|
Cees Nooteboom Der niederländische Weltenbummler und Erzähler, Jahrgang 1933, ist mit seinen Reiseerzählungen aus fünf Kontinenten ebenso berühmt geworden wie mit seinen Romanen, etwa «Rituale» oder «Allerseelen». Er lebt abwechselnd auf Menorca und in Amsterdam Borges stammt der Ausspruch, Lesen sei um so vieles kultivierter als Schreiben; allerdings fragt sich, ob er das auch von meiner Art zu lesen gesagt hätte. Wenn ich, wie gerade jetzt wieder, auf meiner spanischen Insel bin und mir einbilde, mehr Zeit zu haben als in der Stadt, lese ich so, wie die meisten meiner Zeitgenossen fernsehen: Ich schwirre von hier nach da, von einem Buch zum anderen, von Essay zu Gedicht, von Gedicht zu Roman, und zudem noch von einer Sprache zur anderen. Doch bei einer Zeitschrift wie Literaturen, die ihren Namen im Plural führt, muss das erlaubt sein. Ich glaube auch nicht, dass ich dadurch weniger gründlich lese, mein Bleistift setzt Striche und geheime Zeichen an den Rand, die allesamt etwas bedeuten. Zum Beispiel: dies noch mal lesen, dies vielleicht irgendwann zitieren, oder: so ein Unsinn! Kurz gesagt: Ausrufezeichen und Fragezeichen, Berichte an mich selbst für später. Schriftsteller sind nun einmal fresssüchtige Leser, sie haben ihre Unschuld verloren, manchmal lesen sie wie Werkspione oder eifersüchtige Liebhaber. Nur der Leser, der ohne irgendwelche Nebenabsichten liest, ist unschuldig, und diese Unschuld ist wahrscheinlich die Kultiviertheit, die Borges meinte. Aber gut, was lese ich? Wenn ich einen langen Spaziergang mache und mich irgendwo auf den Felsen in der Nähe des Meeres zum Lesen niederlasse, darf es nur ein Taschenbuch sein, und in meiner Bücherkiste hier befand sich noch immer «After Many a Summer Dies the Swan» von Aldous Huxley. Das Schönste an diesem Buch ist der Titel, und der stammt nicht von ihm, sondern aus einem Gedicht von Tennyson. Manche Bücher sollte man nicht noch einmal lesen. Tiefschürfende Ideen, die von uninteressanten Personen in endlosen Dialogen ausgesponnen werden – ich ackere mich in der Hitze tapfer durch, kann aber die Spitzfindigkeit, an die ich mich von früher erinnerte, nicht wiederfinden. Sehr geistreich dagegen, voll kleiner, brillanter Aperçus und geschrieben in einem eigenwilligen, leicht astranten Ton («astrant» ist Brabantisch und bedeutet ebenfalls eigenwillig, allerdings auf eine etwas andere Art) sind die Aufsätze, Erzählungen, Träume, Fabeln, die Margaret Atwood in «The Tent» (Das Zelt) versammelt hat. Das Buch erscheint im November auf Deutsch, darauf können Sie sich also schon freuen. Die Geschichten sind kurz, und das ist mir nur recht, ich liebe kurze Texte, sie sind die Freistätten, zu denen man ausweichen kann, wenn man sich kurzzeitig aus dem Universum eines Meisterwerks entfernen möchte. Ein Meisterwerk ist etwas, unter dessen Last man gebeugt geht, wie Atlas unter dem Himmelsgewölbe in dem wunderbaren kleinen Buch von Jeanette Winterson über Atlas und Herakles, auf Deutsch unter dem Titel «Die Last der Welt» erschienen. Gebeugt gehen – ist das nicht ein wenig übertrieben? Nun, haben Sie sich je die vier Bände der «Mémoires d’outre-tombe» von Chateaubriand angesehen? Marcel Proust hatte für seine «Suche nach der verlorenen Zeit» zwei große Vorbilder: Saint-Simon und Chateaubriand. Die neun Bände Saint-Simon in der Pléiade-Ausgabe stehen in Amsterdam und warten mit ihren Tausenden von Seiten murrend und klagend darauf, dass ich sie zu lesen beginne. So sieht mein Traum vom Altsein aus: endlich nicht mehr schreiben zu müssen, sondern mit einem Glas Madeira am Kaminfeuer zu sitzen und an langen Abenden diese hohe Mischung aus Klatsch und Geschichte zu lesen. Während meine eigene Zeit um mich herum zusammenbricht, könnte ich mich von diesen stilistisch glänzenden Erinnerungen an den Hof Ludwigs XIV. entführen lassen und lesen, aus welchen dynastischen Gründen die eine Herzogin einer anderen den Vortritt zu lassen hatte. Aber damit muss ich noch warten, jetzt sind erst die bitteren, eitlen, aber doch genialen «Erinnerungen von jenseits des Grabes» an der Reihe, die immerhin noch vier majestätischen Bände Chateaubriand. Dabei hilft mir, dass ich dessen abweisendes Granitgrab vor nicht allzu langer Zeit zwischen den Felsen am Ozean bei Saint-Malo mit eigenen Augen gesehen habe. Es trägt nicht einmal einen Namen. Chateaubriand wusste, dass er auch in einem namenlosen Grab berühmt bleiben würde; dafür würde das Buch schon sorgen, auf dessen erster Seite bereits der schneidende Satz steht: «Ich bin nie glücklich gewesen.» Ich habe nicht übertrieben, es ist tatsächlich ein Buch wie ein Universum; allein das Personenverzeichnis umfasst siebzig Seiten. Von zwei Büchern muss ich noch sprechen, die mich in letzter Zeit nachhaltig beschäftigt haben. Das eine ist das «Tagebuch eines Lesers» von Alberto Manguel, das niemand, der ein Leser ist, unbeachtet lassen darf. Während eines Jahres las der Autor von «Eine Geschichte des Lesens» jeden Monat ein klassisches literarisches Werk noch einmal, das für ihn eine besondere Bedeutung hat. Es ist somit ein sehr persönliches Buch geworden, eine Mischung aus Tagebuch, Erinnerung und Essay, geschrieben in einem Stil, der einem Lust macht, diese Bücher auf der Stelle (wieder) zu lesen. Unlängst habe ich Manguel in seinem schönen alten Haus irgendwo in der unendlichen leeren Mitte Frankreichs besucht. «Ich suchte ein Kloster für meine Bücher», erzählte er, «und schließlich wurde es dieses Presbyterium.» Nach- dem ich dort gewesen bin, sehe ich vor mir, wie er von einer großen Reise in seinen wunderbaren Garten zurückkehrt, der neben einer Kirche aus dem 13. Jahrhundert liegt, und dann die Stille seiner gewaltigen Bibliothek genießt, in der, wie könnte es anders sein bei jemandem, der so mitreißend über das Lesen schreibt, eine phantastische, sehr persönliche Ordnung herrscht. Mein letztes Buch wurde von einem englischen Autor geschrieben, von dem ich bis vor einem Jahr noch nie gehört hatte: David Mitchell. Es heißt «Cloud Atlas» und erscheint in diesem Herbst unter dem Titel «Wolkenatlas» auch auf Deutsch. Sein Übersetzer wird ein Meister sein müssen, weil dieses Buch ein Bravourstück ersten Ranges ist. Denn wie sonst sollte man es nennen, wenn ein Buch in sechs unterschiedlichen, unverwechselbaren Stilen verfasst ist, die jeweils zu einer anderen Epoche gehören? Es beginnt um 1850 irgendwo im Pazifik und schreitet mit immer neuen Geschichten bis über die Zeit und die Welt hinaus, in der wir leben, um dann in umgekehrter Reihenfolge zurückzukehren und wieder im Jahr 1850 zu landen. Dadurch bleibt der Leser mit dem schwindelnden Gefühl zurück, eine Zeitreise von einem Schiff im Pazifik über ein belgisches Schloss und ein phantasmagorisches Kalifornien zu einem Ort gemacht zu haben, an dem unsere Kultur ausgelöscht wurde und die Überlebenden in Resten von Sprache miteinander kommunizieren. Die Menschen, die nicht immer Menschen ähneln und denen man in diesen sechs und dann noch einmal sechs Geschichten begegnet, lassen einen eine ganze Weile nicht mehr los. Das war’s, also traue ich mich nur noch zu flüstern, dass ich schon seit einiger Zeit die Essays in «Passions of the Mind» von Antonia S. Byatt lese, mit der ich demnächst in London ein öffentliches Gespräch über Literatur, Sprache und Übersetzungen führen werde. Und weil ich ohne Gedichte nun mal nicht leben kann, schnell noch dies, um Sie neidisch zu machen. Wie Sie wissen, schreibe ich in einer Geheimsprache, dem Niederländischen, und darin lese ich gerade einen Gedichtband von Frans Budé, «Blauer Reis». Leider ist das Einzige, das von diesem Band übersetzt worden ist, der Titel, und zwar in ebendiesem Moment, von mir. Vielleicht kann der Herausgeber von «Akzente» sie sich mal ansehen, damit auch deutsche Leser diesen feinsinnigen, stillen Lyriker kennen lernen können. Aus dem Niederländischen von Helga van Beuningen
Von Jorge Luis
|