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Ausgabe 04.2007 - Literaturen - Literatur
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Das Kriminal
Gemütlich büßen in Irland
Von Franz Schuh

Nein, man nenne mich einen Puristen und egal, auf welcher Krimi-Bestenliste das Buch auftaucht, nein, für mich ist das kein Krimi, dieser Roman von Benjamin Black: «Nicht frei von Sünde» (Kiepenheuer & Witsch, 19,90 §). Zu meiner Einschüchterung erfahre ich, dass der Autor Black kein Geringerer als John Banville ist, Träger des Man Booker Prize für ein Werk namens «Die See», und dass man ihn überhaupt als einen der größten Schriftsteller im Irland von heute betrachten darf.

Ach ja, Black-Banville, der «kann schreiben» (wie Kritiker das nennen), und es gibt Stellen in seinem Buch, ganze Passagen, da erteilt er der Gattung Kriminalroman Nachhilfe. Wahnwitzig gut hebt er zum Beispiel eine schematische Trivialität aus der Kriminalliteratur ins Hochliterarische: Man kennt das ja, wenn zwei Unterwelt-Typen ein unliebsames, zumeist in eigener Regie nachforschendes Subjekt darauf hinweisen, dass es gesünder wäre, die Nase nicht in diesen oder jenen Fall hineinzustecken. Wird dem Hinweis nicht nachgekommen, dann werden die Typen auf brachiale Weise deutlich. Das merkt sich dann ihr Opfer, und der Schmerz aus der Kniescheibe begleitet den gerade noch Überlebenden sein Leben lang.
Die so bestrafte Haupt½gur bei Black, ein Pathologe namens Quirke, hält sich sein Leiden nicht bloß vom Leibe; er emp½ndet teils Schmerz, teils «gemütliches Büßen», womit ein für alle Mal klar ist: Der ideologische Rahmen, in dem sich «Nicht frei von Sünde» abspielt, wird von der katholischen Kirche gestellt. Irischer Katholizismus also mit einer Filiale in Boston. Der Schmerz und die (mehr oder minder verborgene) Lust am Schmerz, Religion als Macht über arme Iren und als Herrschaftsmittel der Reichen spielen die (allerdings erst allmählich hervortretende) Hauptrolle in dem Buch. Dieser Quirke, schon humpelnd, trifft in einem Bostoner Kloster eine Schwester, nämlich die Klosterschwester Anselm: «Wortlos hatten beide simultan mit einem schrägen Blick das Tragikomische der Ähnlichkeiten ihrer Behinderungen registriert: er mit seinem zerschmetterten Knie, sie mit ihrer verdrehten Hüfte.»

Leider zerschneidet der Autor, wohl um die Handlung ein bisschen ausufern zu lassen, einen seiner besten Motivstränge: Leichen sind im düsteren Dublin Quirkes täglich Brot. Er lebt vom Tod, und an vielen Stellen des Buches herrscht Begräbnisstimmung. Ja, selbst ein Kellner serviert mit «Leichenbittermiene» – man kann es ihm nachemp½nden. Das Buch ist nämlich kein Kriminalroman, sondern etwas Älteres: Es ist ein Schauerroman, gruselig, unheimlich und dunkel wie die Pathologie im Holy Family Hospital: «In der Pathologie war immer Nacht.» Diese Nacht verlässt der Pathologe im Laufe der Handlung, und wenn es auch in dem Buch niemals wirklich hell wird, am schönsten sind doch die Stellen im Obduktionsraum. Dort schöpft Quirke auch den Verdacht, der ihn in die weite Welt hinaustreiben wird. Es geht um eine Leiche, um eine junge verstorbene Frau, deren Name dem englischen Original den beziehungsreichen Titel gibt: «Christine Falls».

Von ihr werden alle Spuren auf Erden vernichtet, alles verginge, würde ein Pathologe, über ihren Leichnam gebeugt, nicht allmählich zum Detektiv. Es ist ein Motiv wie bei Simenon: Das unschuldige Mädchen, das noch kein Leben hatte, wird tot aufgefunden. Erst im Tod weckt es das vitale, verantwortliche Interesse von Mitmenschen. «Nicht frei von Sünde» bezieht sich auf eine Art katholischer Schuldbewältigung: «Wir sind eben nicht alle frei von Sünde», sagt in dem Buch ein Assistent des Bösen, und er zerstört mit diesem Satz die letzte Unschuldsvermutung, nämlich die Reminiszenz an die Unschuld der Toten.

Ich mag das Buch nicht, ohne seine Stärken zu verkennen. Die Selbstreflexionen eines Kindermörders sind grandios: eine giftige Mischung aus Triumphgefühlen und Gewissensbissen. Es war doch nur ein Unfall, den zu verursachen sich so einer berechtigt fühlt, weil das Kind ja schrie! Das typische, auf Narzissmus bauende Ressentiment dieses Täters, der seine Träume hat (er will einen Limousinenverleih), ist nirgendwo besser beschrieben. Benjamin Blacks Schauerroman wird von einem Familienroman frei nach Freud modernisiert: Irgendwie ist eine Mutter nicht die Mutter, und irgendwie ist einer der Vater, der gar nicht der Vater ist oder war.

Sex gibt es auch. Zum Beispiel setzt sich zu diesem Zweck eine erfahrene Krankenschwester mitten auf den Mann mit der Kniescheibe in Gips. Sie turnt hervorragend. Aus obskuren Statistiken weiß ich, dass in der Hauptsache Krankenschwestern die feuchten Träume der Männer bevölkern. Und gewiss trägt in diesem Buch ein Inspektor Hackett einen Trenchcoat, den der Autor nicht lassen kann, sondern den er ausdrücklich als «berufstypisch» bezeichnet. Das sind Kleinigkeiten, aber ich ½nde den Stil im Großen und Ganzen überdeterminiert. Da registriert eine weibliche Person, wie eines Babys «dünnes, anschwellendes Heulen, das sich wie der Ton einer Flöte oder irgendeines anderen, ähnlich hohen Instruments anhörte, ihr schon jetzt durch Mark und Bein ging und irgendetwas in ihrem Bauch in Bewegung brachte und ihr Herz schneller und schwerer schlagen ließ, als hätte sie eine leise hämmernde Faust in der Brust».

Blacks Buch ist weniger für Krimi-Leser, die das Lakonische der Gattung schätzen, sondern mehr für Leser, die sich gerne durch einen Schinken durchfressen, der besonders gute Stellen hat, der aber manchmal zu fett und zu lang geraten ist.

Die Beiseite
Wenn Brontosaurier bumsen

Manchmal hat man einfach keine Lust auf ein Kurzzeitbeziehungs-
abschlussgespräch. Dann empfiehlt es sich,
eine Liste der schlechtesten Bücher aufzustellen

Von Feridun Zaimoglu


Das Kurzzeitbeziehungsabschlussgespräch dauerte nicht lange, der Mann machte eine symbolische Geste, die veranschaulichen sollte, dass er sein Herz aus dem Brustkasten riss und auf den Bistro-Tisch legte, doch seine ab diesem Moment gewesene Freundin, und ich vom Nebentisch aus, starrten auf die polierte Tischplatte – und da war kein pochendes Herz. Eine große Enttäuschung ließ die Kunststudentin im zweiten Semester jäh aufstehen, und dem jungen Mann blieb gerade noch Zeit, einen Blick auf ihre Rockschöße zu werfen, und schon fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Schöne Scheiße, rief er. Wir aber, die Zeugen seines Debakels, wollten nicht hineingerissen werden in diese Sache. Er drehte sich um und sagte: Du musst mir helfen, sie ist weg, das war nix, ich brauche eine neue Freundin. Geht nicht, sagte ich, ging zum Tresen, bezahlte und verließ das Café.

Ich hielt mich nun seit knapp drei Wochen am Stück in Kiel auf. Es gefiel mir außerordentlich gut, nur konnte ich selten eine Liebesbaustelle umgehen. Überall, so schien es mir, waren Männer und Frauen im Einsatz, die sich sehnten, und weil sie sich sehnten, schlechte Laune bekamen. So ein Quatsch, dachte ich, man sehnt sich oder man sehnt sich nicht, und ich sehne mich eben nicht. Na ja, vielleicht doch, aber in meiner Heimatstadt Kiel gab es sehr viele Möglichkeiten der Ablenkung. Man konnte zum Robbenbecken an der Förde gehen oder lange vor oder in einer Bäckerei sitzen und sich nach der halbstündigen Zeitungslektüre wegwünschen.

Und in der nächsten Stunde des Tages geriet man in ein Kurzzeitbeziehungsabschlussgespräch, von der
Peripherie schaute und hörte man zu und behielt selber die Nerven, irgendwie. So war das in Kiel. In Berlin,Wien und Istanbul hatte ich es nicht wirklich anders erlebt, es regnete vielleicht nicht fast jeden Tag, aber die Männer und Frauen siegten und verloren in dem einzigen Krieg, den Zivilisten führen können – dem der Liebe.

Manchmal aber stieß ich auf einen Mann und eine Frau, die sich zu Käsekuchen und Kaffee getroffen hatten; sie waren nicht liiert, sie hatten nicht den Ehrgeiz, sich in der Kunst des langen Anpirschens an das begehrte Subjekt hervorzutun, es scherte sie wenig, was die Herzen rührte und welche Herzen glühten – sie aßen und tranken und wirkten dabei sehr sehr entspannt. Ich saß an ihrem Tisch und lauschte ihrem Gespräch, sie unterhielten sich über schrecklich schlimme Bücher aus der Sparte Schund, sie lasen Science-Fiction und Thriller, es ging also nur darum, jene Werke auszusondern und scharf zu verurteilen, die dem Genre Schande machten.

«Die Bestie» von David Gerrold, sagte Albert. Es geht um Großwildjäger, die einen Tyrannosaurus Rex erlegen wollen und sich deshalb mithilfe der Zeitmaschine in die Urzeit zurückkatapultieren lassen.
Eigentlich ein recht spannendes Buch. Doch dann stieß ich auf eine Stelle, die mir die Lust verdarb: Da bumsen die Brontosaurier und bringen den Urwaldboden zum Erzittern. Das ist Blödsinn.

Fina, eigentlich: Josefina, rührte in ihrem Latte Macchiato und ließ sich das Gesagte durch den Kopf gehen. Sie war Schauspielerin und hatte in den letzten Jahren viele skurrile Einfälle von Jung-Regisseuren umsetzen müssen; ich hatte sie auf der Bühne erlebt, sie gab immer ihr Möglichstes und nahm auch die Buhrufe eines Teils des Publikums gelassen hin. Ihr Beruf brachte es eben mit sich, dass jeder, der Eintritt zahlte, sie niederbrüllen durfte. Sie sah mit ihren 35 Jahren aus wie Lolita, und alte Männer mit einem Sockenabdruck auf der kahlen Wade verwickelten sie manchmal auf Premierenfeiern in dumme Gespräche. Eines der größten Ärgernisse der Kriminalromangeschichte ist das Buch «Die purpurnen Flüsse» von diesem Franzosen, wie heißt der nochmal. Grangé, sagte Albert. Jean irgendwas Grangé.

Genau, fuhr Fina fort, wenn ich es auf einen Satz bringen müsste, würde ich sagen, dass das Buch von Zwillingen in Geheimgängen handelt. Mehr habe ich nicht behalten. Der Mann baut eine große Kulisse auf, aber dann verheddert er sich, er kann einfach keine Geschichte auflösen. Ich habe vor Wut das Buch zerrissen, und weil es mir nicht gereicht hat, habe ich es aus dem Fenster auf den Hinterhof geworfen, und nur, weil der Hausmeister gedrängt hat, bin ich hinuntergestiegen und habe das zerpflückte Buch in den Altpapier-Container gestopft.
Jetzt rührte ich gedankenverloren in meinem Kaffee. Draußen stapfte eine Gruppe von Ein-Euro-Arbeitern vorbei, sie waren unterwegs zum Südfriedhof und würden dort die Zweige einsammeln, die vom Wind auf die Sandwege geweht worden waren. Albert und Fina starrten mich an, und mir dämmerte, dass ich an der Reihe war, meinen Buchtipp abzugeben. Ich musste nicht lange nachdenken. Der schlimmste Schund, der mir je untergekommen ist, sind die Bücher von Donna Leon, sagte ich, einer Amerikanerin im Ausland. Sie gibt sich als Venedig-Kennerin aus, dabei hat sie nur ihren Wohnsitz gewechselt. Ich denke, sie wird vom Vatikan oder von den Jesuiten bezahlt, denn sie ist eigentlich eine Moraltheologin, und mich wundert, dass die Italiener sie nicht wegen Verleumdung verklagen. Sie sollte lieber venezianische Gondeln sammeln anstatt Bücher zu schreiben.
Fina, Albert und ich lehnten uns entspannt zurück, wir hatten noch Zeit totzuschlagen, also würde unser Spiel in die Verlängerung gehen. Liebe und Sehnsucht gingen uns nichts an. Aber natürlich würde sich das ändern, sobald wir einen Fuß vor die Schwelle des Cafés setzten. ||
Netzkarte
Neue Wörter braucht das Land

Die «Wortwarte» misst sprachliche Hoch- und Tiefdruckzonen

Warum sind mir diese Sprachtraditionshüter mit ihrem Artenschutz für «bedrohte» oder «vergessene» Wörter eigentlich so unangenehm? Wahrscheinlich, weil die Sprache kein Museum sein sollte, sondern ein Durchlauf-Erhitzer für Wörter, die kommen und – so ist das nun mal – auch gehen. Sympathischer als das weinerliche Wörterretten auf www.bedrohte-woerter.de (dies ist die Website zum zweiteiligen Bestseller «Lexikon der bedrohten Wörter» des Autors Bodo Mrozek) wirkt deshalb die «Wortwarte» (www.sfs.uni-tuebingen.de/~lothar/nw/). «Wörter von heute und morgen» lautet der Programmtitel der «Wortwarte», welche die Entwicklung der deutschen Sprache ebenso genau beobachten will wie eine Wetterwarte Hoch- und Tiefdruckgebiete. Ausdrücklich versteht man sich gerade nicht als Hüter des deutschen Wortschatzes, sondern als Beobachter des Sprachwandels.

Gesammelt werden tägliche Neubildungen, «die so neu sind, dass Unsicherheiten über ihre Form und auch gelegentlich über ihren Inhalt bestehen, also in der Phase vor ihrer Lexikalisierung». Gemeint sind Neologismen wie «Verweilkultur», «Gabelstaplereffekt» oder «vakuumstill». Das Projekt der Universität Tübingen, das der Computer-Linguist Lothar Lemnitzer betreut, arbeitet mit einem ausgefeilten Suchprogramm, das deutsche Zeitungen und Zeitschriften durchforstet. Von den bis zu zweitausend neuen Worten, die jeden Tag gefunden werden, kommen natürlich nicht alle in die Liste. Momentan umfasst die Halde nicht ausgewählter Wörter knapp 1,3 Millionen (!), darunter Wörter aus der gesprochenen Sprache, deren Schreibung nicht fixiert ist: «boahh», «iiih» und so weiter. Und doch kommen auch Eintagsfliegen und Sprachspielereien vor, von der Sprachwissenschaft «Okkasionalismen» genannt. So schaffte es kürzlich das Wort «Optimierungswahn» aus der Zeitschrift Literaturen in die Liste ;-).

Die unzähligen Wortkreationen klingen so viel luftiger als repressiv-muffiger Retro-Slang à la «Fräuleinwunder» oder «Herrengedeck» – was bei www.bedrohte-woerter.de tatsächlich als erhaltenswert gilt. Dabei braucht das Land doch vielmehr neue Wörter; oder hat einer der rückwärtsgewandten Sprachkuratoren ein Synonym für «Altersteilzeitrücklage» in seiner Mottenkiste? Die Traditionalisten können sich zwar Argumente bei der Pathologie borgen – sprachliche Neuerungssucht wird oft mit Schizophrenie in Verbindung gebracht, – aber das ändert nichts an ihrem eigenen blinden Fleck: Bedroht ist nämlich nicht das traditionelle Wort, sondern die flüchtige Wortschöpfung der Gegenwart. Für sie wäre zu kämpfen, damit sie sich nicht im globalen Rederaum verdünnisiert. Der «Wortwarte» sei deshalb für ihre emsige, unsentimentale Erinnerungs- und Dokumentationsarbeit gedankt (auch wenn wir, zugegeben, in Wahrheit viele der Neo-Wörter nicht wirklich brauchen).

Aram Lintzel
Literatur im Kino
Erinnerungen an die Zukunft
Kann man ein Bilderbuch auf Spielfilmlänge bringen?
Walt Disneys «Triff die Robinsons» nach William Joyce

Als es noch kein Fernsehen gab, kein Video und keine DVD, da wurden Filme meist schnell vergessen. Nur Walt Disney konnte seine alle sieben Jahre wieder aufführen. Neu waren dann nur – und das genügte ihm vollkommen – die zahlenden Kinder im Publikum.

Heute ist es umgekehrt: Alles, was einmal im Kino Erfolg hatte, wird uns auf DVD fraglos noch überleben. Aber versuchen Sie einmal, ein Bilderbuch zu kaufen, das Ihnen vor sieben Jahren gefallen hat. Ramsch und Reißwolf werden lange damit fertig sein.

Der Amerikaner William Joyce gehört zu den namhaftesten Illustratoren und Erzählern im Kinderbuch-Geschäft. Jetzt hat sich das Disney-Studio von den 16 Bildtafeln seines Kleinods «Zu Gast bei Willi Robinson» zu einem aufwändigen Computeranimationsfilm inspirieren lassen. Aber man glaube nicht, dass dem Verlag dieses Ereignis eine Neuauflage wert wäre. Gelobt seien die Internet- Antiquariate, die Vergangenes gegenwärtig machen. Zeitreisen, wie man sie mit betagten Büchern verbringen kann, sind auch Joyce’ Spezialität: Betrachtet man seine ausgeklügelten Art-Deco-Tableaus, mag man kaum glauben, dass er sie erst 1990 gemalt hat. «Zu Gast bei Willi Robinson» ist nicht gerade das Bilderbuch, von dem man erwartet, dass es mit einem «Neulich» beginnt. Um dann – im Ton der frischen Erinnerung, aber begleitet von vorgestrigen Bildern – in eine futuristische Welt zu führen.

Ein Junge erzählt von einem typischen Tag bei der Familie seines besten Freundes, der der Spleens seiner Verwandtschaft schon lange müde ist: die übergroße Modelleisenbahn seiner Tante oder die Flüge des Onkels als lebende Kanonenkugel. Cousin Laszlo hat sogar einen Antischwerkraft-Apparat erfunden. Doch alles, was sich damit anstellen lässt, ist die Suche nach dem Gebiss des Opas, das ein tanzender Frosch erbeutet hat. Es gibt weder einen Plot noch eine Pointe. Der Besucher berichtet einfach von der Alltäglichkeit der Exzentrik. Und was sollte das Disney-Studio, bitte schön, mit dieser Miniatur anfangen? Die Verbindung aus Nostalgie und Futurismus muss dort ein sentimentales Herz gerührt haben. Um die Bilder herum hat man eine Geschichte gesponnen, die nicht ihren Inhalt ausbreitet, sondern ihre Anmutung: die Vorstellung einer Gleichzeitigkeit von Zukunft und Vergangenheit.

Im Film «Triff die Robinsons» ist der Besucher der Familie ein begabtes Waisenkind, das von seinem jungen Freund mit der Zeitmaschine entführt wird. Angekommen bei den Robinsons, erlebt er nun jenen Moment, den das Buch beschreibt. Doch als man erwartet, dass er im Anschluss von Mr. und Mrs. Robinson adoptiert werden würde, muss dies sein junger Freund verhindern. Denn die Gegenwart der Robinsons ist zugleich seine eigene Zukunft.

Der rasante Rhythmus des Films mit seinen zahlreichen Zeitsprüngen könnte dem verträumten Nachmittag bei William Joyce kaum ferner sein. Dennoch ist ihm Regisseur Stephen J. Anderson in entscheidender Hinsicht treu geblieben. Er weckt Verständnis für die verbreitete Sehnsucht, ein interessanteres als das eigene Leben zu führen. Doch während der normale Mensch in solchen Fällen beschämt all seine Versäumnisse Revue passieren lässt, sieht sein Held nichts anderes vor sich als die Erfüllung zukünftiger Träume. Seinen Traum zu leben, mag eine simple Botschaft sein, und wenn zum Schluss Mr. Disney persönlich dafür angerufen wird, kommt es sogar knüppeldick. Ein einfacher Film ist dies dennoch nicht geworden, vielleicht ist es sogar das optimistische Gegenstück zu Chris Markers Filmklassiker «La Jetée», in dem ein Mann seinen eigenen Tod beobachtet. In die Zukunft zu schauen, ist nichts für Feiglinge. Aber was Vergangenheit wirklich bedeutet, das lehrt die Suche nach dem vergriffenen Bilderbuch der vorletzten Verlagssaison.
Daniel Kothenschulte
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Ausgabe 04.2007
Titel 04.2007
Schreiben, leben und sterben in Putins Russland

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