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| Ausgabe 10.07 - Literaturen - Literatur |
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Als man zum Kitsch noch Horreur sagte
Der aufhaltsame Aufstieg des Martin Mosebach zum Georg-Büchner-Preisträger 2007. Würdigung einer exemplarischen Karriere Von Sigrid Löffler Seit bekannt ist, dass dem Frankfurter Erzähler und Essayisten Martin Mosebach der diesjährige Georg-Büchner-Preis zugesprochen wurde, herrscht im deutschen Feuilleton die possierlichste Begriffsverwirrung. Die ersten Reaktionen waren eitel Wonne: Beifall, Zustimmung, Genugtuung. Die Wahl Mosebachs wurde überwiegend begeistert begrüßt. Lobend hervorgehoben wurde allenthalben die «Unzeitgemäßheit» des Preisträgers – womit bei genauerer Lektüre vor allem seine guten Manieren, sein grandseigneurales Auftreten (sogar noch «in der Apfelweinkneipe»!) sowie der Umstand gemeint waren, dass Herr Mosebach sich zumeist im Dreiteiler und nie ohne Krawatte in der Öffentlichkeit zeigt, ein vorbildlich gefälteltes und farblich dezent abgestimmtes Einstecktüchlein nicht zu vergessen. Kurzum: applaudiert wurde vornehmlich einem ostentativ altmodischen bürgerlichen Habitus. Auch auf des Autors Bildung und historisches Wissen wurde ehrfürchtig hingewiesen. Weil «immens» und »profund» zur Kennzeichnung offenbar nicht ausreichten, wurde dafür eigens das Attribut «stupend» aus dem Duden hervorgekramt. Eine Bildung, die beispielsweise auf Rhein-Spaziergängen in der Gegend um Eltville aufs Vorteilhafteste zur Geltung kommt, wenn der Autor, wie zu lesen war, «seinen Begleitern mit freundlicher Geduld erklärt, welcher Sektbaron hier in welcher prächtigen Villa wohnte, was von einzelnen Weinlagen weiter oben den Hang hinauf zu halten sei oder was dem österreichischen Dichter Heimito von Doderer bei ähnlicher Gelegenheit, bei der zivilen Erkundung einer Landschaft an der Donau, widerfuhr». Die Mosebach-Mäkler meldeten sich erst Monate später zu Wort. Und dann klangen ihre Nörgeleien sonderbar kleinlaut und defensiv, besonders, wenn sie dem Autor nichts anderes vorzuwerfen wussten, als dass er «langweilig» sei – ein reines Geschmacksurteil und als solches für die Debatte unbrauchbar. Die Kritiker machten kaum mehr den Versuch, die von den Mosebach-Apologeten auftrumpfend in Umlauf gebrachten und lobend gemeinten Gesinnungs-Sticker – «Reaktionär», «Antimodernist», «Anarch», «Kulturpessimist», «vorkonziliarer Katholik» – ins ursprünglich Diffamierende zurückzudrehen. Das wäre wohl auch vergebliche Liebesmüh’ gewesen. Solche Polemik greift nämlich nicht mehr, seit der Zeitgeist auf der konservativen Welle surft und seit die einstigen Verunglimpfungsmarken reihenweise rehabilitiert und in Ehrentitel umgemünzt werden; erst recht nicht, seit sich der ästhetisierende Feuilleton-Katholizismus – als dessen Wegbereiter und Wortführer Mosebach durchaus gelten kann – für den Flirt mit der lateinischen Messe nach tridentinischem Ritus sogar auf Papst Ratzingers wohlwollende Unterstützung berufen kann. Das Schickliche mit dem Gewagten verbinden Inzwischen wäre es reine Koketterie, Mosebach noch einen Außenseiter nennen zu wollen. Das ist er längst nicht mehr, obwohl sich der 56-Jährige in seinen Gesinnungen nicht einen Deut bewegt hat. Der Winkelried, der noch vor vierzehn Jahren mit ganz ähnlich verqueren Ansichten alle Hohn- und Verdammnis-Pfeile des Feuilletons auf sich zog, hieß Botho Strauß. In dessen Windschatten kann Mosebach heute gefahrlos die westen- und stecktuchgepanzerte Brust recken: Kein Geschoss kann ihm etwas anhaben, die Pfeile von damals sind stumpf geworden. An Mosebachs Aristokratismus, der das Schickliche mit dem Gewagten so artig zu verbinden weiß, prallen sie wirkungslos ab – schon deshalb, weil er seinen elitären Dünkel, anders als Strauß in seiner aufreizend hochfahrenden Schroffheit, stets mit leutseliger Milde zur Schau trägt. Seit das Feuilleton aus dem Denkerstübchen in den bürgerlichen Salon umgezogen ist und es sich dort biedermeierlich bequem macht, sind auch Mosebachs antimoderne Affekte salonfähig geworden. Seine Bewunderer erblicken darin die gefällige Darstellung dessen, was sie für bürgerliche Werte von einst halten. In seiner Prosa sehen sie überdies sich und ihre gymnasialen Bildungsrückstände literarisch bestätigt. Trifft demnach zu, was die Gegner dieses Autors bedauernd, seine Befürworter jedoch mit Befriedigung feststellen: dass der Zeitgeist diesem Autor «entgegengewachsen» ist und ihn samt seinem Traditionalismus inzwischen eingeholt hat? Die Antwort darauf ergibt sich nicht so glatt, wie es Freund und Feind erscheinen mag. Eines allerdings lässt sich jetzt schon feststellen: Die Darmstädter Jury hat diesmal eher eine Gesinnung als büchnerpreiswürdig ausgezeichnet und weniger ein originelles literarisches ¼uvre. Denn, unter uns Sektbaronen und Bildungsbürgern sei es gesagt: Auf Mosebachs Literatur trifft ein Aphorismus seines philosophischen Abgotts, des kolumbianischen Erzreaktionärs Nicolás Gómez Dávila, leider nur allzu genau zu: «Am schlechtesten schreibt, wer den, der gut schreibt, nachahmt.» Das soll nun nicht heißen, dass solcher Imitationsprosa nicht durchaus ein gewisser Secondhand-Charme anhaften kann, etwa der delikate Reiz einer leicht angestaubten, vornehmen Mattigkeit – geschmackvoll, mürbe und demodé, dabei mit Ironie versilbert. Der Frankfurter Arztsohn Martin Mosebach, der 1980 von Golo Mann entdeckt wurde, daraufhin die Juristenlaufbahn fahren ließ und sich auf die unsichere Existenz eines freien Schriftstellers einstellte, ist mit seinen Romanen, Essays, Libretti und Gedichtsammlungen viele Jahre lang durch die Verlagshäuser mäandert, ohne sonderlichen Eindruck zu machen. «Das Bett», «Ruppertshain», «Westend», «Die Türkin», «Eine lange Nacht» – lauter Romane, die zwar in Frankfurt angesiedelt waren, aber im ganzen Sprachraum spurlos untergingen. «Ein Traditionalist», lautete das schulterzuckende Verdikt über den Autor nach seinem Debüt von 1983 mit dem Roman «Das Bett». Wer lechzt schon nach Salondamen? Die achtziger und neunziger Jahre waren nicht eben erpicht auf solch ausladende Gesellschaftsromane, notabene, wenn sie im geborgten Stilgewand ihrer literarischen Vorbilder auftraten – plaudersüchtig wie bei Fontane, ironisch timbriert wie bei Thomas Mann, den eigenen Feinsinn genießerisch auffächernd wie bei Proust, das Unbelebte animierend wie bei Doderer. Reife Frankfurter Salondamen mit Ehemann und adligem Hausfreund, die in weißen, wenngleich hypothekenbeladenen Villen mit Park in den Taunusbergen residieren («Ruppertshain»); zerstreute junge Herren, die, statt in New York eine standesgemäß gehobene Karriere zu machen, einem türkischen Wäscherei-Mädchen liebesblind nach Lykien nachreisen («Die Türkin») oder die das Jura-Examen nicht geschafft haben und sich nun traumverloren durch Liebe und Leben schwindeln («Eine lange Nacht») – derlei war bestimmt nicht das Romanpersonal, in dem sich die Leserschaft vor und nach der Wende von ’89 hätte wiedererkennen wollen. Hinzu kam, dass Mosebach darauf bestand, das Sofa und den Elefanten konsequent mit ph zu schreiben. In seiner Prosa berieten sich Menschen nicht miteinander: Sie «pflogen Rats». Dichter ohne Heimat ordnete er gern dem «Typus des Ästivanten» zu, den man in den meisten Wörterbüchern vergeblich suchen wird. Bei ihm begegnet man tatsächlich heute noch Untertanen, die vor einem König «in winselnder Proskynese» versinken. Da bei ihm ein Kollege, mit dem man beim Dämmerschoppen sitzt, unbedingt als «ein guter Konvive» bezeichnet werden musste und er statt von gewöhnlichen Morgen lieber von veralteten «Morgenden» schrieb, wurde alsbald der Argwohn laut, hier sei womöglich ein Bildungsposeur am Werke, der seinen Stil mit ornamentalen Sprach-Antiquitäten umschnörkelte und nostalgisch einer Zeit nachhing, als man zum Kitsch noch «Horreur» sagte. Auch für diese Sorte des schwelgerisch ziselierten Sprach-Dekors hat übrigens der giftig-apodiktische Gómez Dávila den passenden Aphorismus parat: «Die ungenauen Begriffe, die ein talentierter Autor mit Geschick handhabt, blenden den Nachahmer, der sie am Ende in vulgarisierter Rhetorik darstellt.» Nur für geladene Leser Dass die Pseudo-Saloniers in den Feuilletons solchen Unterschied gar nicht mehr wahrnehmen und sich von einem bildungsbürgerlichen Gestus benebeln lassen, auch wenn er bloß Attitüde ist, spricht womöglich eher gegen sie als gegen Mosebach. Allerdings hat dieser Autor auch noch eine andere Facette, die in den neunziger Jahren wohlverborgen in einem abseitigen Winkelverlag vor sich hin weste. Während Mosebach nacheinander bei Hoffmann und Campe, Insel, Berlin Verlag, Aufbau und Eichborn als überlegen fabulierender, wiewohl schlecht verkäuflicher Gesellschaftsromancier paradierte, reservierte er seine erlesenen Ressentiments für den Karolinger Verlag zu Wien – weniger zur Publikation, als vielmehr, wie es einst im George-Kreis hieß, «nur für geladene Leser». Dieser Verlag ist auf Dunkelmänner spezialisiert. Hier findet sich alles, was seine anti-modernen, anti- liberalen, anti-aufklärerischen, monarchistischen und sonstwie anti-demokratischen Impulse «entre nous» ungeniert ausleben möchte, von Günter Maschke bis Armin Mohler. Eine besondere «Bibliothek der Reaction» versammelt so erlauchte Namen wie Metternich, den savoyardischen Gegenaufklärer Joseph de Maistre und Konstantin Leontjew, einen ruchlosen Reaktionär des 19. Jahrhunderts, der gegen Fortschritt und Aufklärung in jederlei Gestalt wetterte, die Leibeigenschaft verteidigte und es neuerdings zum Kult-Autor der russischen Rechten gebracht hat. In diesem Umfeld konnte der präkonziliare Katholik Mosebach seine gesammelten Animositäten gegen das Zweite Vaticanum hemmungslos ausbreiten und namentlich seinem Groll gegen Paul VI., den Papst der Liturgie-Reform, ungezügelt frönen – in seinem Essayband «Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind». Und hier stieß Mosebach auch auf eine tief verwandte Seele – in den Schriften des Nicolás Gómez Dávila, jenes kolumbianischen Privatgelehrten (1913–1994), der als wohlhabender Patriziersohn sein Leben in seiner Privatbibliothek in Bogotá zubrachte, wo er an seinen «Scholien» knetete, Tausenden von Glossen und Aphorismen, die er in Privatdrucken in Nicht-Umlauf zu bringen pflegte. Mosebach hat Gómez Dávila, wie er mitteilt, sogar in Bogotá besucht und ihn dort offenbar noch lebend, wenngleich in leicht mumifiziertem Denkzustand angetroffen. Ästhetischer Fundamentalismus für alle? Gómez Dávila muss für Mosebach eine Offenbarung gewesen sein – herrisch, intolerant und furchtlos feindselig. In dessen Aphorismen und Adnoten äußerte sich ein allumfassender, schneidiger, gelegentlich inhumaner Elitarismus («Entvölkern und aufforsten – erste zivilisatorische Regel»), dem die ganze Welt nur aus Schwachköpfen, linkem Lumpengesindel und vulgären Ramsch-Intellektuellen zu bestehen schien – nach dem Motto «Die moderne Welt ist ein Schweinestall, in dessen Morast der Mensch von heute sich fröhlich wälzt». Für alles Gegenwärtige – von der Demokratie über die Kunst und Literatur bis zur katholischen Kirche von heute, die Frau als solche nicht zu vergessen – hatte Gómez Dávila, der sich selbst zum einsamen Reaktionär nobilitiert hatte, nichts als Hohn und Verachtung übrig. Und das alles so herrlich drastisch formuliert, wie es für einen Frankfurter homme de qualité mit Blick auf seine eher zimperlichen Wirkungskreise nicht zutunlich gewesen wäre. Also wählte Mosebach einen elegant indirekten Weg der Zustimmung: die Herausgeberschaft. Im Schutz des Großhassers aus Bogotá ließen sich gegenmoderne Invektiven nach Herzenslust streuen, ohne Risiko fürs eigene Renommee. Eben erst hat Mosebach Gómez Dávilas «Ausgewählte Sprengsätze» unter dem Titel «Das Leben ist die Guillotine der Wahrheiten» in der Anderen Bibliothek bei Eichborn herausgebracht – und sich damit allerdings in einem Dilemma verheddert. Denn wie sollte man ein eifersüchtig gehütetes, sektiererisches Geheim-Schrifttum zugleich den Eingeweihten vorbehalten und es per Publikumsverlag verbreiten können? Entweder elitäre Geheimhaltung für die Happy Few oder Preisgabe an die plebejischen Happy Many – beides zugleich geht nicht. Ästhetischen Fundamentalismus öffentlich zu propagieren, ist ein performativer Widerspruch. Auch gegen diese Art von unerwünschter Gefolgschaft hat sich Gómez Dávila übrigens von vornherein abgesichert, mit dem Spruch: «Die Parteigänger einer Sache sind in der Regel die besten Argumente gegen sie.» Von nun an ging’s bergauf Um in diese Falle tappen zu können, musste Mosebach allerdings erst irgendwie berühmt werden. Dies ist ihm im Jahr 2001 gelungen, als er im Alter von fünfzig Jahren mit dem Roman «Der Nebelfürst» seinen so genannten Durchbruch doch noch schaffte. Keineswegs zufällig ist dieser in der wilhelminischen Epoche angesiedelte historische Hochstapler-Roman bis heute des Autors gelungenstes Werk geblieben: Hier kamen Form und Inhalt, Historismus und Hochstapelei, Plüsch und Talmi als Signatur der Zeit, glückhaft zur Deckung. Seit damals geht’s bergauf. Was Mosebach über Peter Hacks gesagt hat, das trifft wohl auch auf ihn selber zu: «Der rückständige Zeitgenosse – das ist gelegentlich der Mann von Morgen.» Dass Mosebach als Ghostwriter für das «Manieren»-Buch des äthiopischen Prinzen Asfa-Wossen Asserate in Verdacht kam, wo er doch nach eigenem Bekunden diesen Neo-Knigge für Anti-Achtundsechziger bloß lektoriert und redigiert hat, hat ihm bei seiner Klientel keineswegs geschadet. Sein Roman «Das Beben» (2005) verursachte bei der Kritik bereits nichts als ein Wonnebeben, das sich beim soeben erschienenen Kurzroman «Der Mond und das Mädchen» manchenorts zu wahren Wonnedelirien steigerte. In «Das Beben» flieht ein Frankfurter Architekt vor seiner manisch treulosen Freundin nach Indien – natürlich nicht in das reale, übervölkerte und chaotisch dynamische Indien von heute, sondern ins fiktive Ex-Königreich von Sanchor. Dort hält der Ex-Monarch für eine Handvoll Getreuer nach wie vor Hof, auch wenn die alte Königsherrlichkeit im demokratischen Bundesstaat Rajastan längst abgeschafft ist und die menschenleeren Paläste verrotten, weil Seine Hoheit («Hiseinis») pleite sind. Der Architekt, herbeigerufen, um einen der zerfallenden Herrschaftssitze zum Luxushotel umzubauen – ein naturgemäß chimärisches Unterfangen –, verliebt sich in die schöne Zweckfreiheit der zeremoniösen Handlungen, denen «Hiseinis» mit vollendeter herrscherlicher Grazie, in «reiner, womöglich gar geläuterter Gestalt», tagtäglich obliegt, als wäre er ein Wiedergänger von Thomas Manns «Königlicher Hoheit». Hier kann Mosebach nicht nur in Sophas und Elephanten schwelgen, er kann auch seine Lieblingsfarbe Apricot in unzähligen Sonnenuntergängen über dem so edlen wie bresthaften Gemäuer ausgießen, hingerissen bis zur Farbenblindheit: «Als wir gegen Abend aus dem Haus traten, lag das Licht aprikosen-, sand- und rauchblau um Felsen und Hänge.» Aprikosenblau? Wie man einen Scheiterhaufen richtig würzt In einem solchen Milieu lässt sich sogar Rassereinheit gefahrlos feiern. Das Königshaus von Sanchor, so versichert uns Mosebach, sei reinblütig seit Jahrtausenden, denn «noch nach hundert Generationen» wären «die Folgen einer einzigen Mesalliance genetisch exakt nachweisbar». Selbst Leichenverbrennungen, sofern sie nur königlich sind, lesen sich so appetitlich wie Kochrezepte: «Ein König von Sanchor wurde zu ein wenig blauem Rauch, wenn er gestorben war, nur ein kleiner Marmorbaldachin auf dünnen Säulchen bezeichnete später den Ort des mit Sandelholz und Weihrauch, Honig, Butterfett und Öl gewürzten Scheiterhaufens.» Ermangelt dieser Roman demnach allen zeitgenössischen Lebensgefühls? Hat er nichts als modrige Künstelei für Vorgestrige zu bieten? Keineswegs. Eine guruhafte Spottfigur à la Friedensreich Hundertwasser wird mit gelinder Ironie als Geschmacksverderber von heute vorgeführt, in heiterer Missachtung der Tatsache, dass diese rostige ästhetische Streitaxt seit langem begraben ist. Scheinbar umso zeitgenössischer gebärdet sich dafür das allerneueste Mosebach-Opusculum «Der Mond und das Mädchen», das sich der multikulturellen Vielfalt im heutigen Frankfurt durchaus gönnerhaft zuwendet. Was für eine buntscheckige Fauna kann doch eine heiße Sommernacht im Hinterhof eines schäbigen Mietshauses zwischen Rotlichtviertel und Hauptbahnhof hervorlocken! Da trifft sich zum Plaudern, Trinken und Intrigen-Spinnen die halbe Levante – zugewanderte Marokkaner, Syrer, Äthiopier, überhaupt Migranten, die sich «überall in Ritzen und Spalten der toten Gebäude kleine Lebensräume geschaffen hatten: die philippinische Wäscherei, der bengalische Zeitungskiosk, das islamische Reisebüro, das libanesische Restaurant». Mosebachisch gesprochen: lauter «menschliche Ameisen». Begreiflich, dass ein solches Biotop einem adligen höheren Töchterchen wie Ina, dem Augapfel der Frau von Klein aus Hamburg, odios sein muss. Ungeachtet seiner «Schmetterlingszartheit, Elfenhaftigkeit und Silbrigkeit in Stimme und Haar» hat dieses feingläsern zerbrechliche Wesen sich irgendeinem Manne mit Namen Hans vermählt und sich von ihm in dieses unstandesgemäße Quartier verschleppen lassen, wo die Sophas durchgesessen sind und sich im Schlafzimmer, igitt!, sogar eine verendete Taube findet. Das Geflügel scheint eigens für den gebildeteren Teil unter den Kritikern ausgelegt. Diese taten Mosebach auch prompt den Gefallen, darin den «Falken» der klassischen Novelle zu erblicken. Sogar den dick symbolischen Mond, den Mosebach ziemlich aufdringlich in die Liebes- und Geschäftswirren scheinen lässt, vermochten sie als Metapher für die Wechselhaftigkeiten der Liebe zu identifizieren – und von da war’s assoziationstechnisch wirklich nicht mehr weit bis zum «Sommernachtstraum», dem liebsten Referenzstück der gebildeten Stände, wenn’s um Trieb-Chaos und Liebesunordnung gehen soll. Dabei ist dieser Hans so rücksichtsvoll, wie man es von jungen Mosebach-Herren erwarten darf: Er fragt seine Ina beim Sex immer, «ob er ihr wehtue», was diese stets «nach Zögern verneint». Schon dieses Detail belegt aufs Anschaulichste die viel gerühmte Kunst dieses Autors, die Gegenwart mit den Augen der Vergangenheit zu betrachten, diesfalls wohl sogar mit den Augen einer «spanischen Hofdame alten Stils, einer Dueña höchsten Niveaus». Es verhält sich schon so, wie Mosebach einmal tiefsinnig bemerkt: «Wie Wein und Äpfel ist auch eine strikte Moral von gemäßigtem Klima abhängig.» Kurzum: dieser Büchner-Preisträger wird es beim Publikum schon kraft seines Geistreichtums und seines Stils wie schön marmorierter Gips noch weit bringen, ganz im Sinne seines Mentors aus Bogotá. Wie sagt der weise Mann doch so treffend? «Lesbaren Unsinn zu schreiben ist das Vorrecht eines großen Verstandes.»
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Editorial |
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Wie kommt es, liebe Leserin, lieber Leser, dass gerade der Georg-Büchner-Preis das höchste Ansehen unter den deutschen Literaturpreisen genießt, als eine Art deutscher Nobelpreis? Die Anciennität kann es nicht sein, denn der Kleist-Preis ist älter – er wurde bereits 1912 erstmals vergeben, der Büchner-Preis hingegen erst 1923 ins Leben gerufen. Die Höhe des Preisgeldes kann es auch nicht sein, denn der Joseph-Breitbach-Preis ist besser dotiert – nämlich mit 50.000 Euro (gegenüber 40.000 Euro für den Büchner-Preis). Was also zeichnet den Büchner-Preis aus gegenüber anderen renommierten Literaturpreisen wie etwa dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt oder dem Lessing-Preis der Stadt Hamburg? Zum einen hat der Büchner-Preis das Glück, dass er seit 1951 von der damals neu gegründeten Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt verliehen wird – das verschafft ihm einen gewissen Dignitätsvorsprung gegenüber städtischen Literaturpreisen. Entscheidend aber scheint ein anderer Glücks-Umstand: Der Büchner-Preis ist nicht politisch kontaminiert. Er wurde nicht, wie etwa der Goethe- oder der Lessing-Preis, von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet. Er wurde auch nicht, wie der Kleist-Preis durch Auflösung der Stiftung, vom NS-Regime kassiert. Er wurde zwischen 1933 und 1944 einfach nicht verliehen und hat daher keine Preisträger auf der Liste, die ihm Schande machen. Da der Kleist-Preis erst 1985 neu begründet wurde, mithin eine klaffende Verleihungslücke von mehr als einem halben Jahrhundert aufweist, hat eben der Büchner-Preis die längste Namensliste und die untadeligste Geschichte. In diesem Jahr hat die Darmstädter Akademie Martin Mosebach als Preisträger gewählt. Und darüber hätte sich der Namensgeber Georg Büchner, der feurige Aufklärer, Demokrat und Republikaner, vermutlich doch gewundert. Welche Bewandtnis es mit dem Preisträger Mosebach hat, lesen Sie ab Seite 4. Den zweiten Schwerpunkt dieser Ausgabe bilden drei exemplarische Familienbiografien – über die Unternehmerfamilie Reemtsma, die Künstlerfamilie Furtwängler und die Generalsfamilie von Butler: «Deutsche Dynastien» in ihrem Glanz und ihren politischen Verstrickungen. Außerdem finden Sie auf Seite 100 den vorläufigen Abschluss von Frauke Meyer-Gosaus dreiteiliger Krimi-Serie «Tatort Europa»: Nach dem griechischen Krimi-Autor Petros Markaris und dem Schweden Arne Dahl portraitiert sie in dieser Ausgabe die französische Krimi-Königin Fred Vargas. Viel Lektüre-Vergnügen wünscht Ihre Literaturen-Redaktion
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Inhalt |
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Editorial Klartext Sigrid Löffler Als man zum Kitsch noch «Horreur» sagte Der aufhaltsame Aufstieg des Martin Mosebach zum Georg-Büchner-Preisträger 2007. Würdigung einer exemplarischen Karriere Schwerpunkt Deutsche Dynastien Abenteuer Entdeckungsreise Alexander Kosenina In 1111 Tagen um die Welt Wer Georg Forsters «Reise um die Welt» folgt, entdeckt exotische Inseln und prachtvolle Zeichnungen Das Kriminal Der Tod grinst allen ins Gesicht Franz Schuh tanzt einen literaturtheoretischen Reigen Bücher des Monats Moritz Schuller Don DeLillo: Falling Man Manfred Schneider Rüdiger Safranski: Romantik Richard David Precht Carl-Henning Wijkmark: Die Jäger von Karinhall Ronald Düker Gay Talese: Du sollst begehren Frauke Meyer-Gosau Brigitte Kronauer: Errötende Mörder Michael Jeismann Don und Petie Kladstrup: Champagner Die Beiseite Sibylle Berg Was ist das Hauptmenü des Lebens? Der Annoncen-Teil der Zeitung zeigt: Männer und Frauen sehnen sich haarscharf aneinander vorbei Neues von Schleef Sibylle Wirsing Euphorion ist tot Das «Tagebuch» Einar Schleefs ist das Dokument einer beispielhaften Entpuppung. Der Universalkünstler akkumuliert ein Gesamtwerk: als egomane Klagekunst Buchmarkt René Aguigah Alte Füchse, neue Marken Dieser Herbst bringt nicht nur neue Bücher, sondern auch neue Verlage: Booklett, Berlin University Press und den Verlag der Weltreligionen Das Journal Rezensionen neuer Bücher von Wolf Lepenies || Monika Maron || Victor Català || Joe Boyd || Georgi Gospodinov || Hartmut Binder || Hans-Ulrich Treichel || Annelies Laschitza || Sven Oliver Müller || Michael Wildt || Arno Geiger Bildbände von Larry E. McPherson || Zhang Huan || Joachim Brohm Kinderbücher Frauke Meyer-Gosau Nach dem All-Age-Book nun das All-Age-Bilderbuch? Ein Zwischenruf Terrorismus Niels Werber Gefangen im Freund-Feind-System Dreißig Jahre nach dem «Deutschen Herbst» ist die RAF Geschichte. Doch sie führt ein eigenartiges Nachleben Serie Tatort Europa Frauke Meyer Gosau Akte Fred Vargas Die französische Kriminal-Autorin ist die große Unbekannte von der Seine: Ihre Romane sind so untypisch wie populär, sie selbst aber will unsichtbar bleiben Kurz & Bündig Bücher von Roberto Saviano || Richard Wagner || Josep Pla || Frank Plasberg || Michal Zamir || Jack Repcheck || Peter Weber || Hans Magnus Enzensberger || Eugeni Xammar || David Mitchell Bildbände von Annie Leibovitz || Umberto Aniello, Yvonne Meyer-Lohr || Gilbert & George Das Magazin Mitten aus New York || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Hörbücher || Netzkarte || Was liest Dagmar Leupold? || Literatur im Kino || Leserbriefe Impressum Vorschau, P.S., Register
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Serie Tatort Europa |
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Akte Fred Vargas
Die französische Kriminal-Autorin ist die große Unbekannte von der Seine: Ihre Romane sind so untypisch wie populär, sie selbst aber will unsichtbar bleiben. Eine Spurensuche Von Frauke Meyer-Gosau Wenn die Sonne selbst im Hochsommer für Tage hinter einer dicken Wolkenschicht verschwindet, nimmt Paris melancholische Züge an. Das letzte Licht zieht sich in die Häuserfassaden zurück, nun leuchten nur noch sie: in einem gleißenden Hellgrau. Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg hat für derlei keinen Blick. Feinstoffliche Stimmungswechsel sind ihm unbekannt, vor allem aber ist er, sehr zum Vorteil seiner Berufsausübung, ein großer Überseher. Statt hinzuschauen, sieht er voraus: wie in einem der blauen Kreidekreise auf dem Pariser Pflaster bald eine Leiche liegen wird, oder dass eigentümliche Male an bestimmten Wohnungstüren eine bedrohliche Mitteilung enthalten. Auf einem Plakat springt ihm unversehens das symbolträchtige Tötungsinstrument eines Mörders ins Auge, den er vor Jahrzehnten verfolgte – ein neuer Mord erinnerte ihn vage an den Mann, jetzt fällt ihm der konkrete Zusammenhang wieder ein; eine interkontinentale Ermittlung beginnt, die Adamsberg selbst in höchste Lebensgefahr bringen wird. Um seine umherschweifenden Gedanken auf etwas zunächst nur ungefähr Gewusstes konzentrieren zu können, verlässt der Kommissar häufig sein Büro und läuft ziellos herum – mit Vorliebe an der Seine. Nur im Gehen kann er das Gewirr seiner Wahrnehmungen, Ahnungen und Mutmaßungen lockern: Er folgt seiner Intuition. Die konkreten Fakten, die seinen irrationalen Erkenntnissen oft genug im Wege stehen, werden von seinen Mitarbeitern geliefert, deren Namen er nur mit Mühe erinnert. Jean-Baptiste Adamsberg ist ein Träumer, ein immer leicht Entrückter, einer, der kaum verlässlich scheint und, wenn Zeugen oder mutmaßliche Täter etwas zu Protokoll geben, gedankenverloren vor sich hin zeichnet – vorzugsweise Blätter, die am Baum vor seinem Fenster wachsen. Ein gemeinsamer Arbeitsplatz mit Maigret Gebürtig aus einem kleinen Dorf in den Pyrenäen, aus armer Familie, die ihm keine höhere Schulbildung hat zukommen lassen können, hat der Held der Kriminalromane von Fred Vargas seinen Weg nach Paris gemacht. Eine Reihe spektakulärer Fälle liegt bereits hinter ihm, heißt es im Roman «Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord» («L’homme aux cercles bleus»; deutsch 2003), mit dem er im Jahr 1991 die französische Krimi-Szene betrat; vier weitere Romane machten ihn und seine umwegige Denkweise in 35 Ländern zu einem der beliebtesten Ermittler. Und das, obwohl seine Ich-Zentriertheit ihn auch in Privatangelegenheiten nicht immer sympathisch erscheinen lässt. Sein Arbeitsplatz befindet sich am Sitz der Pariser Kriminalpolizei, am Quai des Orfèvres – eben dort, wo auch Georges Simenons Kommissar Maigret sein Büro hatte, wie eine Gedenktafel vor dem realen Gebäude nicht ohne Stolz vermerkt. Dabei könnten die beiden Superhelden des roman policière unterschiedlicher kaum sein: Maigret, der Kombinierer, der, an der Pfeife saugend, seine Fälle vorwiegend im Sitzen löst und allenfalls die Strecke zwischen Aktenschrank und Schreibtisch zurücklegt – und der Wanderer Adamsberg, Naturgewächs in der Metropole, ein Mann scheinbar jenseits von Zeit und Ort. Und jedenfalls der Traum-Mann – schwärmerische Beschreibungen seiner irregulären Attraktivität belegen es von Buch zu Buch – seiner Autorin Fred Vargas. Provinz in der Weltstadt Die Place Edgar Quinet im einst blühenden Künstler- und Amüsierviertel Montparnasse, wesentlicher Schauplatz ihres wohl berühmtesten Romans «Fliehe weit und schnell» («Pars vite et reviens tard», 2001; deutsch 2003), liegt an diesem kühl vernieselten Augusttag da wie verweht. Vor dem «Café Odessa» ziehen die wenigen Gäste Regenhäute und Windjacken enger um sich, weil der Kellner die heißen Getränke nicht bringt, gegenüber stellen junge Leute ein Transparent auf, das für den Kunstmarkt am nächsten Tag wirbt. Alles geschieht in einer fast behäbigen Langsamkeit, und provinziell muten auch die Läden in den unscheinbaren Häusern an – das urbane Paris liegt auf einem anderen Kontinent. Ließe sich ein passenderer Ort für den «Rufer» von Fred Vargas denken, jenen ehemaligen Seemann aus der Bretagne, der dreimal am Tag eine Handvoll Zettel aus einem Holzkasten klaubt: Botschaften, die er gegen eine kleine Gebühr auf dem Platz zu Gehör bringt? Jean-Baptiste Adamsberg wird aus einer Abfolge auf Altfranzösisch abgefasster Mitteilungen eine Nachricht erschließen, die die Weltstadt in Panik versetzt: Die Pest ist in Paris! Denkt man sich, wie die Autorin in ihrem Roman, das gigantische schwarze Hochhaus weg, das die Silhouette von Montparnasse dominiert – eine kleinstädtischere, beschaulichere Atmosphäre als diejenige um diesen Platz, seine kleine Metro-Station und die Allee in seiner Mitte scheint schwer vorstellbar. Der Friedhof – Ort seltsamer Begegnungen in mehreren Romanen von Fred Vargas – ist nur ein paar Schritte entfernt. Eine Knochensammlung im Keller In diesem Quartier lebt auch sie selbst: 1957 in Montparnasse unter dem Namen Frédérique Audoin-Rouzeau geboren, Rufname Fred; aufgewachsen in einem bürgerlichen, intellektuell fordernden Elternhaus – die Mutter Chemikerin, der Vater Surrealist und ein Kulturjournalist von stupender Belesenheit. Außer für kurze Reisen hat Fred Vargas das 13. Arrondissement – nicht zufällig auch Kommissar Adamsbergs Zuständigkeitsbereich – nie verlassen. Unweit vom Wirkungsort des «Rufers» bewohnt sie mit ihrer Zwillingsschwester, einer Malerin, ein Haus; nicht weit davon teilt sie sich mit ihr überdies ein Atelier. In dessen Keller sich eine Sammlung ordentlich gestapelter Plastikschachteln leicht gruseligen Inhalts findet: präparierte Knochen und Skelette von Tieren – Katzen, Mäuse, Ratten, Singvögel … Sollte die «Königin des französischen Kriminalromans» («Le Figaro»)selbst eine nekrophile Ader haben, womöglich nachts am Straßenrand kleine tückische Morde begehen? Aber nicht doch. Alles ist vielmehr ganz rational, eine Konsequenz ihrer Berufswahl. Denn bis sie sich vor drei Jahren beurlauben ließ, war die Schriftstellerin hauptberuflich als Wissenschaftlerin am renommierten Centre National de Recherche Scienti½que (CNRS) tätig, Forschungsgebiet: das Alltagsleben im Mittelalter; Spezial-Qualifikation: die Interpretation von Tierknochenfunden. Die Pest, der Werwolf, besorgniserregende Mixturen zur Erlangung des ewigen Lebens – thematische Dreh- und Angelpunkte ihrer großen Romane – gehörten immer schon zu ihrem beruflichen Dasein. Im Alter von 28 Jahren bereits hatte Frédérique Audoin-Rouzeau ein preisgekröntes Standardwerk über die Pest verfasst, einige Jahre brachte sie in den Labors des Institut Pasteur mit der Analyse von Krankheiten übertragenden Tieren zu, insbesondere von rattus rattus, der gemeinen Ratte: Fred Vargas – eine gestandene Archäozoologin. Mit Koffern voller Vargas-Romane durch Paris Auch die Entscheidung, ihre Ferien künftig mit dem Schreiben von Kriminalromanen zu verbringen, fiel im Arbeits-Zusammenhang. An einem Abend nach anstrengenden Grabungsarbeiten in der Provence legte sie endgültig das Akkordeon beiseite, bis dahin ihr kreativer Ausgleich zur knochenharten Forschungstätigkeit. Im Dorfladen kaufte sie ein Schulheft und begann, ihren ersten Roman zu skizzieren: «Les jeux de l’amour et de la mort», eine (auf Deutsch nicht veröffentlichte) Mordgeschichte im Malermilieu. Auf dem Krimi-Festival in Cognac gewann sie damit 1986 den ersten Preis: die Veröffentlichung des Manuskripts bei einem traditionellen Verlag für Kriminalliteratur. Doch was nach einem Durchbruch auf Anhieb aussah, erschien schon wenig später als Sackgasse. Die folgenden beiden Manuskripte wurden als «zu untypisch» abgelehnt, ein anderer Verlag, der es mit ihren Texten versuchen wollte, machte Bankrott. Bis die junge Verlegerin Viviane Hamy den vierten Vargas-Roman annahm; der Verächterin des Krimi-Genres hatte gerade die außergewöhnliche Erzählweise der 35-jährigen Autorin gefallen. 1991 konnte so «L’homme aux cercles bleus» erscheinen, der erste Adamsberg-Krimi. Doch ging es auch hier mit dem Erfolg nur langsam voran. Mit zwei Koffern voller Vargas-Bücher zog die Verlegerin durch die Pariser Buchhandlungen – erst 1997, nachdem die Autorin für ihren fünften Roman «Debout les morts» (deutsch «Die schöne Diva von St. Jacques», 1999) ihren zweiten Krimi-Preis gewonnen hatte, setzte auch die Resonanz beim Publikum ein. Und seither regnet es Preise, national wie international. Die Wirklichkeit, wie wir sie kennen – verrutscht. Bis heute hat Fred Vargas neun Romane veröffentlicht und fünf Millionen Bücher verkauft; allein «Fliehe weit und schnell», 2004 mit dem Deutschen Krimi-Preis geehrt, stand über fünf Jahre auf der französischen Bestsellerliste. Die Bücher sind in dreißig Sprachen übersetzt, eine nahezu ausschließlich begeisterte Kritik spricht von dem «Phänomen Vargas», der «Magie Vargas». Und sie hat Recht, mit beidem. Denn wie anders als phänomenal soll man es nennen, dass eine Autorin, die mit überaus unwahrscheinlichen Aufklärern an extrem absonderlichen Fall-Konstruktionen arbeitet, das Interesse der Leser im In- und Ausland fesselt? Der magisch-mythische Kern der Fälle selbst: Werwolf, Pest und Teufel, dazu der tastend-suchende, auf metaphysisches Gespür mehr als auf technikbasierte Recherche bauende Aufklärungsvorgang, nicht zuletzt aber die versponnene, von kuriosen Einfällen zugleich nur so sprudelnde Phantasie – die singuläre Kombination begründet den Erfolg. Phänomenal genug: es gibt bei Vargas keine hingebungsvollen Schilderungen grausamer Todesarten, kein elendes Verröcheln und schon gar kein atemberaubendes Tempo. Die Welt, wie wir sie kennen, ist hier immer leicht ins Surreale verrutscht oder verschoben, mit mal komischen, mal bedrohlichen Konsequenzen. Doch scheint gerade die Weigerung, unsere eigene Erfahrungswirklichkeit (mit ein paar Zuspitzungen ins Extreme) literarisch zu verdoppeln, die Leser anzuziehen. Nicht aus der Welt sind diese Realitäts-Entwürfe, immer aber wenigstens einen Schritt neben oder über ihr. So wird sie in ihren bizarren Grundzügen erkennbar – und gewinnt vor allem etwas zurück: einen ambivalenten Zauber. Eine Kröte in der Jackentasche Wer die Romane in ihrer zeitlichen Abfolge liest, wird bemerken, wie sich die Autorin allmählich an ihre Protagonisten, aber auch an ihre von professioneller Mittelalter- und Zoologie-Kenntnis geprägten Sujets heranschreibt; als drittes tragendes Element wandert ihr eigenes räumliches und familiäres Umfeld in die Handlung und deren Personal ein – die reale Existenz der Frédérique Audoin-Rouzeau findet in einem umfassenden Sinne ihren Ort in der Literatur, und unübersehbar ist, was sie selbst daran interessiert: Schräges. Verschrobenes. Eigensinn. Ihren späteren Erfolgshelden Adamsberg ließ Vargas nach dem ersten Buch erst einmal fallen und nahm stattdessen die jugendlichen Protagonisten aus dem (noch ziemlich ungelungenen) Roman «Im Schatten des Palazzo Farnese» (1994; deutsch 2003) wieder auf: Die künftig als «die Evangelisten» titulierten Charaktere – Marc, ein Mittelalter-Forscher; Lucien, Experte für den Ersten Weltkrieg wie Vargas’ renommierter Historiker-Bruder; und Matthias, Paläontologe und damit Knochen-Spezialist von Beruf – treten zunächst in drei Krimis um den aus dem Innenministerium entlassenen und trotzdem weiter ermittelnden Louis Kehrweiler auf; dessen animalisches Erkennungsmerkmal ist die bemitleidenswerte Kröte Buffo, welche längere Phasen der Fallbehandlung in seiner Jackett-Tasche zuzubringen hat. Kunst – namentlich die Oper, eine literarisch kreative Schreib-Apparatur sowie die Lyrik von Gérard de Nerval – spielt in den drei Fällen eine handlungsführende Rolle. Lebendes Inventar im Vargas-Universum Als hätte Fred Vargas über diesen Dreischritt die Grundstruktur ihrer Erfindungen sowie ihre eigentümlich schweifende, manchmal grotesk komische Erzählweise hinreichend erprobt, um endlich zum eigentlichen Kern ihres Schreib-Interesses zu kommen, kehrt Kommissar Jean-Baptiste Adamsberg mit «L’homme à l’envers» (1999; deutsch «Bei Einbruch der Nacht», 2005) in die Vargas-Welt zurück und bestimmt sie seither: eine im Gegensatz zum Kombinationskünstler Kehrweiler in sich abseitige Hauptfigur, die vorwiegend mit entlegenen Themen und Problemfällen konfrontiert wird. Doch auch die «Evangelisten» kommen wieder zum Einsatz: Marc als Pest-Experte, Lucien als Lyrik-Kenner und Assoziationsvirtuose, Matthias als Ausgrabungskundler. Und nicht zuletzt ist die von Adamsberg immer wieder gedankenlos betrogene Musikerin und Hobby-Klempnerin Camille weiter mit von der Partie; sie findet ihre Entspannung bei der Lektüre von Werkzeugkatalogen und hat seit dem jüngsten Buch «Die dritte Jungfrau» (deutsch 2007) einen Sohn mit Adamsberg. Bis in die notorischen Stiefel und den Schwung ihres Kieferknochens ist sie angeblich Vargas’ Zwillingsschwester. Joëlle nachgebildet, und auch für den Kommissar gibt es ein lebendes Vorbild: den französischen Comic-Zeichner Edmond Baudoin, Vargas’ Freund seit zwanzig Jahren, auf dessen Biografie zahlreiche Spuren in den Adamsberg-Romanen verweisen und mit dem zusammen sie im Jahr 2000 das preisgekrönte Krimi-Comic-Album «Les quatres fleuves» publizierte. Die Mutter der Autorin kehrt wieder in der umschwärmten Meereskundlerin «Königin Mathilde», einer Dame mit exzentrischen Lebensgewohnheiten, und auch der Literaten-Vater ist virtuell anwesend, wenn französische Lyrik die Anhaltspunkte zur Entdeckung eines Serienmörders liefert oder Kommissar Adamsbergs jüngster Rivale sich in Alexandrinern Racine’scher Machart artikuliert; einen Abglanz wenigstens dürfte Philippe Audoin auch auf den Wissens-Fanatiker und Büchernarren Danglard geworfen haben, Adamsbergs rationalen Konterpart, der dem Weißwein ergeben ist und daneben alleinerziehender Vater von fünf Kindern. «Ich schreibe Märchen für Erwachsene» Ein so skurriles wie von wissenschaftlichen Erkenntnissen unterschiedlichster Provenienz unterfüttertes Universum repräsentieren Vargas’ Romanfiguren, angesiedelt an Schauplätzen, deren Vorbilder in der Wirklichkeit auf den ersten Blick zumeist mühelos auszumachen scheinen. Auch an den literarischen Orten nämlich hat die Autorin Spuren ins Reale gelegt, die sie jedoch gleich wieder verwischt, indem sie jeder identifizierbaren Lokalität einen Dreh ins Absonderliche versetzt. Wer nach Vargas’ Beschreibungen Paris erkunden wollte, fände sich jedenfalls bald in einem Irrgarten – alles verhält sich wie notiert und doch zugleich ganz anders; und manchmal auch anderswo. Umherstreifend zwischen dem Seine-Ufer, dem Quartier Latin der «Evangelisten» und dem Bezirk um den Friedhof Montparnasse wäre es normalerweise nicht unwahrscheinlich, Fred Vargas plötzlich vorüberradeln zu sehen, gekleidet in etwas, das die Zeitschrift «LIRE:» kürzlich als «bulgarischen Anorak, Machart siebziger Jahre» charakterisierte. Ebenso gut könnte sie mit ihrem angejahrten «Renault Clio» über die Place Edgar Quinet rattern oder ums Eck mit Freunden aus Kindertagen eine Pizza essen – alles verbürgte Gewohnheiten der Weltbestseller-Autorin, die sich am liebsten im Vertrauten aufhält, auch mit ihren Büchern. Gerade daraus aber schlägt sie ihr Erzähl-Kapital. Denn hinter der Fassade des Gewöhnlichen, Geordneten, der Harmlosigkeit lauern die tradierten Ur-Ängste. »Mich interessiert, wie man Angst überwindet», hat sie zu Protokoll gegeben. In «Inszenierungen von Angst» sollen die Leser durch eine Art Katharsis die Furcht vor dem Bösen verlieren: «Ich schreibe Märchen für Erwachsene, eine Art Literatur-Medikament, einzunehmen vor dem Schlafengehen, zur Beruhigung.» Die düsteren Motive ihrer Romane fallen ihr übrigens vorzugsweise vor dem Einschlafen ein. Politik und das «Cape Vargas» Für Politik, die Aufdeckung sozialer Missstände oder historischer Verfehlungen – Herzstücke der Romane etwa von Petros Markaris oder Arne Dahl – ist da kein Platz. In der politischen Realität des Jahres 2007 läuft zwar gegen sie ein Verfahren wegen Fluchthilfe im Fall des italienischen Ex-Terroristen Cesare Battisti, mit Stendhal hält Fred Vargas dennoch dafür, die Politik sei «der Mühlstein am Hals der Literatur». Alles hat seinen Ort und muss ihn wahren: Die weit ins Mythische zurückreichenden Lebensängste gehören der Literatur. Der Kampf gegen politisches Unrecht dagegen findet, ebenso wie die Bekämpfung aktuell lebensbedrohlicher Krankheiten, in der Wirklichkeit statt – eben wird in den staatlichen Labors eine Erfindung zum Schutz gegen das Vogelgrippe-Virus getestet, Arbeitstitel: «Cape Vargas»; die Autorin hat es auf der Grundlage ihrer Forschungen zur Ausbreitung der Pest entwickelt. Wir aber könnten noch lange in der Sommerkühle die Straßen um die Place Edgar Quinet ablaufen, sie selbst, Unruhegeist in der Wirklichkeit wie in der Literatur, werden wir mit eigenen Augen nicht zu sehen bekommen. Bleibt also nur, die «Akte Vargas» durch Quellenstudium, assoziative Kombinatorik sowie Tat-ort-Besichtigungen zu vervollständigen, bis sich, wie in jedem anständigen Kriminalroman, das Profil der Gesuchten konkretisiert. Denn Mme. Vargas empfängt derzeit nicht. Sie schreibt an einem neuen Roman, im Familienhaus in der Normandie. Just dort also, wo ihr letzter Roman seinen Showdown erlebte.
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