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Blaues Blut ist überallDie Website www.edelleute.de zeigt eine neue Allianz von ältestem Adel und jüngstem Post-MaterialismusWer über die so genannten Unterschichten redet, sehnt sich nach Distinktion. Je schwerer die soziale Unterscheidung aber fällt, desto deutlicher umgibt sich dieses Pathos der Distanz mit schillernden Begriffen: Die Unterschichtler, das sind die anderen, wir hier oben sind neues Bürgertum, neue Elite, Exzellenzcluster, Bobos, Yuppies … Die Etiketten wechseln, sie verstauben schnell. Vielleicht wäre es deswegen eine gute Maßnahme, dem Vorschlag des virtuellen Instituts für Deutsche Adelsforschung zu folgen, das mit seiner Website die zeitlose Bezeichnung «Edelleute» neu belebt ( www.edelleute.de). Diese «Internetplattform zum deutschen Adel» will die aristokratische Idee aus der genealogischen Mottenkiste holen. Sie bietet Recherchehilfen, den exklusiven Zugriff auf Zettelkästen zu deutschen Adelsfamilien und ein Online-«Adels-ABC». Mit einer «Taschenlampe, die ins historische Dunkel leuchtet», forscht man akribisch «in Personalakten, Wappenbüchern, Duellschilderungen, Offiziersstammlisten, verstaubten Büchern, in Schlössern, auf Dachböden». Doch soll die Website mehr sein als l’art pour l’art. Sie beantwortet auch sämtliche Fragen zu «Adelsanreden heute» und zu einem zeitgemäßen «Ehrenkodex des Adels». Edelfrau und Edelmann gelten hier als absolut modern: So repräsentierte das adelige Reitpferd «nicht nur einen gewissen Wohlstand, sondern auch erhöhte Mobilität, und diese stand für Erfahrung, Omnipräsenz, Austausch, Bekanntheit, Verknüpfung und soziale Kontakte sowie Netzwerke». Nichts anderes nehmen ja heute gesellschaftlich Bessergestellte für sich in Anspruch, während den Marginalisierten «soziale Armut» zugeschrieben wird. Es scheint sogar so zu sein, dass die Edelleute Role Models im Widerstand gegen die so genannten «Heuschrecken» der Globalisierung sein könnten. In einem 1989 von den europäischen Adelsverbänden verabschiedeten «Verhaltenskodex» heißt es nämlich: «Er (der Adelige) soll eine Haltung pflegen, die sich nicht an unmittelbarem Profit und an Macht orientiert.» Ist der Blaublütige also die Blaupause des heutigen Post-Materialisten, der so verächtlich auf die konsumgeilen Materialisten herabschaut? Bei so viel Aktualität überrascht es dann aber doch, dass in diesem Verhaltenskodex «die Kultivierung der Ehrenhaftigkeit und des Sinnes für Ehre» weiterhin eine maßgebliche Rolle spielt. Einmal mehr zeigt sich da, wie ideologisch und willkürlich Grenzen zwischen «uns» und «denen», «oben» und unten» gezogen werden. Denn ansonsten wird ein überkommener Ehrbegriff hierzulande ja meist männlichen muslimischen Migranten vorgehalten. Offenbar hat das Institut dies erkannt, betätigt sich nebenbei in der «Erforschung sozialer Randgruppen» und arbeitet an einem «Deutschen Gauner-Repertorium». Edelleute mit verfeinerten Codes und Sitten, so die nahe gelegte Vermutung, gibt es eben nicht nur in der gesellschaftlichen Premier League, sondern überall. Aram Lintzel
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Gesine Schwan Die Historikerin und Politikwissenschaftlerin dissertierte über den polnischen Philosophen Leszek Kolakowski, war Kandidatin der SPD für das Amt des Bundespräsidenten und ist Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder
Zu meinem Leben als Leiterin einer Hochschule gehört, dass ich in meinem Alltag von Beratern umgeben bin. Die Justitiarin berät mich in Rechtsfragen, der Kanzler der Universität im Hinblick auf den Haushalt und die Pressesprecherin im Umgang mit Medienanfragen. All diese für mich sehr wichtigen Personen haben allerdings Berufsbezeichnungen, die nicht sofort erkennen lassen, dass Beratungsleistung eine ihrer Hauptaufgaben ist.
Umso erstaunter habe ich festgestellt, dass in den letzten Jahren in Deutschland ein völlig neues Berufsfeld entstanden ist, das für sich in Anspruch nimmt, Beratung so professionell darzubieten, dass daneben gar keine anderen Leistungen, etwa auf der Ebene der operativen Umsetzung, mehr erbracht werden müssen. Der Bundesrechnungshof hat das Beratungsgeschäft so definiert: «Gegenstand der externen Beratung ist eine entgeltliche Leistung, die dem Ziel dient, im Hinblick auf konkrete Entscheidungssituationen des Auftraggebers praxisorientierte Handlungsempfehlungen zu entwickeln und zu bewerten, den Entscheidungsträgern zu vermitteln und gegebenenfalls ihre Umsetzung zu begleiten.»
Beratung scheint en vogue zu sein. Ein Netzwerk von Unternehmensberatungen, auf Beratung ausgerichteten Stiftungen und Think Tanks berät längst nicht mehr nur Wirtschaftsführer – es reklamiert Zuständigkeit auf fast allen politischen und gesellschaftlichen Ebenen. So unterhielt die rot-grüne Regierung allein im Bereich Öffentlichkeitsarbeit 65 Rahmenverträge mit Agenturen und Beratungsunternehmen. Von 1998 bis 2003 haben die Bundesministerien 205 Millionen Euro für Beratungsdienstleistungen ausgegeben, die ihnen nachgeordneten Behörden noch einmal 401 Millionen.
Der Fernsehjournalist Thomas Leif hat in seinem Buch «Beraten & Verkauft» die Strukturen des deutschen Beratungsgeschäfts systematisch analysiert – die Berater, die Beratenen und die Felder der Beratung. Offenbar hat er damit einen Nerv getroffen. Das Buch, mittlerweile in der zehnten Auflage, verknüpft journalistische Recherche-Ergebnisse mit der Auswertung sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse und großen Interviews mit Branchen-Insidern. Entstanden ist so eine Topografie der Berater-Landschaft, die es dem Publikum überhaupt erst ermöglicht, den Einfluss und die Geschäftspraktiken einer Branche, die lieber im Stillen wirkt, in ihren weitreichenden Auswirkungen zu verstehen. Wer hätte beispielsweise gewusst, dass weite Teile der Arbeitsmarktpolitik der rot-grünen wie auch der jetzigen Regierung von den beiden Beratungsfirmen McKinsey und Roland Berger erdacht und ausgestaltet wurden? Und wer weiß schon, dass die Privatisierung des Beschaffungswesens der Bundeswehr von Beratern generalstabsmäßig erdacht, dann von den politisch Verantwortlichen gemäß den Beraterplänen umgesetzt wurde, um schließlich Mitte 2006 nach einer Fehlinvestition von vielen hundert Millionen Euro gestoppt zu werden? Dieser Fall ist übrigens besonders prekär, steht er doch für eine im Beratungsgeschäft übliche Verdrehung von Angebot und Nachfrage. Am Anfang stand nicht der Wunsch der Politik nach Professionalisierung des Beschaffungswesens der Bundeswehr; vielmehr trugen die Berater dieses Vorhaben offensiv an die Politik heran, indem sie es als zeitgemäße, effiziente und letztlich alternativlose Reform anpriesen.
Leif liefert zahlreiche solcher Beispiele und gibt außerdem einen Überblick über die Haupt-Akteure des Beratungsgeschäfts – vor allem die Marktführer McKinsey, Roland Berger und Boston Consulting –, deren Methoden der Kundenakquise und Personal-Rekrutierung, deren Arbeitsweise und die spezifische Stilistik dieser Branche, die sich trefflich darauf versteht, jedes Problem mit der gleichen Mischung von analytischen Diagrammen, PowerPoint-Präsentationen, knappen Executive Summaries und aus dem Englischen abgeleiteten Begriffen handhabbar zu machen.
Leif wendet sich nicht gegen das Beratungsgeschäft an sich. Er räumt ein, dass die Komplexität gesellschaftlicher Probleme und Handlungszwänge die Verantwortlichen so sehr verwirren kann, dass analytische Kompetenz von außen, die ordnet und sortiert, hilfreich ist. Vehement kritisiert er allerdings den von den Beratern kultivierten Habitus, sie seien die Einzigen, die nachhaltige Reformen in Unternehmen oder öffentlichen Institutionen entwickeln und umsetzen könnten. Oft scheint das Gegenteil der Fall: Da reitet ein Berater-Heer in eine Organisation ein, wirbelt alles durcheinander und hinterlässt nach seinem Abzug einen Scherbenhaufen, den aufzukehren oft Monate dauert. Ob man dieses Vorgehen mit der einst von Joseph Schumpeter geforderten schöpferischen Zerstörung vergleichen kann, muss bezweifelt werden. Hier wird Macht ausgeübt, ohne Verantwortung zu tragen. Wenn es schief läuft, sind die Berater längst über alle Berge.
Laut Leif besteht der wesentliche Trick des Berater-Einsatzes darin, dass diese das in Institutionen vorhandene Wissen wie ein Schwamm aufsaugen, die Erkenntnisse im Sinne ihrer standardisierten Arbeitsweise funktional neu aufbereiten und dann als Geheimwissenschaft in sorgsam choreografierten Präsentationen an ihre Auftraggeber zurückspielen. Mehr und mehr nehmen Berater Einfluss in Bereichen, deren Komplexität sie nicht einmal im Ansatz überblicken. Berater haben nicht nur Theater- und Opernhäuser heimgesucht und diesen betriebswirtschaftliche Rosskuren verordnet, die zwar die Bilanzen hübscher machten, den künstlerischen Betrieb aber beinahe zum Erliegen brachten; sie haben auch die Schließung jedes vierten deutschen Krankenhauses gefordert, ohne nur einen Gedanken auf die Bedeutung einer wohlüberlegten regionalen Gesundheitsversorgung zu verschwenden. Sie haben für Ministerien und Behörden gegen üppige Honorare – ein Berater kann bis zu 4500 Euro am Tag kosten – Aufgaben erledigt, die zu den ureigenen und zum Teil hoheitlichen Kompetenzen dieser Institutionen gehören. Dies ist auch deswegen möglich, weil in vielen öffentlichen Einrichtungen nach Beratergutachten der Personalbestand so sehr reduziert wurde, dass diese selbst ihre Kernaufgaben nur noch mit Mühe wahrnehmen können.
Tatsächlich ist der extensive Berater-Einsatz nur teilweise an einem konkreten Problemlösungsbedarf orientiert. Es scheint vielmehr die Hauptfunktion der alerten Herren zu sein, Verantwortungsträger so zu coachen, dass diese auch unangenehme Entscheidungen durchzusetzen bereit sind. Gleichzeitig fungieren ihre Gutachten als Legitimation für diese Entscheidungen.
Leifs Buch ist ein vehementes Plädoyer dafür, dass öffentliche Angelegenheiten künftig auch wieder öffentlich verhandelt und von den zuständigen Institutionen verantwortet werden. Hinterzimmer-Mauscheleien und sinnfreie Beratungsprojekte sollen unterbunden, klare Spielregeln definiert werden. Leif zeigt, wie notwendig es wäre, dass Entwurf und Gestaltung neuer Politik-Konzepte nicht mehr ausgelagert, sondern im Sinne der Res publica von denen wahrgenommen werden, die dafür gewählt sind.
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Artikel aus Theaterheute, Ausgabe Februar 2007 |
Der gräbt, wo er steht Über die Kraft des Dokumentarischen und das Tragische in den Filmen von Andres Veiel – ein Essay aus Anlass der DVD-Werkausgabe von Stephan WackwitzDer Neue Deutsche Spielfilm feiert seit Jahrzehnten wieder Erfolge. Sie gehen unter anderem auf eine intensive Lobbyarbeit der Medien zurück. Das ist schön und gut. Aber es ist darüber ein bisschen in den Hintergrund getreten, dass die wirklich interessanten Entwicklungen seit Jahrzehnten im deutschen Dokumentarfilm vor sich gehen. Ausgehend von den Klassikern des deutschen direct cinema der 60er und 70er Jahre (den Filmen von Klaus Wildenhahn und Peter Nestler zum Beispiel, die für das Fernsehen gedreht und im anspruchsvollen Spätabendprogramm oder auf Festivals gezeigt wurden), haben junge Dokumentaristen wie Andres Veiel und Volker Koepp außerdem neuerdings etwas geschafft, was dem Dokumentarfilm in Deutschland vielleicht noch nie gelungen ist. Sie haben das Kino, wenn vielleicht nicht erobert, so doch mindestens betreten. Ihr Marktanteil ist immer noch gering. Aber im Bekanntheitsgrad von Filmen wie «Herr Zwilling und Frau Zuckermann» oder «Black Box BRD» könnte sich etwas offenbaren, was man mit dem Stichwort «Überdruss am zweitklassig Fiktionalen» beschreiben könnte. Im literarischen Marktgeschehen kommt dieser Überdruss, wenn nicht alles täuscht, zwar in einem sehr umgrenzten und kleinen Sektor, aber unverkennbar, ebenfalls zum Tragen, am auffälligsten in dem von niemandem erwarteten Erfolg der Prosabücher unbestimmter Gattungszugehörigkeit W.G. Sebalds um die Jahrhundertwende. Aber auch andere dokumentarische «Bücher ohne Familiennamen» (Michael Rutschky) fanden in der letzten Zeit ihr Publikum. Walter Kempowskis «Echolot»-Konzeptkunst beispielsweise gehört dazu, die Bücher Tom Lamperts und Martin Pollacks. Die seltsam halbdokumentarischen Essayerzählungen von Rainald Goetz aus der Welt des Rave. Oder der nur aus Familiendokumenten bestehende monumentale Roman «Die Liebenden» von Gerhard Henschel (dass einige meiner eigenen Bücher auf der Welle dieser Stimmung eine gewisse Aufmerksamkeit erlangt haben, erwähne ich der Vollständigkeit halber am Rande). Man hat das Gefühl, dass eine bestimmte Fraktion von Lesern und Kinogehern sich auf Qualitäten des deutschen Kinos und der deutschen Literatur besinnt, die der Konkurrenz mit der übermächtigen Qualität des amerikanischen Kinos und der amerikanischen Literatur entzogen sind. Ich muss das ein bisschen erklären. Es ist vielleicht auch nur meine eigene, sicher idiosynkratische und sehr möglicherweise ganz irrige Meinung. Kein deutscher Regisseur wird, glaube ich, je Filme drehen, die so gut sind wie die Martin Scorseses, Stanley Kubricks, Woody Allens oder der Coen Brothers. Das hat einerseits mit dem Pool an überragenden Schauspielern, Regisseuren, Drehbuchautoren, Stoffen, Ressourcen und Zuschauerfraktionen zu tun, die der amerikanischen Kinoindustrie als künstlerischer Weltmacht und den amerikanischen Filmen als Weltmarkt zur Verfügung stehen. Es ist andererseits aber auch das Resultat einer künstlerischen Tradition, die sich nie abgeschlossen hat, sondern von den jüdischen Emigranten der 1930er Jahre bis zu den italienischen, deutschen oder jüngst indischen Arbeitsmigranten der Gegenwart Zentralmagnet für die begabtesten und hungrigsten Talente gewesen ist. Size does matter, auch in Fragen intellektueller und künstlerischer Produktionsverhältnisse. «Aber es kommt durchaus auf die Größe an», hat V.S. Naipaul, wie immer interessant und wie immer politisch appallingly incorrect, am 30.9.06 in der «Süddeutschen Zeitung» über diesen Zusammenhang gesagt. «Wenn man aus einem sehr kleinen Territorium kommt – eine halbe Million, eine Million Einwohner oder so einem kolonialen Land – ist es unwahrscheinlich, dass sich daraus eine intellektuelle Führungsschicht entwickelt. Solche kleinen Gesellschaften sind intellektuell sehr begrenzt. Ihre Führer haben einen beschränkten Horizont.» Das Qualitätsgefälle literarischer Produktion zwischen Deutschland und den USA (es ist meiner Ansicht nach ebenso eklatant wie das cineastische) hat Heinz Schlaffer jüngst zum Thema eines scharfsinnigen, eleganten und vielgelesenen Büchleins gemacht und ebenfalls mit dem Unterschied von Abgrenzung und Pflege der «Identität» einerseits, großzügiger Inklusion und der Bereitstellung überzeugender Erfolgschancen andererseits erklärt. An bestimmten Rangunterschieden auch der Kultur, scheint es, ist nicht zu rütteln. «Übermacht, ihr könnt es spüren / Ist nicht aus der Welt zu schaffen.» Dieses Bonmot Goethes ist auch eine kunsttheoretische Wahrheit. Was vor der Haustür liegtEs ist demnach nicht nur überhaupt einfacher, einen guten Dokumentarfilm zu drehen als einen erstklassigen Spielfilm. Es ist vor allem auch für Künstler aus kleineren und unbedeutenderen Ländern einfacher, sich dieses Mediums mit hervorragenden Ergebnissen zu bedienen. Der deutsche Dokumentarfilm ebenso wie die deutschen «Bücher ohne Familiennamen» gehen den Weg, den intelligente und realistische Intellektuelle in der Peripherie immer eingeschlagen haben (man könnte die Schotten im 18. Jahrhundert als Parallelbeispiel anführen oder die Polen im Neunzehnten; aber das sind andere Geschichten, und es muss genügen, im Vorbeigehen auf sie zu verweisen). Diese Intellektuellen akzeptierten und akzeptieren, dass die politischen oder kunstsoziologischen Machtfragen entschieden sind, deshalb nicht mehr gestellt werden müssen. Und sie konzentrieren sich in dieser Lage darauf, was in jeder Situation und jedem gelingt: die selbständige und deshalb notwendigerweise originelle künstlerische Bearbeitung dessen, was vor der Haustüre liegt. «Grab, wo du stehst», lautete das Motto der skandinavischen Oral-History-Bewegung der 80er Jahre. Der deutsche fiction film dagegen macht sich (an einem bestimmten Beispiel und natürlich ganz unfair verallgemeinernd gesagt) von Erzählweisen einer überlegenen Tradition auch dann abhängig, wenn es nur um die Beschreibung einer gehobenen Pizzeria in München-Neuhausen und ihrer Stammgäste geht. Die deutsche Antwort auf Philip Roth, Chuck Palahniuk, Nicholson Baker und Richard Powers erscheint bei uns jede Saison doppelt und dreifach; und ist zur nächsten Buchmesse wieder vergessen. Was zum Beispiel der Dokumentarfilmer Andres Veiel, dessen abendfüllende Filme jetzt in einer wunderschönen Box erschienen und hier zu besprechen sind, stattdessen macht, könnte man mit dem künstlerischen Verfahren W. G. Sebalds engführen. Sebald, der sich dazu sehr lange Zeit gelassen hat, erfand für den Ausdruck einer nur in Deutschland vorkommenden Erfahrung eine Form von Büchern, die es nie zuvor und nirgends sonst gegeben hatte. Es war die Erfahrung einer unheimlichen Vergangenheit, einer Vergangenheit, die nicht vergehen will. Trotz dieses spezifischen, fast abseitigen Inhalts sind diese Bücher von Susan Sontag in der «New York Times» rezensiert worden und von John Coetzee in der «New York Review of Books», und es gibt sie inzwischen in mehr Sprachen als die Firma Heinz Barbecuesoßen anbietet. Reale Erfahrungen sind nie provinziell. Wer gräbt, wo er steht, fördert immer etwas zutage, das alle angeht. Menschen in existenziellen Situationen«Es hat mich immer interessiert, Menschen in existenziellen Situationen zu erleben», sagte Andres Veiel im Bayerischen Rundfunk über seinen Film «Die Spielwütigen», «in einem Moment des Umbruchs, der tiefen Einblick ermöglicht. Die Selbstkontrolle ist da eine ganz andere. Ich kriege mit, wie Menschen sich verändern, sich ausliefern, und welche Auswirkungen Brüche auf die Biografien haben. Das geht an die Substanz.» Die Methode, die er in den «Spielwütigen» zur Formulierung dieser «existenziellen Situationen» gefunden hat, ist vielleicht nicht ganz so neu und nie gesehen wie das, was Sebald erfunden hat. Veiel benutzt einerseits den alten Cinema-vérité-Grundsatz, nichts zu zeigen, als was im Material vorkommt, und andererseits das Verfahren der Langzeit-Dokumentation, die Winfried Junge in seinen berühmten Filmen aus Golzow/DDR klassisch erprobt hat. Junge Schauspieler (eben jene «Spielwütigen») treten in eine berühmte Ausbildungsanstalt ein, verändern sich im Lauf dessen, was da mit ihnen geschieht, und in einer Art Epilog wird angedeutet, ob sich für sie danach beruflicher Erfolg oder Misserfolg andeutet. Der ästhetische Eindruck dieser Langzeitrecherche ist von einer merkwürdigen Wucht und Geschlossenheit. Dass Veiel, der darin Klassikern wie Klaus Wildenhahn folgt, das auktoriale Erzählen aus dem Off auf ganz sparsame und für das Verstehen des Zusammenhangs unerlässliche Erläuterungen beschränkt, dass er nur die Protagonisten sprechen lässt und vor allem, wie er das macht, trägt zu diesem starken Eindruck natürlich bei. Aber sein eigentlicher Kern ist das Gefühl des Zuschauers, dem Sich- Entfalten einer Wahrheit zusehen zu können, die zwar nur in den Schicksalen dieser vier jungen Leute zum Vorschein kommen konnte, sich in deren Geschichte aber nicht erschöpft. Rationalisierung des Persönlichen Die «Spielwütigen» und ihre Schule führen uns Zuschauern vielmehr eine Erfahrung vor, die man seit den 80er Jahren in vielen beruflichen Kontexten machen muss. Es ist das schmerzhafte Zur-Deckung-Kommen von professioneller Rolle und geheimstem Seelenleben auch in ganz anderen Berufen als dem des Schauspielers. Man muss gar keine Casting-Shows bemühen, um das zu studieren. Auch das Leben der Manager zum Beispiel, der Unternehmensberater, vermutlich sogar das gehobener Verkäufer ist mit dem mittlerweile allgegenwärtigen Geschäftemachen mit «Entscheidungstechniken», mit jenen «Personal-Management-Trainingsprogrammen», den Seminaren zum Thema «Erfolgreich weiblich» ein Parallelfall des künstlerisch Darstellenden in der wirtschaftlichen Lebenswelt. Rationalisierungstechniken werden, ganz wie auf der Schauspielschule, vorgetrieben bis in Zonen, die einer traditionellen Persönlichkeitstheorie zufolge allein einem autonom-intuitiven, emphatisch ungesellschaftlichen Regelzentrum unterstehen. Ein philosophisch traditionell aufgefasstes, stehengebliebenes, dabei sehr bejahtes «Persönliches» wird so vollständig mit gesellschaftlicher Technik und Rationalität durchdrungen und hinterbaut wie eine mittelalterliche Hausfassade auf dem Frankfurter Römer durch eine Stahlbaukonstruktion. In dieser Verbindung des eigentlich Unvereinbaren kommt das intellektuelle und machtökonomische Zwielicht, jene eigenartige Unaufrichtigkeit, jenes Oszillieren zwischen einer unglaubwürdigen «Persönlichkeits»-Substanz und rein rationalen Zwecken zustande, das man schon bei gelegentlichem und oberflächlichem Eintauchen zum Beispiel in den Manager-Bannkreis spürt. Etwas seltsam Schauspielerhaftes haben deshalb auch die Deutsche-Bank- Nebenfiguren in Veiels berühmtestem Film, in «Black Box BRD». Die Opfer-Hauptfigur, der ermordete Alfred Herrhausen, kommt außer auf historischem Material nicht vor, seine Witwe, die außerhalb seiner Berufswelt steht, kann so reden, wie ihr um das tieftraurige Herz ist. Beide sind schon außerhalb des Bannkreises, so jenseitig wie der erschossene Terrorist. Die Banker aber, die im Film über den Ermordeten reden – und auch die Figur eines gescheiterten Terroristen, der sich nicht vorstellen konnte zu töten und bei dem es nur zum Steuerberater gelangt hat – bewegen sich in einem merkwürdigen Zwielicht, das wir aus unserem Berufsleben fast alle kennen und in dem jedes Wort zur Lüge wird. «Wer die Wahrheit übers unmittelbare Leben erfahren will» – das hat Adorno in seine «Zueignung» der «Minima Moralia» an Max Horkheimer hineingeschrieben –, «muss dessen entfremdeter Gestalt nachforschen, den objektiven Mächten, die die individuelle Existenz bis ins Verborgenste bestimmen. Redet man unmittelbar vom Unmittelbaren, so verhält man sich kaum anders als jene Romanschreiber, die ihre Marionetten wie mit billigem Schmuck mit den Imitationen der Leidenschaften von ehedem behängen» – ein Kommentar zu dem erwähnten Überdruss am zweitklassig Fiktionalen ebenso wie auf den zweiten Blick ein Plädoyer für Dokumentarfilme wie die von Andres Veiel. Verstörende UnsicherheitIndem dieser Regisseur die Selbstdarstellung seiner Figuren ernstnimmt, verwandelt sie sich unter der Hand in das Spielmaterial, das sie in Wirklichkeit immer schon gewesen ist. Das Literarische seiner Filme, nämlich das Tragische, scheint paradoxerweise aber darin zu bestehen, dass jenseits des Schauspielerhaften die Handlungen, Meinungen, Liebesbeziehungen und Äußerungen nichtfiktionaler Menschen vollkommen rätselhaft sind. Dass Lebensläufe so etwas wie einen Sinn ergeben, kommt eben nur in Fiction vor. Es ist schockierend, diese Tatsache so einleuchtend vorgeführt zu bekommen wie in Veiels Filmen. «Black Box BRD» wäre im Grunde ein guter Titel nicht nur für den berühmtesten, sondern für alle Filme Veiels. Es ist zum Beispiel schlechterdings unbegreiflich, was die Lebensläufe der Selbstmörder in einem anderen, weniger bekannten Film, in «Die Überlebenden» entgleisen ließ. Eine Schulklasse trifft sich nach Jahren wieder. Einige sind unter die Räder und schließlich ums Leben gekommen. Der Dokumentarfilmer geht den Gründen für die Katastrophe nach. Wir werden diese Gründe nie erfahren – aber wir und der Regisseur erfahren dafür en passant, dass der Schulkamerad, den wir uns nur als Opfer vorstellen konnten, seine Freundin verprügelt und, so muss man ihr Reden vor der Kamera wohl deuten, einmal vergewaltigt hat. Zum Schluss des Films bleibt Zuschauern und Zeugen dieses Sterbens nur die hilflose Ahnung, dass es jedem von uns genauso hätte ergehen können wie denen, die nicht übrig geblieben sind – und die verstörende Unsicherheit darüber, warum wir eigentlich Überlebende sind. Die erschütterndsten Figuren dieser Unsicherheit angesichts real gelebten Lebens sind, in «Black Box BRD», die Eltern des erschossenen Terroristen Wolfgang Grams. Der Vater, der zu weinen beginnt, nachdem er uns erzählt hat, dass er bei der Waffen- SS war. Die zärtlichen Bewegungen, mit denen die Mutter eine Art Bilder-Wandteppich handhabt, die der Sohn schon im Untergrund gemacht und ihr irgendwie hat zukommen lassen. Es wird einem plötzlich bewusst, dass die Männer und Frauen, die das Führungspersonal der Republik zeitweilig zu Gehetzten gemacht haben, nicht nur Verbrecher gewesen sind, sondern auch rührend kontaktgestörte Söhne, makraméeulenbastelnde Muttersöhnchen, und es ist einem einen Moment lang wirklich zum Heulen zumute. Wie gesagt: Diese Erfahrungen konnten sich nur im Leben dieser konkreten und wirklich existierenden Menschen zeigen. Aber sie müssen zugleich jede und jeden interessieren. Nicht anders sind großer Film und große Literatur zu definieren. Ich vermute, dass gegenüber künstlerisch so starken und emotional bewegenden Filmen und Büchern wie Veiels «Black Box BRD» oder Sebalds «Die Ausgewanderten» nur die wirklich großen Spielfilme und Romane den Test der Film- und Literaturgeschichte bestehen werden.
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Ausgabe 03.2007 |
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Wer ist Thomas Pynchon?
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