|
|
| Ausgabe 09.06 - Literaturen - Literatur |
 |
Seiten (3) : Zurück 1 [2] 3 Vor |
Martin Walser - Angstblüte |
|
Altes Herz wird wieder jung Wie Martin Walser in seinem neuen Roman die Optimierung des Geschlechtsverkehrs als Ziel der Menschheitsgeschichte entdeckt, es in seiner Darstellung aber leider nicht erreicht Mit Altersmilde lässt sich kein Blumentopf mehr gewinnen. Heute heißt die Devise der Alten: Jetzt erst recht, volle Kraft voraus! Oder, um es mit Karl von Kahns Lebensmotto zu sagen: «Aufwärts beschleunigen!» Während der Lehrer Helmut Halm, Held von Walsers bis heute erfolgreichstem Buch «Ein fliehendes Pferd» (1978), mit knapp fünfzig mental schon wie ein Pensionär wirkte, weigert sich der neue Roman des Autors mitsamt seiner siebzigjährigen Hauptfigur ganz entschieden, aufs Altenteil geschoben zu werden. «Er spürt direkt, wie der Jüngere in jedem Satz an eine Abgeklärtheit und Sterbebereitschaft appelliert, die er nicht hat. Er ist alt, das stimmt. Aber er hat keine anderen Absichten und Wünsche als jemand, der zwanzig Jahre jünger ist. Der einzige Unterschied: Er muss so tun, als habe er diese Wünsche und Absichten nicht. Als sei er darüber hinaus. Deshalb ist Altern eine Heuchelei vor Jüngeren.» Das ist die Walsersche Empfindlichkeit, seine unorthodoxe Psychologie und Gabe der treffenden Formulierung, die nach schwächeren Werken im neuen Roman wieder einige Triumphe feiert. Ein Rhapsode des Zinseszinses Dass «Angstblüte» in der Kritik ein sehr geteiltes Echo gefunden hat – von der Hymne bis zum Totalverriss – erklärt sich damit, dass hier neben den Stärken auch die Schwächen des Autors voll durchschlagen. Es ist ein Roman der besseren Münchner Gesellschaft. Aber so detailfreudig Walser Gestalten wie den Antiquitätenkönig Diego Trautmann in seinem «Bonsai-Neuschwanstein» oder die schillernde Talkshow-Gastgeberin Gundi in Szene setzt: sie bleiben Chargen, die über viele Gebärden, aber kein Leben verfügen. Wirkliches Leben hat allein Karl von Kahn, die Hauptfigur. Und umständlich wirkt die Handlung des ersten Drittels: ein Freundschaftsverrat durch eine geschäftliche Manipulation. Man hat Walser seit je vorgeworfen, seine Figuren seien mehr durch Rhetorik als durch Gestaltung bestimmt. In einem Punkt jedoch nimmt er es sehr ernst mit ihnen: bei der Berufsausübung. Da begnügt er sich niemals mit Behauptungen. Denn Berufe sind bewusstseinsbildend. Diesmal hat er sich in den Alltag eines Anlagespezialisten und Finanzberaters hineingeforscht – ein Gewinn für den Leser, der es ja nicht immer nur mit Schriftstellern in Schreibkrise und anderen Flaneuren des Lebens zu tun bekommen will. Fachkundig beschreibt Walser eine Gesellschafterversammlung oder die Tricks, mit denen gewiefte Finanzjongleure ruck, zuck ein Vermögen machen. Seit je wechseln in den Romanen dieses Autors Realismusschübe mit Anfällen von Schwärmerei. Auch Karl von Kahn ist bei aller Realitätstüchtigkeit ein Begeisterter: ein Rhapsode des Zinseszinses, ein Romantiker der Rendite, ein Mystiker der Geldvermehrung. Gelegentlich steigert er sich in reine Portfolio-Poesie: «Wenn der Zins dann wieder verzinst wird, wenn also der Zinseszins erlebt wird, steigert sich die Vergeistigung ins Musikgemäße. Wenn wir den Zinseszins-Zins erleben, erleben wir Religion … Spürbar wird Gott.» Gewinn mitnehmen und Geld ausgeben – das ist dagegen trivial. So fromm hat man sich Börsen- und Finanzmenschen nicht vorgestellt. Werden sie einem in der Literatur doch meist im Zeichen fundamentaler Gesellschaftskritik als schwerreiche New-Economy-Schnösel (Don DeLillos «Cosmopolis») oder, im Gewand zynischer Affirmation, als Wallstreet-Psychos vorgeführt (Bret Easton Ellis). Wenn es ums Geldmilieu geht, werden seit Wagners «Rheingold» regelmäßig Seelen beklagt, die sich mit unteren Mächten eingelassen haben. Walser schreibt gegen solche Muster und Klischees an. Geld ist gut, so die Einsicht des einstigen Kapitalismuskritikers: Es verschafft Unabhängigkeit. Zustimmend zitiert Karl von Kahn das Matthäus-Prinzip: «Denn wer hat, dem wird gegeben …» Oder er formuliert mit einer Prise Nietzsche: «Der immer lebensfeindlichen Moral präsentiere ich die lebensfreundliche Kraft des Kontos.» Ein wohltätiger Milliardär wie Warren Buffett gehört zu den Helden Kahns. Er bewundert Menschen, die aus mehreren schweren «Finanzwunden» bluten und dennoch ihre nächste Großinvestition auf die Beine stellen. Schluss mit erotischer Seniorenkost! Der von der Unabhängigkeit schwärmt, wird in diesem Roman in die erniedrigende Abhängigkeit des närrisch Verliebten geführt. Als «Angstblüte» bezeichnet die botanische Sprache das letzte, wilde Ausschlagen eines sterbenden Baumes. Und solch ein rabiater Wille zum Blühen beherrscht auch Kahn. Kopflos verfällt er einer fast vierzig Jahre jüngeren Schauspielerin und ruiniert seine Ehe (mit einer Paar-Therapeutin, o Ironie!), die zuvor noch als «beste aller denkbaren Zweckgemeinschaften» gelobt wurde. Dass der erotische Kurswert eines alten Mannes sich seinem investitionsbereiten Kapital und nicht seiner leiblich-seelischen Attraktivität verdankt, scheint er in den Armen Joni Jetters vergessen zu haben. Joni meldet sich am Telefon als dreiste Versuchung: «Ich will deine Eier lecken.» Sie könnte auch sagen: Ich will dein Geld. Denn die Schauspielerin, nominiert für beste Nebenrollen, möchte endlich einmal die Hauptrolle in einem Film mit dem Titel «Othello-Projekt» spielen. Und Karl von Kahn hat sich neuerdings der Filmfinanzierung zugewandt. Er selbst allerdings sieht das Joni-Ereignis weniger nüchtern: Ein rotglühender Tagtraum – die Frau, die umstandslos zu sexuellen Wohltaten bereit ist – scheint sich endlich zu erfüllen. Ein Leben lang hat Kahn darauf gewartet, während er mit Helen das kultivierte Ehegespräch führte, ihren abendfüllenden Ausführungen über die paartherapeutische Praxis lauschte und sich von ihr mit ausgesuchten vegetarischen Kompositionen bekochen ließ. Jetzt ist Schluss mit dem erotischen Seniorenteller. Jung sein, bis der Notarzt kommt Der Jubel währt allerdings nicht lange. Der Versuch, sich die eigene Frische zu beweisen, bewirkt das Gegenteil: Das Bewusstsein des eigenen Alters wird schmerzhaft deutlich. Mit siebzig noch jauchzen, wenn man mit Joni durch einen sommerlichen Gewitterschauer ins Trockene flüchtet – das heißt viel von sich verlangen und wird prompt mit Herzanfall und Notarzteinsatz bestraft. Auch die Unzumutbarkeit des eigenen Körpers lässt Kahn verzweifeln. Das weiße, geäderte Fleisch seines Beines: ein «Gorgonzola-Gelände». Sein Gesicht kommt ihm neben Jonis Physiognomie im Badezimmerspiegel «zerrissen, verformt, vergnomt» vor, die Visage eines «Schrats». Schrathafte Züge nimmt auch seine nachgetragene Eifersucht an: Joni muss ihm alle bisherigen Liebesverhältnisse und Sexpartner herbuchstabieren. Der alte Mann und die sehr viel jüngere Frau – darüber wurden schon viele Romane geschrieben. Selten jedoch so radikal ungeschönt wie diese «Angstblüte». In manchen Momenten glaubt Kahn das Ziel der Menschheitsgeschichte zu erkennen: die «Optimierung des Geschlechtsverkehrs». Als Leser wäre man allerdings schon froh, wenn Walser endlich die Optimierung der Darstellung des Geschlechtsverkehrs gelingen würde. Stattdessen sagen sich Joni und Karl gegenseitig ein Porno-Vokabular auf, was einige Rezensenten als Bankrott des Schriftstellers Walser empfunden haben. In der Tat: John Updike oder Philip Roth wird der Neunundsiebzigjährige wohl nicht mehr einholen. Am Ende gewinnt Walser der Enthemmung allerdings ein paar fulminante Seiten ab – wenn er die Drastik ins Aberwitzige überdreht und in einer phantasmagorischen Szene seinen Helden in einem nicht abzuschickenden Brief an Ehefrau Helen schildern lässt, wie ihm beim Gang durch München die Passantinnen, Verkäuferinnen, Kellnerinnen herzzerreißende Obszönitäten ins Ohr raunen. Zum Schluss steht der verwirrte Karl von Kahn ganz ohne seine Lieben da: Freund Lambert, Erewein, Joni und Helen – alle haben ihn im Stich gelassen. Von daher fällt auf seine Philosophie der geldgestützten Unabhängigkeit ein ironisches Zwielicht. «Man hat, wenn man keinen Freund mehr hat, schon zu lange gelebt», lautet eine der aphoristisch zugespitzten Einsichten. Walser ist stark, wenn er im innersten Bezirk der Hauptfiguren herumwirtschaftet, dort, wo die Versagensängste wie Viren im Betriebssystem wirken. Nicht nur Karl von Kahn, alle seine Figuren räsonieren unermüdlich gegen die Zumutungen der Welt an. Es sind Wort-Menschen; die Sprache ist ihr Aufputsch- und Beruhigungsmittel. Insofern sind sie alle verkappte Schriftsteller und einander viel zu ähnlich. Zu jeder Gelegenheit und bei jeder Malaise produzieren sie eine Suada – sprachlos wird man sie nie erleben. Kreativ nur aus Formschwäche Angesichts dieses Reflexionsaufwands erstaunt es, dass Walser gerade die entscheidenden Wendungen des Romans mit einer gewissen Schlampigkeit behandelt. Der Selbstmord von Kahns Bruder Erewein, aber auch die Joni-Affäre und deren Ende ergeben sich allzu unvermittelt. Wenn ein Rezensent des Romans schrieb, Joni sei fasziniert von Kahn, weil er als Berater auch in menschlichen Angelegenheiten so schön zuhören könne, dann ist solche Spekulation offenbar Walsers nachlässiger Motivierung geschuldet. Den disziplinierten psychologischen Realismus seiner mittleren Werkphase, die vor drei Jahrzehnten mit «Ein fliehendes Pferd» und «Seelenarbeit» einsetzte, hat der Autor inzwischen weit hinter sich gelassen. Man fühlt sich eher erinnert an ausschweifende frühe Romane wie «Der Sturz»: ebenfalls ein desorganisiertes Buch, das die Formschwäche durch den Überfluss an Einfällen wettmacht und Episoden enthält, die zum Komischsten gehören, was Walser geschrieben hat. Auch in «Angstblüte» genießt man Walsers Formulierungswitz und seine Manie, sich alle Phänomene anzuverwandeln. Man lässt sich Exkurse über die Finanzierung der napoleonischen Kriege und die geflügelte Erbsenblattlaus gefallen, über Kaiser Wilhelm als Opernkomponisten und Ursprungsverhängnis des 20. Jahrhunderts. Gelegentlich gibt es kleine Nachschläge zu den notorischen Debatten, etwa wenn es zwischen einem Stalingrad-Veteranen und seinem Schwiegersohn wegen des Wortes «Heldenfriedhof» zum Zerwürfnis kommt. Da fällt nebenbei eine kleine (wohl zu kleine) Theorie der Rechthaberfamilie ab: Wer heute penetrant politische Korrektheit einfordere, stamme möglicherweise von besonders beflissenen Nazis ab. Episoden wie aus dem Kabarett Auch die kleine Albernheit wird nicht gescheut. Karl von Kahn hat eine Tochter, die in Mecklenburg mit einem idealistischen Hühnerfarmer verheiratet ist. Blinde Hühner will der züchten – die Tiere sollen das übliche Hühnerelend nicht mit ansehen müssen. Diese Episode grenzt wie so vieles in diesem Buch, etwa die Namensgebung (Amei Varnbühler-Bülow-Wachtel heißt eine von Kahns vertrauensvollen Millionärinnen), ans Kabarett. Oft kann man, was auf der Handlungsebene geschieht, nicht ganz ernst nehmen, weshalb dann auch die existenziell gewichtigen Reflexionen in der Luft hängen. Sehr alte Autoren (etwa der Goethe der «Wanderjahre») pflegen die Form des Romans lässig zu nehmen. Im besten Fall stellt sich dabei jener «Greisen-Avantgardismus» ein, den Thomas Mann rühmte. So sollte man vielleicht auch die sichtlichen Konstruktionsschwächen und dürren Strecken der «Angstblüte» mit Nachsicht behandeln und die Vorzüge der gelockerten Disziplin hervorheben: Ein Autor spricht aus diesem Buch, der sich weigert, zur Ruhe zu kommen, der verwilderte Sehnsucht und rasende Unzufriedenheit kennt, Momente stolzer Einsamkeit und trotziger Rechthaberei. Und der «aufwärts beschleunigt», auch wenn es ans Herz geht. Von Wolfgang Schneider
Martin Walser Angstblüte. Roman Rowohlt, Reinbek 2006. 478 S., 22,90 §
|
|
Was tun mit dem Entjungferungskomplex? |
|
Roman. Mit «Das Wetter vor 15 Jahren» versucht der vielgefeierte Krimi-Autor Wolf Haas den Schritt in die Zeit nach Simon Brenner Da hat einer sechs erfolgreiche, stilistisch unverwechselbare Bücher geschrieben, die von einem eigenwilligen, kauzigen Ermittler namens Simon Brenner handeln – von einem, der keine glänzende Polizeikarriere gemacht hat und dennoch (oder deshalb?) prädestiniert ist, den bösen Verbrechern in ganz Österreich das Handwerk zu legen. Anfänglich war er, der 1960 im idyllischen Maria Alm geborene Wolf Haas, ein im Taschenbuch versteckter «Geheimtipp», ehe man ihn einen «Kultautor» zu nennen begann. Bis es Simon Brenner wie seinem literarischen Vorfahren Sherlock Holmes erging: Er musste, sein Er½nder wollte es so, ins Gras beißen – zumindest sah das so aus, im letzten Simon-Brenner-Roman «Das ewige Leben». Was schreibt man danach, sofern man nicht, wie Arthur Conan Doyle, rückfällig werden und seinen Helden wieder auferstehen lassen möchte? Wie festigt man ein derartiges Renommee, das sich zuletzt auch in Moritz Baßlers Studie «Der deutsche Pop-Roman» niederschlug, wo Haas’ Brenneriana über den grünen Klee gelobt werden? Wolf Haas hat sich mehr als drei Jahre Zeit gelassen und nun mit «Das Wetter vor 15 Jahren» einen Dialogroman vorgelegt, der – das war kaum anders zu erwarten – für helle Begeisterung oder tiefe Ernüchterung sorgen dürfte. Was ist das Ungewöhnliche an diesem Buch, das allen Lesererwartungen zuwiderzulaufen scheint? Haas knüpft an postmoderne Roman-im-Roman-Variationen an: Kein herkömmlicher Plot soll erzählt werden, sondern das, was früher diesen Namen verdient hätte, erscheint in indirekter Form – im nacherzählten Bericht dessen, was der Roman gewesen wäre, wenn man ihn nur in Händen halten würde. Plaudern mit einer Literaturbeilage Zwei Personen kommen zu einem Interview zusammen. Fünf Tage lang sprechen sie über den soeben erschienenen Roman der einen, die aparterweise wie der Autor «Wolf Haas» heißt. Interviewerin ist eine Dame, die nur als «Literaturbeilage» tituliert wird. Die Figur «Haas» hat einen Roman geschrieben, der von einem Wetterfanatiker namens Vittorio Kowalski aus dem Ruhrgebiet handelt. Als 15-Jähriger verbrachte er seine Ferien mit seinen Eltern im österreichischen Farmach, machte die Bekanntschaft der ortsansässigen Anna und brauchte weitere fünfzehn Jahre, ehe er auf verschlungenem Wege den ersehnten Kuss mit dem einstigen Sommerfrische-Schwarm austauschen darf. Jene Ferienwochen in Farmach machten so tiefen Eindruck auf Kowalski, dass er sich zum Wetterexperten der Gemeinde aufschwingt und aus der Essener Ferne von jedem Tag der letzten fünfzehn Jahre das Farmacher Wetter aufsagen kann. Diese Spezialbefähigung bringt ihn dorthin, wohin jede halbwegs absonderliche Begabung heutzutage führt: in Thomas Gottschalks «Wetten, dass …?»-Show. Der Auftritt bewirkt, dass sich Anna wieder bei ihm meldet. Bitte schalten Sie das Gerät aus Wolf Haas nutzt den Dialog über diesen Roman, um sich so manchen Scherz über die Usancen des Literaturbetriebs zu erlauben. Seine Interviewpartnerin «Literaturbeilage», eine Bundesdeutsche, zeichnet sich nicht durch übergroße Intelligenz aus. Die meiste Zeit reden sie und «Wolf Haas» aneinander vorbei. «Literaturbeilage» sucht dem Autor allerhand Symbole und Metaphern nahe zu bringen, müht sich, im Kowalski-Roman «Vorausdeutungs-Ostereier» aufzuspüren, und moniert dessen «Zaunpfähle» – Deutungsanstrengungen, auf die der Befragte mit Unwillen und Unverständnis reagiert. «Wolf Haas», der froh ist, keine Krimis mehr zu schreiben, sieht sich von Interpretationsmustern umstellt und verliert schließlich die Contenance. «Literaturbeilage» pocht auf ihre Erklärung sexueller Anspielungen und treibt «Wolf Haas» in die Enge: «Haben Sie Angst, dass man Ihnen einen Entjungferungskomplex unterstellt? Dann hätten Sie das Buch nicht schreiben dürfen.» Der Gepeinigte scheint zu resignieren, duzt die Interviewerin mit einem Mal und will ihr nun endlich erzählen, was damals wirklich geschah in Farmach – sofern das Aufnahmegerät ausgeschaltet wird. Und genauso endet das Romangespräch über einen Roman: mitten im Wort. «Das Wetter vor 15 Jahren» ist ein außergewöhnliches Buch, das mit der Form des Romans spielt und deren Belastbarkeit erprobt. Dass das Schreiben von Büchern und das Schreiben oder Sprechen über Bücher zwei grundverschiedene Dinge sind, lässt sich hier nicht selten komisch erfahren. Ob «Literaturbeilage» oder ob «Wolf Haas» die besseren Argumente hat, ist schwer zu entscheiden, denn leider kennen wir ja den Roman, über den in «Das Wetter vor 15 Jahren» geredet wird, nur in den wenigen Auszügen, die die Interviewerin, gegen den Willen des Autors, zitiert. Die Passagen, die dann zu hören sind, deuten originellerweise auf einen recht misslungenen, sprachlich konventionellen Roman hin. Der Wolf Haas der Brenner-Krimis hätte einen solchen nie geschrieben. Rainer Moritz
|
|
Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer |
|
OZEANKUNDE Érik Orsenna segelt dem Golfstrom hinterher und erzählt dabei die Geschichte vom besten transatlantischen Bündnis aller Zeiten Im Frühjahr 1886 startet eine ebenso blaublütige wie hochtrabende Flaschenpost auf der Höhe von Neufundland. «Jeder, der dieses Papier findet, wird erfordert dasselbe an die Seebehörde seines Landes zu übermachen zur Übertragung an die französische Regierung», verlangt die Botschaft in den gut verplombten Glasröhren, die in sieben Sprachen und 1675-facher Ausfertigung vom Golfstrom nach Europa, Afrika oder bis nach Zentralamerika transportiert wird. Kein Geringerer als Fürst Albert I. von Monaco, Meeres-Enthusiast und Hobby-Ozeanograf, hatte die Flaschenpost auf eigene Kosten aussetzen lassen, um den exakten Strömungsverlauf zwischen Amerika und Europa zu erforschen. Ende des 19. Jahrhunderts war der Golfstrom in groben Zügen bekannt: Als riesige Schleife zirkuliert er im Atlantik und sorgt in Schottland für blühenden Rhododendron, auf den Lofoten für fette Dorschfilets und am nordamerikanischen Kap Hatteras für eine nicht abreißende Serie von Schiffbrüchen. In seinem «Lob des Golfstroms» lässt sich Érik Orsenna von Geschichte zu Geschichte treiben, und seine Botschaft ist unmissverständlich: Wer die Naturgewalt des Meeres liebt, muss ganz in dessen menschengemachte Historie eintauchen. Der Beginn der modernen Meereskunde in der Aufklärung interessiert ihn dabei ebenso wie die norwegischen Sagen rund um den Malstrom, die imaginären Reisen von Jules Verne stehen gleichberechtigt neben den neuesten Erkenntnissen zum Klimawandel. Vor allem aber ist der französische Schriftsteller selbst kreuz und quer über den Atlantik gesegelt, denn er sammelt Strömungen «wie andere Menschen Briefmarken oder Schmetterlinge». Europas wundersame Zentralheizung Tatsächlich mutieren seine Sammelobjekte unter der Hand zu fast schon menschlichen Temperamenten: Orsenna portraitiert milde, jähzornige oder phlegmatische Strömungen, je nach Wetter- und Stimmungslage. Beinahe könnte man ihm eine Art Strömungsmetaphysik unterstellen, denn ähnlich wie Bruce Chatwin die australischen «Traumpfade» beschreibt er die Ozean-Routen als übermächtige Kraftlinien, denen sich niemand entziehen kann. Aber lange vor der Metaphysik kommt die durch und durch irdische Physik: Orsenna erklärt das komplizierte System von Salzgehalt und Schwere des Wassers, von Sonnenwärme, Luftdruck, Antizyklonen und Coriolis-Kraft (vulgo: «Einfluss der Erdrotation auf die Richtung der Winde und Strömungen»), die zusammen den Golfstrom ergeben. Diese unermüdlich arbeitende «Zentralheizung Europas» zerfällt in etliche Einzelglieder und lässt sich logischerweise nicht auf Anfang oder Ende festnageln. Einen Kardinalpunkt allerdings kann man ausmachen: Im Golf von Mexiko – dem der Golfstrom seinen Namen verdankt – werden große Wassermassen erwärmt, die an der Küste Nordamerikas weiterziehen und sich im Atlantik verteilen. Doch gleiches Gewicht wie die Strömungsmechanik hat die frühneuzeitliche und moderne Geschichte im «Lob des Golfstroms»: Es ist vor allem Benjamin Franklin, den Orsenna zum Helden des Atlantiks stilisiert. Weil die Postschiffe von England nach Amerika so viel langsamer sind als die amerikanischen Handelsschiffe in der Gegenrichtung, regt der pragmatische Aufklärer 1769 eine Untersuchung an – und damit sind die ersten wissenschaftlichen Skizzen des Golfstroms geboren. Atlantiker: Poe, Verne und Orwell Die größten Fische gehen Orsenna ins Netz, wenn er die Literatur nach Strömungs-Fundstücken durchkämmt. Neben Edgar Allan Poe und dessen «Descent into the Maelstrom» von 1841 reist er George Orwell hinterher, der nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer abgelegenen schottischen Insel hauste – ganz in der Nähe des Corrievreckan, eines «der drei brutalsten Gezeitenströme der Welt». Ob die unübersehbar vernichtende Naturgewalt als heimliches Modell herhalten musste für Orwells nicht gerade optimistische Weltbeschreibung in «1984»? An erster Stelle aber stehen Kapitän Nemo und dessen perfekt ausstaffierte Unterwasserwelten. «Jules Verne», bemerkt Orsenna, «macht aus dem Golfstrom ein wahres Aquarium, das üppigste des Planeten. Ein ganzes Wörterbuch kippt er hinein.» All diese fiktiven Knorpel-, Papageien-, Schleim- oder Froschfische nimmt der Autor wiederum zum Anlass, den realen Artenreichtum entlang des Golfstroms zu beschreiben. Dabei erweist sich Érik Orsenna als Meister der Abschweifung, der vom Seemannsgarn mühelos zum nautischen Spezialdiskurs zurückfindet: Sein «Lob des Golfstroms» lässt sich am besten als poetisches Sachbuch fassen – mal wendig wie ein Schnellsegler, mal bedächtig und verträumt wie ein Ausflugsdampfer des 19. Jahrhunderts. Schon in seinem «Portrait eines glücklichen Menschen» – der Geschichte des Gärtners von Versailles – hat Orsenna, Jahrgang 1947, Mitglied der Académie Française, Romancier und in einem anderen Leben Wirtschaftswissenschaftler, solches Verknüpfungsgeschick bewiesen. Dass sein Golfstrom-Buch die aktuellen Umweltprobleme mit einbezieht, ist ebenso naheliegend wie notwendig – schließlich wird das Ökosystem von Treibhaus-Effekt, Gletscherschmelze, Ölteppichen und anderen Zivilisationsschäden massiv bedroht. Dennoch geht es weniger um die schmutzige Realität (ein längerer Ausflug in die Politik des Klimaschutzes hätte der Meeres-Eloge schon gut getan) als um die symbolische Tiefendimension des Meeres. Es sind die überzeitlichen Kreisläufe und deren Wellenbewegungen, die Orsenna interessieren. Am Horizont leuchten Fernand Braudels Mittelmeer-Studie und die Großthese von der longue durée, den langen historischen Abschnitten, die den eigentlichen Strom der Geschichte konstituieren. So gesehen, werden die Scottish Rhododendron Society oder das Museum des Trockenfischs in Tromsø zu Treibgut im Meer der Geschichte – von Érik Orsenna aufs Feinste poliert und in die nautische Vitrine gestellt. Jutta Person
|
|
Was liest... |
|
Sten Nadolny Der Schriftsteller, promovierte Historiker und Politologe, Jahrgang 1942, lebt in Berlin. 1983 gelang ihm der Durchbruch als Erzähler mit dem Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit». Weitere sechs Romane liegen vor, zuletzt erschien «Ullsteinroman» (2003) Aus purer Neugier und ohne Verwertungszwecke lesen, das ist bei mir selten geworden. Aber im Moment passiert es – ich lese den Roman «Atlas wirft die Welt ab» der aus Russland stammenden Amerikanerin Ayn Rand, 1957 erschienen unter dem Originaltitel «Atlas Shrugged». Ein Ziegelstein von Buch, 1325 Seiten hat meine deutsche Ausgabe. Ich habe vor Jahren einmal damit angefangen, fand es spannend, zumal es (auch) von der Eisenbahn handelte, ging dann aber auf Reisen und packte doch lieber zwei dtv-Bändchen in den Koffer. Ayn Rands Buch habe ich erst vor zwei Wochen wieder aus dem Regal geholt – Spannung verlangt die rasche Fortsetzung des Konsums, bei längerem Stehenlassen verdunstet sie wie Alkohol, man muss neu einschenken, also von vorn beginnen. «Atlas wirft die Welt ab» erfüllt alle Kriterien eines klassischen Knüllers. Es ist eine Art «Vom Winde verweht» mit Liebe, Machtspielen, wunderbaren Menschen und ekelerregenden Schurken, alles in einem Amerika der Zukunft, das in Neid, Intrigen und Faulheit unterzugehen droht. Da das Buch eine antikommunistische, antigewerkschaftliche, antibürokratische und anti-altruistische Botschaft hat, sind die Guten vor allem ehrbare, unpolitische Wertschöpfer von großer Arbeitskraft, geniale Gründertypen von leidenschaftlichem Perfektionismus, sie allein schaffen annehmbare Qualität. Sie brauchen, um das zu können, nichts als Freiheit: Lässt man sie in Ruhe arbeiten, bauen sie technische Wunderwerke und den Fortschritt schlechthin. Ihnen stehen graue, traurige Kollektive gegenüber, geführt von Apparatschiks, die nur eines zustande bringen: den wenigen schöpferischen Personen im Lande möglichst viel abschwatzen, wegnehmen und ihnen mit allerlei irrationalen Doktrinen, Beschuldigungen, Vorschriften und Hindernissen die Arbeit schließlich ganz unmöglich machen. Sie leben nicht vom Aufbau, sondern von der Erbeutung dessen, was andere aufgebaut haben, Raubtiere, jawohl, und durch sie gibt es im Lande schließlich nur noch die Ruhe eines Friedhofs und – Schundware! Was aber tun all diese Parteipolitiker, Pfründeverwalter, Steuerschraubendreher, Unternehmervernichter, die jederzeit zu rhetorischen Augenwischereien, aber zu keinem folgerichtigen Gedanken und schon gar nicht zur Hingabe an ein Werk fähig sind? Was tun sie, wenn die wenigen Könner im Lande – ihre Wertproduzenten und Wirtstiere – beschließen, unbekannt zu verziehen und in einem kleinen, aber unsinkbaren Atlantis ein Gemeinwesen aufzubauen, das vor Zugriff geschützt ist? Dann geht es den Abzockern richtig schlecht – glücklich waren sie schon vorher nicht, denn das sind Parasiten nie. Zu genau wissen sie selbst, wie minderwertig sie sind. Geschieht jetzt eine Revolution? Die grauen Massen sind plötzlich weniger grau, sie jagen die Funktionäre zum Teufel und holen Atlas im Triumph zurück, damit er wieder die Welt trägt? So weit bin ich beim Lesen zwar noch nicht gekommen, aber ich denke, es wird passieren. Man mag mit der sehr einfachen Philosophie, oder besser doch: Ideologie dieses Buches hadern – man soll es sogar. Denn es war und ist eine kalkulierte Provokation, einer jener Feuerwerkskörper, wie sie zum Jahresende immer wieder polizeilich verboten werden müssen, ein Kanonenschlag. Die Wirkung des Romans war, wie ich erfuhr, gewaltig: Er wurde nicht nur weltweit in zweistelliger Millionenhöhe verkauft; Ayn Rand und ihre Philosophie des «Objektivismus» fand (auch schon mit früheren Romanen) zahlreiche, auch prominente Anhänger – amerikanische Politiker, die gegen den New Deal, gegen Sozialismus und für mehr Unabhängigkeit der Unternehmer waren, darunter sogar Präsidenten. Und nicht alles, was einfach ist, ist einfach abzutun. Einen Teil der Wahrheit spiegelt jede auch nur halbwegs intelligente Ideologie, schlimm ist nur, dass alsbald Reinheitsgebote entwickelt werden. Jede Ideologie, die auf sich hält, ist früher oder später auf so etwas wie Säuberungen aus und schürt die Aggressionen, die sie möglich machen. Bei Ayn Rand bin ich mir nicht sicher. Was emp½ehlt sie ihren Helden politisch für den Gegenangriff – einfach nur auswandern und warten? Oder doch einen kleinen McCarthy-Ausschuss ehrlicher Arbeiter gegen wertabschöpfendes Funktionärsgesindel? Nichts gegen kühne Gedanken, und das sage ich ernsthaft. Das Unglück der Welt kommt gewöhnlich weniger von den kühnen Gedanken als von deren Abwesenheit. Aber der Roman «Atlas wirft die Welt ab» ist mehr als kühn, er ist ein Schlachtschiff. Es gab und gibt immer wieder Feinde, man denke nur an die Nazis, gegen die man sich Waffen von vernichtender, nämlich vernichtend einfacher Logik herbeiwünscht, auch wenn erwiesenermaßen wenig Segen darauf liegt. Glücklich die Zeiten, die solche Waffen nicht nötig haben.
|
|
Die Beiseite |
Blut von meinem Blut Mit einem Thriller fällt das Lieben und Leiden leichter – vor allem, wenn man kurzgewachsen und im Wiener Café Lux gestrandet ist Die Frauen, von denen andere Männer nur schwärmen, geraten an den falschen Mann – sie geraten an mich. Ich bin blond, ich habe grüne Augen, ich neige nur dann zum Körpereinsatz, wenn ich nicht will, dass man mich von der Spur rempelt … Don Roberto Juan erstarrt in eben jenem Moment, da die Kellnerin erscheint, um den vollen Aschenbecher gegen einen leeren zu tauschen. Eigentlich ist alles gut, ich bin für zwei Tage in Wien, und auch wenn die tropische Hitze mir zu schaffen macht, liebe ich diese Stadt. Die Wiener bilden kleine Kreise, und sie schätzen den bösen kleinen Klatsch; alles ist historisch, und jeder, der etwas auf sich hält, druckt als Zeichen der gesellschaftlichen Erhebung seine Titel auf die Visitenkarte. Die Menschen in dieser mir völlig fremden Stadt sind hochsympathisch – ich bin ja nur ein Tourist, der es sich erlauben kann, die Städter mit flüchtigem Blick zu streifen. Jetzt aber Don Roberto Juan. Auch er gebürtiger Wiener – wie die Slowenischstämmige, die jede Bestellung auf dem Zettel notiert. Hier im Café Lux in der Neubaugasse ist sie unanfechtbar; ihre getuschten Wimpern sind Strahlenkränze, die ihre großen Augen umspielen. Sagt, in genau diesen Worten, Don Roberto Juan. Die Vorderfront des Cafés besteht aus Panoramafenstern, die Slowenin hakt sie morgens aus und schiebt die Tische möglichst nahe an den Bürgersteig. Der Hispano-Wiener und ich schauen hinaus. Viele hochgewachsene junge Frauen gehen an unserem Tisch vorbei, ohne den Don eines Blickes zu würdigen. Er sagt: Kleinwüchsige leben länger. Ich stimme ihm sofort zu, ohne recht zu wissen, wovon er spricht. Wir bestellen Wienerschnitzel, und als die schöne herbe Slowenin eine Dreiviertelstunde später Teller und Gläser auf dem Tisch abstellt, sagt der Don: Wir sollten nicht essen, nicht jetzt, sonst verfliegt der Zauber. Was für ein Zauber, du Pfeife, will ich ausrufen, ich sterbe vor Hunger, und die Hitze macht mich rammdösig, ich will dieses Wienerschnitzel essen, jetzt sofort, aber ich kann dann doch nicht, weil Don Roberto Juan, der Frauentyp, zum ersten Mal in seinem Leben verliebt ist. Ich kenne ihn gerade mal seit vier Stunden, er saß im Café Lux und starrte vor sich hin, und weil es keine freien Plätze gab, setzte ich mich an seinen Tisch. Irgendwann schlug er ein Buch auf und starrte hinein, er las nicht und blätterte die Seiten nicht um. Ich wurde neugierig und sprach ihn an, und nachdem er sich von meiner heterosexuellen Grundtönung überzeugt hatte, taute er auf. Dieses Buch, sagte er, bedeutet mir nichts, aber es wird in einigen Stunden eine Frau kommen, sie bedeutet mir viel. In Wien, dachte ich, üben die Zivilisten ab dem Glockenschlag, da sie erwachen und feststellen, dass sie das Zeug zum militanten Liebhaber haben. Sehr schön, sehr sympathisch. Der Balkan fängt laut Metternich am Rennweg an, oder aber Österreich ist das neue Jugoslawien. Don Roberto Juan ließ mich ausreden und sagte, so könne nur ein Deutscher im Delirium daherspinnen. Ich wechselte das Thema. Dann kommt die Frau seines Herzens, sie trägt ein Sommerkleid mit gelben Punkten, wir werden einander vorgestellt, Janina, sie bestellt trockenen italienischen Weißwein und fragt den Don, was er denn da lese. Er sagt, er lese ein Buch, aber nicht richtig. Dann aber Schweigen, dann aber eine Stille, wie sie bei einem Mann und einer Frau entsteht, die einander viel zu sagen haben, nur nicht in Gegenwart eines Auswärtigen. Natürlich versuche ich, die Stimmung zu heben, ich lobe Wien und die Wiener, ich lobe die tropische Hitze, ich lobe die schlampigen Kellner in den Kaffeehäusern, und ich lobe die Liebe vor historischer Kulisse. Sie schweigen. Janina sagt, er könne später zu ihr kommen, um sein Abschluss-Plädoyer vorzutragen. Sie zwickt ihn in die Wange und geht weg. Ich starre auf mein Wienerschnitzel und fange an zu schneiden. Don Roberto Juan, der Liebhaber, sagt, ich solle nicht darüber bekümmert sein, dass er mich verlasse, er müsse sich den verdienten Arschtritt abholen gehen. Natürlich hat er das Buch liegen lassen. Ich greife danach. Volltreffer, es ist ein Thriller, der Uneingeweihte würde von Schund reden, doch ich bin eingeweiht und sehr angetan vom Titel: «Blut von meinem Blut». Der erste Roman von Declan Hughes, lese ich im Klappentext, eigentlich schreibe der Mann Theaterstücke und sei überhaupt ein erfolgreicher irischer Regisseur. Keine guten Startbedingungen, um einen Psychothriller anzupacken, denke ich. Nach den ersten fünfzig Seiten bin ich bereit, meine Idiotie zuzugeben. Sechzig Seiten später rufe ich bei einem Freund an und sage das Treffen ab. Die Slowenin will wissen, was ich denn da lese, und als ich eine Lobeshymne auf den großartigen, herrlichen, prächtigen und wahnsinnig gut geschriebenen Thriller anstimme, verzieht sie den Mund und spricht nicht mehr mit mir. Am nächsten Tag treffe ich den Don. Er liebe und leide, sagt er, ich gebe ihm sein Buch zurück und bitte ihn, es zu lesen, das Lieben und Leiden fällt so leichter, sage ich. Dann fahre ich weg, jetzt weiß ich es: Wien ist Wien, und der Balkan ist anderswo. Von Feridun Zaimoglu
|
|
Seiten (3) : Zurück 1 [2] 3 Vor |
|
|
 |