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Ausgabe 11.06
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Inhalt
Editorial


Schwerpunkt
Wir und das Tier
Tiere sehen Dich an: Das animalische Andere fordert den menschlichen Blick heraus.
Mit Beiträgen von Manfred Schneider, Richard David Precht, Cord Riechelmann und einem Literaturen-Gespräch mit Roger Willemsen

Manfred Schneider
Das Tier als Mensch und Fleischbrühwürfel
Die Fotografie zieht den Tieren Masken über und gibt ihnen die Wildnis zurück

Richard David Precht
Raubtier Mensch Was tun wir, wenn wir Tiere essen?
Cord Riechelmann Auf der Suche nach dem inneren Gorilla Können Affen sprechen? Sind Tiere friedlicher als Menschen? Spielen Büro-Hengste einfach Affentheater?

Literaturen-Gespräch
Ein Hoch auf die Beutelratte!
«Brehms Tierleben» ragt aus dem 19. ins 21. Jahrhundert. Roger Willemsen hat den Klassiker neu herausgegeben


Das Kriminal
Femme fatale, made in USA
Franz Schuh ist geblendet von der Blonden


Bücher des Monats
Sigrid Löffler
John Banville - Die See
Dieter Thomä
Thomas L. Friedman: Die Welt ist flach
Gisela von Wysocki
Thomas Stangl: Ihre Musik
Horst Bredekamp
Louis Marin: Das Porträt des Königs
Jochen Hörisch
Ernst-Wilhelm Händler: Die Frau des Schriftstellers
Martina Meister
Evelyne Bloch-Dano: Madame Proust


Weiße Elefanten

Britta Sebens
Mensch oder Hund, das ist hier die Frage
Aktuelle Kinderbücher zeigen, was Menschen von Tieren lernen können


Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Richard Ellis || Ugo Riccarelli || Susanne Fischer || Minka Nijhuis || Vladimir Sorokin || Bernd Pfarr || Thomas Hürlimann
Bildbände von Gueorgui Pinkhassov || Ute Eskildsen (Hg.) || Botero


Portrait
Frauke Meyer-Gosau
Oblomow in Brighton Beach
Eine Tagesreise mit dem russisch-jüdisch-amerikanischen Autor Gary Shteyngart durchs sowjetische New York


Die Beiseite
Feridun Zaimoglu
Eine Meeresbrise von Wodka
Wer sagt, dass bei Schlecker und Aldi keine Poesie zu finden ist?


Kurz & Bündig
Bücher von Thea Dorn || Denis Johnson || Walter Benjamin || Martin Gülich || Stefan Klein || Tony Parsons
Bildbände von Jörg Sasse || Meret Oppenheim

Das Magazin
Mitten aus Rom || Kalender || Metamorphosen || Literatur im Kino || Hörbücher || Jetzt als Taschenbuch || Netzkarte || Was liest Diedrich Diederichsen?


Impressum

Vorschau, P. S., Register
Editorial
Ein guter Buchtitel, liebe Leserin, lieber Leser,

ist immer noch der stärkste Kauf-Anreiz. Nicht abzuschätzen, wie viele Leute Stephen Hawkings anspruchs- volles Physik-Buch nur wegen des genialen Titels gekauft haben: «Eine kurze Geschichte der Zeit». Bei Dan Browns globalem Mega-Bestseller war der Originaltitel «The Da Vinci Code» ein ähnlicher Glücksgriff: Der deutsche Verlag, der das Buch auf «Sakrileg» umtaufen zu müssen glaubte, hat inzwischen groß beigegeben und sich zum Originaltitel bekehrt.

Umso ärgerlicher, wenn nun zwei fabelhafte neue Bücher aus dem angloamerikanischen Sprachraum im Deutschen gezwungen werden, unter falscher Flagge zu segeln. Gary Shteyngart, der russisch-jüdisch- amerikanische Gesellschaftssatiriker, startete vor drei Jahren fulminant mit seinem «Handbuch für den russischen Debütanten». Sein zweiter Roman – eine Polit-Groteske über einen fiktiven, korrupten russischen Öl-Staat am Kaspischen Meer – trägt den glänzenden Titel «Absurdistan» (siehe das Shteyngart-Portrait ab Seite 74). Glänzend auch deshalb, weil er in jeder Sprache mühelos verständlich ist. Dennoch hielt der deutsche Verlag eine Umbenennung für angezeigt und strafte den Roman mit dem unsäglichen Titel «Snack Daddys abenteuerliche Reise». Hausbackener geht’s gar nicht.

Womöglich noch ärger, weil bewusst irreführend, ist der deutsche Titel, der dem großartigen Meeres-Kompendium des amerikanischen Ökologen Richard Ellis verpasst wurde. Das Buch (siehe die Besprechung auf Seite 64) heißt im Original «The Empty Ocean». Denn genau dies, die Ausplünderung und Entleerung der Meere durch Überfischung und Artenausrottung, ist sein Thema. Daher auch der amerikanische Untertitel: «Plundering the World’s Marine Life». Der deutsche Verlag aber nennt dieses apokalyptische Meisterwerk «Der lebendige Ozean. Nachrichten aus der Wasserwelt». Glaubt man, mit einem solchen Täuschungstitel arglose Sporttaucher, Hobby-Segler und Karibik-Planscher zum Kauf verleiten zu können? Wenn der Verlag nicht den Mut hat, zum Inhalt dieses Buches zu stehen, warum bringt er es dann überhaupt heraus?

Im Übrigen gibt es manchmal auch gute Gründe, sogar eingeführte deutsche Übersetzungstitel zu ändern. So ist der Ammann Verlag kühn genug, bei seiner neuen Dostojewskij-Ausgabe den Vorschlägen der Übersetzerin Svetlana Geier zu folgen und drei der fünf Roman-Klassiker umzutaufen: «Verbrechen und Strafe» (statt «Schuld und Sühne»), «Böse Geister» (statt «Die Dämonen») und «Ein grüner Junge» (statt «Der Jüngling»). Mal sehen, welchen Titel der fünfte Großroman letztlich erhalten wird. Oder bleibt es bei «Der Idiot»?

Ihre Literaturen-Redaktion

P.S.: Das Schwerpunkt-Thema dieser Ausgabe, «Wir und das Tier», hat den Literaturen-Grafiker Christian Henjes zu einer ganzen Palette von Cover-Entwürfen inspiriert.
Schwerpunkt - Wir und das Tier
Ganz gleich, ob vom Bienenstaat, von einsamen Wölfen oder höflichen Stachelschweinen die Rede ist: Wer Tier sagt, muss auch Mensch sagen. Denn was wir über Tiere denken, spiegelt fast immer auch ein Menschenbild. Dabei ist unser Verhältnis zur Mit-Kreatur höchst paradox:
Neben den Niedlichen stehen die Nützlichen, die einen werden gehätschelt, die anderen geschlachtet. Doch es gibt Anlass zur Hoffnung, denn «die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch» (Gottfried Benn) entdeckt das Tier neu: als friedliebendes, vernunftbegabtes Wesen – als den besseren Menschen. Manfred Schneider fragt, wie die Fotografie unseren Blick auf Tiere geprägt hat. In den Bildern des Fotografen Steve Bloom, die diesen Schwerpunkt begleiten, findet er eine Antwort.

Richard David Precht beobachtet das Raubtier Mensch und dessen Ernährungsgewohnheiten in Gammelfleisch-Zeiten und untersucht, ob Vegetarier moralisch überlegen sind. Cord Riechelmann forscht nach dem animalischen Bewusstsein. Tiere können nicht sprechen, aber ihrem Sozialverhalten lässt sich einiges abschauen. Im Literaturen-Gespräch mit Roger Willemsen dreht sich alles um «Brehms Tierleben». Das legendäre Hausbuch führt übrigens auch den Menschen: als «höher stehendes Handthier»
Literaturen-Gespräch - Ein Hoch auf die Beutelratte!
«Brehms Tierleben» erzählt nicht nur von Rotkehlchen, Springmaus, Igel und Hausschwein, es lässt auch tief in die menschliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts blicken. Roger Willemsen hat den Klassiker neu herausgegeben.

Ein Literaturen-Gespräch über Brehm und die Welt

Literaturen: Herr Willemsen, haben Sie eigentlich Haustiere?

Roger Willemsen: Das einzige Tier, das ich je besaß, war eine schwerfällige Schildkröte. Die habe nicht ich, sondern sie hat mich gewählt: eine griechische Landschildkröte, die eines Tages in unserem Garten saß und dann auch wieder verschwand. Das fand ich nicht in Ordnung. Mein Vater – ich war damals etwa acht Jahre alt – sagte: «Manchmal kommen die auch zurück», führte mich an das Terrarium, und plötzlich war die Schildkröte wieder da! Natürlich hatte er eine neue gekauft, aber zunächst habe ich’s geglaubt. Das war mein einziges Tier. Aber ich bin am Wald groß geworden, im Rheinland, und hatte eine bei Kindern häufig zu findende, tief verwurzelte Tierliebe. Und ich hatte eine Sammlung von Tierschädeln, von Iltissen, Mardern, Kaninchen, Rehen. Die habe ich mit Wasserstoffsuperoxyd gebleicht und gelagert.

Literaturen: Sie haben als Kind eine Schädelsammlung angelegt? Das hat doch weniger mit Tierliebe zu tun als mit einer Lust an der Klassifikation, wie sie etwa der Zoologie zugrunde liegt.

Willemsen: Das ist wahr – gäbe es nicht diese schöne, komplementäre Liebe, die sich im zärtlichen Verhältnis zur Landschildkröte zeigt, zur Kreatur. Die Bauernkinder haben mich in den Wald mitgenommen, und ich habe gelernt, wo man Fasanenfedern findet. Ich gebe es Ihnen und den Lesern von Literaturen gerne weiter: Die Fasanen wälzen sich zur Erntezeit in den warmen Aschehaufen, in denen die Rückstände des Feldes verbrannt werden. Und dort verliert der Fasan seine Federn.

Literaturen: Und Sie haben «Brehms Tierleben» einfach wegen Ihrer Tierliebe neu herausgegeben? Eigentlich arbeiten Sie ja als Literaturkritiker und Autor, und zuletzt haben Sie politische Interviews mit ehemaligen Häftlingen aus Guantánamo veröffentlicht.

Willemsen: Das Buch «Hier spricht Guantánamo» gehört einfach zu einer Arbeit am Relevanten – und hier stieß sie in eine Lücke, die der Journalismus übersehen hatte. Bei anderen Projekten folge ich eher meinen Leidenschaften. Und die Leidenschaft gilt in diesem Fall zum einen den Tieren selbst. Zum anderen war ich war davon überzeugt, dass «Brehms Tierleben» ein Hausbuch ist, das unbedingt in die Haushalte zurückgehört, dass es eine Einübung ins Sprechen und in die Sprachliebe sein kann. Diese Prosa ist so delikat, so feinkörnig, so geschickt gebaut, so trennungsscharf in den Beobachtungen, so warm in der Psychologisierung, dass ich sie auch dann vorbildlich fände, wenn sie sich mit Maschinen beschäftigen würde.

Literaturen: Wenn man die Portraits über die Schmetterlinge, den Riesensalamander oder «Unsere Stubenfliege» liest, könnte man auf den ersten Blick auch meinen, es wehe einen der Muff eines zeitlosen Biedermeier an.

Willemsen: Diese Empfindung habe ich nicht. Das liegt vielleicht daran, dass mir Brehm so vertraut ist. Seit Kindertagen war er im Bücherzimmer, und auch dieses Deutsch war mir sehr zugänglich. Das Buch war nie außerhalb meines Radarschirms, und deshalb konnte ich es nicht antiquiert finden. Brehm hat zwar eine liebenswürdig altmodische Form, sich der Tierwelt zu nähern. Doch ich würde ihn in Schutz nehmen: Es gibt, gemessen am zeitgenössischen Wissen, sehr viel Neues in diesem Buch. Oft erfrischt ein Blick ja auch, weil er zum allerersten Mal etwas zur Erscheinung bringt.

Literaturen: Brehm versieht alle Tiere mit Charaktereigenschaften, viele werden als redlich, drollig oder gemütlich beschrieben. Anscheinend hat Brehm die Tiere mit manchen Tugenden des 19. Jahrhunderts ausgestattet: Sein Personal spiegelt eine Welt wider, die in Ordnung ist; eine Tierwelt, die nett und adrett in ihrem Ambiente lebt. Trug auch dieser Niedlichkeitskosmos zum Erfolg von Brehms Tierleben bei?

Willemsen: Das wäre eine schöne Theorie, aber ich glaube, sie stimmt nicht. Zunächst muss man sagen, dass viele Tiere in Brehms Werk nichts Niedliches oder Gemütliches haben: Es gibt zum Beispiel einen großen Anteil von Weich- und Kerbtieren, die in der aktuellen, einbändigen Auswahl nicht berücksichtigt werden konnten. Hinzu kommt: Brehm eröffnet als Erster ein breites Gefühlsspektrum für die Tierwelt. Das erlaubt natürlich das Possierliche und Komische, aber auch viele schlechte Eigenschaften, die er durchaus nebeneinander setzt. Brehm hat eine Vorliebe für gemischte Charaktere. Das Flusspferd etwa nimmt er in Schutz und gibt ihm eine Psychologie, weil es nicht nur ein Sack voller Zellmasse ist, wie andere schreiben. Gleichzeitig nennt er es aber auch phlegmatisch, träge und untreu.

Literaturen: Wie lässt sich Brehms Arbeitsweise charakterisieren?

Willemsen:
Brehm hat häufig Werke benutzt, die nicht im engeren Sinne zoologische Quellen waren, Reiseberichte zum Beispiel. Dabei hat er auch Funde über die kulturelle Bedeutung von Tieren gemacht – wie etwa der Hund in China behandelt wird. Er reduziert das Tier nicht auf seine Maße oder seine physiologischen Eigenschaften. Vielmehr kommt bei ihm etwas dazu: die Stellung des Tieres in der Kultur, Habitat, Geruch, Gefühl beim Anfassen – solche Dinge werden plötzlich Teil der Tierbeschreibung.

Literaturen: Ein Affront für die Naturwissenschaft?

Willemsen:
Für die Schul-Zoologie war Brehm eine Hassfigur, weil er mit dieser literarischen Form zur Sentimentalisierung oder, wenn man böse ist: zur Verkitschung beitrug. Für ihn sprach aber, dass er selbst gereist war, während viele seiner Kollegen im besten Fall im Zoo oder am Präparat arbeiteten. Brehm dagegen sah die Tiere in der freien Wildbahn und überprüfte daraufhin die Quellen. Man war in einer misslichen Situation, weil man seinen Sachverstand einräumen musste, aber in der Darstellungsform so viel Populäres fand, das anscheinend nicht mehr als Wissenschaft rubriziert werden konnte. Brehm war also doppelt gefordert: als Populärwissenschaftler, der sich gegen die etablierte Wissenschaft durchsetzen musste, und als Mann mit Autorität, als institutioneller Vertreter von Zoos oder dem Berliner Aquarium. Auch deshalb mag ich den Professor, der plötzlich in der Lage ist, sich klein zu machen, sich in eine Spitzmaus einzufühlen – diese Selbstverwandlung ins Rührende bei einem Akademiker.

Literaturen: Viele von Brehms Erkenntnissen sind nach heutigem Stand der Wissenschaft veraltet. Was macht seinen Zugang zur Natur dennoch interessant?

Willemsen: Die Informationen, die wir einem heutigen zoologischen Kompendium entnehmen würden, dürfen wir hier nicht suchen. Aber wir bekommen Königswege gelegt, wie man Natur sehen könnte: Brehm hat seinem Forschungsgegenstand das Gefühl zurückerstattet. In der aktuellen Wissenschaft, die ihre Kenntnisse so klinisch sauber ans Licht befördert, ist diese Fühlbarkeit selten geworden. Man könnte aber eine direkte Verbindung herstellen zwischen Naturliebe und Naturschutz. Und als Anleitung zur Naturliebe finde ich Brehm immer noch sehr tauglich.

Literaturen: Sie schreiben, Brehm versöhne Einfühlung und Erfahrungswissen miteinander. Soll sein «Tierleben» als Antidot gegen den objektivierenden, früher hätte man gesagt: den verdinglichenden Blick der Wissenschaft wirken? Steckt in dem Buch ein ethischer, ein politischer Impuls?

Willemsen: Ich würde sagen: ja. Denn wer nur am Bau des Wissens arbeitet, erkennt deshalb nicht notwendigerweise die Kostbarkeit der Schöpfung. Es ist viel schwieriger, sie erfahrbar zu machen. Ich glaube, durch die Anstrengung, die manchmal in dieser Erfahrbarmachung steckt, wird der Schutz der Natur gewissermaßen mitgedacht. Das Politikum darin wird gewissermaßen verabreicht, ohne dass es vorschmeckt. Und das hat meine ganze Sympathie.

Literaturen: Ein Plädoyer dafür, die Erkenntnis der Natur mit mehr Gefühl zu betreiben?

Willemsen: Die Liebe zur Natur ist unter Umständen ein Resultat der Forschung und nicht deren Voraussetzung – das kommt auch bei Brehm vor. Brehm sind die Tiere manchmal am Ende sympathischer, als sie es am Anfang waren, und umgekehrt. Während des Schreibens lernt er, Tiere noch zu klassifizieren.

Literaturen: Aber hat diese Einfühlung nicht auch ihren Preis? Immer, wenn Menschen über Tiere schreiben, erzählen sie unter der Hand auch von sich selbst: An Traktaten über den Staat der Bienen aus dem 18. Jahrhundert etwa lassen sich bestimmte allgemeine Vorstellungen vom Staat ablesen. In Brehms Tierreich wird jedem Tier ein rechter Platz angewiesen. Zum Beispiel ist «unser Igel» hier «ein guter, furchtsamer Gesell», während Beutelratten wie das Opossum nur als «höchst widrige Geschöpfe» bezeichnet werden.

Willemsen: Es geht Brehm ja nicht um eine moralische Bewertung. Ihre Vermutungen laufen auf etwas anderes hinaus: Es gebe Tiere, die gewissermaßen dem Schöpfer-Brehm gefallen, und solche, die ihm nicht gefallen. Sie treten als Advocatus des Opossums auf oder aller Kreaturen, die opossumartig sind. Es kränkt Sie der Gedanke, es könne der Rochen vielleicht zu schlecht gelitten sein, und das könne sich in die Welt übertragen, so dass die Brehm-Leser sagen: Weg mit dem Rochen! Das allerdings denke ich nicht. Ich glaube, dass die charakterologischen Bemerkungen zu den Tieren erstmal den Grenzen seines Wahrnehmungsvermögens entsprangen und auch den Grenzen der Psychologisierung, die ihm möglich war.

Literaturen: Ein wenig erinnert diese Absicht, jedes Tier einzeln zu beschreiben, an die alttestamentarische Geste, jedem Tier einen Namen zu geben. Adam übte so seine Macht über die Tierwelt aus. Brehms Portraits vermitteln den Eindruck, sie führten eine gewissermaßen bürgerliche Ordnung der Tiere vor: Und Brehm sah, dass es gut war.

Willemsen: Aber Brehm würde vermutlich sagen, dass er diese Ordnung in den Phänomenen selbst vorfindet. Sie haben ja zum Teil Recht: Die Fischwelt ist Brehm sehr eingeschränkt sympathisch. Das hängt aber primär damit zusammen, dass er sie am schlechtesten beobachten und am wenigsten Erfahrbarkeit herstellen konnte. Sie erscheint ihm zunächst mal finster, psychologisch diffus und in ihrem Sexualverhalten opak. Hier gibt es eine Korrelation zwischen Erkennen und Lieben: Was ich am wenigsten erkennen kann, werde ich im Zweifelsfall auch nicht lieben können. Wo man über emotionale Attribute befremdet ist, verraten sich eigentlich die Grenzen des Erkennens, aber nicht primär eine Abwertung der Kreatur. Das ist der Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse in schönster und plastischster Form.

Literaturen: Also hat auch das Opossum noch nicht verloren? Je länger man es anschaut, desto liebenswerter blickt es zurück?

Willemsen: Ja! Freiheit für das Opossum, gebt dem Opossum eine faire Chance in einer immer härter werdenden Welt!

Literaturen: Findet man Brehms gefühlsbetonte und eklektische Arbeitsweise heute nicht vor allem im Medium Fernsehen, dessen Umgang mit dem Tier selten ohne Kitsch und Stereotypen auskommt?

Willemsen: Im Gegenteil, «Brehms Tierleben» steht gegen einen Bildermarkt des Tiers, bei dem ich mich frage: Sind die gängigen Tierdokumentationen nicht unendlich viel eingeschränkter in ihrer Wahrnehmung? Dort wird ein Bruchteil dessen gezeigt, was Brehm aufwendet – was die kulturelle Bedeutung, was historische Entwicklung, was Forschungsstandpunkte angeht. Ein Tierfilmer verfolgt ein Tier in der Regel nicht ein ganzes Leben lang, sondern lässt es aus dem Mutterbauch direkt in den Rachen eines Hechts schwimmen, und das war’s. Bei Brehm dagegen hat man immer wieder den Eindruck, das Vollbild zu bekommen.

Literaturen: Wie würden Sie Brehms Kamera, seinen Blick beschreiben?

Willemsen: Interessant ist vor allem die Innenausstattung dieses Blickes, dieses Gefühls, dieser Aneignungsform – und das Universalistische an diesem enzyklopädischen Wollen und Ergreifen. Wie nähert sich jemand, der den Affen zum Lieblingstier erklärt, plötzlich der Springmaus und erklärt dann: «Das alles muss ich noch wissen und fühlen können.» Stellen wir uns vor: Eine Qualle schwimmt vorbei, Brehm sitzt da, setzt seine Hornbrille auf und sagt: «Ich weiß nicht, was ich an der zu fühlen habe.» Und dann muss er trotzdem eine Prosa schreiben, die aus der Qualle eine sphärisch funkelnde Medusa macht, die uns attraktiv vorkommt. Dieser Blick scheint mir vorbildlich dadurch, dass er so gemischt ist aus dem Erkenntnishaltigen und dem Ausdruckshaften.

Literaturen: Im Nachwort schreiben Sie: «Die Emanzipation des Tieres vom Menschen ist so wenig abgeschlossen, wie die der Frau vom Manne.» Inwiefern müsste sich das Brehm’sche Tier noch emanzipieren?

Willemsen: Die erste Emanzipation, die dem Tier bevorsteht, ist die von Brehm selbst. Weil dies Buch schon auch eine große Schöpfungsphantasie ist. Sie verdammt das Tier zu bestimmten Eigenschaften und schließt es darin ein: Es ist possierlich, es ist faul, es ist dies und das. Hier schreibt das 19. Jahrhundert ex cathedra. Auf der anderen Seite ist die Selbstkritik der Forschung diesem Buch von vornherein eingeschrieben. Es gibt relativierende Passagen, die ich als Indiz für die zeitliche Befristung der Erkenntnis lese – nach dem Motto: Wir wissen es im Moment nicht besser. Im Grunde ist dieses Buch eine Art Centre Pompidou: weil es die Bedingungen seines Wissens nach außen wendet. Ein Forscher würde heute so lange forschen, bis er einen objektiven Ist-Zustand festhalten könnte. Brehm dagegen sagt: Ich nenne diese Quelle, obwohl ich mir nicht ganz sicher bin, ob’s stimmt. Das ist so ein Stalaktiten- und Stalagmiten-System, in dem alle Erkenntnisse unterschiedlich belastbar sind, unterschiedlich hoch gewachsen. Mich erfrischt das, weil es permanent auf das Fragmentarische des wissenschaftlichen Erkennens verweist.

Literaturen: Brehm weist auf die zeitliche, aber auch auf die räumliche Begrenzung seines Wissens hin.

Willemsen: relativiert zwischen den Kulturen. Man muss sich vorstellen, dass bestimmte Kulturen wirklich barbarisch genannt wurden zu der Zeit. Brehm dagegen erklärt: Das Verständnis des Löwen in dieser oder jener Kultur ist so hochrangig, dass wir uns eine Scheibe davon abschneiden können. Damit ändert er auch Hierarchien.

Literaturen: Wir hätten es also mit einem sehr avancierten Sachbuch zu tun. Normalerweise sehen Leser in populärwissenschaftlichen Sachbüchern doch eher ein Manual: Sag mir, wie zum Beispiel physikalische Zusammenhänge funktionieren, aber verschweige den komplizierten Prozess, wie die Forschung diese Erkenntnisse gewonnen hat. Ist «Brehms Tierleben» in Ihren Augen fortschrittlicher als solche Bücher?

Willemsen: Dieser Umgang mit dem Material ist durchaus eine Eigenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der Radius, den Brehm beschreibt, ist viel größer als bei Carl von Linné und Charles Darwin oder, im 20. Jahrhundert, bei Bernhard Grzimek oder Konrad Lorenz – weil Brehm als wissensförmig sehr viel mehr anerkennt. Lorenz etwa ist eher eindimensional, hängt sehr viel mehr am Empirischen. Wenn man Tiere heute wissenschaftlich beschreibt, dann käme etwa der Hund in sehr vielen Facetten, die für Brehm wesentlich sind, schon gar nicht mehr vor. Man hätte nur noch einige Parameter wie Fortpflanzung, Vorkommen oder Alter. Das Brehm’sche, eklektische Modell dagegen ist die Voraussetzung für das Rhapsodische, das das Werk manchmal auch hat.

Literaturen: Könnten heutige Sachbuch-Autoren von der Brehm-Lektüre profitieren? Den, mit Verlaub, doch etwas behäbigen Stil werden sie nicht nachahmen wollen.

Willemsen: Das Adjektiv behäbig lasse ich natürlich nur durchgehen, wenn Sie das auf Wilhelm Raabe, Gottfried Keller, den späten Mörike und so weiter ausdehnen – wenn Sie die Behäbigkeit zum Charakteristikum der Epoche machen wollen. Im Ernst: ich glaube, dass Brehms Prosa in mancherlei Hinsicht modern ist. Der Sachbuchautor könnte von Brehm lernen, seinen Gegenstand expansiv zu sehen: Hätten wir diese Diskussion vor fünfzehn Jahren geführt, wäre Brehm womöglich als «postmoderner» Autor bezeichnet worden, weil er so viele verschiedene Wissensquellen benutzt. Wendet man das Prinzip Brehm also auf einen Band über Architektur an, müsste von der Herstellung des Ziegels in Afrika bis zur Färbung durch bestimmte Dungformen die Rede sein – als ganzheitliches Bild davon, was Bauen eigentlich sein kann. Und ich glaube, dass die beschriebene Verknüpfung von Erkenntnis und Interesse, das heißt: die Erkennbarmachung des Forschers selbst in seinem Gegenstand, zu den Tugenden des Buches gehört.

Literaturen: Soll heißen: mehr Subjektivität schafft mehr Wahrheit?

Willemsen: Ja, die Abkehr von der Richtigkeit ist eigentlich die Bedingung dafür, eine Wahrheit zu finden. Manchmal steckt in fünf literarischen Sätzen über die Springmaus mehr Wahrheit, als alle Abmessungen ihres Rüssels mir geben könnten.

Die Fragen stellten Jutta Person und René Aguigah

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