches Grauen beim Anblick seiner Tochter befällt. Um etwas mehr über Kinder zu lernen und um zu erfahren, warum das väterliche Grauen seine Berechtigung hat, muss man das Buch lesen. Unbedingt.
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