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Ausgabe 10.06
Schwerpunkt - Ich ist ein Roman
Wenn Schriftsteller in ihren Büchern «Ich» sagen, dann meinen sie meistens nicht sich. Manchmal aber doch. Wenn sie nicht sich selber meinen, spricht man von Romanen. Wenn aber doch, von Autobiografien. Außerdem gibt es Überschneidungen und Hybrid-Formen, etwa den autobiografischen Roman: Da kaschiert der Schriftsteller seine Selberlebensbeschreibung mit einem fingierten Namen und einer Erzählung in der dritten Person. Klassisches Beispiel: «Anton Reiser» von Karl Philipp Moritz.

Die Frage, wie eine Autobiografie beschaffen zu sein hat, was sie kann, darf, soll oder gar muss, wird derzeit zwar hitzig, aber nicht unbedingt sachkundig diskutiert.

Seit Günter Grass «Beim Häuten der Zwiebel» erwischt wurde, sind wir von lauter Literatur-Polizisten umgeben, die Grassens Vergangenheit zur Fahndung ausgeschrieben haben und der Erinnerung des Nobelpreisträgers mit detektivischem Überprüfungseifer zu Leibe rücken.

Was dabei übersehen wird: der Spielraum autobiografischen Schreibens ist riesig.

Nicht von ungefähr gibt der Literaturwissenschaftler Walter Hinck seiner Studie über Theorie und Geschichte autobiografischen Schreibens den Titel «Selbstannäherungen». In Anlehnung an Christa Wolf verwendet er das Wort «Selbstverhör», um diese sich selber beargwöhnende und an der eigenen Erinnerungsfähigkeit zweifelnde Methode gewissenhafter Selbstbefragung von Schriftstellern zu kennzeichnen.

Aus aktuellem Anlass thematisiert Literaturen im Folgenden die literarische Gattung Autobiografie. Neben Günter Grass legen vor allem der ungarische Nobelpreisträger Imre Kertész und der Historiker Joachim Fest ihre Autobiografien vor – Texte, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Imre Kertész etwa leugnet rundweg die Existenz der Gattung «autobiografischer Roman» und beharrt darauf, in seinem «Roman eines Schicksallosen» Auschwitz für sich neu erfunden zu haben, wie György Dalos vermerkt. Jens Bisky seinerseits lobt an Joachim Fests «Ich nicht», dass der Autor nicht der Versuchung erliegt, in sich selbst hineinschauen zu wollen; Fests Lebensbericht vollzieht sich in Begegnungen und Gesprächen.

Wie wahrhaftig, aufrichtig und schonungslos gegen sich selbst der Autobiograf auch immer sein möchte – sein Bericht über das eigene Leben kann, weil Selbsttäuschung nie ausgeschlossen ist, nur bedingt zuverlässig und schon gar nicht «authentisch» sein (auch wenn das Genre der Promi-Autobiografie immer wieder die totale Echtheit für sich in Anspruch nimmt, wie das Beispiel der Politikerin Claudia Roth zeigt).

Unabhängig davon, ob es dem Autobiografen eher um Selbstprüfung, Bilanz oder Rechtfertigung zu tun ist, ob sein Antrieb das Verdrängen, gar: Verschweigen, die Selbsttherapie oder die Verteidigung vor dem Tribunal der Zeitgenossen oder der Künftigen ist – in der Retrospektive ändert sich das Vergangene, die Unmittelbarkeit des Gewesenen kann im Erinnern nicht wiederhergestellt werden, die späteren Erfahrungen des Rückblickenden schieben sich dazwischen und wirken als Korrektiv – oder als Filter. Nur mit Befremden kann Günter Grass über sich als Siebzehnjährigen schreiben. Unverwandt starrt er auf sein eigenes jüngeres Selbst, wie Wilfried F. Schoeller feststellt.

Über eines aber müssen sich Liebhaber der Memorabilien-Literatur im Klaren sein: Mehr als Auto-Fiktion kann dabei gar nicht herauskommen. Letztlich ist auch die Autobiografie eine Fiktion: Ich ist ein Roman.

Die Bildstrecke dieses Schwerpunkts zeigt das optische Äquivalent zur Autobiografie – das Auto-Portrait. Eine Reihe renommierter Fotografen stellt sich selber dar.




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