Rüdiger Safranski Romantik - Der Wald rauscht für die BücherWie Rüdiger Safranski von der Romantik als «deutscher Affäre» erzählt: von Herders Seereise über Eichendorff und Richard Wagner bis hin zum Terror der RAF
Manfred Schneider
Ist Adolf Hitler ein Geistesverwandter von Eichendorffs Taugenichts? Kommen die politischen, wissenschaftlichen und ästhetischen Wahnideen des Faschismus aus den Träumen kleinbürgerlicher und kleinstädtischer Intellektueller, die der Welt und Weltliteratur das große Traumgedankentheater geschenkt haben, das wir als Romantik bezeichnen? Sind Reichsidee, Führerkult, germanische Mythologie, Antisemitismus, Untergangslust, Totenfeiern, Lichtdome in den romantischen und postromantischen Ideenbrutstätten in Jena, Heidelberg, Sils Maria, Bayreuth vorgeheizt worden?
Auf diese Fragen, die gewiss nicht ganz neu sind, steuert Rüdiger Safranskis Romantik-Buch zu, das sich im Untertitel «Eine deutsche Affäre» nennt. Allerdings sind es nicht seine Hauptfragen. Safranski will die geistesgeschichtlich, wissenschaftlich und politisch so nachhaltige Ideenströmung der Romantik in ihrer Dynamik und in ihrem Facettenreichtum darstellen. Als «Affäre» verpasst er ihr etwas von jenem Understatement, das ihr selbst vor allem fehlt. Die Romantik, die aus diesem Buch lebendig und in eindrucksvollen Portraits hervortritt, ist ziemlich genau das, was in der Moderne das Deutsche ausmachte, ehe es in Stalingrad und Auschwitz unterging: das Deutsche in den Augen der Welt, aber auch in den Augen der Deutschen.
Wo Es war, soll Schrift werden Safranski lässt seine Romantik mit der Flucht Johann Gottfried Herders aus Riga nach Frankreich einsetzen, mit dem «Journal meiner Seereise im Jahr 1769». Er erblickt darin einen ersten Ausbruch des maritim orientierten, romantischen Unendlichkeitsverlangens – das sich in Nietzsches Ruf «Auf die Schiffe, ihr Philosophen!» (1882) und dann noch einmal dreißig Jahre später im irrsinnigen Flottenbau-Programm des Admirals Tirpitz erneuern sollte.
Ist das Meer aber ein deutsches oder gar romantisches Symbol? Wie viele Seefahrer durchkreuzen die deutsche Literatur? Die deutsche Romantik kennt keinen Odysseus, keinen Jason, keinen Robinson, keinen Kapitän Ahab. Selbst Herders genialer Zuhörer, der Volkslied- und Shakespeare-Fan Goethe erblickte das Meer erst, als er 1786 nach Venedig kam. Seinen unendlichkeitssüchtigen Faust interessiert ebenso wie Freud die Landgewinnung und nicht das Meer. Hat Nietzsche etwas über den Ozean geschrieben? Seinen Ruf «Auf die Schiffe!» verband er mit der Aufforderung, die moralische Erde zu umrunden. Sind Heidegger oder Hitler zur See gefahren?
Das deutsche Massen- und Mentalitätszeichen ist, wie Elias Canetti gezeigt hat, der Wald. Dass die Deutschen ihre poetischen Erfahrungen dem Wald verdanken und ein Wort wie «Waldsterben» den Weg um den Globus antrat, gibt etwas von jener Seelenverfassung zu erkennen, die sich im Wandern am tiefsten äußert. Die Wanderer der deutschen Literatur sind Legion. Seit die Handwerkerordnungen der Neuzeit von den Gesellen verlangten, dass sie nach ihrer Lehrzeit einige Jahre unterwegs sind und an anderen Orten Erfahrungen sammeln, ehe sie Meister werden, ist das Wandern die deutsche Version der Weltreise. Goethes Wilhelm Meister macht das Wandern zur Bildungssache. Die Nachfahren des Taugenichts im 20. Jahrhundert sind die «Wandervögel» und andere waldsüchtige Jugendbewegungen, deren Tiefenwirkung bislang kaum ermessen wurde.
Der 25-jährige Herder unternimmt diese Seereise, um der Büchergelehrsamkeit zu entgehen. Aber die Fluchten vor den Büchern enden romantisch stets am Schreibtisch. Wo romantisches Es war, soll Schrift werden. Der Wald rauscht für die Bücher. Die Romantik ist trotz ihrer herrlichen Kunstleistungen und trotz ihrer großartigen Musik eine Bibliotheksaffäre. Dass ihre Bastillen und Guillotinen nur Metaphern sind, ist den Schlegels, Novalis und Tiecks selbst keineswegs entgangen. Und die vielen Widersprüche und Paradoxien, die diese Gedankenrevolution auslöste, haben sie mit ihrer größten intellektuellen Errungenschaft kompensiert: mit der Ironie.
Tagträume von Staatsdienern Die romantische Ironie ist das weltläu½ge Moment dieser Einkehr in die Bücher, in die Ideen und in sich selbst. Das war auch ganz unvermeidlich, denn die Gesellen, Künstler, entlaufenen Mönche, Hexen und Recken, die Taugenichtse, Verbrecher und wahnsinnigen Musiker, die von den Dichtern in die Welt geschickt wurden, waren Schreibtischgespenster aus den Tagträumen von Beamten. Herder brachte es zum Oberkonsistorialrat und Superintendenten, Goethe zum Minister in Sachsen-Weimar, August-Wilhelm Schlegel wurde Professor in Bonn, sein Bruder Friedrich avancierte zum Hofsekretär in Wien, Novalis war zuletzt Amtshauptmann in Thüringen, E. T. A. Hoffmann Regierungsrat in Berlin, Ludwig Tieck Hofrat in Dresden, Joseph von Eichendorff Oberpräsidialrat in Königsberg, Adelbert von Chamisso war Kustos im Berliner Botanischen Garten, die Grimms Professoren und Akademie-Mitglieder.
Natürlich gelangten sie in die hohen Ämter erst am Ende ihrer wilden Frühzeit; aber die romantischen Affären münden in Karrieren. Safranski arbeitet daher auch scharf diesen Zug heraus, dass die Romantik das Exzentrische aus sicheren Positionen heraus entwirft, und vielleicht ist es kein Zufall, dass die großen Geister der Epoche – Heine, Wagner, Nietzsche – durch Pump und königliche Protektion dem Beamtentum entgingen.
Safranski sieht die Romantik zu Recht in dieser hybriden Stellung zwischen Traum und Staat. Möglich geworden ist diese gespaltene Welt der beamteten Künstler durch Schillers Ästhetik des Spiels: Diese entlastete die Kunst davon, die Menschen zu bessern und zu belehren. Der Kunst übertrug Schiller überdies die Verwaltung des ästhetischen Staates, eines der seltsamsten Gedankengebilde der Klassik. Aber als Spiel, als schönes Vorstadium des Ernstes, sicherte sich die moderne Literatur der Staatsdiener ihr großes Renommee, das ihr dann den triumphalen Einzug in die Gymnasien und Universitäten bescherte.
Das Spiel ist aus, und es wird ernst Aber lassen sich die exzentrischen Parallelwelten der Poesie als reine Kunst hegen, ohne dass die konkrete Welt davon berührt wird? Eines der wichtigsten Kapitel in Safranskis Buch rückt das romantische Unbehagen an der Normalität in den Blick. Der Fluch auf den eben von der Statistik hervorgebrachten «Durchschnittsmenschen» hallt durch die Literatur seit dem späten 18. Jahrhundert. Der Durchschnittsmensch heißt zunächst noch Philister.
Aber als Abkömmling der Masse, die die romantische Imagination ebenso bedrängt wie der Alltag, steigt dieser Durchschnittsmensch empor zum Dämon der Moderne. Diese Spottgeburt der Statistik setzt merkwürdigerweise später zum Siegeszug durch die Literatur an: Kafkas K.’s, Musils Ulrich, Hans Castorp und viele andere Helden tragen dieses hässliche Mal. Offenbar möchte die moderne Literatur eben doch als Erkenntnis gelten und die konkrete Welt kopieren. Aber wenn die Poesie ihren ironischen Vorbehalt sich selbst gegenüber aufgibt, kann die Romantik zur Politik entarten: Das ist der Augenblick, in dem Künstler und Denker antreten, um an den Machtpolen der Welt zu agieren. Dann sprechen sie davon, dass das Spiel aus ist und dass es ernst wird.
Die romantische Affäre teilt Rüdiger Safranski in zwei Epochen: in die Epoche der Romantik und in die des Romantischen. Man könnte auch von den Epochen der Ironie und des Ernstes sprechen. Jene Romantik, die mit E. T. A. Hoffmann um 1820 zu Ende geht, kennt eigentlich nur einen Agenten des Ernstes, des kriegerischen Ernstes, nämlich Heinrich von Kleist. Zwar hatte Kleist auch einige Nachfolger wie den Attentäter Friedrich Stapß, der 1808 Napoleon zu erdolchen versuchte, oder den Verfasser des «Hessischen Landboten», Georg Büchner, der es nicht beim Bücherlesen und Bücherschreiben bewenden lassen wollte. Aber erst im 20. Jahrhundert treten die Postromantiker auf, die ernsthaft Politik betreiben wollen.
War das nicht zu spät? Bertolt Brecht meinte einmal: Hätte Konfuzius eine Tragödie oder Lenin einen Roman geschrieben, dann hätten sie über keine politische Autorität mehr verfügt. Die Entscheidung, der Ernst, sie sind nicht ironisch, sie dürfen sich nicht durch irgendeinen Anflug von Spielerischem kontaminieren lassen. Der Verlust der Ironie drängte einige Nachfahren der Romantik zur Tat, Heidegger, Ernst Jünger, Carl Schmitt, ja, schließlich auch die RAF-Terroristen, auf die Safranski allerdings nur einen Seitenblick wirft.
Extreme und Kompromisse «Schlagt die Germanistik tot, färbt die blaue Blume rot», reimten die Berliner Studenten Ende der sechziger Jahre und brachten damit ihr Verlangen nach Taternst und Überbietung der Normalität zum Ausdruck. Zahlreiche Germanisten verbrannten daraufhin ihre alten Bücher und wandten sich der Kritik der Nationalökonomie zu: Wer abends Novalis liest, kann am nächsten Morgen keine Kaufhäuser mehr in Brand setzen. Warum? So eben denkt das Romantische, das ohne Ironie und ohne Wanderschaft die Welt mit seinen Ideen durchtränken möchte.
Rüdiger Safranskis Buch führt durch diesen gewundenen und abgründigen Parcours der Romantik und des Romantischen. Er erzählt fasziniert und genau von den ironischen und ernsten Verstiegenheiten des Idealismus, von der Transzendentalpoesie bis zu Nietzsches Dionysos, von E. T. A. Hoffmanns Prinzessin Brambilla bis zu Thomas Manns Adrian Leverkühn, von Fichtes «Reden an die deutsche Nation» von 1808 bis zu Heideggers Rektoratsrede 1933 – von diesem deutschen Unterfangen, das Unendliche und das Alltägliche zu verbrüdern. Als Biograf Schillers, E. T. A. Hoffmanns, Schopenhauers, Nietzsches und Heideggers ist Safranski schon lange intim mit einer ganzen Reihe seiner prominenten Helden. Der Leser sieht sich souverän und spannungsvoll von Augenblick zu Augenblick einer Geschichte geleitet – deren Grund und Pointe allerdings dunkel bleibt.
Was ist das nun für eine Affäre? Ist es doch der Roman des deutschen Geistes, ist es eine Hegel’sche Historie? Ist es ein Verhängnis oder eine Verschwörung? Das Buch schließt mit einer Warnung. Denn die Idee seiner Geschichte lässt sich Safranski nicht von der Philosophie vorgeben, sondern von einem ganz unromantischen, wenn auch durch die Romantik faszinierten Geist, nämlich von Isaiah Berlin. Der spürte in «The Roots of Romanticism» eben jenen intellektuellen Hochmut gegenüber den kollektiven Werten und dem Durchschnitt auf, der Hitlers Desaster ermöglicht hat. So läuft die Lehre dieses Buches auf die Unterscheidung zwischen Romantik und Politik hinaus. Das eine ist die Welt der Extreme, das andere die der Kompromisse.
Was dann am Ende auffällt, ist die Abwesenheit der Frauen in dieser Geschichte. Nur blitzartig haben Caroline Böhmer-Schlegel-Schelling, Dorothea Veit-Schlegel und Henriette Herz ihren Auftritt. Aber was ist mit Bettina von Arnim, Karoline von Günderrode, Rahel Varnhagen oder gar Charlotte Stieglitz? Gab es nicht auch eine Geschichte der romantischen Mütter, und erfand die Romantik nicht eine neue Erotik? Rüdiger Safranskis Romantik scheint das Wort des späten Romantikers Gottfried Benn zu bestätigen: dass, von wenigen Seefahrten und Weltkriegen abgesehen, alles, was das Abendland sein Höheres nennt, im «männlichen Sitzen produziert» wurde.
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Rüdiger Safranski Romantik. Eine deutsche Affäre Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert Hanser, München 2007 432 S., 24,90 ¤
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