Suche 
 
 
Ausgabe 10.07 - Literaturen - Literatur
Das Kriminal
Der Tod grinst allen ins Gesicht

Von Franz Schuh

Ich bin in einer schwierigen Lage. Was ich will, darf ich nicht, aber es wäre doch so schön. Ich darf das Schöne nicht sagen, denn, wer Kriminalromane rezensiert, begeht Verrat am Text, wenn er zu viel redet. Aber ich bin auch, was für ein geschwollenes Wort, «Literaturtheoretiker». Es ist ein Wort wie «Literarhistoriker»: Ein Mensch nennt sich, so Karl Kraus, «Literarhistoriker», damit man sofort merkt, dass er mit Literatur nichts zu tun hat. Aber erst ein Literaturtheoretiker …

Es ist nämlich Folgendes: Der Kriminalroman «Totentanz» von Veit Heinichen (Zsolnay, 20,50 §) hat eine Erzählschleife, genauer: einen Kreis, der sich am Ende schließt. Ich erteile darüber einige abstrakte Auskünfte, denn konkret darf ich – aus besagtem Grund – gar nicht werden. Dass sich in einer Erzählung ein Kreis schließt, ist nichts Besonderes. Aber Heinichens Kreis ist etwas Besonderes, weil er nämlich nicht bloß eine Form ist, durch die man einen Inhalt bändigt. Heinichens Kreis ist als Form zugleich die Erzählung des Inhalts – genauso wie Schnitzlers «Reigen» eine Form ist. Alles dreht sich im Reigen, die Partner wechseln – und davon erzählt auch Schnitzlers «Reigen»; die Liebe geht immer weiter, sie lebt vom Tausch, und sie kommt niemals an, weil sie im Kreis tanzt.

Und der «Totentanz»? Bei Heinichen geht’s von Anfang an auch um die Liebe, um dieses große Gefühl mit erstaunlich hoher Substituierbarkeit. Kommt allerdings der Tod den Menschen an, dann tanzt einer weniger im Reigen mit. Allein die Vorstellung, jemand, den man liebt, wäre tot, macht Angst und steigert die Intensität des Liebesgefühls. Man kann es kaum glauben, der Geliebte tot! – fast so, wie es ein Leser kaum glauben kann, dass zum Beispiel der Held eines auf Serie angelegten Kriminalromans das Zeitliche segnet. Aber immerhin hat Wolf Haas seinen Brenner sterben lassen. Andererseits sind auch allerhand Helden wiederauferstanden. Man weiß es nicht. Ob Leben oder Tod, darüber kann ein Roman Unklarheit verhängen.

Wer Heinichens Triest-Romane kennt, der weiß, dass Commissario Proteo Laurenti ein verheirateter Mann ist. Der Kenner weiß auch, dass dieser Ehemann eine Geliebte hat, eine kroatische Staatsanwältin aus Pula. Gegen jeglichen Gemeinsinn, dem gemäß man behaupten müsste, einer, der eine Geliebte hat, wäre mit der Ehefrau unzufrieden, liebt Proteo seine Frau Laura. Es fehlt ihm in der Ehe nichts, durch die Geliebte kommt nur etwas hinzu, und genau dieses Zusätzliche soll nun nicht mehr sein. Frau Ziva Ravno bestellt Proteo Laurenti zur kleinen Wehrkirche von Hrastovlje, um ihm dort mitzuteilen, dass «es» aus ist.

Er trägt die Trennung verärgert, aber halbwegs mit Fassung, und eine der letzten gemeinsamen Liebeshandlungen war, dass sie sich in der Kirche die Erläuterungen einer Fremdenführerin über eine Besonderheit der christlichen Ikonografie, über den «Totentanz», anhörten: «Sehen Sie genau hin, der Grundgedanke ist die Gleichheit aller Menschen vor dem Tode, der als Einziger gegen alle gerecht ist und dem niemand entfliehen kann. Alle müssen ihm folgen, allen grinst er gleichermaßen unverschämt ins Gesicht, während er sie zur frisch ausgehobenen Grube führt.»

Ich glaube, dass das Konzept von der Gerechtigkeit des Todes eine tröstliche Lüge ist. Sie beruht auf der Halbwahrheit, dass der Tod am Ende noch keinen ausgelassen hat. Aber allein, wenn ich an die Toten bei Heinichen denke, so sterben die oft eines grausamen Todes. Andererseits kann man sich am Abend hinlegen, und der Tod ereilt einen mitten in der Nacht, als man ohnedies nichts Besseres vorhatte. Und das soll gerecht sein? Am Ende, so ist das Leben, tauscht der Commissario Laurenti die Geliebte (bei der sich eine Annäherung an den Staatsanwalt von Triest vermuten lässt) gegen seine Frau ein. Er will mit der Frau zurück an den Ausgangspunkt: «Lass uns morgen nach Hrastovlje fahren. Der Totentanz ist wunderschön.»

So sind die Männer, aber dazwischen sind sie auch Helden. In der Kriminalhandlung geht es um Super-Verbrecher, um einen Dunkelmann und um eine Dunkelfrau, die so angelegt sind, dass sie gar nichts anderes sein können als Geschwister. Er heißt mit dem Vornamen Viktor und ist telefonisch über eine moldawische Telefonnummer erreichbar. Sie heißt Tatjana und weilt inkognito in Triest.

Es ist ein obskures Paar, was der Roman auch realisiert, wenn Viktor an einer Stelle mit Fantomas verglichen wird. Sie, Tatjana, findet sich definiert als eine «Mischung aus Intelligenz, stahlharten Nerven und grenzenlosem Hochmut, ausgestattet mit exzellenten Verbindungen». Na, damit könnte man auch Bankdirektor sein. Aber die beiden liefern dem Commissario einen Kampf auf Leben und Tod, und das in einer Zeit, in der schon wieder eine Annäherung stattfindet: Ein Kunstmaler von höchster Begabung, die nicht zuletzt dem Commissario einleuchtet, nähert sich Frau Laura Laurenti. Mit einer gekühlten Flasche Spumante steht sie vor der Tür des Künstlers, der als Liebhaber guter Schaumweine bekannt ist, «vom Franciocorta bis zum Champagner». Ja, das ist die romanische Lebensart, deren Licht- und Schattenseiten Veit Heinichen mit seinen sehr lesenswerten Kriminalromanen ein Denkmal in deutscher Sprache setzt.



Ausgabe 10.2007
titel-10_07.jpg / titel-10_07 - blaettern
Deutsche Dynastien
Anzeige
Vorschau
Bestellen Sie unseren Newsletter mit der regelmäßigen Vorankündigung. Sie
erfahren schon im Vorfeld der Veröffentlichung den Heftinhalt.
Ihre Aktion
Anrede
Titel
Vorname
Nachname
E-Mail
Web Tipps
Kriebel Immobilien
Eigentumswohnungen in Berlin
Opernwelt
Abenteuer Mythos
Theater heute
Theater morgen
Partituren
Das Magazin für klassische Musik
Schwerpunkt: Das Konzert
NEU: Jetzt können auch Sie mitschreiben

[X] Schliessen
kultiversum
Literaturen ist umgezogen - auf die neue Kulturplattform kultiversum.de. Dort finden Sie alle aktuellen Inhalte: www.kultiversum.de/Literaturen

Sie möchten Literaturen kostenlos kennenlernen, ein Abonnement oder ein Heft bestellen? http://www.kultiversum.de/shop.html

Auf www.literaturen.de finden Sie auch weiterhin die Inhalte der vergangenen Jahre.