Von Kuba lernen, heißt Heiligsprechen Ich hab’s gewusst, und im Nachwort stand es dann auch: Das Buch, welches da heißt «Ein Bolero für den Kommissar» von Lorenzo Lunar Cardedo (Haymon, 17,90 §) ist ein Song, ein kubanischer Blues – wenn man es schon so amerikanisch sagt, durchaus den Leuten entsprechend, die diesen Kriminalroman bevölkern. Über sie ist nämlich eine Utopie verhängt: die Ausreise nach Miami. Ist Miami in Sicht, dann nimmt man als armer Schlucker aus der Provinzstadt Santa Clara auch einen Mord auf sich, den man gar nicht begangen hat. Gespielt wird das alte Spiel: Die wirklichen Drahtzieher, die «eigentlich Bösen», gehen frei aus; sie wirken weiter in ihrem Sinn, und ihre Geschäfte gehen gut. Dagegen hilft keine Polizei.
Aber es ist nicht so, dass die Leute, die Miami in Zukunft genießen mögen, ihr Land, ihre Stadt, ihr Viertel hassen. Das eine ist halt die Utopie, das andere ist das, was man hat, und auch wenn es einem alles nimmt, hat man dazugehört, war man ein Teil davon, war man nicht allein. Der Refrain des Songs lautet: «In diesem Viertel passiert jeden Tag alles Mögliche. Dieses verrückte Viertel.» Es gab einmal einen Neurologen, der Paul Ferdinand Schilder hieß. Von ihm stammt das Wort «Körperschema», und wenn ich mich nicht irre, beschreibt dieses Wort die Art und Weise, in der sich im Bewusstsein eines Menschen sein Körper aufbaut, «abbildet», und es kann schon sein, dass sich ein Stadtviertel ins Körperschema einprägt. Dann sind die Menschen physisch von ihrem Bezirk abhängig; und umgekehrt gilt, dass ihre Körper wie die Straßen, Plätze und Wohnungen eingemeindet sind. Es ist ein geschlossener Kreis.
So einen geschlossenen Kreis beschreibt dieser Kriminalroman. Leo Martín, der Kommissar, ist in dem Viertel, in dem er seines Amtes waltet, geboren und aufgewachsen. Daher lebt er im Zwiespalt. Einerseits muss er die Gesetze des Ortes einhalten, darf niemanden verraten, niemanden übertrieben unfair behandeln. Einmal wird der Kommissar, der gerade einen Verdächtigen unsanft traktiert, von einem Spießer beglückwünscht: Wären alle Polizisten so, dann gäbe es weniger Verbrechen. Leo Martín ½ndet den Spießer schrecklich, ergreift also Partei gegen die eigene Amtshandlung.
Andererseits muss er als Polizist agieren, die Leute ausfragen und die Informationen verwerten. Das funktioniert aber ganz gut, der Kommissar kommt mit dem Widerspruch zurecht – und das ist wohl eine der Botschaften des Romans: Die Polizei hat in dem Viertel überhaupt nur eine Chance, wenn ihre Vertreter im geradezu religiösen Sinn «eingeweiht» sind. Aber es geht tiefer. Der Ermordete ist ein alter Mann, ein elender Trinker. Der Kommissar kannte den Alten, der Mann war in Ordnung; er gehörte zum Viertel. Und jetzt sein einsamer Tod in diesem einsamen Leben: «Und wenn der erste Vogelschwarm in der Dämmerung über das Viertel flog, griff er wieder zur Flasche, um dann traurige Geschichten von untreuen Frauen und bitteren Enttäuschungen zu erzählen. Um mexikanische Volkslieder, die bekanntesten Boleros oder tragische Tangos zu singen. Um den Tag wie immer zu beenden: allein und betrunken in seinem Zimmer. Ohne Familie: ohne Mutter und Vater, ohne Kinder und Enkelkinder. Allein, alt und betrunken. Cundo ist allein gestorben, das war sein Schicksal.»
So stirbt der Poet, der Rhapsode: an der Grenze zum Kitsch. Ich denke, es sind nicht zuletzt solche Schicksalhaftigkeiten, deretwegen das Nachwort dem Buch eine «Poetik des Marginalen» nachsagt. Und in der Tat, die Poesie des Randständigen macht den Reiz des Buches aus. Der Alte starb gar nicht so allein. In der Stunde seines Todes war bei ihm nicht nur der Mörder, sondern eine völlig betrunkene Frau, verwahrlost und stinkend. Sie war, vor gar nicht so langer Zeit, die erste Frau, die den Kommissar die Liebe gelehrt hat. Sic transit gloria mundi, und in dem Viertel kann man nur im Kreis gehen. Immer kommt man bei sich an.
Übersetzt wurde der Roman, wie es sich gehört, von einem anonymen Kollektiv, nämlich «von Studierenden der Universität Innsbruck». In die Ehrengalerie der Sätze aus Kriminalromanen nehme ich den folgenden auf: «Es gibt Menschen, für die ein gelebter Tag ein ganzes Jahr ist.» Ja, die Zeit ist unter Umständen ein gewichtiges Ding, und manchmal hat man nicht die geringste Chance, sie zu vertreiben. Was den Leuten aber alles einfällt, um sich über die Runden zu bringen, tröstet über die gemeine Ausweglosigkeit hinweg. In Cardedos Buch lese ich von einer demokratisierten Variante der Heiligsprechung, wie sie wahrscheinlich nur in einer atheistisch regierten Gesellschaft vorkommen kann: «Heiligsprechungen sind zu einer weit verbreiteten Unsitte geworden. Heutzutage kann sich jeder, der ein wenig Geld hat, mit einem Sektenpriester arrangieren. Dieser führt dann das Ritual mit ihm durch. Priester gibt es ja wie Sand am Meer.»
Ich habe überlegt, ob man mit Heiligsprechen nicht auch in unseren Breiten eine Branche eröffnen könnte. Kostenpunkte: ein bisschen was für den Priester, viel Geld für Essen und Trinken auf der Heiligenfeier, teure weiße Kleidung für den Heiligen. Von Kuba lernen, heißt Heiligsprechen. Aber ich fürchte, bei uns würde das Geschäft nicht besonders gut gehen, weil ja neben der Kirche vor allem die so genannten «Medien» heiligsprechen oder verfluchen – und wir von den Medien machen das ganz unbestechlich und strikt auf eigene Rechnung.
Von Franz Schuh