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Ausgabe 09.06 - Literaturen - Literatur
Lyrik
Das große Ich Ich Ich
Robert Gernhardts letzte Gedichte «Später Spagat» zeigen den Dichter noch einmal auf der Höhe seiner Kunst

68 Jahre alt war Robert Gernhardt, als er am 30. Juni 2006 starb. Sein Tod ging ein bisschen unter bei vielen seiner schwarzrotgoldenen Landsleute: Es war der Tag, an dem die deutsche Fußballnationalmannschaft im Viertelfinale der WM gegen die argentinische spielte. Dabei war das Thema Fußball dem Dichter Gernhardt keineswegs fremd.

«Doch stets gilt, daß der Weg das Ziel ist, / weil nach dem Spiel schon vor dem Spiel ist», heißt es in «Von Spiel zu Spiel», das sich in «Später Spagat» findet, Gernhardts letztem Gedichtband. Wenn Gernhardt populären Themen wie dem kollektiven Lustobjekt Fußball auch durchaus zugetan war, so wusste er doch genau um die Unterschiede im Auge des Betrachters. Distanzverlust gab es bei Robert Gernhardt nicht, billigen Versprechungen wie Patriotismus oder anderem Feuilleton- und Folklore-Chichi ging er schon gar nicht auf den Leim – und eben auch nicht auf den Reim.

In der letzten Strophe von «Ich Ich Ich», ebenfalls nachzulesen in «Später Spagat», zeigt Gernhardt Resistenz gegen nationale Gehirnwäschebegehren: «Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. / Die Deutschen sind stolz auf mich. / Wie? Der zweite Satz trifft nicht zu? / Dann stimmt auch der erste nicht!»

Der altersmeise Günter Grass
«Ich Ich Ich», das ist, wie auch der Titel «Glück Glanz Ruhm», in Gernhardts Leben und Werk ein Leitmotiv – eines, das er nie verhehlte. Um den Preis massenhafter Verehrung wäre Gernhardt den Deutschen vielleicht wirklich etwas entgegengekommen. Aber dafür hätten sie ihn schon deutlich mehr lieben müssen, als sie es taten. Die Wiedervereinigung begrüßte er aus kaufmännischen Erwägungen – «17 Millionen neue Leser» –, aber die äußerst mageren Verkäufe seiner Bücher in den Fünf Neuen Imbissbuden verdrossen ihn bald. Als Günter Grass den Literaturnobelpreis bekam, war Gernhardt deprimiert: «Jetzt kriegt ihn mindestens 20 Jahre kein Deutscher, und das heißt, ich bekomme ihn nicht mehr.» So alt, das wusste Gernhardt, würde er nicht werden, und mit Grund war er nicht begeistert darüber, mit ansehen zu müssen, wie ein sozialdemokratischer Essensmarkensammler den Rahm und den Ruhm absahnte.

Der Grund dafür war weniger Neid als vielmehr Unverständnis über die katastrophale Fehleinschätzung von Grass – dessen Delirieren in der bildenden Kunst Gernhardt zu einem so zutreffenden wie sachlich formulierten Urteil brachte. «Poeten, die nicht zeichnen können, / sollten’s besser lassen. / Das gilt für Günter Kunerten, / das gilt für Günter Grassen», dichtet er munter in «Finger weg!». Wohl gesprochen – wer aus eigener Anschauung kennt, wie sich Grass als Illustrator beispielsweise an Hans Christian Andersen verging, der weiß, warum Blindenhunde knurren. Wird aber der altersmeise Grass Robert Gernhardts Rat beherzigen?

Auch der zweite Bewohner des Seniorencontainers «Zur deutschen Nachkriegsliteratur» kann es sich eigentlich nicht leisten, Gernhardts Gedichtband «Später Spagat» zu ignorieren. Martin Walser vermöchte Robert Gernhardts Gedicht «Vom Hunger» zu entnehmen, dass es nicht am Alter liegt, wenn man nicht über Lust schreiben kann, ohne klemmihaft herumzuschweißeln. Das geht sehr wohl, Robert Gernhardt konnte es: «Ist eine böse Lust / Sitzt zwischen Beinen / Wenn es nicht deine sind / Sinds doch die meinen // Ist eine liebe Not / Die will sich paaren / Bitt dich, gestatte ihr / In dich zu fahren // Ist eine schöne Ruh / Wenn wir es hatten / Heiß sind die Hungrigen / Selig die Satten.»

Ein Schuss Ihrkönntmichmal
Es kommt nicht oft vor, dass einer alt und weise wird; bei den meisten reicht es nur zum Geistesreichtum des Kalenderblatts. Robert Gernhardt, den ich mit seinem Band «Herz in Not» schon auf dem Weg zum koketten Chefarzt-Lyriker und mit «Klappaltar» als gefälligen Stimmenimitator und Feuilletonlyriker sah, hat für seinen letzten Gedichtband noch einmal seine Substanz mobilisiert. Abstand ist der Schlüssel – Gernhardt behält ihn bei, wo andere weich würden. «Abschied» heißt eins der nachwirksamsten Gedichte. Gernhardt nimmt ihn, demonstrativ lässig:

Ich könnte mir vorstelln,
mich so zu empfehlen:
Die Zeit. Ich will sie euch
nicht länger stehlen.
Den Raum. Ich will ihn euch
nicht länger rauben.
Den Stuß. Ich will ihn euch
nicht länger glauben.
Das Ohr. Ich will es euch
nicht länger leihen.
Das Aug. Ich will es euch
nicht länger weihen.
Das Hirn. Ich will es euch
nicht länger mieten.
Die Stirn. Ich will sie euch
nicht länger bieten.
Das Herz. Ich will es euch
nicht länger borgen.
Den Rest? Den müßt ihr
schon selber entsorgen.

So inszeniert ein Klassiker seinen Abgang aus der Welt – und ein Klassiker des Komischen war Gernhardt allemal. Die feine Säure ganz leichter Überheblichkeit, der Spritzer Arroganz, der Schuss Ihrkönntmichmal, das feine Auslachen – und das alles so spielerisch serviert wie durchaus auch ehrlich gemeint, das ist unverwechselbar Gernhardt. Wenn er in dieser Disziplin auf diesem Niveau spielte, machte ihm in Deutschland kein lebender Dichter etwas vor.

Gernhardt wusste um die Qualität seiner Gedichte, und er litt unter der Ignoranz, die ihnen widerfuhr – so sehr, dass er persönlich Maßnahmen ergriff. Sein Kollege Pit Knorr erzählte, wie er in den achtziger Jahren auf Gernhardts Wunsch hin Marcel Reich-Ranicki über Bande Gedichte von Gernhardt zukommen ließ. Das klingt ehrgeizig, nahezu verzweifelt und semi-souverän – und hat Reich-Ranickis Horizont nicht wirklich erweitert.

Mit der Fernsehmoderatorin Else Buschheuer stritt sich Reich-Ranicki um die Urheberschaft des legendären Zweizeilers «Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.» – «Der ist von Gernhardt!», trompetete Reich-Ranicki. Buschheuer wusste es richtig und widersprach dem FAZ- und Fernsehmann: «Das ist von F. W. Bernstein.» Reich-Ranicki beharrte auf seinem Irrtum und schnappschildkrötete: «Nein. Von Gernhardt! Bernstein ist ein Dirigent!»

Ruhm, auch um solchen Preis, war Robert Gernhardt wichtig, und elementar gehörte für ihn dazu, in der Reihe der kleinen gelben Reclam-Heftchen vertreten zu sein – eben als Klassiker. Er war sich nicht zu fein, das bei Reclam von sich aus anzusprechen. 1990 erschien «Reim und Zeit» und verkaufte sich gut sechsstellig. Danach war Gernhardt endgültig populär. Es ist gut, dass nicht wenige Deutsche Gedichte oder doch wenigstens einzelne Verse von Gernhardt auswendig können – «by heart», wie das auf Englisch viel treffender heißt. Wer wüsste schon eine Zeile Durs Grünbein aus dem Herzen – und wozu auch? Wie erfreulich dagegen Gernhardt: «Seht ihn an, den Schreiner / Trinkt er, wird er kleiner. / Schaut, wie flink und frettchenhaft / Er an seinem Brettchen schafft.»

Das sind vier Zeilen aus «Folgen der Trunksucht», sie stehen in meinem Lieblingsbuch von Robert Gernhardt, in «Wörtersee» (1981), einem Füllhorn der unverschämten dichterischen Ausgelassenheit – die auch vor den hochkulturell als pubertär verpönten Niederungen des Untenrum nicht zurückscheut. Und zu der Gernhardt, fast 25 Jahre später, zurückfindet, wenn auch ganz anders. In dem Gedicht «Blut, Scheiß und Gähnen», in dem er den Brachialverfall seines kranken Körpers beschreibt, heißt es: «Was verlasst ihr meinen Körper? / Warum, Scheiße, diese Eile? / War ich, Blut, dir keine Heimstatt? / Weshalb, Träne, dein Gefließe?»

Warum, Scheiße, diese Eile? – So ewig gültig wurden die moderne Welt und der Lauf der Dinge nicht oft eingefangen. Wer das für vulgär und grob hält, weiß gar nichts und muss nachsitzen. Das Fach heißt Eleganz, der Lehrer Robert Gernhardt.

Wiglaf Droste

Wiglaf Droste, Jahrgang 1961, ist Journalist, Schriftsteller und Sänger. Zuletzt erschien sein Kolumnen-Band «Kafkas Affe stampft den Blues»




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