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Ausgabe 09.07
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Journal - Die Sache mit der Krise ist diese
Romane
Zeitgeschichte als Bettgeschichte:
Michael Kleeberg und Robert Menasse schreiben Männerromane

Zu den Vorteilen des Lesens gehört, dass man viel über ausgefallene Sexpraktiken erfahren kann, ohne selbst experimentieren zu müssen. Michael Kleebergs «Karlmann» stellt uns den Blow Job mit Eiswürfeln vor: «Eine Stichflamme, das Gefühl einer Stichflamme, entzündet und verbrennt sein Glied.» Robert Menasse probiert an seinem Helden Nathan die Masturbation mit Chili aus: «Ich hatte Wasser in den Augen. Ich glaube nicht, dass ich in einem brennenden Haus größere Panik empfunden hätte.»

Lieber Autor, haben Sie das denn selbst erlebt, wovon Sie hier erzählen? Zu schade, dass wir den beiden diese naive Frage nicht stellen können. Wir können also nur annehmen, dass es ihnen hier darum ging, eine mögliche Erfahrung lediglich zu erfinden. Aber wozu? Diese Frage führt ins Zentrum der beiden Romane von Robert Menasse und Michael Kleeberg, die in interessanter Parallelität nahezu gleichzeitig in diesem Spätsommer erscheinen. Ihre Temperamente könnten unterschiedlicher kaum sein: Robert Menasses österreichischer «Don
Juan» ist verspielt, ironisch und ein Freund der Kürze, der hanseatische «Karlmann» von Michael Kleeberg dagegen schwer, akribisch und gedankenreich. Und doch kreisen beide geradezu obsessiv um dasselbe Thema: die Männlichkeit ihres Helden. Wobei damit nicht nur die soziale Identität gemeint ist, sondern vor allem das dazugehörige Geschlechtsorgan. Um es im Jargon jener Nach-68er-Jahre zu sagen, in dem beide Erzähler zu Hause sind: Diese Figuren sind total schwanzgesteuerte Typen.

Muschelstock mit Mollusken

Mit Vulgärfeminismus wird man (und frau) ihren Geschichten allerdings nicht gerecht. Denn sie erzählen nicht von protzigen Machos, sondern vom Versuch, ein Mann zu sein in einer Zeit, in der niemand mehr weiß, was das eigentlich sein soll. Da liegt es offenbar nahe, sich an dem einzigen Männlichkeitsbeweis festzuhalten, dessen man einigermaßen sicher sein kann – und ihn bis zur Extrem-Erfahrung auszureizen.

Der Jüngere der beiden, Michael Kleebergs 26-jähriger Karlmann, trägt das ganze Problem schon in seinem martialisch-lächerlichen Namen mit sich herum. Kein Wunder, dass er lieber «Charly» heißen möchte. Doch das reicht nicht aus, um seinem übermächtigen Vater zu entkommen, dem er den Karlmann zu verdanken hat.
Genau in dem Moment, als Charly in ein erwachsenes, selbstbestimmtes Leben aufbrechen will, am Tag seiner Hochzeit, schenkt Papa seinem Sohn einen Posten als Geschäftsführer seines neuen Autohauses. Charly wird Opel-Verkäufer, statt zu neuen Ufern aufzubrechen.

Das Besondere an diesem Achtzigerjahre-Roman sind die Innenansichten, die Michael Kleeberg aus dem Leben des ruhelosen, unbefriedigten Karlmann zeigt. Er folgt seinen stromernden Gedanken und Blicken, forscht Gefühlen nach, zeichnet Wahrnehmungs- und Erinnerungsbilder – alles mit unendlicher Geduld und Genauigkeit.

Es ist der Versuch, jene Totalität des

Erlebens wiederzugewinnen, die jeder einzelne Ich-Moment des Bewusstseins in sich birgt. «Wie ein Muschelstock, ins Meer gestellt, die treibenden Mollusken an sich bindet, bis er vollhängt von wahren Clustern von ihnen», so hängt der Erzähler Erinnerungs-Augenblicke und Momentaufnahmen aneinander, bis ein einziger Tag das ganze Leben aufbewahrt. Und es gelingt: Am Ende sind es fünf solcher Tage gewesen, verteilt auf fünf Ehejahre von 1985 bis 1989, die uns die vollständige Geschichte von Charlys Glück und Liebe und ihrer ganz beiläufigen Zerstörung erzählen. Fünf Tage wie Konservendosen, Zeitkapseln, die man zwanzig Jahre später öffnet – und überrascht feststellt, wie authentisch sie den längst vergessenen Zeitgeruch aufbewahrt haben.
Dafür verlangt Michael Kleeberg dem Leser einiges ab. Die Sprachebenen gehen wild durcheinander; pornografische Phantasien stehen neben hochreflektierten Betrachtungen. Man kann nur staunen, wie überaus sprachmächtig Michael Kleeberg diese Tour de force absolviert. Nie scheint es eine Lücke zu geben zwischen den Phänomenen und dem Ausdruck, der sie zur Sprache bringt. Egal, wie zart oder obszön das Geschilderte auch sein mag – und wie merkwürdig diese Mischung beim Lesen dann schmeckt.

Lust als letzte Utopie

Nach diesem 500-Seiten-Marathon wirkt Robert Menasses Männer-Roman wie ein unterhaltsames Satyrspiel. Und es ist auch eins: ein heiteres Nachspiel zum großen Drama der sexuellen Revolution und den Kämpfen der Frauenbewegung, ein Rückblick auf die vergangenen vierzig Jahre als Bett-Geschichte, berichtet aus der Perspektive des illustren «Don Juan de la Mancha». Wir müssen uns diesen Helden als Kreuzung zwischen Casanova und Don Quichotte vorstellen: ein Verführer von der traurigen Gestalt, der ohne Frauen nicht leben kann und den Sex doch am liebsten ganz sein lassen würde – wenn es nur ginge.

Im bürgerlichen Leben heißt dieser Held Nathan, stammt aus einer jüdischen Wiener Familie, geht auf die fünfzig zu und hat ein Verhältnis mit Christa, die Dozentin für alte Sprachen ist und es gerne griechisch machen möchte – ja, in diesem Buch kommen die Anspielungen mit voller Absicht so kalauerhaft daher, dass man «Aua!» rufen möchte. Das Feingeistige können und wollen Autor und Figur einfach nicht ernst nehmen. Nur insgeheim sind die plumpen Witze auch kluge Kommentare zu griechischen Mythen, zur antiken Philosophie, zu den Schriften von Marx und Freud oder der jüdischen Identität – und vor allem zur Existenz als männliches Ich.

Dieses Ich ist ein Grenzfall, es ist sogar zwei in einem: um diesen Gedanken kreist der Roman. Nicht umsonst ist Nathan aus zwei Kunst-Figuren zusammengesetzt. Als Don Quichotte kämpft er – von Beruf Zeitungsredakteur – mit den Windmühlenflügeln der Diskurse. Als Don Juan sucht er nach Lust – allerdings nicht, weil er unersättlich wäre, sondern weil er sie überhaupt noch nie gefunden hat. Sie ist das uneingelöste Versprechen, schöner als Liebe, größer als Glück; die letzte Utopie – manchmal ist sogar die Rede von Erlösung.

Gebrochen, aber nicht erledigt

Auf der Suche danach hat Nathan die Lust allerdings völlig verloren. Der gemütskranke Don Juan wird ein Fall für die Couch und muss – die Therapeutin will es so – seine Lebensgeschichte aufschreiben. Es entsteht eine Chronik der Lust und der Zeit von den Sechzigern bis heute, witzig pointiert und voller treffender Beobachtungen – eben der Roman, den wir gerade lesen. Anders als Michael Kleeberg sucht Robert Menasse das Historische nicht in der genauen Beschreibung, sondern in der Verkürzung zum Typischen, im satirisch Überzeichneten. Etwa, wenn sich das Ende der Ära «nach 68» darin manifestiert, dass Nathan vom «ideologisch korrekten Beischlaf» mit emanzipierten Studentinnen auf 25-jährige Sekretärinnen umsteigt, «so geil wie die neuen Pornos und zugleich so romantisch wie die alten Groschenhefte». Ja, das Private ist politisch. Daher kann die Frage, die Robert Menasses Roman stellt, letztlich auch keine rein private sein: Wenn Sex das letzte Heilsversprechen der Gegenwart ist, wie kommt es dann, dass einem davon die Lust vergeht?

Was könnte man dem traurig-komischen Don Juan darauf antworten? Und wie den leidenden Charly trösten, von dem seine Frau nichts mehr wissen will? Zwei gebrochene Männer von heute! Sie werden, das zeigt das Ende beider Romane, sich zu helfen wissen. Die Männlichkeit mag in der Krise sein – das männliche Ego noch längst nicht. Selbst penisverletzende Extrem-Erfahrungen bringen es nicht wirklich in Gefahr. So müssen wir also die ursprüngliche Diagnose revidieren: Das Problem dieser beiden ist nicht ihr Geschlecht; ihr Problem ist, dass sie so ungeheuer ich-zentriert sind. Seltsam, dass es diesen Männern – und auch ihren Autoren, die doch über alle nur denkbaren Erzähltechniken virtuos verfügen –, nicht möglich ist, sich selbst von außen zu sehen, einmal die Perspektive eines (womöglich weiblichen) Gegenübers anzunehmen. Seltsam? Nun ja, vielleicht auch einfach typisch Mann.

Sophie von Glinski
Portrait - Kathrin Passig
Das Gespräch beginnt mit einem technischen Problem. Das neue Diktiergerät, kaum größer als zwei Finger, speichert die Aufnahme als «WMA»-Datei. Wie aber wird man sie später in den Computer laden? Oder verträgt der Apple-Rechner nur Sound im «MP3»-Format? «Keine Ahnung», sagt Kathrin Passig, «das müsste ich nachschlagen.»

Wie beruhigend. Denn nach allem, was von und über Kathrin Passig zu lesen ist, sollte man annehmen, dass es nichts gibt in der rasanten Welt der elektronischen Datenverarbeitung, das sie nicht längst wüsste. In der von ihr mitgegründeten Firma «Zentrale Intelligenz Agentur» (ZIA) ist sie als Geschäftsführerin zuständig für Technik und Theorie. Das smarte Weblog «Riesenmaschine», das die ZIA betreibt, beliefert sie nicht nur mit Content, vulgo Texten, sie hat auch dessen Software selbst programmiert. Und lange bevor sie mit dem eleganten Prosastück «Sie befinden sich hier» die literarische Bühne betrat – in Klagenfurt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb, wo sie im vergangenen Jahr aus dem vermeintlichen Nichts kam, las und siegte – , kannten die Leser der Computerzeitschrift «c’t» ihre Beiträge. Wer ihre in der «taz» veröffentlichten Kolumnen wörtlich nimmt (die soeben unter dem Titel «Strübel & Passig» als Buch erschienen sind), weiß, dass diese Frau ihre Reiseziele gelegentlich danach aussucht, ob diese der grafischen Umgebung ihrer liebsten Adventure-Spiele ähneln. Die Welt hienieden nennt sie schon mal «Kohlenstoffwelt». Digital ist besser. Il faut être absolument technophil. Und doch hat auch Kathrin Passig nicht auf jede Frage eines Computer-Laien die Antwort aus dem Effeff.

Das Treffen beginnt mit einem technischen Problem, und damit sind wir mitten im Thema: dem Verhältnis von Wissen und Unwissen unter besonderer Berücksichtung von Internet-Suchmaschinen. Dass sie dies oder jenes nachschlagen müsse, wird Kathrin Passig im Lauf des Nachmittags mehr als einmal wiederholen – gerade weil sie sich so geschmeidig im Aquarium aus Nullen und Einsen bewegt. «Ich bewundere es, wenn Leute Fakten so aus dem Ärmel schütteln», sagt sie, «weil es ja doch ab und zu vorkommt, dass man etwas live diskutieren muss, ohne die Gelegenheit nachzusehen. Ich kann mir viele Sachen nicht merken, finde es aber auch keine Aufgabe für das menschliche Gehirn, sich Sachen zu merken. Da ist ‹Google› viel besser.»

Recht hat sie. All die naheliegenden alteuropäisch inspirierten Zweifel – verkümmern die grauen Zellen, wenn man das Speichern ganz den Chips überlässt? bedeutet das Outsourcing von Faktenwissen ans Internet das Ende von hergebrachter Bildung? was tun bei Stromausfall? – werden beiseite geschoben. Stattdessen schweift der Blick durch den Raum. Fünf Arbeitsplätze gibt es in dieser Remise in einem Hinterhof in Berlin-Kreuzberg. Sie trägt den schönen Namen «Haus der Frohen Zukunft»; innen sieht sie aus wie eine Villa Kunterbunt für die reifere Jugend. Alles ist greifbar, Papier, Kartons, Bücher, CDs, DVDs, technisches Gerät, Getränkekisten, kaum ein Quadratzentimeter ist blank. Vom Poster an der Rückwand lacht ein riesenhaftes Känguruh, zu seinen Füßen liegt eine weiche Sofalandschaft. «Wer braucht einen Telearbeitsplatz, wenn es im Büro schöner ist als zu Hause?», heißt es in einer Kolumne von Passig aus dem Jahr 2000. Über ihrem Schreibtisch prangt eine Sieger-Urkunde. Es ist nicht die aus Klagenfurt. «Kathrin Passig», steht da in den dürren, gesperrten Lettern einer analogen Schreibmaschine, «wurde Schulsieger beim 23. Vorlese-Wettbewerb 1981/82», gezeichnet: der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V. «Ich habe mir vor kurzem meine alten Sachen von meinen Eltern schicken lassen», sagt sie schulterzuckend, mit kaum merklichem Lächeln.

Ist der Aal am Ende unsterblich?

«Lexikon des Unwissens» heißt das neue Buch von Kathrin Passig, gemeinsam verfasst mit Aleks Scholz, der, wenn er nicht für die «Riesenmaschine» schreibt, als Astronom an einer kleinen schottischen Universität arbeitet. Wer sich den Titel auf der Zunge zergehen lässt, kommt auf den Geschmack jener Ironie, die als ein Markenzeichen der ZIA gelten kann: Das Wort «Lexikon» dürfte zu den verkaufsförderndsten Textbausteinen in Titeln auf dem gegenwärtigen Sachbuch-Markt gehören. Lexika (des Außergewöhnlichen, des Buddhismus, des frühen 21. Jahrhunderts, der Fußballmythen, des internationalen Films, der rätselhaften Körpervorgänge, der Rechtsirrtümer, des schulischen Elends, des Überlebens) versprechen Orientierung im Labyrinth der Gegenwart.

So auch das Buch von Passig und Scholz – aber die Pfade ihres Nachschlagewerks führen ins Nichts. Die Autoren zehren von der Konjunktur der in Funk und Fernsehen und Büchern populär aufbereiteten Wissensthemen – aber indem sie deren Kehrseite, das Unbekannte, ausleuchten. «Das Lexikon des Unwissens ist das erste Buch, nach dessen Lektüre man weniger weiß als zuvor», heißt es in der Einleitung, so prägnant, dass der Verlag die Formulierung gleich für den Klappentext benutzte.

Prägnant – und kokett. Denn natürlich vermittelt dieses Lexikon eine Fülle von Daten, Fakten, Sachverhalten. Es ist insofern ein geradezu mustergültiges Sachbuch, als zumindest der allgemein gebildete Durchschnittsleser in jedem der 42 Kapitel – von A wie Aal bis W wie Wasser – etwas dazulernt: etwa wie die Verteilung der Primzahlen nach der Vermutung Bernhard Riemanns im Groben funktioniert; dass in Südamerika weniger als 10 Prozent, in Japan, Taiwan, Südkorea und Singapur dagegen 50 bis 80 Prozent der Menschen kurzsichtig sind; dass fünf Jahre nach der Einführung des Euro rund 14 Milliarden D-Mark nicht wieder aufgetaucht sind; dass die meisten der 30 bis 60 Rattenkönige, die in den vergangenen fünf Jahrhunderten bekannt geworden sind, aus Deutschland stammen; oder dass Katzen noch dann schnurren, wenn sie nicht mehr miauen können, etwa weil ihre Gurgel verletzt ist.

All diese Info-Brösel zu sammeln, ist nicht ohne Reiz – und sei es, um mit dem neu erworbenen Wissen den nächsten Smalltalk zu bestreiten. Vor allem aber erfährt dieser allgemein gebildete Durchschnittsleser, worüber auch Experten rätseln: wie sich die Riemann-Hypothese beweisen lässt oder mit welchem Organ und zu welchem Zweck Katzen eigentlich schnurren. Unwissen siedelt offenbar nicht notwendig in entlegenen Gegenden, sondern oft buchstäblich am eigenen Leib. Kein Mediziner kann erklären, wie Kurzsichtigkeit oder Erkältung entstehen, das Wesen der weiblichen Ejakulation ist unbekannt, ebenso die Funktion des Schlafes, nicht einmal, warum wir gähnen, ist sicher (Sauerstoffmangel als Grund ist seit den 1980er Jahren ausgeschlossen).

Hunderte von Jahren brachten Forscher damit zu, Aalen nachzustellen – darunter Aristoteles und der junge Sigmund Freud –; doch erst seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiß man, dass der Europäische Aal in der Sargassosee schlüpft, südlich der Bermuda-Inseln. Von dort reist er durch den Atlantik, fristet sein Erwachsenenleben in Rhein oder Weser, durchquert abermals den Ozean, um am Ende seines Lebens in der Region seiner Geburt zu laichen. Wie der eigentliche Akt der Fortpflanzung sich dort vollzieht, liegt bis heute im Dunkeln. «Die kleinen Aallarven entstehen scheinbar aus dem Nichts. Gleichzeitig verschwinden die erwachsenen Aale spurlos in der Sargassosee. Verwandeln sich die Eltern einfach zurück in Larven? Ist der Aal somit unsterblich?» Was bleibt, ist Grinsen und Schulterzucken: «Aalforscher müssen sich so ähnlich fühlen wie kleine Kinder, die zwar wissen, dass die Klapperstorchhypothese falsch ist, aber trotzdem keine Ahnung haben, wo die Babys herkommen.»

Donald Rumsfeld sucht die «unknown unknowns»

Wahrscheinlich ist ihr Witz der eigentliche Grund dafür, dass man den Autoren auch in Unwissensgebiete folgt, die man aus freien Stücken nicht betreten würde. Dieser Witz ist nämlich nicht bloß die zuckrige Zutat zweier routinierter Didaktiker, die ihre Leser wach halten wollen, wenn es ums Gähnen oder um mathematische Marathonläufe geht. Sondern er ist auch das Medium, in dem Passig und Scholz übers Unwissen sinnieren. Dass bis heute ungeklärt ist, warum die Bäume im Herbst ihre Blätter färben, lässt sie an der Objekt-Bezogenheit von Erkenntnis zweifeln: «Vielleicht sind es ja nur unsere Augen, die sich auf den Herbst vorbereiten.» Im Zusammenhang mit Kugelblitzen ist noch immer auffallend oft von Ufos die Rede – offenbar ist der Mythos als Naturerklärung nicht ganz ausgestorben: «Wirklich bewiesen ist die Existenz von Kugelblitzen aber wohl erst dann, wenn es gelingt, einen einzufangen, zu zähmen und auf Fachkonferenzen herumzuzeigen.» Und eine der zuverlässigsten Humor-Quellen ist der nüchterne Blick auf die Methoden der Wissensgewinnung: «So heißt es über eine an israelischen Piloten durchgeführte Studie (über Kurzsichtigkeit), ihre Ergebnisse seien ‹nur auf Piloten in Israel übertragbar›. Da in der betreffenden Studie mehr als 1200 Piloten untersucht wurden, bleibt vermutlich in ganz Israel kein Pilot übrig, auf den man die Ergebnisse noch anwenden könnte.»

Passig und Scholz stellen das Unwissen nicht nur dar, sie haben es auch bedacht. Sokrates’ «Ich weiß, dass ich nicht weiß» oder Kants Frage «Was können wir wissen?» kommen nicht ausdrücklich vor, aber sie haben durchaus Spuren hinterlassen. Dafür hat eine andere Autorität in der Einleitung einen prominenten Auftritt, nämlich Donald Rumsfeld – mit seiner delirierend-luziden Unterscheidung von bekanntem und unbekanntem Unwissen, «known unknowns» und «unknown unknowns». Für Letzteres ist vielleicht die Esoterik zuständig oder die CIA, jedenfalls aber die US Army, die es unter der Abkürzung «unk-unk» aufklärt. Passig und Scholz konzentrieren sich dagegen auf jenes Unwissen, das man als solches kennt.

Diese Selbstbeschränkung ist es, die das «Lexikon» ohne Not gewissermaßen eindimensional macht: Der Fortschritt der Erkenntnis ist für Passig und Scholz eine aufsteigende Linie. Sie glauben, die Forscher drängen von den sicheren «Landmassen» des Wissens aus allmählich das Unwissen zurück, die «nassen Stellen auf der Landkarte», auch wenn immer wieder «neue Pfützen» auftauchen. Man müsse eben nur die richtigen Fragen stellen. Aber wo kommen diese Fragen her? Was dem Buch fehlt, ist etwas von dem Geist, der die Wissenschaftsforschung schon seit den 1960er Jahren durchzieht: Wie kommt es, dass der Wissenschaft innerhalb historischer Paradigmen nur bestimmte Probleme überhaupt in den Blick geraten und andere nicht? Wie kommt es, dass diese fundamentale Bedingtheit der Perspektive von Zeit zu Zeit abrupt wechselt – und so Fragen und Antworten auftauchen, die mit den alten nicht mehr kompatibel sind? Man muss dazu nicht Thomas Kuhns «Struktur wissenschaftlicher Revolutionen» zitieren, Rumsfeld genügt: Mehr Mut zum «unk-unk» hätte das Buch bereichert.

«Ich glaube, wenn man meiner Generation angehört, muss man einfach an den Fortschritt glauben.» Als Kathrin Passig das bekennt, spricht sie nicht über Wissenschaftsforschung, sondern über Technik. «Wer gesehen hat, wie das Internet innerhalb von zehn Jahren von einem dahinstolpernden Kleinkind zu dem großen Wunderding herangewachsen ist, das es heute ist, der kann nur an die Großartigkeit des Fortschritts glauben. Manche vergessen einfach zu schnell, wie umständlich das Leben und viele Berufe noch vor zehn, fünfzehn Jahren waren.» Etwas später sagt sie: «Man muss darüber schreiben, dass die Welt in vielen Details besser wird, weil man daran lernen kann, dass Veränderung zum Besseren möglich ist; dass sie auch nicht unbedingt hundert Jahre lang dauern muss.» Und noch später: «Ich glaube, dass es für sehr viele individuelle oder soziale Probleme eine einfache technische Lösung gibt.»

Weg vom einsamen Kampf mit dem Blatt Papier

Kathrin Passig ist 1970 geboren, im niederbayerischen Deggendorf. Zum Germanistik- und Anglistik-Studium kam sie nach Berlin; zum Selbststudium der Fächer Programmieren, Sexualwissenschaften und Nagetierforschung tauchte sie ab ins Internet, schon in dessen Frühphase; so erzählen es die Agentur-Kollegen Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch «Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung» (siehe Literaturen 11/2006).

Je länger wir sprechen, desto deutlicher wird, dass Passig nicht einfach eine Pose wiederholt, die so viele ZIA-Texte formt: Wer die Trend-Kolumne «Das nächste große Ding» verfolgt (von Holm Friebe und Kathrin Passig für die «Berliner Zeitung» verfasst und inzwischen als Buch erschienen), wer durch die unzähligen Beiträge der «Riesenmaschine» klickt (oder blättert: auch dieser Blog ist jetzt als Buch zu kaufen, das wiederum aus dem Netz heruntergeladen werden kann) – wer all die zum Teil glänzenden, immer präzis und pointiert geschriebenen Texte über neuestes Internet-Radio oder neueste Software, über neuestes Shampoo, neueste Tütensuppen oder Turnschuh-Features liest, der gewinnt gelegentlich den Eindruck, die Autoren finden alles einfach gut, wenn es nur neu ist; vielleicht, um kritische Achtundsechziger zu quälen. Wenn Kathrin Passig aber über Fortschritt durch Technik redet, ahnt man, dass sie auch aus eigener Erfahrung spricht.

«Leuten, die zum Beispiel keine extrovertierten Partylöwen sind, hat das Internet es leichter gemacht, andere kennen zu lernen. Beim Chatten oder in Internetforen fällt es leichter, von Vorurteilen über Äußerlichkeiten Abstand zu nehmen. Man unterhält sich auch mal mit Leuten, die zweihundert Kilo wiegen.» Oder: «Noch in den Achtzigern hat ein erfolgreicher Sexualwissenschaftler behauptet, dass es für Fetischisten und andere Perverse ein Ding der Unmöglichkeit sei, sich subkulturell zusammenzuschließen. Er hatte nicht Unrecht. Zehn Jahre später aber, mit dem Internet, war dieses Problem komplett durch Technik abgeschafft. Wer heute abweichende sexuelle Interessen hat und keinen Internetzugang besitzt, ist selber schuld.» Passigs erstes Sachbuch, verfasst mit Ira Strübel, heißt «Die Wahl der Qual. Handbuch für Sadomasochisten und solche, die es werden wollen».

Man mag sich kaum vorstellen, ob Kathrin Passig ohne Computer je zum Schreiben gefunden hätte. Und das nicht nur, weil sie von sich sagt, dass sie ohne Textverarbeitung und Suchmaschine kaum arbeiten mag, mangels Korrektur- und Recherchemöglichkeiten. Auch die enge Zusammenarbeit mit ihren verschiedenen Ko-Autoren wäre ohne das Netz undenkbar. Avantgardistische Literaturtheoretiker träumten seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts davon, Autorschaft aus dem Kerker des Künstler-Subjekts zu befreien: weg vom Kampf eines einsamen Ichs mit der Seele oder dem weißen Blatt Papier. In diesem Sinne sind Kathrin Passig und ihre Mit-Agenten längst befreit. Die ZIA ist, gemäß einem ihrer vielen schönen Claims, «für die nuller Jahre, was Gruppensex für die 70er war».

Das bislang letzte große Ding, das das kollaborative Schreiben befördert, liefert jetzt abermals die Firma «Google». «Seit dem vergangenen Herbst arbeite ich nur noch mit ‹Google Docs›», erklärt Kathrin Passig. Ihre Texte, heißt das, lagern nicht mehr auf der eigenen Festplatte, sondern auf einem Server von «Google». Darauf kann sie von jedem Rechner aus, wenn er nur mit dem Netz verbunden ist, zugreifen – und alle Kollegen, die sie dazu einlädt. So saß sie also in ihrem «Haus der Frohen Zukunft», Aleks Scholz in Schottland, und allmählich wuchs ihr Lexikon-Baby zum Buch heran. «Das ist doch der Traum jedes Autors oder Texters», sagt sie, und diesmal leuchtet das Lächeln: «Man sitzt vor dem Rechner, schreibt und sieht gleichzeitig, wie das Dokument woanders länger oder kürzer wird, wie sich Worte ändern.» Wenn das kein Fortschritt ist! Was jetzt noch aussteht, ist der vierhändige, auf «Google Doc»-Basis verfasste Roman. Aber das ist sicher nur eine Frage der Zeit.
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Ausgabe 09.2007
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