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Ausgabe 04.2007 - Literaturen - Literatur
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Doppelportrait: Silke Scheuermann und Antje Rávic Strubel
WEIBLICHE KIPPFIGUR

Literarische Zwillinge, Favoritinnen des Betriebs, feenhafte Erscheinungen im Vorstellungsgelände der Gegenwart: Eine Begegnung mit Silke Scheuermann und Antje Rávic Strubel



Stellen wir uns das Personal der deutschen Gegenwartsliteratur im Modell eines Hofstaats vor, so ist im Hinblick auf die Position der Prinzessin kein Zweifel möglich: Es gibt sie doppelt. Und nicht nur das: die Daten der Betreffenden weisen irritierende Übereinstimmungen auf. Antje Rávic Strubel und Silke Scheuermann nämlich, die beiden derzeit meistbeachteten jungen Autorinnen des Landes, sind nicht nur nahezu gleichaltrig – zweiunddreißig und dreiunddreißig Jahre alt –, sie haben nicht nur beide Literaturwissenschaft studiert, lebten zu Studienzwecken für einige Zeit im Ausland und schlossen just im selben Jahr ihr Studium mit dem Magister ab – sie traten überdies auch beide im Jahr 2001 mit literarischen Debüts an die Öffentlichkeit und ernteten sogleich höchstes Lob.
Sechs Jahre und insgesamt sieben Bücher später scheint der Ruf, der ihnen damals vorauseilte, solide gefestigt: Beide gelten als Autorinnen mit genau durchgearbeiteter Sprache, die sich ohne Furcht an literarisch anspruchsvolle Schreib-Projekte wagen, als zwei Schriftstellerinnen aber auch, deren Ehrgeiz von herausragender Begabung und immensem Fleiß gleichermaßen gestützt wird – Repräsentantinnen einer formbewussten, intellektuell fundierten neuen literarischen Kultur. Attraktiv, belesen, sprachenkundig und eloquent, fanden sie sich beinahe zwangsläufig bald auf dem Autoren-Jet Stream zwischen Stockholm, Beirut, New York und Shanghai
wieder. Und treten nun beide in diesem Frühjahr mit Romanen hervor, die um ein identisches Kern-Problem kreisen: um die rätselvolle Beziehung zweier Frauen ihres eigenen Alters.

Nichts könnte den Anschein harmonischen Literaturzwillingtums trüben, wäre es da nicht vor drei Jahren in der Villa Aurora oberhalb von Los Angeles zu einem ersten und einzigen Zusammentreffen gekommen, das die Zeichen spontan auf Sturm stellte. Was im Einzelnen geschah – gleichgültig. Überliefert jedoch ist der Casus Belli: ein kleines blaues Auto. Die eine hatte es, die andere wollte und sollte es haben; und bekam es schließlich auch, freilich zu Konditionen, die die Erste diktierte. Seither stehen beide zueinander, sagen wir: nicht unbedingt herzunmittelbar.

Was also mag jenseits der glänzenden Übereinstimmungs-Oberfläche liegen? Was macht jede Einzelne, für sich genommen, so besonders? Und was wird am Ende überwiegen: Nähe oder Fremdheit? Die individuellen Lebensgeschichten jedenfalls signalisieren vor allem eins: Differenz.

Vom Besteigen hoher Berge
Wer Antje Strubel treffen will, hat von Berlin aus keinen weiten Weg vor sich. Man findet sie dort, wo sie 1974 geboren wurde: in Potsdam. Genauer gesagt, in einer kleinen Straße, in der «um zehn Uhr abends das Licht ausgeht», wie sie grinsend bemerkt – «gerade richtig also». Hier gibt es viel Wasser, Wälder, in Sichtweite erstreckt sich der doppelt geschwungene Bogen der Glienicker Brücke, über welche einst die Spione aus der Kälte kamen – gleich denken wir an Antje Strubels neuen Roman und dessen physikalisch unterkühlten Titel «Kältere Schichten der Luft».

Doch spielt das Buch ja mitnichten in Potsdam. Sein Ort sind die urtümlicheren Wälder und Seen Südschwedens, und wer es gelesen hat, wird sich wünschen, einmal mit eigenen Augen zu sehen, was im Roman als eine Sinfonie aus Licht anhebt – Licht über dem Wasser, Licht, das die Wälder streift, und ein schärferes Licht dann, das die Gesichter mit harten Konturen zeichnet. Das Berückende wie das Unheimliche und Meta-Physische, das sich dort zwischen der lesbischen Betreuerin eines Kanu-Camps und einer plötzlich dem Wasser entsteigenden feenhaften Erscheinung anspinnen wird, ist mit den ers-ten Zeilen schon suggestiv anwesend.

Doch wir sind hier auf brandenburgischem Boden und wollen zuallererst einen märkischen Berg ersteigen, der sich vom Tiefen See hinauf zum Babelsberger Schloss und von dort weiter zu einer Gerichtslaube aus dem 15. Jahrhundert zieht, «zum schönsten Platz hier oben überhaupt», wie Antje Strubel sagt – mit dem weitesten Blick übers Wasser, über einen Yachthafen hinweg, hinten scheinen die Türme von Potsdam auf, vorn schimmert am anderen Ufer purpurrot das neue Theater, dessen Inneres man freilich zum Ausgleich für die prächtige Fassade zu einem dysfunktionalen Torso heruntergespart hat. Die Autorin lacht, ganz ohne Häme: «So ist das hier.»

Gerüchte, Geschlechter-Verwirrungen, Gewalt
Und hier kennt sie sich aus, DDR-Territorium. Auf dem Kamm des Schlossparks residierte einst die Partei-Hochschule in graubraunem Beton, wir laufen bergan, bergab, und ebenso beiläufig wie vom Ski- und Kanufahren erzählt Antje Strubel von den Gefühlen der Sinnlosigkeit und Verlassenheit, die sie in anonymen Stipendiaten-Wohnungen befallen: «Wenn es finanziell irgendwie geht, bleibe ich hier.» Wieder am Wasser, weist sie im Bogen auf die umliegenden Ufer und Wälder, ihre Joggingstrecke, an deren Rand wir nun ein kleines Restaurant betreten. Eine Tafel wirbt für «Speisen mit steirischem Flair», zuoberst steht das bekannte steirische Nationalgericht «Soljanka» – so ist das hier.

Während draußen der Himmel sich schon wieder verfinstert, geht drinnen, passend zum Gesprächsgegenstand, die Synthesizer-Musik vom heiteren «Bonanza»-Gehoppel zum elektronisch elegischen «Je t’aime» über. Und es ist nicht minder synthetisch, wie in Antje Strubels Roman mitten unter den verschwitzten Körpern der Camp-Aktivisten eine weibliche Figur im Flatterkleid ans Land steigt. Den eigenen Namen verschweigt sie, spricht aber die Lager-Mitarbeiterin Anja, eine Frau mit trostloser Ost-Geschichte, sogleich als «Schmoll» an: dem Namen eines verschollenen Schiffsjungen. «Siri», wie Anja die Namenlose nennen wird, beginnt mit ihr/ihm ein Spiel von der Ersten Liebe.

Nicht lange, da rollt ein Fußball mit der Aufschrift «No gays» durchs Camp, Gerüchte, Gewalt, Geschlechter-Verwirrungen breiten sich aus. Anja aber rüstet sich, Siri zuliebe, innerlich wie äußerlich zu Schmoll um. Und am Ende liegt ein toter Kollege am See-Ufer, der einmal ein DDR-Grenzsoldat war und gesteigertes Interesse an Anja (oder Schmoll?) bekundet hatte: ein Gewalt-Täter, nun das Gewalt-Opfer eines Jungen, der ein Mädchen war.

Kaum ein Gegenwarts-Autor fällt einem ein, der das Magische der Natur, deren wechselnde Stimmungen, Stimmen und Beleuchtungen derart in Literatur zu transponieren verstünde wie diese Erzählerin – erst recht aber niemand, der inmitten der üppigsten Natur-Natur die menschliche Gefühls-Natur derart radikal in Zweifel zöge. Bei Strubel stehen Gefühle gewissermaßen als Natur zweiter Ordnung da: ein Gesellschafts-Produkt. Und doch ist der Roman einer der erotischsten seit langem: ein Buch der Beschwörungen.

«Gefühl als Gefühl gibt’s ja nicht», sagt Antje Strubel trocken, während sie ihre Linsensuppe löffelt. «Ich erzähle vom Dilemma einer Gesellschaft, die zwar Individualität groß schreibt, die aber, da sie alles ans Licht zerrt, den Raum möglicher Individualität ungeheuer begrenzt. ‹Kältere Schichten der Luft› handelt von Vorstellungen, die Wirklichkeit nach sich ziehen – bis hin zum Totschlag. Siri und Schmoll versuchen mit ihrer Liebesbeziehung einen Gegenentwurf zu den gängigen sozialen Verabredungen, und dieser Entwurf schließt für Anja die Vorstellung von einer anderen Körpergeschichte ein: derjenigen eines Jungen, in dessen Haut sie allmählich hineinwächst. Der Totschlag ist die letzte Beglaubigung dafür, dass sie in dieser Haut angekommen ist.»

Das Gegebene muss aufgebrochen werden
Alles also eine Versuchsanordnung? So könnte man auch die vier vorangegangenen Romane Strubels lesen – immer wird hier menschliches Gefühl in extreme Aggregatzustände versetzt, die Autorin beobachtet, wie die Individuen reagieren. «Mir kommt es vor allem auf den Ausbruch aus dem eigenen Bewusstsein an», korrigiert sie sacht. «Alles ist vorgeprägt und eingeschrieben, es gibt nichts Neues – das Gegebene muss aufgebrochen werden.»

Man könnte darin leicht eine Konsequenz aus Antje Strubels DDR-Geschichte vermuten, sie selbst sekundiert dieser Sicht mit einer biografischen Episode. «Es gab für mich ein entscheidendes Erlebnis gleich nach der Wende: Ich war 16 und fuhr mit meiner Familie zum ersten Mal in einen Supermarkt in Westberlin; unten fuhr man ins Parkhaus und dann direkt hinauf mit dem Fahrstuhl in den Laden. Ich war keine fünf Minuten da drinnen, als mir alles plötzlich zu viel wurde: das Angebot, die Luft, das Licht. Mir wurde schwindlig, ich wollte raus und konnte den Ausgang nicht finden – das war mein erstes West-Erlebnis. Aus der DDR-Gesellschaft konnte man nicht raus; aber aus der Westgesellschaft, die so viel subtiler kontrolliert, findet man nicht heraus. Daher meine Frage an das, was wir für unser Ich halten: Kann ich etwas anderes sein als das, was ich bin?»

Leben Schlag auf Schlag
Das ist, immer wieder, zuerst eine Frage an sie selbst – «Überforderung» und «Selbstüberschätzung» heißen die Selbstbeschreibungs-Kürzel für ihre Jahre nach der Wende: für ein Leben Schlag auf Schlag. Gleich nach dem Abitur geht sie nach Berlin, um eine Lehre als Versandbuchhändlerin zu machen. «Diese zwei Jahre», sagt Antje Strubel, «haben meine Perspektive auf die Welt komplett verändert – in der Kombination aus einem Parolen brüllenden Neonazi im Treppenhaus, der geschniegelten Business-Welt am Arbeitsplatz und meiner durchgeknallten Berufsschulklasse in Kreuzberg.»

Auf die Lehre folgt in Potsdam das Studium in Germanistik und Sport – unterbrochen nach einem Jahr durch ihr erstes Autoren-Stipendium. «Ich wollte über nichts Geringeres als New York schreiben, also bin ich da hingefahren. Und weil meine Romanfigur am Theater arbeiten sollte, habe ich mir ein Theater gesucht: ein sehr, sehr kleines Off-Off-Off-Theater.» Sie lacht. «Ein Stage-Manager wurde gebraucht, also habe ich das gemacht, dann fiel der Beleuchter aus, also stürzte ich mich da hinein; daneben studierte ich an der New York University. Nach sieben oder acht Monaten war mein Geld zu Ende, und als ich nach Deutschland zurückkam, hatte ich ein neues Nebenfach: Amerikanistik.»

Zwei Romane entstehen während des Studiums; als Antje Strubel ihre Magisterarbeit abgibt, ist sie 27, hat einen Verlagsvertrag für den Roman «Offene Blende» in der Tasche, noch im selben Jahr erscheint auch «Unter Schnee». Ein drittes Element daneben aber ist der Journalismus: Die Studentin schreibt für die «Potsdamer Neuesten Nachrichten» und für die «Berliner Seiten». «Ich habe immer gewusst, dass ich schreiben würde», sagt die Zweiunddreißigjährige jetzt. «Aber ich habe nicht darauf spekuliert, dass ich gleich als Schriftstellerin leben könnte. Da ich in meinen Erwartungen immer eher tiefstaple, ging ich davon aus, nach dem Studium mein Geld in einer Zeitungsredaktion zu verdienen und nebenher zu schreiben. Doch dann bekam ich ein paar Stipendien, die beiden ersten Bücher erschienen, und ich dachte: Dann mache ich das jetzt mal so lange, wie es geht.»

Oh Wirklichkeit, oh Schutz vor ihr
Und es geht, gut sogar. Für ihre Arbeit kann sie dabei nahezu alles gebrauchen, was die Wirklichkeit so heranweht, was sie selbst in der Realität aufstöbert. Fünf Jahre lang verbrachte Strubel jeden Sommer in Schweden, davon jeweils drei Wochen als Kanu-Scout in einem Camp – wie ihre Heldin Anja in «Kältere Schichten der Luft». «Ich muss Dinge erleben, die dem Schreiben so fern wie möglich sind», erklärt sie. «Das lagert sich dann ab, und wie beim Querschnitt durch einen Berg werden irgendwann die Sedimente sichtbar – in diesem Fall also die geschlossene Gesellschaft eines Zeltlagers.»

Und selbst unangenehme Erfahrungen bergen bei diesem Beruf noch einen Trost in sich: dass auch sie eines Tages zu Schreib-Stoff werden könnten. Wie etwa das fabelhafte Haus, das die Autorin vor Jahren in Schweden kaufte, aber nicht halten konnte. Im Roman kehrt es nun wieder als verwunschener Ort, Stätte intimer Begegnungen zwischen Siri und dem Jüngling Schmoll – Schreiben als Sicherung von Wirklichkeit, ebenso aber als Schutz vor ihr. Selten kann man diesen Prozess so gradlinig verfolgen.

Outdoors, indoors
Es ist fast Abend, Antje Strubel knöpft ihre doppelreihige dunkle Tuchjacke zu. «Schmoll!», flüstert das Unbewusste der Leserin, «das ist doch Schmolls Jacke!» Oh nein, dies ist die Jacke der Schriftstellerin Strubel. Und drüben, hinter dem Berg, warten ihre Arbeit an einer «Gebrauchsanweisung für Schweden», der Abschluss ihres ersten Erzählungsbandes und – ein neuer Roman. Der Anfang ist schon da und wird, wie immer, wohl lange liegen. Wir denken an das Natur-Schauspiel aus Gefühl und Licht in «Kältere Schichten der Luft», und uns fällt ein, dass wir anderntags in eine Stadt aus Glas und Metall reisen werden: nach Frankfurt am Main. Alles wird dort ganz anders sein, mittags um zwei am Lokalbahnhof im urbansten und freundlichsten Viertel der Stadt, Sachsenhausen – dort gleich um die Ecke wohnt Silke Scheuermann.

Und wirklich: «Angst» ist das erste Stichwort in unserem Gespräch, «Angst vor dem Tod wahrscheinlich». Sie treibt die Figuren dieser Autorin um und führt sie zu extremer Unterkühlung ihrer Lebensäußerungen: eine
Sicherheitsmaßnahme, Selbstrettung. Und Silke Scheuermann sagt, während wir uns noch im Halbdunkel einer Kneipe niederlassen, aus den Lautsprechern strömt leiser Jazz: «Ich denke manchmal, man muss gar nicht so viel erleben, jedenfalls ich nicht, mit meiner Art zu schreiben.» So fixiert sie innerhalb weniger Minuten den ersten grundlegenden Unterschied zur Skifahrerin, Kanutin und Tangotänzerin Strubel: Indoors zurückgezogen die eine, die andere mit Aktivitäten outdoors unterwegs, outgoing die eine, die andere extrem introvertiert – sehr passend also, dass die beiden damals ausgerechnet an der amerikanischen Westküste aneinander gerieten.

«Auch wenn die Sonne noch so schön scheint», sagt die bekennende Frankfurterin in dunklem Rock und gemütlichem Pulli, «und selbst, wenn es völlig verräuchert ist: Ich lasse, wenn ich arbeite, mein Zimmer einfach zu, ich verbarrikadiere mich total. Das fanden die Leute in L. A. natürlich merkwürdig. Mir aber kam es dort vor, als wäre ich in ein Werbeposter gefallen: all der Reichtum, die schlanken, gebräunten Menschen, und ehe man sich’s versieht, hat man selbst auch schon ein neonpinkfarbenes Kapuzenshirt und Schläppchen an. Das war einfach nicht meine Welt.»

Aus dem Reisetagebuch einer Schriftstellerin
Was nun freilich nicht bedeutet, dass sie sich in Frankfurt-Sachsenhausen einkerkerte, um in furchtsamer Abgeschiedenheit Gedichte, Erzählungen und jetzt zum ersten Mal auch einen Roman zu schreiben – keine Rede davon, dass die erwähnte «Angst» etwa eine Welt-Angst wäre. Stadtschreiberin in Beirut war sie, New York, wo sie im Vorjahr einige Monate verbrachte, empfindet sie als ihre Stadt, hinreißend sind ihre Evokationen des martialischen «Einar-Schleef-Theaters» feindlicher Militärs an der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea oder der Flitterwöchler auf der Hochzeitsinsel Cheju in Mickey-Mouse-T-Shirts im Partnerlook – und am Sonntag fliegt sie für eine Woche nach Bombay.

Stichworte aus dem Reisetagebuch einer deutschen Schriftstellerin; Stipendien-Orte wie Schreyahn, ganz in der Nähe des Atom-Endlagers bei Gorleben gelegen, gehören auch dazu. Als Studentin verbrachte Silke Scheuermann drei Monate in Paris, saß dort im Café, schrieb viele Gedichte und las Reclam-Heftchen: «Wittgenstein und so was; um die Ecke hielt Derrida seine Vorlesungen, das hat mich auch sehr interessiert.»

Rasende Reporterin in der Hasenausstellung
Die 68er-Kneipe beim Lokalbahnhof ist an diesem Frühnachmittag eine gute Wahl. Anstandslos trägt die Bedienung immer neue Gläser mit grünem Tee heran, keiner meckert, dass sich auf dem Tisch die unverdrossen dazu servierten Schokotrüffel häufen. Es gibt Vollkornpfannkuchen und Nudeln mit Ratatouille, wir reden, reden, reden, und immer wieder springt unter Gebimmel die Tür auf, jemand ruft: «Ei, dä Heinz, gell!» oder «Die Loddi hab isch als lang net mehr gesehn».

Gut, hier zu sitzen, denn wir brauchen Zeit und wollen in Ruhe gelassen werden. Vorn im Gastraum wird über Mietprobleme diskutiert, die Espressomaschine pfeift; im schummrigen Hinterraum erzählt derweil die 1973 in Karlsruhe geborene Schriftstellerin, wie sie als erst Sechzehnjährige regelwidrig ein Praktikum bei den «Badischen Neuesten Nachrichten» ergatterte und mit dem Fahrrad als rasende Reporterin zur Hasenausstellung fuhr, Gemeinderatssitzungen besuchte und unter anderem auch eine Entzugsklinik kennen lernte – den Ort, an dem in ihrem Roman «Die Stunde zwischen Hund und Wolf» die Suchtkarriere der Heldin Ines ein wenigstens vorläufiges Ende finden soll.

«Jeder Einzelne mit der eigenen Welt befasst»
Wenn das neue Buch der einstigen New Yorker Theaterbeleuchterin Antje Strubel mit einer grandiosen Licht-
Inszenierung outdoors beginnt, so ist das Indoors-Tableau der Theaterwissenschaftlerin Silke Scheuermann nicht weniger bestechend: aufleuchtend hier an einem frühen Wintermorgen der Kubus eines Hallenschwimmbads, darin ein weiß gekleideter, schlaffer Bademeister sowie zwei verfeindete Schwestern, eine Malerin und eine Journalistin, die einander zum ersten Mal seit Jahren wiedersehen – Exposition eines Beziehungsdramas, das am Ende, bevor die Malerin sich von ihrer Schwester in der Suchtklinik abliefern lässt, in einer Szene zwischen Traum und Wachen tatsächlich einmal auch die Natur streifen wird.

Während aber Strubel alles auf die Herstellung eines großen, alles verändernden Gefühls setzt, hat Scheuermann den entgegengesetzten Weg eingeschlagen: ihr Roman, eine Abkühlung. Als sei es die Aufgabe jeder einzelnen Figur, sich selbst auf eine möglichst plane Fläche ohne allen Reibungswiderstand zu reduzieren, und als sei im Gegenzug dazu jeder, der – wie die Lesbe Carol – in großbusiger Offenherzigkeit seine Nächsten mit Gefühl überzieht, dem Gelächter preisgegeben. Die Charaktere agieren wie in einem Schattentheater. Man trifft sich, knuspert Nüsse und trinkt Bier, man konsumiert einen Horrorfilm, schläft miteinander – und gleitet ebenso widerstandslos wieder voneinander weg: «ein System verschiedener rotierender Planeten, jeder Einzelne auf seine Art mit den Verhältnissen der eigenen Welt befasst und in völlig getrennten Umlaufbahnen laufend».

«Das Äußre ist ein in Geheimniszustand erhobneß Innre»
Zwei Gedichtbände haben Silke Scheuermanns Namen bekannt gemacht, der Erzählungsband «Reiche Mädchen» folgte. Fragt man sie jetzt, was denn mit der Gefühlswelt ihrer in Frankfurt angesiedelten Roman-Protagonisten geschehen sei, trifft man auf ehrliche Verwunderung. Dass diese in einer Atmosphäre der Dauer-Unterkühlung existieren, sieht die Autorin als Selbstschutz, um die «Kontrolle» zu wahren, «Kontrollverlust» zu bekämpfen – so notwendig wie der Kampf gegen die Gefahr, «zum Tier zu werden», die schon der Titel des Buchs sinnfällig macht. Dass die namenlose Ich-Erzählerin ihrer alkoholkranken Schwester Schnaps ins Krankenhaus schafft und mit deren Freund Kai eine Affäre beginnt – das seien keineswegs Akte verdeckter Aggression, vielmehr Zeichen spezifischer Zuwendung. Und in der Horrorfilmspezialistin Rebecca schließlich, lesbisches Beziehungs-Pendant zur nervig sich verströmenden Carol, sieht sie die Imago einer zugleich analysierenden wie produzierenden Künstlerin – jenseits der Not, sich wie die Malerin Ines mittels Alkohol zu entgrenzen.

All dies also: Emotionalität, Labilität und Gefährdung, liegt hier unter der vereisten, polierten Erzähloberfläche. Und mit Novalis hält Silke Scheuermann dafür, dass «das Äußre ein in Geheimniszustand erhobneß Innre» sei: die Oberfläche mithin ein Kondensat, nicht Beliebigkeit, Glätte, gefälliger Schein.

Die unselige «Reiche Mädchen»-Geschichte
Während die Fragerin noch über die Tiefen-Suggestion im Zusammenhang mit dem so gekonnt und straff erzählten Beziehungsroman der Thirty-Somethings sinniert, springt ihr Gegenüber plötzlich, wie das sprichwörtliche Teufelchen aus der Kiste, hinter der Kulisse romantischer Rätsel und dem Beschreibungs-Vorbild des Nouveau roman hervor und entpuppt sich als eine Liebhaberin Ingeborg Bachmanns, eine Verehrerin Sylvia Plaths, Virginia Woolfs, Harold Brodkeys und der dänischen Lyrikerin Inger Christensen. Dass auch Bachmann, als sie begann, nach ihrer gefeierten Lyrik Prosa zu veröffentlichen, von den Kritikern abgestraft wurde, das, erzählt Silke Scheuermann, sei für sie selbst damals ein Trost gewesen; schließlich waren ihre eigenen Gedichte als «in der Nachfolge Bachmanns stehend» ebenfalls hochgepriesen worden – und als dann ihr Erzählungsband erschien, wurde auch sie in der Luft zerrissen.

Ach, überhaupt, die unselige «Reiche Mädchen»-Geschichte! Eigentlich hatte das Buch ja «Die Umgebung von Blitzen» heißen sollen. Dann aber wechselte sie den Verlag, ließ sich zu einem aufreizenden Titel und Cover überreden, und landete prompt als frischgebackene Dresdner Stadtschreiberin unter der Schlagzeile «Über diese Frau stöhnt ganz Dresden» auf den überregionalen Seiten der BILD-Zeitung. Die hatte messerscharf einen Soft-Porno gewittert, interessierte Leser ließen sich den Erzählungsband konsequenterweise, statt nach Hause zu Muttern, an ihre Geschäftsadresse schicken.

«Für meinen Wunsch, ein Buch mal so richtig gut zu verkaufen, habe ich bezahlt», resümiert Silke Scheuermann diese Erfahrung. Und kann doch auch ihre Enttäuschung über die professionelle Kritik nicht verhehlen, die sich in ihrem Urteil ebenfalls nicht selten vom irreführend kessen Titel leiten ließ.

Feen im Wahnreich der großen Leere
In der «Ekstase, dem Außer-sich-Sein als Zustand höchster Konzentration beim Schreiben» sieht die Dreiunddreißigjährige die zentrale Verbindung zu ihren großen Vorgängerinnen – nicht gerade Merkmale hipper Coolness, wie sie sich ein Großteil nicht zuletzt auch ihrer Bewunderer auf die Fahnen geschrieben hat. Ihr aber scheint’s souveränerweise völlig egal zu sein, sie ist mit ihrer Arbeit eh schon wieder woanders; hat ein Libretto aus Gedichten verfasst, vertieft sich in Bildende Kunst und Performance. Ihr nächstes Buch soll wieder ein Gedichtband werden, das Thema: Verwandlungen.

Unvermeidlich muss man bei all dem emsigen Hantieren mit ästhetischem Material an Silke Scheuermanns Lieblingsfigur aus dem Roman «Der Traum der roten Kammer» denken, den sie vor Jahren in Shanghai las: «Die Fee aus dem Wahnreich der großen Leere». Und wahrscheinlich ist es schließlich auch dies, was sie mit ihrem literarischen Zwilling enger verbindet, als beide Autorinnen selbst wahrhaben wollen: dass es in der scheinbar zu Ende erklärten Gegenwart schon feenhafter Schwebekünste bedarf, um die große Leere immer neu mit täuschend echten lebenden Bildern zu bevölkern. «Das Gegebene muss aufgebrochen werden», postuliert Antje Rávic Strubel . «Ich will eine Art unheimlicher Schönheit zeigen, die das Erlebte konterkariert», lautet Silke Scheuermanns Leitsatz. In denkbar großer Ferne voneinander sind die beiden einander sehr nah.

Von Frauke Meyer-Gosau
Buch des Monats: Ingo Schulze - Handy
Ingo Schulze - gross Ingo Schulze - Handy
«dreizehn geschichten in alter manier»


«Mir widerfährt nur, was ich beschrieben habe»

Wie Ingo Schulze in seinen neuen Erzählungen über Freundschaft, Angst und Unsicherheit mit der Theorie spielt, dass das Leben die Literatur nachahmt

Vor elf Jahren tauchte ein junger Mann aus dem Nichts auf, eine liebenswürdige, barocke Erscheinung, schüchtern und bestimmt. Er hieß Ingo Schulze, war 1962 in Dresden geboren und begann sein bürgerliches Berufsleben als Dramaturg am Landestheater des Residenzstädtchens Altenburg, jenem Altenburg, dem er mit «Simple Storys» ein Denkmal setzte, wie Günter Grass Danzig. Im Nachwende-Altenburg hatte der reale Ingo Schulze – wie auch der Ich-Erzähler aus «Simple Storys» – eine Anzeigenzeitung gegründet. Enrico Türmer, der unsympathische Romanheld in «Neue Leben» (siehe Literaturen 11/2005), ist der Kleinstaufsteiger im gleichen Geschäft.

In «Handy dreizehn geschichten in alter manier» betreiben der Erzähler und Ute einen florierenden «Copy 2000»-Shop. Auch hier variiert Ingo Schulze sein großes Thema: die Frage nach Macht und Einfluss des Geldes, nicht als betriebswirtschaftlichen, sondern als charakterlichen Auf- und Abschwung. Der Sohn der untergegangenen Republik erlernte zwangsläufig die Mechanismen des Kapitalismus, und seine Phantasie profitierte von den selbst erfahrenen Ideologien zweier konträrer deutscher Staaten mehr als Börsianer aus fetten Gewinnen.

Seit Ingo Schulzes Erzähl-Debüt mit «33 Augenblicke des Glücks» stürzt sich sein Ich-Erzähler staunend wie Sancho Pansa in die Kleinkriege des Alltags, immer aufmerksam für Fehlleistungen, Tapsigkeiten und Schrullen. Schulze war und ist kein Zyniker, kein Ironiker, nicht schludrig oder bösartig. Ihn interessiert die Feinmechanik menschlichen Verhaltens. Als Erzähler besitzt er das große Talent, sich zu wundern. Das war in «33 Augenblicke des Glücks» (1995), in «Simple Storys» (1998), in dem Roman «Neue Leben» (2005) so, und das ist auch in «Handy dreizehn geschichten in alter manier» so geblieben.

Der Meister aus der ostdeutschen Provinz untersucht und beschreibt die immensen und die minimalen Umbrüche mit der Geduld eines Biologen, der sorgfältig Veränderungen unterm Mikroskop beobachtet. Aber es handelt sich nicht um Chromosomen, Amöben oder Fliegenbeine, sondern um Peter, Katja, Elvira, Marek, Boris, Susanne, Lore, Fred, Natascha und viele andere lebendige Menschen im guten Alter zwischen dreißig und vierzig, der Peer Group des Erzählers. Auch im neuen Buch zielt Ingo Schulze auf Veränderungen, die mit bloßem Auge nicht zu sehen sind – die Trennung von Traum und Leben, innerer und äußerer Wirklichkeit. Ines versucht das in der Erzählung «Eine Nacht bei Boris» so zu erklären: «Irgendwas ist passiert, aber du kriegst es nicht zu fassen, du kriegst es nicht zwischen die Hände, du kannst es nicht mal sehen, aber es ist da.» Dieses «Du kriegst es nicht zu fassen» ist der Punkt, den viele der Texte umkreisen, und wahrscheinlich der Anlass fürs Schreiben überhaupt. In der Erzählung «Milva, als sie noch ganz jung war» heißt es: «Ich weiß, dass sich seither etwas verändert hat, ich weiß nur nicht, was es ist.»

Ein neuer romantischer Taugenichts
Das, was man nicht zu fassen bekommt, ist das zentrale Motiv der Geschichten, die Verschiebungen, Überlappungen, die kleinen Risse und Brüche in Freundschaften und Liebesbeziehungen. Einmal sitzt der Erzähler hinter dem Steuer seines Lada und begreift, während er durch die Scheiben seines Autos schaut, «dass mir nur widerfahren war, was ich selbst beschrieben hatte». Weil sich auf der «Ebene der Abstraktion immer auch das Gegenteil behaupten lässt», ist ihm die Philosophie suspekt, und wie die Romantiker formuliert Ingo Schulze in seinen Freundschafts-, Angst- und Unsicherheitsgeschichten eine Skepsis gegen die Erkenntnissicherheit, ein Unbehagen am säkularisierten Weltbild.

Ingo Schulze ist ein neuer Romantiker, nach den alten Regeln des Eichendorff’schen Taugenichts. Das Staunen ist seine kreative Instanz. Romantik heißt nicht Liebestaumel. Im Gegenteil. Liebe ist das ferne Sehnsuchtsbild. Constanze, Doro, Martina sind tätige und überlegene Frauen. Der Mann hütet das Haus und sieht aus dem Fenster auf die Merkwürdigkeiten der kleinen Welt. Aber nicht nur das schwache Verhalten des unflexiblen Mannes treibt Ingo Schulze um in seinen neuen Erzählungen (von denen einige schon in Zeitschriften und Zeitungen publiziert worden sind). Ihn fasziniert die Frage nach dem Verhältnis der Realität zur Fiktion – die Frage, ob das Leben sich nach der Literatur ausrichtet oder umgekehrt. Oder anders gesagt: Was war zuerst da? Die Erzählung über die Welt oder die reale Welt? Text oder Leben?

Zweimal taucht eine Datsche in Prieros auf, ein Familientag mit Frau, Kindern und Mutter. Der Autor macht die Probe aufs Exempel und überträgt eins zu eins die Realität mit Kartoffelsalat, Besuch, Schwimmen und Kinderspielen in Worte, bildet radikal das ab, was für die Realität gehalten wird, verweigert sich der assoziativen «Kunst» der Stilisierung, und zeigt doch das, was sich «hinter» der Sprache zusammenbraut. Verblüfft stellt er fest, noch nie vorher so von der «Wirklichkeit abgeschrieben» zu haben. Da liegt sein literarisches Interesse und sein schriftstellerisches Spiel: «Ich werde versuchen», schreibt Ingo Schulze, «von mir zu sprechen und davon, dass das Leben die Tendenz aufweist, die Literatur nachzuahmen.»

Neben diesen explizit ausgetragenen theoretischen Überlegungen, die, keine Angst!, immer gut in die Erzählung eingebunden sind, gibt es in «Handy» auch Reisetexte, Erfahrungen aus fernen Ländern, dem Goethe-Institut sei Dank. Das Fremde in Kairo, Alexandria, New York bricht sich an der Figur des Erzählers. Dieser ist in die Welt hineingewachsen, sie hat ihn nicht umgehauen, nur vorübergehend krank gemacht. Der Ich-Erzähler nimmt die fremde Umgebung mit der gleichen skeptischen Verwunderung zur Kenntnis, entwickelt ein ähnliches Gefühl der Freundschaft zu den fremden Personen, weil er ein Kontaktgenie ist und, wie der Schriftsteller Ingo Schulze, den richtigen Ton findet. Die Welt mag noch so fremd sein, der Erzähler macht sie sich vertraut und verstößt gegen jedes Klischee. Selbst wenn er, wie in der wunderbar komisch-traurigen Erzählung «In Estland, auf dem Lande» einen Bären auf ein Fahrrad setzt.

Das Drama zwischen den Zeilen
Widersinnige Titel sind eine Schulze-Spezialität. Das Handy ist die Ikone des Kommunikationszeitalters, in «alter manier» betont die Dissonanzen unserer Existenz zwischen dem Kontinuum des Gesprächs und dem telefonischen Nichtgespräch. In «Handy» treten jugendliche Randalierer nachts Jägerzäune ein, demolieren Vogelhäuschen an Datschen-Grundstücken im Umland. Ein Berliner Sportreporter ist allein mit der Gebrauchsanweisung fürs Handy im Sommerhaus zurückgeblieben. Nach dem Rückzug der Jugendlichen kommt der Nachbar, man klagt, trinkt, raucht, spielt und tauscht Handynummern. Wochen später ruft der Nachbar in Berlin an, er will, dass jemand mithört, was die Kerle da draußen wieder treiben; aber der Sportreporter hört nichts, er fühlt nur, dass Constanze, die neben ihm liegt, dabei ist, sich von ihm zu entfernen. Er wendet sich ihr zu.

Die Erzählung «Im Blitz begraben» aus Ralf Rothmanns Band «Rehe am Meer» ist ein ähnlicher Text. Rothmanns Geschichte endet unversöhnlich, Schulze lässt seine Story gut ausgehen. Auch ist Schulze, anders als Rothmann, kein Schriftsteller der Natur, bei ihm gibt es keine mythische oder symbolische Ebene, nur einfache, lapidare Dialoge und das «Drama» zwischen den Zeilen.
Neben dem Unerklärlichen menschlicher Beziehungen interessiert Schulze der Raum, der die Menschen umgibt. Das Wohnen, die «Behausung» nimmt eine wichtige Rolle ein: der Heimwerker, der sich für kein Geld der Welt aus seiner selbstgebastelten Idylle vertreiben lassen will; der Mann, der nicht weiß, wie er die Maus aus der Wohnung bekommen soll; und wie das Drama mit der armen kleinen Maus für Martina und ihn eine ähnliche Bedeutung bekommt wie der Schmerz der Nachbarn um ihr sterbendes Kind.
Die kluge Erzählung «Noch eine Geschichte», eine Hommage an die ungarischen Schriftsteller Kertész, Esterházy, Konrád, Nádas, handelt vom Überschreiten von Grenzen. Der Blick aus dem Zugfenster, das Lesen der ungarischen Ortsnamen und der vorbeiflitzenden neuen Werbeplakate. «Wir fahren für Audi» ist der Preis für das Glück, ungehindert von einem Land ins andere fahren zu können. «Audi» und so weiter sind der Preis der Freiheit.

Die dreizehn Geschichten umschreiben Momente des Eindringens und des Übergangs: in Grundstücke, Wohnungen, Feriendomizile, Länder und Liebesbeziehungen. Wieder zeigt Ingo Schulze, dass er die Kunst einer prägnanten, lässigen Dialogführung beherrscht, in direkter, einfacher Sprache, die das Komplizierteste klar macht. Seine Sätze sind nie geheimniskrämerisch, aber die Gewissheit bleibt, dass die Realität Lücken (für die Literatur) lässt. Der romantische Autor Ingo Schulze erzählt dreizehn unromantische Geschichten und bringt die Zwischenzonen des Alltags auf den Punkt. Dieser Autor besitzt eine den Menschen zugewandte Beobachtungsgabe und eine große Erkenntnisklugheit. Das ist der Grund, weshalb seine Erzählungen leicht sind und zugleich tief. Ein Vergnügen mit Nachwirkungen, weil die Texte Platz zum Nachdenken lassen und dieses Nachdenken einfordern – wunderbar unaufdringlich, aber unbedingt.

Von Verena Auffermann
Das Journal: Jonathan Franzen
Bildnis des Künstlers als sozialer Tod
Memoir Der «Korrekturen»-Autor Jonathan Franzen lässt sich mit «Die Unruhezone» in die Karten schauen – und macht sich damit viele Feinde


Ein Schriftsteller, der sein Privatleben veröffentlicht, bietet dem Leser gleichsam das Du-Wort an. Des Autors Vertraulichkeiten lockern die Umgangsformen, schon beginnen die Leser ihrerseits, ihn zu duzen, der Ton, vor allem bei den Kritikern, wird hemdsärmeliger. Diese Erfahrung musste Jonathan Franzen machen, der mit seinem Familienroman «Die Korrekturen» einen Weltbestseller gelandet hatte (siehe Literaturen 3/2002), als er im Vorjahr «The Discomfort Zone. A Personal History» herausbrachte. Diese Sammlung von Erinnerungsstücken über Franzens Kindheit und Jugend zählt zur neuen Mode-Gattung «Memoir» – einem unreinlichen Mix aus Fiktionsersatz und Autobiografie light. Da die literarische Etikette, die höfliche Unterscheidung zwischen Erzähler-Ich und Autoren-Ich, damit aufgehoben schien, sahen Kritiker in England und den USA sich berechtigt, dem Schriftsteller nun auch persönlich zu nahe zu treten: Rezensiert wurde weniger das Buch als vielmehr der Charakter des Autors. Und das in beleidigenden Wendungen.

Er sei als Kind langweilig und als Halbwüchsiger so banal wie überheblich gewesen, bekam Franzen da zu lesen; sein Memoir liefere «das abstoßende Selbstportrait des Künstlers als junger Esel: übellaunig, bombastisch, obsessiv, egoistisch und geradezu überwältigend selbst-besessen»; sogar mit seinen Charakterfehlern brüste er sich noch in seiner Selbstgefälligkeit. Nicht einmal die Aufrichtigkeit, mit der Franzen sein wenig sympathisches junges Selbst in den peinlichsten Momenten und demütigendsten Situationen öffentlich entblößt, wollte man gelten lassen. «Pseudo-selbstkritisch» lautete das Urteil – ein Verdikt, das keinen Widerspruch zulässt. Einer schrieb gar, er verspüre «den Drang, mit einer dicken Zeitung auf Franzen einzuschlagen oder diesem Bastard mindestens seine Reichtümer wegzunehmen».

Und all dies nur, weil Jonathan Franzen den Fehler begangen hatte, hinter der literarischen Deckung hervorzukommen und der Familie Lambert seines «Korrekturen»-Romans, den Universalkleinbürgern aus dem mittelsten Middle America, deren reales Modell nachzuliefern – die Familie Franzen aus Webster Groves, einem Vorort von St. Louis, Missouri. Dass auch das autobiografische Ich immer eine Fiktion ist, jede Erinnerung ein Stück Dichtung und jede Konfession ein Stück Erfindung – diese Binsenwahrheit ging im allgemeinen «Franzen Bashing» unter.

Ich ist Charlie Brown
Dabei ist er selbstverständlich ein nachträgliches Konstrukt, der Halbwüchsige namens Jonathan, der in diesem Memoir seine unerfreulichen Auftritte als Streber, Angeber und so altkluger wie verklemmter Tollpatsch absolviert und sich in seiner Not mit dem ewigen Verlierer Charlie Brown identifiziert. Aus dem sicheren Abstand von dreißig Jahren und im vollen Bewusstsein seiner gelungenen Metamorphose in einen gewandten, weltläufigen und wohlsituierten Erfolgsautor in Manhattan lässt Franzen sein jugendliches Ich, das er so weit hinter sich gelassen hat, wieder auferstehen – als lächerliche Figur: «Ich hatte einen großen Wortschatz, eine flattrige Piepsstimme, eine Hornbrille, kaum Kraft in den Armen, die allzu offensichtliche Wertschätzung meiner Lehrer, eine nahezu eidetische Vertrautheit mit J. R. R. Tolkien, ein riesiges Chemielabor im Keller, die Neigung, jedes unbekannte Mädchen, das so unklug war, mich anzusprechen, plump-vertraulich zu beleidigen, und so weiter.»
Diese sechs Kapitel – die großteils bereits in der Zeitschrift «New Yorker» zu lesen waren – konzentrieren sich auf die Unbehaglichkeiten der Adoleszenz: Sogar die Schulstreiche bleiben, wiewohl breit referiert, merkwürdig unfroh. Und Freud, der nahe läge, wenn pubertierende Jungs sich vergeblich abmühen, einen Autoreifen über den Flaggenmast am Schultor zu praktizieren, bleibt merkwürdig unerwähnt. Franzen macht daraus stattdessen eine Parabel über die erwachende Lust an der Schriftstellerei und ihren Fiktionen.

Vergleichsweise wortkarg wird das Erwachsenenleben des Erzählers abgehandelt. Das Schlusskapitel «Mein Vogelproblem» – ohne Zweifel das kunstvollste des ganzen Buchs – verquickt die Ehescheidung des Erzählers mit dem Klimawandel und den Tod seiner Mutter mit seinem neuen Hobby, dem Vögel-Beobachten. Hier lösen sich endlich die ungeklärten Gefühlsambivalenzen, die das ganze Memoir durchzogen. In den Kapiteln davor erschienen dem Erzähler in der Retrospektive die Eltern nicht weniger peinlich als der Sohn – die Eltern wegen Konformismus, der Sohn als Nicht-Konformist; die Eltern als angepasste Spießer, die immer nur «dazugehören» wollten; der Sohn als «sozialer Tod», der auf Fettnäpfchen-Tour durch Schule und Pfadfinderlager stolperte.
«Ich steckte als Kokon in Kokons, die ihrerseits in Kokons steckten», schreibt Franzen. Und der Leser musste fürchten, dass es daraus kein Entkommen geben würde. Doch als Zeuge des schweren Krebstods seiner Mutter kriecht der Sohn ins Freie, macht seinen Frieden – und fängt endlich an, die Mutter zu lieben.

Sigrid Löffler
Was liest... Alberto Manguel?
Alberto Manguel
Je mehr ich versuche, die Methode hinter meinem Lesewahn zu begreifen, desto stärker wird meine Überzeugung, dass mein Buchhändler auf den Namen Zufall hört. Zufall ist ein strenger, schmallippiger und eklektischer Connaisseur. Zufall sucht die Bücher für mich aus, Zufall platziert sie im Regal, Zufall entscheidet, in welcher Reihenfolge sie gelesen werden, Zufall bestimmt, welche davon in Erinnerung bleiben und welche vergessen werden. Zufall achtet auf jedes Detail: Er ist daher nicht nur für die Bände in meiner Bibliothek verantwortlich, sondern auch für die Bücher, die mich auf die Bahn begleiten, auf die Toilette, zum Abendessen oder ins Bett. Ich brauche nur «Tischlein, deck dich!» zu sagen – und siehe da, schon ist mein Nachttisch (wenn es Schlafenszeit ist) mit Büchern vollgestapelt, die vor dem Einschlafen gelesen werden wollen. Und aus dem aktuellen Bücherstoß wählt nun Zufall vier Titel für mich aus: Eben habe ich einen bezaubernd verspielten und intelligenten Roman von Véronique Beucler zu Ende gelesen, einer Autorin, die mir bisher unbekannt war: «La Berlue». Auf Französisch bedeutet «avoir la berlue» so viel wie «halluzinieren» oder, gebräuchlicher, «Hoffnungen hegen». «La Berlue» handelt von Hoffnungen und Visionen in der Literatur, namentlich von der Macht, die einem Buch dadurch erwächst, dass es einem bestimmten Autor zugeschrieben wird – ein Thema, das bereits Jorge Luis Borges in «Pierre Menard, Autor des Quijote» aufgegriffen hat. In «La Berlue» entdeckt eine erfolglose Autorin, dass ein Roman, den sie geschrieben und den der Verleger abgelehnt hat, unter dem Namen eines anderen Autors erschienen ist, eines gewissen Mérand. Die Autorin ist wütend, kann aber nichts tun. Also schickt sie dem Verlag abermals ein Romanmanuskript. Und wieder passiert das Gleiche.

Jetzt geht es ihr um Rache. Sie schreibt ein drittes Buch, aber diesmal gibt sie sich als Mérands Agentin aus. Sie verlangt, dass dieser Roman unter Pseudonym veröffentlicht wird – unter ihrem eigenen Namen. Der neue Roman wird ein Riesenerfolg, und jetzt beginnt ein glänzendes Spiel um Erfindungen, Plagiate und Aneignungen, das Borges entzückt hätte, im Bewusstsein, wie sehr dieser Mérand seinem eigenen Menard huldigt. Noch ein Beweis für die Macht des Herrn Zufall: «La Berlue» beginnt mit einem Zitat von Pascal Quignard, das ich vor Jahren in seinem Buch unterstrichen habe: «Es heißt, das Netz, je nach seiner Größe, Form, Stärke, Tücke und Schönheit, webt sich in jedem Augenblick die Spinne, die es benötigt.»

Ein Land ist nicht der Politik gleichzusetzen, die es treibt. Über dem schändlichen Pack, das an der Macht ist, vergisst man leicht, dass es auch Leute gibt, die sich abmühen, die Literatur und die Kultur zu bewahren. Der iranische Romancier Iraj Pezeshkzad ist nun in den hohen Siebzigern und lebt in Paris im Exil. Er hat ein wirkliches Meisterwerk geschrieben, das ich in einer glänzenden englischen Übersetzung gelesen habe. «My Uncle Napoleon» ist die Geschichte einer Obsession: Sie handelt von einem Mann, der im wirklichen Leben derart erfolglos ist, dass er glaubt, es gebe ein britisches Komplott, um ihn zu Fall zu bringen.

Im Vorwort zur englischen Ausgabe erklärt Azar Nafisi, die Autorin von «Lolita lesen in Teheran», dass sich Pezeshkzad von einer fixen Idee zu seinem Roman anregen ließ, die in seiner Kindheit unter den Erwachsenen grassierte – der Idee, jeder iranische Politiker sei ein «britischer Lakai», sogar Hitler sei ein Handlanger der Engländer, und die Bombardierung Londons sei in Wahrheit vom britischen Geheimdienst geplant worden. «My Uncle Napoleon» ist nicht bloß eine Satire; das Buch ist ein gewaltiges Gesellschaftsportrait, gesehen durch die Interaktionen dreier Haushalte – dem des Protagonisten, seiner Schwester und seines jüngeren Bruders. Und diese Gesellschaft ist bei weitem reicher und komplexer, als das absurde Gefuchtel einiger weniger Fanatiker uns glauben machen möchte.

Obwohl ich nicht mehr in Kanada lebe, sorgt Zufall dafür, dass ich mich niemals außerhalb der Reichweite von kanadischer Literatur befinde. Ein hoffnungsfroher Lektor hat mir die gebundenen Fahnen eines köstlichen neuen Romans geschickt: «Shining at the Bottom of the Sea» von Stephen Marche, einem jungen Autor, dessen erstes Buch, «Raymond and Hannah», ich nicht gelesen habe. Aber jetzt, in Kenntnis des neuen Buches, werde ich das sicher nachholen.

Das Erfinden von Schauplätzen gehört zum literarischen Geschäft. Vor vielen Jahren habe ich gemeinsam mit Gianni Guadalupi ein Lexikon von mehr als 2000 imaginären Schauplätzen zusammengestellt. Marche geht noch weiter: Er erfindet nicht nur einen Schauplatz, die Insel Sanjania, sondern überdies deren gesamte Geschichte und Kultur; er bietet uns sogar eine Anthologie apokrypher Texte aus Pamphleten des frühen 19. Jahrhunderts über die Literatur der «Sanjanischen Diaspora». So entsteht ein überzeugendes Portrait dieses neuen Landes, zusammengesetzt aus Romanpassagen, Essays, Gedichten, Buchkritiken, Interviews und gelehrten Aufsätzen: Sanjania liegt auf halbem Wege zwischen der satirischen Geografie eines Jonathan Swift und den futuristischen Phantasien einer Doris Lessing.

Im Jahre 1931 ist Adolfo Bioy Casares im Haus Victoria Ocampos Jorge Luis Borges begegnet. Sechzehn Jahre später begann Bioy ein Tagebuch zu führen, in dem er seine Begegnungen und Gespräche mit Borges sorgfältig aufzeichnete. Borges starb 1986, Bioy 1999. Nun hat Bioys literarischer Nachlassverwalter Daniel Martino, der schon früher Auszüge aus Bioys Journal veröffentlicht hatte, Bioys vollständige Chronik dieser Männerfreundschaft herausgebracht, auf 1664 eng bedruckten Seiten, unter dem schlichten Titel «Borges». Das Buch ist ein erhellendes und bewegendes Zeugnis einer der wichtigsten literarischen Verbindungen des 20. Jahrhunderts.

Paradoxerweise liest sich ja ein literarischer Briefwechsel, und sei er noch so brillant, immer wie ein Austausch von Monologen; demgegenüber gelingt es dem Tagebuch, wenn es gut ist, den Eindruck eines intimen Duetts zu erwecken, obwohl nur eine einzige Stimme zu vernehmen ist. Bioys Eintragungen machen die Zusammenarbeit der beiden lebendig: wie sie miteinander lesen, sprechen, schreiben. Das Journal hält das Privatleben getreulich fest, Eheprobleme oder Krankheiten, ferner die jeweiligen literarischen Vorlieben und Abneigungen, die mit entwaffnender Ehrlichkeit im Laufe der Jahre auch wechseln können, sowie die Geheimnisse ihrer Schreib-Partnerschaft, wobei sie einen dritten Autor erfanden, der nicht das Geringste mit ihnen gemein hatte. Vor allem spiegelt sich im Tagebuch der besondere Humor der Freunde. Das Buch ließ in mir die Erinnerung an diese beiden viel geliebten und viel bewunderten Männer wieder aufsteigen, denen ich vor so langer Zeit, in meiner Jugend, begegnet war – und jetzt wieder begegnete, dem Zufall sei Dank.
(Übersetzung aus dem Englischen: die Redaktion)
Mitten aus... der Ukraine
Ich hätte mir schon lange untersagen sollen, das Wort zu verwenden – «Revolution». Besonders in Verbindung mit «orange». Aber es ist einfach so, dass ich immer noch stundenlang von ihr erzählen kann und will. Wie ein verstockter Alkoholiker gelobe ich, dass es das letzte Mal ist. Nur noch dieses eine, einzige Mal.

Ich erinnere mich, wie ich an einem Dezemberabend, als der Sieg der Orangefarbenen besonders nahe schien, mit dem Literaturwissenschaftler Jurko Prochasko den noch immer brodelnden Maidan überquerte, Kiews Hauptplatz und Versammlungsort. Klar, worüber wir sprachen und worüber wir nachdachten. Es war wie bei Victor Hugo: «Woran denkst du? – An die Zukunft.» Jurko sagte, es sei jetzt überaus wichtig, eine «Liste der Dinge anzulegen, die geändert werden müssen». Die Idee gefiel mir sehr. Mit Vergnügen würde ich meine Version einer solchen Liste zusammenstellen. Wobei ich ihr einen kategorischeren Namen gäbe – «Dinge, die geändert werden müssen, sonst ist wieder Sense». Je mehr kategorische Punkte der Unzufriedenheit jeder von uns in seine persönliche Gebetstafel ritzte, desto größer unsere Chance, das Land zu verändern.

Damals schien alles möglich. Du denkst an diese oder jene Veränderung – und sie findet statt. Die ukrainische Gesellschaft war plötzlich ein wunderbarer, demokratischer Tiger geworden, der einen unerwartet schönen Satz auf- und vorwärts machte. Der Qualitätssprung war auf allen Ebenen des vereinigten ukrainischen Maidan zu spüren: kollektives Bewusstsein, Selbstorganisation, Solidarität, alltägliche Verhaltensnormen, Gesten, Mimik, Artikulation. Mit einer solchen Gesellschaft hätte man Berge versetzen können. Also ohne zu zögern auch die phantastischste Liste abarbeiten.

Aber irgendwie habe ich meine Liste nie erstellt. Zuerst schob ich es wohl wegen dringenderer Dinge auf, und später fand ich alle möglichen Ausreden: Warum sollte gerade ich das machen? Und warum sich nicht endlich den Luxus erlauben aufzuhören, wegen der ukrainischen Politik schlaflose Nächte zu verbringen? Das Land ist endlich auf gutem Weg, und das hat es auch ohne meine Hilfe geschafft. Gemäß mir unbekannten Gesetzen ist die Gesellschaft von allein erwachsen und, ohne dass ich es merkte, voll und ganz – wie sagt man? – zivil geworden. Ich habe ihre ersten Keimlinge gesucht, sie aber ist schon ein großer Baum in Saft und Kraft.
Heute scheint es, dass seitdem kein einziges der «Dinge von der Liste» geändert wurde. Dass wir uns also in Wirklichkeit wieder in so einem hoffnungslosen Jahr 1999 der ukrainischen Geschichte befinden und uns kein drittes Jahrtausend bestimmt ist. Ich verstehe, dass das genauso eine Illusion ist: Natürlich hat sich etwas verändert! Fieberhaft picke ich ein paar Mantras heraus – demokratische Wahlen, Medienfreiheit und so weiter. Natürlich kann man stark bezweifeln, dass die Wahlen wirklich demokratisch waren und die Medienfreiheit wirkliche Freiheit ist und nicht etwa nur die vorübergehende Folge einer immer zweifelhafteren Doppelherrschaft. Aber Mantras zeichnen sich ja gerade dadurch aus, dass man sie wiederholt, ohne nachzudenken.

In Wirklichkeit aber kann man das, was in der Ukraine im zweiten Jahr nach der Revolution geschehen ist, nur als perfektes Remake der Vergangenheit bezeichnen. Die von anonymen Handlangern nächtens zerkratzten Revolutions-Graffiti am Kiewer Hauptpostamt sind der eindeutige Versuch, die Zeit zurückzudrehen und aus der kollektiven Erinnerung das gefährlich pulsierende Segment mit dem Namen «Maidan» herauszuschneiden, eine Art Lobotomie. Noch ein, zwei Jahre – und die ganze Ukraine ist endgültig davon überzeugt, dass es überhaupt keinen Maidan gab. Höchstens ein paar hundert arbeitslose, alkoholisierte und von George Soros und Boris Beresowskij bezahlte «Westler» standen dort herum.

In dieser Situation bleibt mir nichts anderes übrig, als weiter das zu tun, was ich schon bisher getan habe und nun nicht mehr lassen kann – versuchen, den Gang der Ereignisse mit meinen ganz eigenen Methoden zu beeinflussen. Also Anteil nehmen, beobachten, nachdenken, das Durchdachte formulieren, die Formulierung polieren, bis sie einen durchdringenden Glanz annimmt. Ohne große Hoffnung, dass diese glänzend polierten Formulierungen eine spürbare Reaktion auslösen werden. Mit ein bisschen Hoffnung aber doch. Hoffnung, die sogar nach der Revanche möglich ist.

Habe ich denn nicht selbst schon im Februar 2005, auf dem Höhepunkt der nachrevolutionären Flitterwochen, geschrieben, dass «wir sowieso alles wieder von vorn werden beginnen müssen»?

Eine gute Sache – immer wieder von vorn beginnen. Diese Mischung aus Sisyphos und Sacher-Masoch bietet sogar eine außergewöhnlich süße und fesselnde Perspektive. Wieder hat man dich vom obersten Gipfel deiner Illusionen gestoßen, wieder bist du befreit, wieder hasst du die Obrigkeit und redest deshalb über sie, ganz wie es dir gefällt, in dem einzigen Bestreben, ihr so stark wie möglich zu schaden. Es ist wie eine Wiedergeburt.

Noch dazu bist du aus irgendeinem Grunde überzeugt davon, dass man dich diesmal besser hören und besser verstehen wird.
(Übersetzung aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr)

Von Juri Andruchowytsch
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Ausgabe 04.2007
Titel 04.2007
Schreiben, leben und sterben in Putins Russland

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