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Ausgabe 01/02.07
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Inhalt
Editorial

Stadt-und Selbstportrait
Sigrid Löffler
Die Erfindung Istanbuls
In einem Groß-Essay entfaltet der türkische Nobelpreisträger
Orhan Pamuk gemischte Gefühle für seine Heimatstadt

Schwerpunkt
Ingeborg Bachmann
Mythos und Wirklichkeit
Literaturwunder, Lichtgestalt der Medien, unglücklich Geliebte:
vom Leben der Legende.
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Das Kriminal
Als der Krimi noch in Ordnung war
Franz Schuh huldigt dem 189-Seiten-Thriller

Bücher des Monats
Daniela Strigl
Sasa Stanisic: Wie der Soldat das Grammofon repariert
Eva Geulen
Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit
Richard David Precht
Richard Powers: Das Echo der Erinnerung
Frank Heibert
Umberto Eco: Quasi dasselbe mit anderen Worten
Holger Noltze
Robert Walser: Der Räuber
Claudia Schmölders
Andreas Bernard: Die Geschichte des Fahrstuhls

NS-Geschichte I
Feridun Zaimoglu
Von Mördern und Mitläufern
Saul Friedländer über «Das Dritte Reich und die Juden»

NS-Geschichte II
Sibylle Wirsing
Die guten Geister – und wen sie verlassen
Mit seinem Debüt «Les Bienveillantes», dem Roman eines Nazi-Massenmörders, erobert Jonathan Littell die Buchwelt

Literatur & Elektronik 2
Gustav Seibt
Schwärmen. Radeln. Rotweintrinken
Warum sind TV-Sendungen wie «Lesen!», «Druckfrisch» oder «Wickerts Bücher» so langweilig?

Die Beiseite
Feridun Zaimoglu
Der KlöngüfLockenwöll
Nur in Bad Nauheim kann man mit einem Türken-Presley über Elvis-Biografien plaudern

Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Jochen Hörisch || François Weyergans || Werner Biermann || Thomas Schuler || Gregor Hens || Reinhart Koselleck || Botho Strauß || Jean-Claude Kaufmann || Antonius Anthus || Peter Peter || Wiglaf Droste u.a. || Erwin Seitz (Hg.) || Philip Mansel || Gilbert K. Chesterton || Patrice Bollon || Eduardo Belgrano Rawson Bildbände von Gerrit Engel || Ulf Geyersbach || Genoa Caldwell (Hg.) || Werner Spies u.a. (Hg.)

Weisse Elefanten
Michael Schmitt
Die Welt retten oder sich in die Welt hineinfinden?
Neue Jugend-Romane von Jeanette Winterson und Joyce Carol Oates

Wirtschaft
Mark Terkessidis
Alpha-Tier sucht Perle
Der Top-Manager und die Putzfrau: Bücher über zwei Mustertypen der Globalisierung

Portrait
Ralph Dutli
Das einzige Känguruh in all dem Schönen
Neue Blicke auf eine amerikanische Ikone: Emily Dickinson

Kunst
Wolfgang Kemp
Der Pate aller Manga-Zeichner
Der japanische Holzschnitt-Künstler Hokusai

Kurz & Bündig
Bücher von Silvia Bovenschen || Frank McCourt || Ernst Nolte || Annette Pehnt || Matthew Bogdanos, William Patrick || Peter Waterhouse || John Peel, Sheila Ravenscroft || Hallgrímur Helgason || SAID Bildbände von Peter Cowie || Cees Nooteboom, Simone Sassen || Sabine Weißler (Hg.)

Das Magazin
Mitten aus Peking || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Literatur im Kino || Hörbücher || Was liest Dzevad Karahasan? || Netzkarte || Leserbriefe

Impressum

Vorschau, P. S., Register


Editorial
Nie war es so leicht, liebe Leserin, lieber Leser,

sich über Bücher zu echauffieren wie im abgelaufenen Jahr. Im Rückblick scheint es fast, als habe ein Buchwirbel den anderen abgelöst. Der bisher letzte in der Reihe – und gewiss der am infamsten gesteuerte – betraf das Als-ob-Bekenntnis «If I Did It» von O. J. Simpson.

Darin spekuliert der ehemalige amerikanische Football-Star, der vom Mord an seiner Ex-Frau und deren Liebhaber freigesprochen worden ist, im Konjunktiv darüber, wie er die beiden umgebracht hätte – hätte er sie denn umgebracht. Die öffentliche Empörung über dieses Buch war so stark, dass der Medienmogul Rupert Murdoch den Titel noch vor der Auslieferung stoppen ließ.

Dass niemand das Buch gelesen hat, war überhaupt kein Hindernis für die allgemeine Aufregung. Im Gegenteil: unbeeinträchtigt durch eventuelle Lektüre-Eindrücke konnte jeder seiner Entrüstung freien Lauf lassen.

Harmloser – aber nicht minder symptomatisch für die gegenwärtigen Zustände in der Buchszene – ist der Medien-Radau um den Erstlingsroman von Jonathan Littell, «Les Bienveillantes», sowie um den ersten Roman von Thomas Pynchon seit neun Jahren, »Against the Day».

Beides Wälzer von um die tausend Seiten Umfang, beide von der Literaturkritik bisher nicht oder allenfalls angelesen. Beide allerdings mit großem Potenzial für Drumherummel.

Hier der Französisch schreibende amerikanische Jude, der den Holocaust aus Täter-Sicht, aus der Ich-Perspektive eines SS-Massenmörders, schildert; dort der «Mystery Man» der amerikanischen Literatur, berühmt für seine legendär schwierigen Welterklärungsromane.

Es ist drollig zu beobachten, mit welcher Vehemenz sich auch sonst seriöse Blätter in die Berichterstattung, vielmehr: Gerüchterstattung über zwei erklärtermaßen nicht-gelesene Werke stürzen.

Literaturen hält sich da lieber an das Prinzip: Erst lesen, dann drüber schreiben. Ab Seite 60 dieser Ausgabe finden Sie Sibylle Wirsings eingehenden Bericht über ihre erste Lektüre-Annäherung an Jonathan Littells Roman im französischen Original.

Und über Thomas Pynchons Mammut-Werk wird zu berichten sein, sobald der Literaturen-Rezensent seine kritische Lektüre dieses Romans abgeschlossen hat.

In diesem Sinne ein gutes neues Jahr wünscht

Ihre Literaturen-Redaktion
Schwerpunkt - Mythos und Wirklichkeit
Heinrich Böll, Günter Grass, Martin Walser, Uwe Johnson – in dieser Gipfelversammlung der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur war Ingeborg Bachmann (1926–1973) die weibliche Ikone. Ihr früher Tod hat diesen Status gefestigt. Seit 1952 Mitglied der Gruppe 47, stieg die österreichische Lyrikerin jung zur literarischen Größe auf, ihr Leben in Rom, Zürich und Berlin dagegen schien vom Unglück gezeichnet. Als sie Prosa zu veröffentlichen begann, verlor sie zwar keineswegs ihr Publikum, die Literaturkritik jedoch ließ sie fallen. Mitte der neunziger Jahre wurde ihr «Todesarten»-Zyklus aus dem Nachlass veröffentlicht – schlagartig veränderte sich der Blick auf Autorin und Werk.

Seither aber ist es still um Ingeborg Bachmann, selbst ihr 80. Geburtstag ging am Lesepublikum nahezu unbemerkt vorbei. Frauke Meyer-Gosau nimmt die Spur der Verschwundenen auf. In Rom, Wien und Klagenfurt befragt sie Bachmanns Lebensmenschen und Kenner des Werks danach, wie eng sich dies Leben mit der Literatur verzahnte. Wer war die reale Person jenseits des Mythos? Die 1971 im ungarischen Sopron geborene Bachmann-Preisträgerin Terézia Mora wiederum, deren Roman «Alle Tage» (2004) ein Bachmann-Zitat schon im Titel trägt, denkt in einem Literaturen-Special über den Einfluss dieser Dichterin auf ihr eigenes Schreiben nach: «Ein vollendetes Werk tröstet mehr als ein nicht vollendetes …»
Das Kriminal
Das Kriminal Als der Krimi noch in Ordnung war
In den vergangenen Monaten habe ich versucht, einige Kriminalromane zu lesen, und bin kläglich daran gescheitert.
Die Meisterwerke, die mich nicht unterhielten, hatten eines gemeinsam: Sie waren episch im Sinne von langatmig. Das Langatmige ist nicht per se das Langweilige, auch der kürzeste Text kann einen langweilen.

Das Langatmige jedenfalls ist von Anfang an auf weite Strecken angelegt.Von vornherein ist klar: Hier hat ein Autor genug Kraft, um sich zumindest einzubilden, er werde den Leser die nächsten sechs Wochen beschäftigen.
Aber es gibt auch Leser, die das mögen: den Schmöker, in den man sich einlebt, während die Kürze ja ein zu schnelles Auftauchen aus der Imagination bewirkt.
Nun ist der Umfang eines Buches kein Argument dagegen oder dafür: Es geht um Verhältnismäßigkeit, und meine dicken Kriminalromane waren unverhältnismäßig dick; sie hatten etwas Ausuferndes, ohne (mich) irgendwohin zu führen.

Was macht einen Kriminalroman unterhaltsam, «spannend»? Ich hätte die langatmigen Exemplare nicht erwähnt, wenn ich nicht vermuten müsste, dass sie einen Trend verkörpern: Importe aus den angelsächsischen Ländern, in denen die Kulturindustrie wahrscheinlich so boomt, dass Bücher nach ihrem Gewicht hergestellt und verkauft werden. Beim Schreiben gibt es – gegen die Herrschsucht der Manieristen – die Utopie des Geradlinigen. Ach, war das noch ein Maß, das die alte rororo-Krimireihe vorgab! Aber es ist klar, Schriftsteller wie James Ellroy oder Henning Mankell lassen sich nichts vorschreiben.

Diese Leute hören nicht auf zu schreiben, bloß weil ein Verlag ein erfolgreiches, nicht zuletzt den Umfang von Büchern betreffendes Kalkül hat. Vielleicht also ist die Überlänge der Schmöker auch das Resultat einer Literarisierung der Gattung: Das Gutdünken der Autoren ersetzt die erprobten, publikumswirksamen Schemata. Nostalgisch halte ich «Das geheime Haus des Todes» von Ruth Rendell, übersetzt von Denis Scheck, in der Hand: angemessene 189 Seiten. Ja, hier stimmt das alte, über alle rororo-Thriller verhängte Wort: «A Faint Cold Fear Thrills Through My Veins.»

Die Maigret-Romane von Georges Simenon sind noch kürzer. Ich finde, Kriminalromane gelingen nicht zuletzt dann, wenn ihre Figuren etwas handwerklich Holzschnittartiges, wenn die Situationen, in die sie geraten, bei allen Überraschungen etwas kalkuliert Wiedererkennbares haben. Bella Block oder Maigret – fast gleich, wie sie heißen, man erkennt sie freudig wieder. Leider bin ich Nostalgiker und komme oft auf Maigret zurück: zum Beispiel auf Georges Simenons «Maigret und der Verrückte von Bergerac» (Diogenes, habe ich schon für 6,90 Euro im Internet-Versandhandel gesehen, scheint nur noch antiquarisch zu existieren).

Das Buch ist dennoch der Rede wert, weil Maigret darin zum Liegen kommt: Als Opfer eines Überfalls muss er das Bett hüten, einen ziemlich wüsten Fall aufklären, ein Dorf in der Dordogne durcheinanderbringen und zugleich dort Urlaub machen. Ausgeklügelte Abweichungen vom Schnittmuster, wie der liegende Kommissar, bewegen dazu, die Aufmerksamkeit auf die Machart zu lenken. Diese Aufmerksamkeit gehört auch zum Vergnügen.

Simenon macht außerdem den Maigret stets sinnenhaft. Das erste Kapitel in «Der Verrückte von Bergerac» heißt: «Der Reisende, der nicht schlafen kann», und es ist ein Meisterstück der Versinnbildlichung einer Zugfahrt in der Nacht. Der Leser selbst wird auf gespannte Weise übernächtig, er spürt den schlechten Geschmack im Mund. Die traditionelle Kunst des Schreibens ist hypnotisch; sie verschafft dem Leser Einbildungen und Träume.

Auch Maigret hat einen Traum: «War Maigret ein Seehund? Vielleicht nicht ganz, aber auch nicht ganz ein Walfisch.» Dieses NichtGanz-Tier – dick, sehr rund und glänzend schwarz – will in Maigrets Traum hinaus ins Meer, «wo er endlich frei sein würde».
Freiheit gibt’s nur im Traum, auch für Maigret, der allerdings seine Notwendigkeiten liebt. Wunderbar dieser Einblick ins sehr humane und sehr spießige Leben zur Weihnachtszeit: Simenons «Weihnachten mit Maigret» (Diogenes, 7,90 §) gibt’s auch als Hörbuch, gelesen von Hans Korte.

Die Internationale der Kleinbürger, die Milliarden angezogener Pantoffel, die vollkommen austauschbaren Geschenke, die darüber hinaus noch die vom vergangenen Jahr sind: eine Pfeife für Maigret, wie immer, und für Madame wieder einmal etwas Nützliches, das neueste Modell einer Kaffeemaschine. Aber am schönsten ist die Darstellung des Weihnachtsmorgens: «Es schneite nicht. Es war lächerlich, noch enttäuscht zu sein, er, ein Mann jenseits der Fünfzig, weil an einem Weihnachtsmorgen kein Schnee fiel.

» Der Schneemangel ist nur ein Element der virtuos aufgebauten Stimmung, ein anderes ist der Morgenmantel. Kein Anzug am Feiertag, aber wie auch immer: ob’s nun der Urlaub oder der Weihnachtsmorgen ist, dieser Maigret ist wahrlich ein Polizist – immer im Dienst und daher selbst am Weihnachtsmorgen «zu sprechen». Maigret altert nicht, er bleibt um die Fünfzig, wird aber in diesem Lebensjahrzehnt als alt, zumindest als von den Jungen sehr unterschieden geschildert.

Aber es nützt nichts: Auch diese Fiktion der Alterslosigkeit legitimiert meine Nostalgie nicht. Nostalgisch ist hier der Rückgriff auf eine Zeit, von der man glauben möchte, dass der Krimi noch in Ordnung war.

Ein Irrtum, aber einmal im Jahr darf man sich so was leisten. Dann kommt ohnedies der Kritiker-Alltag, vor allem also die zähe Lektüre langatmiger Neuerscheinungen.

Von Franz Schuh


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Ausgabe 01/02.07
Ingeborg Bachmann - Mythos und Wirklichkeit
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