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Ausgabe 09.06 - Literaturen - Literatur
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Das Kriminal
Das Kriminal Von Kuba lernen, heißt Heiligsprechen
Ich hab’s gewusst, und im Nachwort stand es dann auch: Das Buch, welches da heißt «Ein Bolero für den Kommissar» von Lorenzo Lunar Cardedo (Haymon, 17,90 §) ist ein Song, ein kubanischer Blues – wenn man es schon so amerikanisch sagt, durchaus den Leuten entsprechend, die diesen Kriminalroman bevölkern. Über sie ist nämlich eine Utopie verhängt: die Ausreise nach Miami. Ist Miami in Sicht, dann nimmt man als armer Schlucker aus der Provinzstadt Santa Clara auch einen Mord auf sich, den man gar nicht begangen hat. Gespielt wird das alte Spiel: Die wirklichen Drahtzieher, die «eigentlich Bösen», gehen frei aus; sie wirken weiter in ihrem Sinn, und ihre Geschäfte gehen gut. Dagegen hilft keine Polizei.

Aber es ist nicht so, dass die Leute, die Miami in Zukunft genießen mögen, ihr Land, ihre Stadt, ihr Viertel hassen. Das eine ist halt die Utopie, das andere ist das, was man hat, und auch wenn es einem alles nimmt, hat man dazugehört, war man ein Teil davon, war man nicht allein. Der Refrain des Songs lautet: «In diesem Viertel passiert jeden Tag alles Mögliche. Dieses verrückte Viertel.» Es gab einmal einen Neurologen, der Paul Ferdinand Schilder hieß. Von ihm stammt das Wort «Körperschema», und wenn ich mich nicht irre, beschreibt dieses Wort die Art und Weise, in der sich im Bewusstsein eines Menschen sein Körper aufbaut, «abbildet», und es kann schon sein, dass sich ein Stadtviertel ins Körperschema einprägt. Dann sind die Menschen physisch von ihrem Bezirk abhängig; und umgekehrt gilt, dass ihre Körper wie die Straßen, Plätze und Wohnungen eingemeindet sind. Es ist ein geschlossener Kreis.

So einen geschlossenen Kreis beschreibt dieser Kriminalroman. Leo Martín, der Kommissar, ist in dem Viertel, in dem er seines Amtes waltet, geboren und aufgewachsen. Daher lebt er im Zwiespalt. Einerseits muss er die Gesetze des Ortes einhalten, darf niemanden verraten, niemanden übertrieben unfair behandeln. Einmal wird der Kommissar, der gerade einen Verdächtigen unsanft traktiert, von einem Spießer beglückwünscht: Wären alle Polizisten so, dann gäbe es weniger Verbrechen. Leo Martín ½ndet den Spießer schrecklich, ergreift also Partei gegen die eigene Amtshandlung.

Andererseits muss er als Polizist agieren, die Leute ausfragen und die Informationen verwerten. Das funktioniert aber ganz gut, der Kommissar kommt mit dem Widerspruch zurecht – und das ist wohl eine der Botschaften des Romans: Die Polizei hat in dem Viertel überhaupt nur eine Chance, wenn ihre Vertreter im geradezu religiösen Sinn «eingeweiht» sind. Aber es geht tiefer. Der Ermordete ist ein alter Mann, ein elender Trinker. Der Kommissar kannte den Alten, der Mann war in Ordnung; er gehörte zum Viertel. Und jetzt sein einsamer Tod in diesem einsamen Leben: «Und wenn der erste Vogelschwarm in der Dämmerung über das Viertel flog, griff er wieder zur Flasche, um dann traurige Geschichten von untreuen Frauen und bitteren Enttäuschungen zu erzählen. Um mexikanische Volkslieder, die bekanntesten Boleros oder tragische Tangos zu singen. Um den Tag wie immer zu beenden: allein und betrunken in seinem Zimmer. Ohne Familie: ohne Mutter und Vater, ohne Kinder und Enkelkinder. Allein, alt und betrunken. Cundo ist allein gestorben, das war sein Schicksal.»

So stirbt der Poet, der Rhapsode: an der Grenze zum Kitsch. Ich denke, es sind nicht zuletzt solche Schicksalhaftigkeiten, deretwegen das Nachwort dem Buch eine «Poetik des Marginalen» nachsagt. Und in der Tat, die Poesie des Randständigen macht den Reiz des Buches aus. Der Alte starb gar nicht so allein. In der Stunde seines Todes war bei ihm nicht nur der Mörder, sondern eine völlig betrunkene Frau, verwahrlost und stinkend. Sie war, vor gar nicht so langer Zeit, die erste Frau, die den Kommissar die Liebe gelehrt hat. Sic transit gloria mundi, und in dem Viertel kann man nur im Kreis gehen. Immer kommt man bei sich an.

Übersetzt wurde der Roman, wie es sich gehört, von einem anonymen Kollektiv, nämlich «von Studierenden der Universität Innsbruck». In die Ehrengalerie der Sätze aus Kriminalromanen nehme ich den folgenden auf: «Es gibt Menschen, für die ein gelebter Tag ein ganzes Jahr ist.» Ja, die Zeit ist unter Umständen ein gewichtiges Ding, und manchmal hat man nicht die geringste Chance, sie zu vertreiben. Was den Leuten aber alles einfällt, um sich über die Runden zu bringen, tröstet über die gemeine Ausweglosigkeit hinweg. In Cardedos Buch lese ich von einer demokratisierten Variante der Heiligsprechung, wie sie wahrscheinlich nur in einer atheistisch regierten Gesellschaft vorkommen kann: «Heiligsprechungen sind zu einer weit verbreiteten Unsitte geworden. Heutzutage kann sich jeder, der ein wenig Geld hat, mit einem Sektenpriester arrangieren. Dieser führt dann das Ritual mit ihm durch. Priester gibt es ja wie Sand am Meer.»

Ich habe überlegt, ob man mit Heiligsprechen nicht auch in unseren Breiten eine Branche eröffnen könnte. Kostenpunkte: ein bisschen was für den Priester, viel Geld für Essen und Trinken auf der Heiligenfeier, teure weiße Kleidung für den Heiligen. Von Kuba lernen, heißt Heiligsprechen. Aber ich fürchte, bei uns würde das Geschäft nicht besonders gut gehen, weil ja neben der Kirche vor allem die so genannten «Medien» heiligsprechen oder verfluchen – und wir von den Medien machen das ganz unbestechlich und strikt auf eigene Rechnung.

Von Franz Schuh

Netzkarte
Netzkarte … leider draußen bleiben
Sprachschützer auf www.vds-ev.de wollen im «Internetz» die englischen Vokabeln aus dem Deutschen vertreiben

Das pop-patriotische Fieber im Land hat sich gelegt. Seit der Republikflucht des schwäbischen Fußball-Messias ist die Volksseele auf Normaltemperatur abgekühlt. Das heißt auch, dass all die ach so aufgeklärten Patrioten nun in trockener Kleinarbeit statt bei feuchten Public Viewing-Partys tätig werden müssen. Ein Beispiel für solch vaterlandsliebende Mini-Jobs ist die Arbeit im Verein Deutsche Sprache e.V., einer Organisation, die um die «Sprachtreue» der Deutschen besorgt ist. Das Lamento lautet: Zu viele Anglizismen und Amerikanismen seien in die deutsche Sprache «eingeschleust» worden; den Deutschen fehle es an Mut, sich in der «gegenwärtigen sprachkulturellen Notsituation» dem «Nebel der amerikanischen Leitkultur» zu widersetzen; überhaupt sei eine «Verarmung der Ausdruckskraft» festzustellen et cetera (www.vds-ev.de).

Den Mut des Jürgen Klinsmann können die Sprachschützer allerdings nicht meinen. Der polyglotte Bundestrainer war es schließlich, der Modernismen wie «Power» und «Back-up» in den deutschen Mainstream einführte. Warum, so fragt hingegen der Sprachverein anklagend, heißt der «Airbag» nicht «Prallkissen» und der in Deutschland erfundene «Computer» nicht «Rechner»? Als Waffe im lingualen Abwehrkampf stellt der Verein im, wie man sich hier auszudrücken pflegt, «Internetz» einen «Anglizismen-Index» zur Verfügung. Mehr als 6000 Wörter sind dort aufgelistet, die sozusagen ohne Aufenthaltsgenehmigung im deutschen Sprachschatz ihr Unwesen treiben: von A wie «abcashen» bis Z wie «zoomen».

Manche dieser Wörter – insbesondere jene aus dem unverwüstlichen New Economy-Sprech – sind wegen ihrer Bedeutungsarmut tatsächlich peinlich. Trotzdem schießt der Verein übers Ziel hinaus, wenn er anglizismusliebende Mitmenschen als «denglischsüchtige Schwätzer» beschimpft. Diese Zero Tolerance-Sprachpolitik übersieht nämlich, dass viele Anglizismen den Deutschen keineswegs von einer angloamerikanischen «Leitkultur» oktroyiert werden – siehe «Handy» (das englische cellphone). Als Zeichen, die in der globalen Massenkultur frei mäandern, konnten sie eben auch an den deutschen Sprachkörper andocken (ja, auch dies ein Begriff aus dem genannten Index). Gerade die Sprache der Popkultur kennt keine Grenzen. Weil sie ein weltgewandtes Lebensgefühl zum Ausdruck bringt, ist es absurd, Ausdrücke wie «abturnen» oder «after hour party» auf den Index zu setzen. Das Tun und Fühlen des Gemeinten wird hier vom Klang der Bezeichnung belebt. Und hat nicht der vergangene Spektakelsommer gezeigt, dass gerade der angeblich so unverkrampfte neue Patriotismus sich einer solchen Popsprache bediente – etwa wenn von Deutschland als «Team» die Rede war, das sich immer aufs Neue «pusht»? Schon deshalb sollten sich auch vermeintliche Wortführer wie der Verein Deutsche Sprache e.V. auf die unausgesprochene Forderung der Popkultur einlassen: No borders, please!

Aram Lintzel
Literatur im Kino
Kino 09.2006 Er kehrte nie zurück
Isabelle Huppert brilliert als abhängige Gattin in Patrice Chéreaus Ehe-Drama «Gabrielle»
Er wollte die Reichen und Mächtigen zeigen, den «unversöhnlichen, erdrückenden Luxus des frühen 20. Jahrhunderts spüren, wie ein Grab, das der Mann gegraben hat, um jemanden lebendig zu begraben – seine Frau». So erklärte es der Regisseur Patrice Chéreau. Joseph Conrad, dessen Erzählung Chéreau für seinen Film bearbeitet hat, wollte dagegen «die Wahrheit über das bestialische Bürgertum enthüllen».

Wer den neu auf DVD erschienenen Film «Gabrielle. Liebe meines Lebens» sieht und das Buch «Gabrielle oder Die Rückkehr» liest, begreift den Unterschied. Im Film steht die Frau im Zentrum, in Conrads Geschichte dagegen der Mann. Am Anfang ist er auf dem Heimweg vom Bahnhof. Inmitten der Menschenmenge läuft er «durch den Regen, mit der friedlichen Gelassenheit eines erfolgreichen und arroganten Menschen, der seiner selbst sehr sicher ist – eines Mannes mit viel Geld und vielen Freunden». Joseph Conrad wählt einen auktorialen Erzähler, um den Protagonisten zu zeichnen: Herkunft, Ideale, gesellschaftliche Stellung, die fünf Jahre zurückliegende Eheschließung. «Alle seine Bekannten hatten damals gesagt, er sei sehr verliebt; und er selbst hatte das Gleiche gesagt, einfach, weil es nur recht und billig ist, daß ein Mann sich im Leben einmal verliebt.» Zehn Seiten braucht Conrad für das Portrait eines ebenso begüterten wie beschränkten, eines gewöhnlichen Herrn aus den besseren Kreisen, der sich ohne Fehl und Tadel wähnt. Und der seine Frau zu seinem Besitzstand zählt.

Patrice Chéreau dagegen lässt eben diesen Mann – Pascal Greggory gibt ihm Gesicht und Gestalt – als Ich-Erzähler dieses Ehedramas wirken. Damit macht er ihn zum ungeschickt Handelnden und Behandelten, vor allem aber zum aktiven Verlierer, der für das Verbrechen an seiner Frau bestraft wird. Er erzählt von sich, von seiner untadeligen Gattin, ihrer beider Rolle in der Gesellschaft, vom guten Leben, das sie führen. Dann findet er zu Hause einen Brief vor, der mit einem Schlag alles zur Illusion macht. Gabrielle hat ihn verlassen. Bevor er jedoch recht weiß, wie ihm geschieht, kommt sie zurück.

Isabelle Huppert als Gabrielle betritt schwarz verschleiert die Szene, die ihr von diesem Augenblick an allein gehört – auch wenn ihr Partner all seine Schauspielkunst aufbietet, um den Gefühlswallungen Ausdruck zu geben. Auf seine ausladenden Bewegungen antwortet sie mit minimalen Gesten, kühl und klug. Auch als abhängige Gattin ist diese Schauspielerin souverän (zu Recht erhielt sie in Venedig für diese Rolle einen Spezialpreis). Sie sagt die furchtbarsten Sätze voller Entschiedenheit: «Der Gedanke an Ihr Sperma in meinem Körper ist mir unerträglich.»

Natürlich stammt dieser Satz nicht von Joseph Conrad. Chéreau hat aus der Vorlage ein sexuell aufgeladenes Psychodrama gemacht. Wenn die Frau trotz ihrer Aversion dem Ehemann am Ende ihren Körper anbietet, dann ist das ein Bild für ihre Stärke – und seine Demütigung. Sie besiegt die Leidenschaft, die er gerade erst entdeckt. Isabelle Huppert lässt ihre Hand in der Luft schweben, sie könnte den auf ihr liegenden Mann berühren, durch eine Geste beruhigen, ihm Mut machen. Aber dann fällt die Hand auf die Decke. Sie hat kein Erbarmen. Gegen alle Absicht bekommt man in diesem Augenblick Mitleid mit dem bornierten Herrn.

Von Chéreaus Film bleibt vor allem Isabelle Hupperts Gesicht in Erinnerung; vor dessen Kälte flieht am Ende verzweifelt der Mann: «Er kehrte nie zurück.» Wie die Frau in Joseph Conrads meisterhafter Erzählung aussehen könnte, darüber denkt man bei der Lektüre keinen Augenblick nach. Sie habe einen Fehler gemacht, und dieser Brief sei beides, Anfang und Ende, erklärt die zurückgekehrte Gabrielle. Der Mann wollte seine Frau nie verstehen und wird nun dazu gezwungen. Weil er plötzlich ahnt, wie die Liebe, wie ein anderes Leben aussehen könnte, flieht er. Sie ist bereit zu leben wie zuvor. Am Ende steht ein Missverständnis zwischen den beiden, das die Unmöglichkeit zementiert.

Der Film führt ein modernes Ehedrama vor. In den Kostümen von 1912 agieren triebgesteuerte Menschen. Bei Joseph Conrad sitzt der Schrecken allerdings noch tiefer, weil die Geschichte ganz ohne die ausdrückliche Frage nach dem Trieb auskommt – und doch vor allem von eben diesem gesteuert wird. Hier gibt es kein Mitleid. Und auch hier lautet der letzte Satz: «Er kehrte nie zurück.»

Manuela Reichart

Mitten aus Bukarest
Magazin Es gibt durchaus noch europäische Länder, in denen Literatur und Macht einander sympathisch sind: In einer Fernsehsendung während des Wahlkampfs 2004 wurde der Kandidat für das höchste Staatsamt Rumäniens befragt, ob ihm der Schriftsteller Mircea Cartarescu bekannt sei. Traian Basescu musste passen. Kaum zum Präsidenten gewählt, wetzte der zu Populismus neigende – und die Populärkultur vorziehende – ehemalige Seemann Basescu diese Scharte wieder aus, indem er öffentlich erklärte, in der Zwischenzeit habe er ein Buch des Autors gelesen. Die Beliebtheit des neuen Staatsoberhauptes strahlte wiederum auf Cartarescu ab: Dessen neuer Roman «Warum wir die Frauen lieben» wurde zum Bestseller – übrigens verdientermaßen. Damit diese Erfolgsstory der Eintracht von Geist und Macht nicht so schnell zu Ende geht, verlieh Basescu dem Schriftsteller vor kurzem den «Kulturellen Verdienstorden im Rang eines hohen Of½ziers». Zwar schien sich Cartarescu nicht sehr behaglich zu fühlen, als er mit dem vor der Brust baumelnden Kreuz am Band und einem Sektglas in der Hand neben dem Präsidenten stand. Trotzdem bedankte er sich artig: Es sei für ihn eine besondere Ehre, die Auszeichnung aus den Händen Basescus zu erhalten, der die Chance habe, zu einem großen Mann der rumänischen Geschichte zu werden.

Was auf den ersten Blick wie eine Fortsetzung der Verbeugungen vor der Macht anmutet, wie man sie aus kommunistischen Zeiten kennt, spielt sich doch vor einem ganz und gar anderen Hintergrund ab: Tatsächlich haben Basescus Amtsantritt und der bevorstehende EU-Beitritt die Dinge in Bewegung gebracht. So dürfte Cartarescus Lob weniger dem populistischen Stil des Präsidenten und bestimmt nicht seiner betont freundlichen Haltung gegenüber den Geheimdiensten gelten, sondern eher der Entschlossenheit, mit der das Staatsoberhaupt der Korruption in Politik und Wirtschaft den Kampf angesagt hat. Jenseits der üblichen Ankündigungen hat man nun wirklich mit der strafrechtlichen Verfolgung auch hoher Tiere mit großen Namen begonnen. Trotzdem bleiben die Vorgänge in Rumänien verwirrend. Der Poet und einstige Dissident Mircea Dinescu, der schon zu Beginn der 90er Jahre seine dichterische Produktion zugunsten der Herausgabe satirischer Magazine einstellte und damit einen wichtigen Beitrag zur Herausbildung einer kritischen Öffentlichkeit leistete, hat sich inzwischen vom Präsidenten distanziert, den er noch im Wahlkampf unterstützt hatte. Basescu, so lautet der Vorwurf, lasse lediglich unliebsame Gegner von der Justiz verfolgen. Nutzt der Erste Mann im Staat also nur die Gelegenheit, die ihm die Pressionen der EU-Kommission bieten, um alte Rechnungen zu begleichen? Oder kann sich Mircea Dinescu aufgrund seiner Erfahrungen mit einem feudal-hierarchischen Regime nichts anderes vorstellen als Gängelung von der Spitze?

Vor nicht allzu langer Zeit erzählte der inzwischen zum Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes gewählte Kritiker Nicolae Manolescu bei einer Podiumsdiskussion im Kellergewölbe des Bukarester Prometheus-Clubs von einer Konferenz in den 80er Jahren. Dort habe er neben dem Philosophen Noica sprechen müssen. Nachdem Noica brillant über das vorgegebene Thema «Die Nummer Eins» in Philosophie und Mathematik referiert habe, sei ihm, Manolescu, nichts anderes übriggeblieben, als über die «Nummer Eins» in der Politik zu reden.

So habe er seinen Vortrag mit den Worten begonnen: «Ich hasse die Nummer Eins.» Und nachdem das Gelächter im Publikum verstummt war, fügte Manolescu ernsthaft hinzu: «Die Nummer Eins, das ist unser Problem. In diesem Land denkt man immer nur an die Nummer Eins – und vergisst die Zwei, die Drei und so weiter, die gesamte Diversität der Erscheinungen.» In den literarischen Zirkeln der Hauptstadt Bukarest spricht man gerne von der «Nummer Eins». Das muss nicht immer der Präsident sein. Es kann sich auch um den Nobelpreis handeln, den bislang noch kein Dichter des Karpatenlandes erhalten hat. Wie oft bei «kleinen» Literaturen sorgen sich ihre Autoren vor allem um die Anerkennung aus dem Ausland. Deshalb will das Rumänische Kulturinstitut nun rund zwanzig literarische und essayistische Werke auszugsweise übersetzen lassen, um sie in Paris, München, Mailand oder London zur Publikation anbieten zu können. Die Auswahl sorgte in den vergangenen Wochen selbstredend für Gesprächsstoff, aber auch für heimlichen Neid und verschwiegene Kränkungen.

Ganz anderen Kränkungen setzen sich die Autoren der jüngsten Generation aus, darunter der hochtalentierte Claudiu Komartin, der ganze sieben Jahre alt war, als das Ceausescu-Regime zusammenbrach. Die jungen Dichter wollten neulich auf der Calea Victoriei, der alten Hauptstraße Bukarests, zum Auftakt eines Poetenfests Karten verteilen, die mit ihren Gedichten bedruckt waren. Die meisten Passanten wichen misstrauisch aus – in einem Land, in dem man nicht immer weiß, ob man es mit echten oder falschen Polizisten zu tun hat, könnten ja auch die Dichter verkleidete Gauner sein.

Der Schriftsteller Jan Koneffke, Jahrgang 1960, pendelt zwischen den Wohnorten Bukarest und Wien und ist Mitherausgeber der Zeitschrift «Wespennest». Zuletzt veröffentlichte er die Erzählung «Abschiedsnovelle»
Lyrik
Das große Ich Ich Ich
Robert Gernhardts letzte Gedichte «Später Spagat» zeigen den Dichter noch einmal auf der Höhe seiner Kunst

68 Jahre alt war Robert Gernhardt, als er am 30. Juni 2006 starb. Sein Tod ging ein bisschen unter bei vielen seiner schwarzrotgoldenen Landsleute: Es war der Tag, an dem die deutsche Fußballnationalmannschaft im Viertelfinale der WM gegen die argentinische spielte. Dabei war das Thema Fußball dem Dichter Gernhardt keineswegs fremd.

«Doch stets gilt, daß der Weg das Ziel ist, / weil nach dem Spiel schon vor dem Spiel ist», heißt es in «Von Spiel zu Spiel», das sich in «Später Spagat» findet, Gernhardts letztem Gedichtband. Wenn Gernhardt populären Themen wie dem kollektiven Lustobjekt Fußball auch durchaus zugetan war, so wusste er doch genau um die Unterschiede im Auge des Betrachters. Distanzverlust gab es bei Robert Gernhardt nicht, billigen Versprechungen wie Patriotismus oder anderem Feuilleton- und Folklore-Chichi ging er schon gar nicht auf den Leim – und eben auch nicht auf den Reim.

In der letzten Strophe von «Ich Ich Ich», ebenfalls nachzulesen in «Später Spagat», zeigt Gernhardt Resistenz gegen nationale Gehirnwäschebegehren: «Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. / Die Deutschen sind stolz auf mich. / Wie? Der zweite Satz trifft nicht zu? / Dann stimmt auch der erste nicht!»

Der altersmeise Günter Grass
«Ich Ich Ich», das ist, wie auch der Titel «Glück Glanz Ruhm», in Gernhardts Leben und Werk ein Leitmotiv – eines, das er nie verhehlte. Um den Preis massenhafter Verehrung wäre Gernhardt den Deutschen vielleicht wirklich etwas entgegengekommen. Aber dafür hätten sie ihn schon deutlich mehr lieben müssen, als sie es taten. Die Wiedervereinigung begrüßte er aus kaufmännischen Erwägungen – «17 Millionen neue Leser» –, aber die äußerst mageren Verkäufe seiner Bücher in den Fünf Neuen Imbissbuden verdrossen ihn bald. Als Günter Grass den Literaturnobelpreis bekam, war Gernhardt deprimiert: «Jetzt kriegt ihn mindestens 20 Jahre kein Deutscher, und das heißt, ich bekomme ihn nicht mehr.» So alt, das wusste Gernhardt, würde er nicht werden, und mit Grund war er nicht begeistert darüber, mit ansehen zu müssen, wie ein sozialdemokratischer Essensmarkensammler den Rahm und den Ruhm absahnte.

Der Grund dafür war weniger Neid als vielmehr Unverständnis über die katastrophale Fehleinschätzung von Grass – dessen Delirieren in der bildenden Kunst Gernhardt zu einem so zutreffenden wie sachlich formulierten Urteil brachte. «Poeten, die nicht zeichnen können, / sollten’s besser lassen. / Das gilt für Günter Kunerten, / das gilt für Günter Grassen», dichtet er munter in «Finger weg!». Wohl gesprochen – wer aus eigener Anschauung kennt, wie sich Grass als Illustrator beispielsweise an Hans Christian Andersen verging, der weiß, warum Blindenhunde knurren. Wird aber der altersmeise Grass Robert Gernhardts Rat beherzigen?

Auch der zweite Bewohner des Seniorencontainers «Zur deutschen Nachkriegsliteratur» kann es sich eigentlich nicht leisten, Gernhardts Gedichtband «Später Spagat» zu ignorieren. Martin Walser vermöchte Robert Gernhardts Gedicht «Vom Hunger» zu entnehmen, dass es nicht am Alter liegt, wenn man nicht über Lust schreiben kann, ohne klemmihaft herumzuschweißeln. Das geht sehr wohl, Robert Gernhardt konnte es: «Ist eine böse Lust / Sitzt zwischen Beinen / Wenn es nicht deine sind / Sinds doch die meinen // Ist eine liebe Not / Die will sich paaren / Bitt dich, gestatte ihr / In dich zu fahren // Ist eine schöne Ruh / Wenn wir es hatten / Heiß sind die Hungrigen / Selig die Satten.»

Ein Schuss Ihrkönntmichmal
Es kommt nicht oft vor, dass einer alt und weise wird; bei den meisten reicht es nur zum Geistesreichtum des Kalenderblatts. Robert Gernhardt, den ich mit seinem Band «Herz in Not» schon auf dem Weg zum koketten Chefarzt-Lyriker und mit «Klappaltar» als gefälligen Stimmenimitator und Feuilletonlyriker sah, hat für seinen letzten Gedichtband noch einmal seine Substanz mobilisiert. Abstand ist der Schlüssel – Gernhardt behält ihn bei, wo andere weich würden. «Abschied» heißt eins der nachwirksamsten Gedichte. Gernhardt nimmt ihn, demonstrativ lässig:

Ich könnte mir vorstelln,
mich so zu empfehlen:
Die Zeit. Ich will sie euch
nicht länger stehlen.
Den Raum. Ich will ihn euch
nicht länger rauben.
Den Stuß. Ich will ihn euch
nicht länger glauben.
Das Ohr. Ich will es euch
nicht länger leihen.
Das Aug. Ich will es euch
nicht länger weihen.
Das Hirn. Ich will es euch
nicht länger mieten.
Die Stirn. Ich will sie euch
nicht länger bieten.
Das Herz. Ich will es euch
nicht länger borgen.
Den Rest? Den müßt ihr
schon selber entsorgen.

So inszeniert ein Klassiker seinen Abgang aus der Welt – und ein Klassiker des Komischen war Gernhardt allemal. Die feine Säure ganz leichter Überheblichkeit, der Spritzer Arroganz, der Schuss Ihrkönntmichmal, das feine Auslachen – und das alles so spielerisch serviert wie durchaus auch ehrlich gemeint, das ist unverwechselbar Gernhardt. Wenn er in dieser Disziplin auf diesem Niveau spielte, machte ihm in Deutschland kein lebender Dichter etwas vor.

Gernhardt wusste um die Qualität seiner Gedichte, und er litt unter der Ignoranz, die ihnen widerfuhr – so sehr, dass er persönlich Maßnahmen ergriff. Sein Kollege Pit Knorr erzählte, wie er in den achtziger Jahren auf Gernhardts Wunsch hin Marcel Reich-Ranicki über Bande Gedichte von Gernhardt zukommen ließ. Das klingt ehrgeizig, nahezu verzweifelt und semi-souverän – und hat Reich-Ranickis Horizont nicht wirklich erweitert.

Mit der Fernsehmoderatorin Else Buschheuer stritt sich Reich-Ranicki um die Urheberschaft des legendären Zweizeilers «Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.» – «Der ist von Gernhardt!», trompetete Reich-Ranicki. Buschheuer wusste es richtig und widersprach dem FAZ- und Fernsehmann: «Das ist von F. W. Bernstein.» Reich-Ranicki beharrte auf seinem Irrtum und schnappschildkrötete: «Nein. Von Gernhardt! Bernstein ist ein Dirigent!»

Ruhm, auch um solchen Preis, war Robert Gernhardt wichtig, und elementar gehörte für ihn dazu, in der Reihe der kleinen gelben Reclam-Heftchen vertreten zu sein – eben als Klassiker. Er war sich nicht zu fein, das bei Reclam von sich aus anzusprechen. 1990 erschien «Reim und Zeit» und verkaufte sich gut sechsstellig. Danach war Gernhardt endgültig populär. Es ist gut, dass nicht wenige Deutsche Gedichte oder doch wenigstens einzelne Verse von Gernhardt auswendig können – «by heart», wie das auf Englisch viel treffender heißt. Wer wüsste schon eine Zeile Durs Grünbein aus dem Herzen – und wozu auch? Wie erfreulich dagegen Gernhardt: «Seht ihn an, den Schreiner / Trinkt er, wird er kleiner. / Schaut, wie flink und frettchenhaft / Er an seinem Brettchen schafft.»

Das sind vier Zeilen aus «Folgen der Trunksucht», sie stehen in meinem Lieblingsbuch von Robert Gernhardt, in «Wörtersee» (1981), einem Füllhorn der unverschämten dichterischen Ausgelassenheit – die auch vor den hochkulturell als pubertär verpönten Niederungen des Untenrum nicht zurückscheut. Und zu der Gernhardt, fast 25 Jahre später, zurückfindet, wenn auch ganz anders. In dem Gedicht «Blut, Scheiß und Gähnen», in dem er den Brachialverfall seines kranken Körpers beschreibt, heißt es: «Was verlasst ihr meinen Körper? / Warum, Scheiße, diese Eile? / War ich, Blut, dir keine Heimstatt? / Weshalb, Träne, dein Gefließe?»

Warum, Scheiße, diese Eile? – So ewig gültig wurden die moderne Welt und der Lauf der Dinge nicht oft eingefangen. Wer das für vulgär und grob hält, weiß gar nichts und muss nachsitzen. Das Fach heißt Eleganz, der Lehrer Robert Gernhardt.

Wiglaf Droste

Wiglaf Droste, Jahrgang 1961, ist Journalist, Schriftsteller und Sänger. Zuletzt erschien sein Kolumnen-Band «Kafkas Affe stampft den Blues»
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