Zu viel MoschusBernd Eichinger und Tom Tykwer scheitern mit ihrer Version von Patrick Süskinds Bestseller «Das Parfüm»
Es gibt nicht viele Bestseller, deren Lob selbst dann nicht abreißt, wenn sie einmal auch der Letzte gelesen hat. Umberto Ecos Roman «Der Name der Rose» ist eines dieser seltenen Bücher, und – was noch seltener ist – er inspirierte sogar noch eine überzeugende Verfilmung. Bernd Eichingers glückliche Produzentenhand hatte sie ermöglicht, doch schon seine Filmversion von Isabel Allendes «Geisterhaus» konnte man glücklich nicht mehr nennen. Eichingers «Elementarteilchen» schließlich gingen einen anderen Weg; das Ergebnis hatte sich so weit von Michel Houellebecqs Roman entfernt, dass es kaum mehr daran gemessen wurde.
Seit fast einem Jahrzehnt besitzt der wichtigste deutsche Filmproduzent auch die Filmrechte an Patrick Süskinds Roman «Das Parfüm». Seit seinem Erscheinen ist dieses Buch aus den Regalen der Läden nicht verschwunden. Und meist hat es gute Chancen, besser zu sein als die Taschenbücher, die jeweils daneben liegen. Es wäre ungerecht, die Verfilmung eines derartig ungewöhnlichen Erfolgs an ihrer Vorlage zu messen. Aber stellen wir uns den Film einmal neben zwanzig anderen neuen Filmen vor, dann fiele er weit weniger auf. In einer Schlüsselszene soll die Hauptfigur Jean-Baptiste Grenouille (Ben Whishaw) im Keller des Parfümeristen (Dustin Hoffman) den Modeduft der Saison nachschaffen, «Amor und Psyche». Der junge Mann könnte sich anspruchsvollere Aufgaben vorstellen. Nicht, dass dieser Duft schlecht wäre. Er ist nur, ganz einfach gesagt, kein gutes Parfüm. «Das Parfüm» von Bernd Eichinger und Regisseur Tom Tykwer riecht wie «Amor und Psyche».
Süskinds Buch lebt von seiner Darstellung einer außergewöhnlichen Begabung an der Grenze zur Anomalie. Zufällig teilt das Kino diese Affinität. Es gibt unzählige Filme über Tüftler und deren Kunstfertigkeiten, Handicaps und Möglichkeiten. Nicht selten gewinnen sie Oscars: «Die Blechtrommel», «Rain Man», «Forrest Gump», «A Beautiful Mind», um nur einige zu nennen. Hollywood hätte sich also gewiss die Hände gerieben nach der Geschichte von einem Mann, der über einen besonderen Geruchssinn verfügt und über Leichen geht, um das perfekte Parfüm zu kreieren.
Es war zu hören, ein Buch über Gerüche sei nicht zu verfilmen. Das ist Unsinn, denn Papier kann man ebenso wenig riechen wie Zelluloid. Tatsächlich hat Süskind eine so bildhafte Sprache, dass sein Roman über weite Strecken wie eine Anleitung zur Verfilmung klingt. Und es gibt Vorbilder, Filme über geniale Musiker, Maler, Mathematiker, Köche oder Weinkenner. Wenn man einen Film über den Geschmackssinn drehen kann, warum nicht einen über das Riechen? Aber eben nicht nach Tykwers Methode: Schuss – Nahe – Gegenschuss. Das vermittelt wenig. Warum folgt er nicht den so genau beschriebenen Fertigungsprozessen?
Trotz minutiöser digitaler Rekonstruktion lässt sich der Gestank des Pariser Fischmarkts des 18. Jahrhunderts in diesem Film so wenig erahnen wie der betörende Duft der finalen Kreation. Selbst die Orgie, die dabei gefeiert wird, wirkt seltsam gebremst. Obwohl Tykwer eine virtuose Bildmontage an die nächste reiht, misstraut er seinen Bildern. Umso verliebter ist er in die selbst geschriebene Filmmusik. Hier überträgt er das Prinzip der additiven Komposition der Düfte (Grundton – Kadenz – Oberton) zurück in die Tonkunst. Das Ergebnis ist eine Akkordreihung mit Sopranistin, einschmeichelnd und harmonietrunken – aber ohne Entwicklung. Irgendjemand schrieb ein Orchester-Arrangement, das Simon Rattle mit den Berliner Philharmonikern eingespielt hat. Das überhöht das dünne Werk noch einmal, das doch nie einen eigenen Kunstwert gewinnt.
Und dann ist es wirklich wie in der Parfümabteilung: Man riecht mehr, als man möchte. Denn das ist ja das Phänomen von Gerüchen, den guten wie den schlechten: Sie beanspruchen in all ihrer chemischen Tatsächlichkeit eine Eintrittskarte in unseren Körper. Das ist mehr, als selbst der aufdringlichste Blockbuster, das suggestivste Melodram sich herausnehmen. Auch betörenden Düften verwehren wir schon mal den Zutritt. Zu viel Moschus, würde Jean-Baptiste Grenouille knapp diagnostizieren.
Daniel Kothenschulte