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Ausgabe 09.06 - Literaturen - Literatur
Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer
OZEANKUNDE Érik Orsenna segelt dem Golfstrom hinterher und erzählt dabei die Geschichte vom besten transatlantischen Bündnis aller Zeiten

Im Frühjahr 1886 startet eine ebenso blaublütige wie hochtrabende Flaschenpost auf der Höhe von Neufundland. «Jeder, der dieses Papier findet, wird erfordert dasselbe an die Seebehörde seines Landes zu übermachen zur Übertragung an die französische Regierung», verlangt die Botschaft in den gut verplombten Glasröhren, die in sieben Sprachen und 1675-facher Ausfertigung vom Golfstrom nach Europa, Afrika oder bis nach Zentralamerika transportiert wird. Kein Geringerer als Fürst Albert I. von Monaco, Meeres-Enthusiast und Hobby-Ozeanograf, hatte die Flaschenpost auf eigene Kosten aussetzen lassen, um den exakten Strömungsverlauf zwischen Amerika und Europa zu erforschen.

Ende des 19. Jahrhunderts war der Golfstrom in groben Zügen bekannt: Als riesige Schleife zirkuliert er im Atlantik und sorgt in Schottland für blühenden Rhododendron, auf den Lofoten für fette Dorschfilets und am nordamerikanischen Kap Hatteras für eine nicht abreißende Serie von Schiffbrüchen.

In seinem «Lob des Golfstroms» lässt sich Érik Orsenna von Geschichte zu Geschichte treiben, und seine Botschaft ist unmissverständlich: Wer die Naturgewalt des Meeres liebt, muss ganz in dessen menschengemachte Historie eintauchen. Der Beginn der modernen Meereskunde in der Aufklärung interessiert ihn dabei ebenso wie die norwegischen Sagen rund um den Malstrom, die imaginären Reisen von Jules Verne stehen gleichberechtigt neben den neuesten Erkenntnissen zum Klimawandel. Vor allem aber ist der französische Schriftsteller selbst kreuz und quer über den Atlantik gesegelt, denn er sammelt Strömungen «wie andere Menschen Briefmarken oder Schmetterlinge».

Europas wundersame Zentralheizung
Tatsächlich mutieren seine Sammelobjekte unter der Hand zu fast schon menschlichen Temperamenten: Orsenna portraitiert milde, jähzornige oder phlegmatische Strömungen, je nach Wetter- und Stimmungslage. Beinahe könnte man ihm eine Art Strömungsmetaphysik unterstellen, denn ähnlich wie Bruce Chatwin die australischen «Traumpfade» beschreibt er die Ozean-Routen als übermächtige Kraftlinien, denen sich niemand entziehen kann. Aber lange vor der Metaphysik kommt die durch und durch irdische Physik: Orsenna erklärt das komplizierte System von Salzgehalt und Schwere des Wassers, von Sonnenwärme, Luftdruck, Antizyklonen und Coriolis-Kraft (vulgo: «Einfluss der Erdrotation auf die Richtung der Winde und Strömungen»), die zusammen den Golfstrom ergeben. Diese unermüdlich arbeitende «Zentralheizung Europas» zerfällt in etliche Einzelglieder und lässt sich logischerweise nicht auf Anfang oder Ende festnageln.

Einen Kardinalpunkt allerdings kann man ausmachen: Im Golf von Mexiko – dem der Golfstrom seinen Namen verdankt – werden große Wassermassen erwärmt, die an der Küste Nordamerikas weiterziehen und sich im Atlantik verteilen. Doch gleiches Gewicht wie die Strömungsmechanik hat die frühneuzeitliche und moderne Geschichte im «Lob des Golfstroms»: Es ist vor allem Benjamin Franklin, den Orsenna zum Helden des Atlantiks stilisiert. Weil die Postschiffe von England nach Amerika so viel langsamer sind als die amerikanischen Handelsschiffe in der Gegenrichtung, regt der pragmatische Aufklärer 1769 eine Untersuchung an – und damit sind die ersten wissenschaftlichen Skizzen des Golfstroms geboren.

Atlantiker: Poe, Verne und Orwell
Die größten Fische gehen Orsenna ins Netz, wenn er die Literatur nach Strömungs-Fundstücken durchkämmt. Neben Edgar Allan Poe und dessen «Descent into the Maelstrom» von 1841 reist er George Orwell hinterher, der nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer abgelegenen schottischen Insel hauste – ganz in der Nähe des Corrievreckan, eines «der drei brutalsten Gezeitenströme der Welt». Ob die unübersehbar vernichtende Naturgewalt als heimliches Modell herhalten musste für Orwells nicht gerade optimistische Weltbeschreibung in «1984»? An erster Stelle aber stehen Kapitän Nemo und dessen perfekt ausstaffierte Unterwasserwelten. «Jules Verne», bemerkt Orsenna, «macht aus dem Golfstrom ein wahres Aquarium, das üppigste des Planeten. Ein ganzes Wörterbuch kippt er hinein.» All diese fiktiven Knorpel-, Papageien-, Schleim- oder Froschfische nimmt der Autor wiederum zum Anlass, den realen Artenreichtum entlang des Golfstroms zu beschreiben.

Dabei erweist sich Érik Orsenna als Meister der Abschweifung, der vom Seemannsgarn mühelos zum nautischen Spezialdiskurs zurückfindet: Sein «Lob des Golfstroms» lässt sich am besten als poetisches Sachbuch fassen – mal wendig wie ein Schnellsegler, mal bedächtig und verträumt wie ein Ausflugsdampfer des 19. Jahrhunderts.

Schon in seinem «Portrait eines glücklichen Menschen» – der Geschichte des Gärtners von Versailles – hat Orsenna, Jahrgang 1947, Mitglied der Académie Française, Romancier und in einem anderen Leben Wirtschaftswissenschaftler, solches Verknüpfungsgeschick bewiesen. Dass sein Golfstrom-Buch die aktuellen Umweltprobleme mit einbezieht, ist ebenso naheliegend wie notwendig – schließlich wird das Ökosystem von Treibhaus-Effekt, Gletscherschmelze, Ölteppichen und anderen Zivilisationsschäden massiv bedroht.

Dennoch geht es weniger um die schmutzige Realität (ein längerer Ausflug in die Politik des Klimaschutzes hätte der Meeres-Eloge schon gut getan) als um die symbolische Tiefendimension des Meeres. Es sind die überzeitlichen Kreisläufe und deren Wellenbewegungen, die Orsenna interessieren. Am Horizont leuchten Fernand Braudels Mittelmeer-Studie und die Großthese von der longue durée, den langen historischen Abschnitten, die den eigentlichen Strom der Geschichte konstituieren. So gesehen, werden die Scottish Rhododendron Society oder das Museum des Trockenfischs in Tromsø zu Treibgut im Meer der Geschichte – von Érik Orsenna aufs Feinste poliert und in die nautische Vitrine gestellt.

Jutta Person




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