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Ausgabe 12.06
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Inhalt
Editorial

Schwerpunkt
Gute Unterhaltung
Lachen, zittern, weinen, lesen: It’s Entertainment.
Mit Beiträgen von Stephan Porombka, Sigrid Löffler, Daniel Kehlmann, Heinrich Detering und einem Literaturen-Gespräch mit Tim Parks.

Stephan Porombka
Dem Leser ein E für ein U vormachen
«Mood Management» heißt das ästhetische Geheimprogramm der aktuellen Buchszene

Sigrid Löffler
Ein Mann für alle Jahreszeiten
John Le Carré unterhält die Welt aufs Feinste – mit Agenten-Romanen aus dem Kalten Krieg und jetzt mit Polit-Thrillern aus den globalen Krisenherden

Literaturen-Gespräch
«Meine Literatur ist das Gegenteil einer Predigt»
Über Unterhaltungsromane, ernste Literatur und die jüngste Lust am Trivialen

Daniel Kehlmann
Spätwerke und böse Mädchen
Warum sollte ein Weltautor wie Mario Vargas Llosa nicht das Recht haben, sich selbst zu wiederholen?

Heinrich Detering
Dr. Stefan und Mr. Zweig
Halb Arthur Schnitzler, halb Vicky Baum: Plädoyer für einen guten Erzähler, der vor 125 Jahren geboren wurde

Das Kriminal
Friedhofsgefühle
Franz Schuh führt ins Begräbniswesen ein

Bücher des Monats
Jens König
Heinz Bude, Andreas Willisch (Hg.): Das Problem der Exklusion
Moritz Schuller
Zadie Smith: Von der Schönheit
Jutta Person
Thomas Stangl: Ihre Musik
Horst Bredekamp
Charles Darwin: Die Fahrt der Beagle
Sibylle Wirsing
Regina Dieterle: Die Tochter
Stefan Koldehoff
Bernd Roeck: Mörder, Maler und Mäzene
Christoph Bartmann
Morten Ramsland: Hundsköpfe

Die Beiseite
Feridun Zaimoglu
Ich wünsche dir einen stinköden Sonntag!
Kann die Liebe, über die man liest, die Liebe, die man lebt, überschatten?

Muttersöhne
Beatrix Langner
Das schöne und das hässliche Gesicht der Mutter
Schriftsteller schreiben über ihre Mütter – die das meist nicht überleben

Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Noam Chomsky || Josef Joffe || Samit Basu || Gerhard Schröder || Helmut Krausser || Christoph Twickel || Thomas Glavinic
Bildbände von Andreas Cellarius || László Moholy-Nagy

Weisse Elefanten
Britta Sebens und Bo Steen
Hören, lesen, forschen, denken
Zehn Tipps für entspannte Literatur-Feiertage

Werte Debatte
Manfred Schneider
Also sprach Machiavelli
Alte Werte in neuen Schläuchen: Bernhard Bueb streitet für mehr Disziplin, Wolfram Weimer feiert die «Rückkehr der Religion»

Kurz & Bündig
Bücher von Gerhard Henschel || Rick Moody || Nina Grunenberg || Irène Némirovsky || Bodo Kirchhoff Bildbände von Hellen van Meene || Jürgen Harten u. a. (Hg.)

Das Magazin
Mitten aus Paris || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Literatur im Kino || Hörbücher || Was liest Ingo Schulze? || Netzkarte || Leserbriefe

Impressum

Vorschau, P. S., Register


Editorial
Das Motto, liebe Leserin, lieber Leser,

für gute Unterhaltungsliteratur lautet derzeit: Relax! Entspannt und unverkrampft soll es zugehen in den Erfolgsromanen von heute; Intelligenz glänzt durch Leichtigkeit und teilt sich mit durch Unverbissenheit.

Man würde sich wünschen, das Gleiche ließe sich über die deutsche Debattenkultur sagen. Aber wer jetzt am Jahresende noch einmal auf die Medien-Aufreger von 2006 zurückschaut, muss leider feststellen: Gute Unterhaltung war das nicht.

Geist zu verschenken

Ob es um Eva Hermans und Frank Schirrmachers dämliches Frauenbild ging oder um die Frage, ob man die Abgehängten und Ausgegrenzten der Gesellschaft «Unterschicht» nennen darf; ob mal Peter Handke, mal Günter Grass, mal Jürgen Habermas um die menschliche und berufliche Ehre gebracht, dafür aber Joachim Fest heilig gesprochen werden sollte – nach den Qualitäts- kriterien heutiger Unterhaltungsliteratur hätte jede dieser Pseudo-Debatten beim Publikum durch- fallen müssen. Wer hätte sie kaufen wollen, so verbiestert, wie sie daherkamen?

Dass sich die Debatten-Teilnehmer mit Fleiß dümmer stellen, als sie sind, macht auch keine gute Laune. Wenn Frau Habermas auf die Frage, was ihr Mann mit einem lange vergessenen und ihm plötzlich wieder vor Augen geratenen Schriftstück aus der HJ-Zeit gemacht habe, die witzige Antwort gibt: «Verschlungen hat er’s», dann sollte man von der Feuilleton-Intelligentsija doch mindestens erwarten dürfen, dass sie die Pointe versteht. Oder?

Literaturen-Leser, denen das Verschlingen von Geschriebenem vielleicht nicht ganz so fremd ist, sollten in dieser Ausgabe auf ihre Rechnung kommen. Das Angebot an unterhaltsamen und verschlingenswerten Büchern ist reichhaltig. Und dass Orhan Pamuk, der neue Literatur-Nobelpreisträger, im deutschen Sprachraum zuerst als Literaturen-Titelheld vorgestellt wurde, trägt gleichfalls zum Vergnügen der Redaktion bei – und hoffentlich auch der Leser.

Ihre Literaturen-Redaktion
Schwerpunkt - Gute Unterhaltung
Machen Bestseller dumm?
Ist Unterhaltungsliteratur nur eine gedruckte Variante des Unterschichten-Fernsehens? Führt der Spaß an der Freud automatisch zum Trash?

Die deutsche Kulturnation könnte sich amüsiert zurücklehnen: Der erste deutsche Unterhaltungsroman, dessen Best- und Longseller-Qualitäten ausgereicht hätten, seinen Autor lebenslang mit Ruhm und Reichtum zu beglänzen, hieß «Die Leiden des jungen Werthers». Hier legte Goethe auch die Zutaten und Ziele literarischer Mega-Erfolge fest: «Fleiß» als schriftstellerische Basis-Tugend, «Schicksal» und «Leiden» als Zentrum der Handlung, «Tränen» und «Trost» als erhoffte Wirkung beim Leser; intellektuelle Brillanz und literarische Raffinesse setzte der künftige Klassiker voraus.

Und heute? Was zeichnet Bücher aus, die gute Unterhaltung versprechen? Stephan Porombka verfolgt den Wechsel der Stimmungen und Macharten von der Postmoderne bis zum literarischen Mood Management. Sigrid Löffler findet in John Le Carré, dem Großmeister des politischen Thrillers, einen furiosen Globalisierungskritiker. Tim Parks, selbst Bestseller-Autor, fixiert drei Romantypen, die ihre Leser beglücken, Daniel Kehlmann begründet seine kollegiale Verehrung für Mario Vargas Llosa. Heinrich Detering schließlich überprüft, was von einem Klassiker der Unterhaltungsliteratur bis heute standhält: von Stefan Zweig.

Schicksal und Leiden, Tränen und Trost? Alles noch da. Bis auf den Trost vielleicht. Die Bilder, die den Schwerpunkt begleiten, entstammen populären Literatur-Verfilmungen.
Heinz Bude, Andreas Willisch (Hg.) Das Problem der Exklusion
Heinz Bude Ein reiches, armes Land
Warum soziale Ungleichheit die Gesellschaft heute nicht nur in Oben und Unten teilt, sondern auch in Drinnen und Draußen

«Sie sind arm, ohne Willen oder Lebensmut», schrieb «Bild» am 19. Oktober 2006, «die Unterschicht, rund 5 Millionen Menschen in Deutschland.» Zur Illustration dieser These lieferte das Fachblatt für soziale Fragen zwei Fallbeispiele in aller gebotenen Kürze, Foto inklusive: eine alleinstehende Mutter, «die sich aufgegeben hat», und einen Familienvater, «der noch kämpft».

Die meisten Zeitungen und Fernsehsender gaben sich alle Mühe, dieses intellektuelle Niveau zu halten. Und so fegte im Herbst 2006 wieder mal eine mediale Erregungswelle über die Republik hinweg, getarnt als Armutsdebatte, die das ehrgeizige Ziel hatte, am Rande unserer Gesellschaft eine völlig unbekannte Spezies zu entdecken. Gemessen am üblichen Tempo der dauererregten Medienmaschinerie liegt dieses Ereignis in diesem Dezember gefühlte 150 Jahre zurück; die Älteren unter uns werden sich aber gewiss noch erinnern.

Wer nach diesem Unterschichten-Tsunami sein Interesse an der Sache nicht verloren hat, wer sich in die Feinheiten des Problems der modernen Armut und der wachsenden sozialen Ungleichheit in Deutschland vertiefen will, greife zu dem von Heinz Bude und Andreas Willisch herausgegebenen Sammelband «Das Problem der Exklusion». Er hat alles, was die kurzatmige «Unterschichtendebatte» nicht hatte: Sachverstand, Komplexität, gedankliche Schärfe, empirische Grundlagen. Er lenkt den Blick weg von trügerischen Momentaufnahmen hin zu langfristigen Prozessen. Und obwohl dem Buch das Verdienst gebührt, das erste seiner Art auf dem deutschen Markt zu sein, kommt es dennoch um Jahre zu spät.

Der weiße Kragen der Mittelklasse
Die Exklusionsdebatte, in Europa seit mehr als fünfzehn Jahren leidenschaftlich geführt, entfaltete unter deutschen Sozialwissenschaftlern – von Politikern ganz zu schweigen – lange Zeit keine große Begeisterung. «Wie war es überhaupt möglich, angesichts von viereinhalb Millionen Arbeitslosen, davon über die Hälfte Langzeitarbeitslose, über viele Jahre hinweg nicht von Exklusion beziehungsweise Ausgrenzung zu sprechen?», fragt Martin Kronauer, Professor für Gesellschaftswissenschaften in Berlin, mit einiger Verwunderung über sich und seinesgleichen schon auf Seite 27. Er antwortet ohne Umschweife: «Gerade weil Ausgrenzung in Deutschland lange Zeit so gut funktionierte, musste sie nicht thematisiert werden. Die gesellschaftliche Mitte war von ihr kaum berührt.» Jetzt jedoch, da es den Mittelklassen an «ihren weißen Kragen» gehe und sie dadurch schwer erschüttert würden, reagierten sie auf ihre Weise auf die Erosion sozialer Sicherheit. Das ist doch ein angemessen selbstkritischer Einstieg ins Thema.

Schon der nüchterne Titel des Buches, der jede Effekthascherei oder gar Skandalisierung vermeidet, führt direkt ins Zentrum der Debatte. Mit dem Begriff der «Exklusion» wird die Landschaft der sozialen Ungleichheit neu vermessen. Nicht nur die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich immer weiter. Eine wachsende Anzahl von Menschen verliert auch den Anschluss an den Mainstream der Gesellschaft. Bei diesen Ausdrucksformen sozialer Ungleichheit geht es nicht allein um die Frage von Oben und Unten, sondern um diejenige von Drinnen und Draußen: Man spricht eben nicht mehr von relativer Unterprivilegierung, die sich an Einkommen, Wohnung und Bildung bemisst, sondern von einer Ausgrenzung, die Menschen ins soziale Nichts rutschen lässt.

Auf dem Spiel steht die Demokratie
«Die Leute, die man in den Billigmärkten für Lebensmittel trifft, wirken abgekämpft vom täglichen Überlebenskampf, ohne Kraft, sich umeinander zu kümmern oder aufeinander zu achten, und lassen gleichwohl keine Anzeichen von Beschwerdeführung oder Aufbegehren erkennen», schreiben Heinz Bude und Andreas Willisch, wenn sie dieses Milieu charakterisieren. «Die Jugendlichen hängen herum und träumen vom schnellen Geld in der Drogenökonomie, die Männer mittleren Alters haben sich in die Häuser und Wohnungen zurückgezogen, und die Frauen mit kleinen Kindern sehen mit Mitte zwanzig schon so aus, als hätten sie vom Leben nichts mehr zu erwarten.» Die gesellschaftliche Teilhabe dieser Menschen reduziere sich auf ein «Mitlaufen ohne Ziel» und ein «Dasein ohne Ort», schreiben die beiden Soziologen. Die Betroffenen kennzeichnen sie als «Ausgegrenzte, Entbehrliche, Überflüssige».

Das Buch umfasst insgesamt 14 Aufsätze. Sozialwissenschaftler, Philosophen und Politologen beleuchten ganz unterschiedliche Formen sozialer Exklusion und deren Folgen: angefangen von der frühen Ausgrenzung sozial benachteiligter Jugendlicher im deutschen Bildungssystem über die Trennung städtischer Wohlstandsenklaven von den Armutsinseln durch private Sicherheitsdienste bis hin zu fortschreitenden Verunsicherungsprozessen im mittleren Management der Unternehmen. Erfreulicherweise nehmen die Autoren dabei oft gerade die Paradoxien der Ausgrenzungsmechanismen unter die Lupe.

Martin Kronauer etwa präzisiert das «Draußen» der Exkludierten, indem er darauf hinweist, dass Exklusion heute mehr denn je als Ausgrenzung in die Gesellschaft verstanden werden muss und nicht als Ausgrenzung aus der Gesellschaft: Auch wenn sie nicht an ihr teilhaben, gehören ihr die Ausgegrenzten dennoch an. Gelingt ihre Integration nicht, das macht Kronauer klar, steht nicht weniger auf dem Spiel als die Demokratie. Fast nebenbei unterstreicht er dabei, dass der Kampf gegen Exklusion die «Beseitigung ausgrenzender Verhältnisse» einschließen muss. Das Hauptproblem liegt also nicht etwa allein darin, dass es «der Unterschicht» – um es so platt wie der SPD-Vorsitzende Kurt Beck zu sagen – am Willen zum sozialen Aufstieg mangelt.

Der Berliner Philosoph und Wirtschaftswissenschaftler Rainer Land stellt in einem gemeinsam mit Andreas Willisch verfassten Aufsatz fest, dass scheinbare Ausgrenzung nicht immer wirkliche Ausgrenzung bedeutet, dass parallel zur Exklusion vielmehr die Angebote zur Integration der Betroffenen steigen. Land und Willisch belegen dies mit den unzähligen Förderinstrumenten für den Arbeitsmarkt, mit ABM, Ein-Euro-Jobs und diversen Weiterbildungsmaßnahmen. Diese milliardenschweren Programme seien jedoch nur die «Simulation von Erwerbsarbeit», ein hilfloser Versuch von symbolischer Politik, um die Leute im Spiel zu halten. Hier waltet, so die Autoren, eine «Inklusionsmaschine», die die Überflüssigen erst schafft, deren Integration sie als Ziel vorgibt.

«Das Problem der Exklusion» ruft zur Debatte auf. Es macht deutlich, dass der Exklusionsbegriff theoretisch mehrdeutig ist und sich politisch in unterschiedlicher Weise einsetzen lässt. Die Fachleute streiten darüber, ob Ausgrenzung ein Begriff ist, der für die Abkoppelung der sozial Schwächsten vom durchschnittlichen Wohlstandsniveau reserviert werden sollte, oder ob er nicht vielmehr dafür geeignet ist, eine immer weiter um sich greifende Tendenz der allgemeinen Verunsicherung zu umreißen, die heute bis in die Mitte der Gesellschaft reicht. Einig sind sich die Autoren aber darin, dass Exklusion eine zentrale Kategorie zur Analyse moderner Gesellschaften ist, geradezu ihr Schlüsselbegriff.

«Ausschluss» ungleich «Armut»?
Wenn das stimmt, muss der Begriff geschärft – und für die politische Auseinandersetzung gebrauchsfähig gemacht werden. In diesem Zusammenhang mutet es mehr als verdächtig an, dass insbesondere Bude und Willisch, aber auch andere Autoren, den Exklusionsbegriff dem der Armut als einem angeblichen «Skandalisierungskonzept» diametral gegenüberstellen. Das wirkt bemüht. Ganz und gar falsch wird diese Absetzbewegung, wenn behauptet wird, dass sich wachsende Armut in Deutschland «nicht belegen» lasse. Die lässt sich sehr wohl belegen: Da genügt schon ein Blick in den (sogar noch schöngefärbten) zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung.

Sicher, soziale Ausgrenzung ist mehr als Armut – aber sie ist auch eine Form von Armut, jedenfalls dann, wenn man darunter mehr versteht als nur die statistische Rechnerei, die Einkommen knapp ober- oder unterhalb einer offiziell festgelegten Armutsgrenze verzeichnet. Warum sollte die Debatte um Exklusion und soziale Ausgrenzung nicht Bestandteil eines modernen Armutsdiskurses werden?

Es geht um einen Skandal ersten Ranges: die beständig anwachsende soziale Ungleichheit in einem reichen, armen Land wie Deutschland. Um dies im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern und wirksame Lösungen dagegen zu entwickeln, braucht es analytische Klarheit – aber auch emotionale Berührung. Letzteres leistet «Das Problem der Exklusion» nicht. Dies ist ein Buch von Experten für Experten. Aber immerhin ein sehr gutes.

Von Jens König
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