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Ausgabe 09.06 - Literaturen - Literatur
Was liest...
Sten Nadolny
Der Schriftsteller, promovierte Historiker und Politologe, Jahrgang 1942, lebt in Berlin. 1983 gelang ihm der Durchbruch als Erzähler mit dem Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit». Weitere sechs Romane liegen vor, zuletzt erschien «Ullsteinroman» (2003)

Aus purer Neugier und ohne Verwertungszwecke lesen, das ist bei mir selten geworden. Aber im Moment passiert es – ich lese den Roman «Atlas wirft die Welt ab» der aus Russland stammenden Amerikanerin Ayn Rand, 1957 erschienen unter dem Originaltitel «Atlas Shrugged». Ein Ziegelstein von Buch, 1325 Seiten hat meine deutsche Ausgabe. Ich habe vor Jahren einmal damit angefangen, fand es spannend, zumal es (auch) von der Eisenbahn handelte, ging dann aber auf Reisen und packte doch lieber zwei dtv-Bändchen in den Koffer. Ayn Rands Buch habe ich erst vor zwei Wochen wieder aus dem Regal geholt – Spannung verlangt die rasche Fortsetzung des Konsums, bei längerem Stehenlassen verdunstet sie wie Alkohol, man muss neu einschenken, also von vorn beginnen.

«Atlas wirft die Welt ab» erfüllt alle Kriterien eines klassischen Knüllers. Es ist eine Art «Vom Winde verweht» mit Liebe, Machtspielen, wunderbaren Menschen und ekelerregenden Schurken, alles in einem Amerika der Zukunft, das in Neid, Intrigen und Faulheit unterzugehen droht. Da das Buch eine antikommunistische, antigewerkschaftliche, antibürokratische und anti-altruistische Botschaft hat, sind die Guten vor allem ehrbare, unpolitische Wertschöpfer von großer Arbeitskraft, geniale Gründertypen von leidenschaftlichem Perfektionismus, sie allein schaffen annehmbare Qualität. Sie brauchen, um das zu können, nichts als Freiheit: Lässt man sie in Ruhe arbeiten, bauen sie technische Wunderwerke und den Fortschritt schlechthin.

Ihnen stehen graue, traurige Kollektive gegenüber, geführt von Apparatschiks, die nur eines zustande bringen: den wenigen schöpferischen Personen im Lande möglichst viel abschwatzen, wegnehmen und ihnen mit allerlei irrationalen Doktrinen, Beschuldigungen, Vorschriften und Hindernissen die Arbeit schließlich ganz unmöglich machen. Sie leben nicht vom Aufbau, sondern von der Erbeutung dessen, was andere aufgebaut haben, Raubtiere, jawohl, und durch sie gibt es im Lande schließlich nur noch die Ruhe eines Friedhofs und – Schundware!

Was aber tun all diese Parteipolitiker, Pfründeverwalter, Steuerschraubendreher, Unternehmervernichter, die jederzeit zu rhetorischen Augenwischereien, aber zu keinem folgerichtigen Gedanken und schon gar nicht zur Hingabe an ein Werk fähig sind? Was tun sie, wenn die wenigen Könner im Lande – ihre Wertproduzenten und Wirtstiere – beschließen, unbekannt zu verziehen und in einem kleinen, aber unsinkbaren Atlantis ein Gemeinwesen aufzubauen, das vor Zugriff geschützt ist? Dann geht es den Abzockern richtig schlecht – glücklich waren sie schon vorher nicht, denn das sind Parasiten nie. Zu genau wissen sie selbst, wie minderwertig sie sind. Geschieht jetzt eine Revolution? Die grauen Massen sind plötzlich weniger grau, sie jagen die Funktionäre zum Teufel und holen Atlas im Triumph zurück, damit er wieder die Welt trägt? So weit bin ich beim Lesen zwar noch nicht gekommen, aber ich denke, es wird passieren.

Man mag mit der sehr einfachen Philosophie, oder besser doch: Ideologie dieses Buches hadern – man soll es sogar. Denn es war und ist eine kalkulierte Provokation, einer jener Feuerwerkskörper, wie sie zum Jahresende immer wieder polizeilich verboten werden müssen, ein Kanonenschlag. Die Wirkung des Romans war, wie ich erfuhr, gewaltig: Er wurde nicht nur weltweit in zweistelliger Millionenhöhe verkauft; Ayn Rand und ihre Philosophie des «Objektivismus» fand (auch schon mit früheren Romanen) zahlreiche, auch prominente Anhänger – amerikanische Politiker, die gegen den New Deal, gegen Sozialismus und für mehr Unabhängigkeit der Unternehmer waren, darunter sogar Präsidenten.

Und nicht alles, was einfach ist, ist einfach abzutun. Einen Teil der Wahrheit spiegelt jede auch nur halbwegs intelligente Ideologie, schlimm ist nur, dass alsbald Reinheitsgebote entwickelt werden. Jede Ideologie, die auf sich hält, ist früher oder später auf so etwas wie Säuberungen aus und schürt die Aggressionen, die sie möglich machen. Bei Ayn Rand bin ich mir nicht sicher. Was emp½ehlt sie ihren Helden politisch für den Gegenangriff – einfach nur auswandern und warten? Oder doch einen kleinen McCarthy-Ausschuss ehrlicher Arbeiter gegen wertabschöpfendes Funktionärsgesindel?

Nichts gegen kühne Gedanken, und das sage ich ernsthaft. Das Unglück der Welt kommt gewöhnlich weniger von den kühnen Gedanken als von deren Abwesenheit. Aber der Roman «Atlas wirft die Welt ab» ist mehr als kühn, er ist ein Schlachtschiff. Es gab und gibt immer wieder Feinde, man denke nur an die Nazis, gegen die man sich Waffen von vernichtender, nämlich vernichtend einfacher Logik herbeiwünscht, auch wenn erwiesenermaßen wenig Segen darauf liegt. Glücklich die Zeiten, die solche Waffen nicht nötig haben.




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