Hör’ auf zu lesen! Ein Buch ist die Flucht ins Aus jenseits der Seitenlinie – das weiß jeder Pinguin. Oder ist das Buch eine Flucht ins Hinterland?
Heute bin ich mit einem joggenden Afro-Türken zusammengestoßen. Ich ging am Strand entlang und stemmte mich gegen den heftigen Nordwind, der diesen ägäischen Küstenstreifen im August gern heimsucht. Der Jogger rannte in mich hinein, half mir höflich auf, riet mir, den Kopf in den Nacken zu legen und das gezwirbelte Ende des Papiertaschentuchs in das rechte Nasenloch zu stecken. Ich folgte seiner Anweisung, und da ich in ihm einen Kenner der Feriensiedlung entdeckte, fragte ich ihn, was denn hier so los sei.
Nix, sagte er, bis auf die Pokerrunde der acht Damen läuft hier nix, weniger als nix, also gar nix. Dann ließ er mich stehen, ich sah ihm nach, der Wind erfasste das freie Ende des Taschentuchs und zerrte daran wie an einem Wimpel. Eigentlich war das ein schönes Sommerdorf, es lebten hier mittelalte Bürokraten, sie ließen sich rechteckige Oberlippenbärte wachsen und trugen T-Shirts mit seltsamen Aufdrucken: «Tropic Kebab» oder «Ich liebe mein Mutterland, weil es MEIN Mutterland ist». Es hieß, der Torwart der türkischen Fußballnationalmannschaft habe sich nah am Wasser eine Luxusvilla bauen lassen; er stülpe eine Bankräubermaske übers Gesicht, um nicht erkannt zu werden. Daran mochte ich nicht so recht glauben – ich war tagelang vergeblich herumgestreift, in der Hoffnung, ihn zu treffen und um ein Autogramm zu bitten.
Zu Hause drängten mich meine Mutter und meine Tante zuzugeben, dass ich einen Gendarmen beleidigt und eins auf die Nase bekommen hatte. Nein, sagte ich, ich bin aufs Gesicht gefallen, und ein hilfsbereiter Afro-Türke hat mir ein Taschentuch gereicht. Meine Tante vertiefte sich in die Lektüre der Tageszeitung, dann schrie sie entsetzt auf: Der Kolumnist ihres Vertrauens lobte eine Maßnahme der Regierung, und weil meine Tante alle Politiker für Erfüllungsgehilfen des amerikanischen Imperiums hält, war damit der Kolumnist für sie mit sofortiger Wirkung tot und erledigt. Sie haben ihn gekauft, brüllte sie, er hat sich jahrelang geziert, um seinen Marktwert hochzutreiben, doch jetzt haben sie ihn, wir leben eben im Zuhälter-Zeitalter. Mein Vater, ein gemäßigter Konservativer, rief zur Ordnung auf, wurde aber von seiner Frau und seiner Schwägerin zum Pudel der imperialistischen Bestie erklärt. Er stapfte in den Garten und begoss die Blumen.
Nach fünf weiteren Tagen verstand ich, dass die Ehefrauen und Witwen meinungsbildend waren – sie sprachen von «den Verhältnissen»: Wer in diesen Verhältnissen lebte, wurde von der Unmoral oder der sittenwidrigen Libertinage oder dem korrupten System verätzt. Die Mütter hielten Ausschau nach dem passenden Mann für die Tochter, sie saßen auf der Veranda und sprachen über «Die große Enttäuschung»: der Ehemann, die Kinder, die Nachbarin, die Schwester, die Partei und das System hatten sie um ein glückliches Leben betrogen. Es lohnte nicht, ein Buch zu lesen; ein Hochglanzmagazin ja, die Tageszeitung ja, aber bloß kein Buch. Wieso sollten kluge Frauen, die es besser wussten, schlecht geschriebene Bücher lesen, in denen Menschen nur dachten, statt zu handeln? Ein Buch ist die Flucht ins Hinterland – diesen Satz hörte ich sehr oft von reifen Frauen mit Lippenstift an den Zähnen, sie waren klug und tüchtig, denn sie fanden sehr schnell den rechten Mann für ihre Tochter.
Was aber war mit den acht Damen von der Pokerrunde? Man hielt sie für verrucht, für wölfisch veranlagte Flintenweiber, die ihren armen Männern das Abendessen vorenthielten, weil sie in Eile waren und nur für ihren späten Auftritt lebten: Sie saßen bis um drei Uhr morgens an einem kleinen runden Tisch, sie spielten um Geld, es war von hohen Einsätzen die Rede und von einer ehemaligen Schlagersängerin, die ihr Sommerhaus und ihren zehn Jahre alten Mercedes verpokert hatte.
Ich bat «den Pinguin» um Auskunft: Der Betreiber der Taverna stellte den Damen den Raum und durfte jede halbe Stunde an ihren Tisch herantreten und die Bestellung aufnehmen. Deine Neugier bringt dich noch um, sagte er, doch von mir erfährst du nichts, weniger als nichts, also gar nichts. Ein Buch ist die Flucht ins Aus jenseits der Seitenlinie, hör’ auf zu lesen! Ich versprach Besserung, der Pinguin klopfte sich auf den Bauch und watschelte davon.
Am nächsten Morgen traf ich auf einen sehr deprimierten Afro-Türken, er saß am Strand und stierte aufs Meer, er hatte sich in eine holländische Touristin verliebt, und sie hatte ihn darüber aufgeklärt, dass sie sich in den charmanten Pinguin verliebt hatte. Der Pinguin wusste um die Gefühle des Afro-Türken, und wann immer er ihn sah, grinste er ihn an.
Ich sagte: Schwamm drüber, er sagte: Das Leben ist kein Roman. Eigentlich waren wir uns ja einig, aber er las nur den Sportteil der Zeitung, ich las nicht sehr hochwertige Bücher, und das machte es unmöglich, Freundschaft zu schließen. Ich nahm meine Sonnenbrille ab und schenkte sie ihm, er schaute sie an, er schaute mich an, dann stand er auf, ich stand auf, er klopfte sich den Sand vom Hosenboden, ich klopfte mir den Sand von der weißen Leinenhose (es half nichts), er legte mir kurz die Hand auf die Schulter und sagte: Danke. Das Leben ist die Hochglanzversion des Romans.
Von Feridun Zaimoglu