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Ausgabe 06.07 - Literaturen - Literatur
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Schwerpunkt: Italienische Reise
Titel 06.07 Kaum ein Land ist so intensiv erträumt, bereist und überrannt worden wie Italien, nirgendwo verbinden sich mit den Namen von Städten und Landschaften derart viele Glücksversprechen wie hier.
Die Hot Spots dieser Sehnsüchte sind Venedig, Rom und Neapel: Seit der Ära der klassischen Bildungsreisenden ergießt sich die (nicht nur deutsche) Italiensehnsucht in immer neuen Wellen über die Lieblingsstädte.

Friedrich Christian Delius schreibt über sein Rom – obwohl, wie er betont, gerade das Macht-Zentrum der Antike, des Papsttums und der politischen Gegenwart sich nicht aneignen lässt: Es ist der Mythos seiner selbst.
Lothar Müller nähert sich Venedig von der Lagune her – die aus dem Wasser wachsende Stadt wurde schon früh zur Spezialistin des Niedergangs und zog daraus die Dynamik zu einem neuen Aufstieg als Kunst-Metropole.

Im Literaturen-Gespräch erklärt Dieter Richter, warum die Königsstadt Neapel sich zum Gegenpol Roms entwickelte; ihr vulkanischer Charakter stürzte die nördlichen Reisenden in Verwirrung. Die Fotografien, die diesen Schwerpunkt begleiten, stammen von Markus Kirchgessner und eröffnen ein Italien-Panorama von Venedig über Rom, Neapel, Capri und Positano bis zur Insel Lampedusa
Editorial
Die Literaturen-Redaktion, liebe Leserin, lieber Leser,

ist es gewohnt, in der Vorzukunft zu leben und zu arbeiten. Jede Ausgabe dieser Zeitschrift präsentiert künftige Bücher de facto bereits im Rückblick: Zum Zeitpunkt, da Literaturen produziert wird, sind viele der besprochenen Bücher noch gar nicht auf dem Markt; sie werden aber erschienen sein, wenn Literaturen herausgekommen sein wird.

Es ist eine gute geistige Übung, künftige Literaturmoden – und erst recht: künftige Literaturskandale und andere kurzatmige Aufreger – schon von vornherein in der Retrospektive zu betrachten: Wie viel Wirbel wird sich bereits wieder gelegt haben, ehe Literaturen erschienen sein wird! Das wirkt heilsam entschleunigend angesichts der ständig wachsenden Marktbeschleunigung und der immer kürzeren Verfallszeiten von Büchern. Die Verweildauer von Neuerscheinungen auf den Regalen der Buchhändler beträgt nur noch wenig mehr als drei Monate. Noch sind die Frühjahrsbücher längst nicht alle ausgeliefert, schon schicken die Verlage – von Jahr zu Jahr früher – ihre Vorvorvorschauen auf die Herbstbücher, neuerdings sogar mit Attachments: Die Manuskript-Version so manchen Romans, der im kommenden Oktober erscheinen soll, kann sich der interessierte Literaturkritiker bereits seit Anfang April selbst ausdrucken.

Das ist ein netter Service der Verlage, einerseits. Andererseits ist es horrender Unfug: Das Verschleißtempo der Saisonware Buch wird so nur noch mehr gesteigert. Und je kürzer die Neuerscheinungen auf dem Markt präsent sind, desto mehr verlagert sich die Werbung für sie auf die Zeit vor ihrem Erscheinen: Immer mehr Bücher sind bereits am Erstverkaufstag in den Medien abgefrühstückt. Manche Radiosender besprechen ein neues Buch entweder sofort oder gar nicht. Das nützt weder den Verlagen noch den Autoren noch dem Buchhandel. Und erst recht nicht dem kritisch-nachdenklichen Gespräch über Bücher.

Niemand wird heute mehr dem Feuilleton-Hochmut von einst huldigen, der besagte: Ein Buch ist dann aktuell, wenn wir darüber schreiben. Dennoch: Literatur ist kein einmaliges Event wie ein Popkonzert. Die Rezension muss nicht am Morgen danach in der Zeitung stehen. Lesen ist immer noch ein intimer Vorgang zwischen einem Buch und einem Kopf, der sich allmählich hineinversenkt.

Wie wäre es also mit ein bisschen weniger Hektik?

Ihre Literaturen-Redaktion

Inhalt
Editorial

Schwerpunkt
Italienische Reise.
Rom, Venedig, Neapel

Das Kriminal
München, hard-boiled
Franz Schuh betritt dröhnende Bierburgen

Bücher des Monats
Holger Noltze
Jean Starobinski: Die Zauberinnen
Wolfgang Schneider
Wolfgang Herrndorf: Diesseits des Van-Allen-Gürtels
Herfried Münkler
Michael Mann: Die dunkle Seite der Demokratie
Hans-Peter Kunisch
Jean Améry: Die Schiffbrüchigen
Martina Meister
André Glucksmann: Wut eines Kindes,
Zorn eines Lebens
Andres Müry
Günther Rühle: Theater in Deutschland

Die Beiseite
Feridun Zaimoglu Im Zeichen des Zonk
Das Geheimnis, wie man selbst kalte Berliner Lyrik-Grazien zur Liebe entflammt, heißt Roberto Bolaño

Kinderbücher
Susanne Becker Tödliche Geheimnisse, soziale Wahrheiten
Zwei Jugendkrimis enden im Wasser, mit dem dritten geht ein Erzählonkel baden

Unbekannter Klassiker
Wilfried F. Schoeller Ein Mammutwerk als Abräumarbeit
Alfred Döblin ist als Titan der Moderne immer noch zu entdecken

Roman
Sigrid Löffler Die prekären Freuden der Freibeuter
In einem neuen Roman und einem Essay plädiert
Jonathan Lethem für die Freiheit der Kunst gegenüber
dem Urheberrecht

Literaturen-Essay
Jonathan Lethem Autoren aller Länder, plagiiert euch!
Nicht Einflussangst, Einfluss-Ekstase sollte den Künstler antreiben

Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Thomas Steinfeld || Arnold Stadler || Christina von Braun, Bettina Mathes || Bernd Stiegler || Michael Neumann || Davide Longo || Curzio Malaparte ||
Richard Yates || Navid Kermani || DBC Pierre
Bildbände von Martin Parr || David Bailey || Erik Schmidt

Kunst und Geld
Wolfgang Ullrich Lust am Spektakel, Kitzel der Spekulation
Die zeitgenössische Kunst bricht noch immer Tabus. Allerdings nicht mehr mit radikalen Abstraktionen – sondern mit immer höheren Preisen

Kurz & Bündig
Bücher von Hans Joachim Schädlich || Harry G. Frankfurt || Angela Krauß || Chantal Mouffe || Petri Tamminen ||
Georg Brandes
Bildbände von Dagmar Schwelle || Michael Wesely

Das Magazin
Mitten aus Paris || Kalender || Hörbücher || Literatur
im Kino || Netzkarte || Jetzt als Taschenbuch ||
Was liest Silke Scheuermann?

Impressum

Vorschau, P. S., Register

Dieter Richter über Neapel. Interview
Hauptstadt der Begierden:
Der Kulturwissenschaftler Dieter Richter erklärt im Literaturen-Gespräch, warum Neapel das Selbstbild der Reisenden aus dem Norden erzittern lässt.


Literaturen Neapel galt jahrhundertelang als hoch-erotischer, unterhaltsamer Ort. Was machte Napoli so viel lustiger und lustvoller als andere italienische Städte?

Dieter Richter Neapel war immer die schönste Stadt Italiens, einige hielten sie sogar für die schönste Stadt der Welt; gleichzeitig hatte sie eine unheimliche und dämonische Seite.
Die Kurtisanen in Neapel galten als die verführerischsten, noch in Reiseberichten des 19. Jahrhunderts kann man lesen, die Frauen seien den Fremden gegenüber «geneigter». In Marquis de Sades «Juliette» reist eine kleine Gruppe durch Kampanien, und eine der Damen setzt die langweiligen Landschaften des Nordens gegen die «wunderwürdige» und «verbrecherische» Natur der Vesuv-Gegend.
Die kampanische Natur evoziert die Leidenschaften, das gesellschaftlich Verdrängte. August von Platen hat es sehr genossen, dass er in Neapel Knaben und Männer finden konnte, ohne bestraft zu werden. Thomas Mann wurde hier mit seinen homophilen Neigungen konfrontiert. Hans Christian Andersen bringt es auf den Punkt: «Komme ich je keusch aus Neapel zurück, werde ich es mein Leben lang bleiben.»

Literaturen Die Stadt war einer der Höhepunkte der Grand Tour, die jeder Bildungsreisende absolvierte, wie Sie in Ihrer Kulturgeschichte Neapels schreiben.

Richter Neapel war auch die Stadt Vergils, und die große, klassische Tour führte nicht nur zum Dichtergrab,
sondern auch in den Westen der Stadt: also nach Pozzuoli, zu den Bädern des Nero, zum Kap Misenum. Der eigentliche Wandel des Neapel-Bildes kommt nach dem Zweiten Weltkrieg.
Noch in den 20er und 30er Jahren galten die Stadt und die Gegend als schön, danach wurden sie fast nur noch als kriminell und wüst wahrgenommen. Das hängt auch damit zusammen, dass die Stadt zum Opfer von Bau-Spekulation und Überbesiedelung wurde.

Literaturen Warum hat sich gerade Rom aus der Perspektive der Reisenden zum großen Antipoden Neapels entwickelt?

Richter Rom war um 1800 eine beschauliche kleine Stadt, Neapel dagegen die drittgrößte Stadt in Europa – für viele Reisende war es die erste und einzige Großstadterfahrung im Leben. Neapel war die größte Stadt, in der Goethe, Herder oder Anna Amalia jemals gewesen sind.
Viele erleiden hier einfach einen Großstadt-Schock. Man muss den Schwindel, der die Neapel-Reisenden erfasst hat, aber auch mit Freud’schen Begriffen lesen. Goethe sagt: «Entweder ich war früher toll, oder ich bin es jetzt. Ich erkenne mich selbst nicht mehr wieder.» Die Regulationsmechanismen des Über-Ich werden hier schwächer, das Es meldet sich stärker zu Wort.
Das hat auch etwas mit dem vulkanischen Charakter der Stadt zu tun: In Neapel gibt es eine Ober- und eine Unterwelt.

Literaturen Haben die Italiener selbst den Rom-Neapel-Gegensatz auch so wahrgenommen, oder war das eine Projektion der Touristen um 1800?

Richter In der italienischen Realgeschichte bedeutet der Gegensatz Rom–Neapel natürlich etwas ganz anderes. Die Neapolitaner leiden unter der Tatsache, dass Rom 1871 Hauptstadt des Vereinigten Königreichs geworden ist und Neapel «eingemeindet» wurde: Neapel verliert 1860 die Rolle als Hauptstadt eines Königreichs, die es jahrhundertelang innehatte.
Das ist ein historischer Initialkonflikt: Garibaldi befreit den Süden, marschiert in Neapel ein und wird begeistert empfangen. Dann erfahren die Neapolitaner, dass sie «angeschlossen» werden. Es gibt zwar eine Volksabstimmung, aber dann wird der Goldschatz des Banco di Napoli in den Norden transferiert.
Süditalien wird eine Provinz der Piemontesen, verfällt der Lethargie des Mediterranée.

Literaturen Die meisten Reisenden kommen auch zum ersten Mal mit großstädtischen Massen, den Lazzaroni, in Berührung. Goethe zum Beispiel war angezogen und zugleich abgestoßen von der Entspanntheit dieser Menschen, die völlig anders lebten, als insbesondere protestantische Deutsche das kannten.

Richter Es spielt bestimmt eine Rolle, dass das, was für Neapel als Lazzaroni beschrieben wird, einfach großstädtische Massen sind. Es gibt allerdings viele englische Reisende, die London kennen und feststellen, Lazzaroni gebe es dort nicht.
Das hängt mit dem Klima zusammen: Armut ist im Süden öffentlich, die Lazzaroni leben auf den Straßen und Plätzen. Goethe hat eine Ehrenrettung der Lazzaroni versucht. Er hat ihre Wirtschaft sehr klug als eine Art Recycling-System beschrieben und sie gegen den Vorwurf der Faulheit verteidigt, mit ausdrücklicher Kritik seines Reiseführers.
Dort wurden die Lazzaroni in der traditionellen Form als Fannulloni beschrieben, also als Nichtstuer. Goethe hat das Leben dieser Menschen genau beobachtet und erklärt, dass sie alle einer Tätigkeit nachgehen.

Literaturen Die Neapolitaner seien die «Irokesen oder Hottentotten» Europas, schreibt August von Kotzebue in seinen 1805 erschienenen Erinnerungen, vom «vulkanischen Charakter» ist in der zeitgenössischen Volkskunde auch oft die Rede.
War Neapel so etwas wie ein europäisches Experimentierfeld der Mentalitätsforschung?

Richter Dem geht natürlich seit Kolumbus und Las Casas eine ausführliche Debatte über den Charakter der nicht-europäischen Völker, der indianischen Wilden oder der Südsee-Bewohner voraus. Wenn Kotzebue die Neapolitaner mit Irokesen vergleicht, dann spricht er von den «Wilden» Europas. Tatsächlich setzen im 18. und 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von Beobachtungen ein, die man heute als ethnologisch bezeichnen könnte. Kritische Ethnologen haben sich davon eine Zeitlang scharf distanziert, sie für Projektionen nördlicher Reisender gehalten.
Inzwischen versucht die Ethnologie, diesen Beobachtungen wieder mehr gerecht zu werden. Wer sich in Neapel über Marionettenspiel oder die Tarantella informieren will, zieht Reiseberichte von Deutschen, Engländern, Franzosen zu Rate, weil die solche Phänomene schon um 1800 beschrieben haben. Methodologisch stellt sich die Frage: Handelt es sich um Projektionen, oder haben die Reisenden damals auch Richtiges gesehen? Ich kritisiere die konstruktivistischen Positionen und lese Reiseberichte als historische Quellen, die einen wahren Kern haben – der allerdings auch viel mit dem Reisenden selbst zu tun hat.

Literaturen Woran kann man die neapolitanische Mentalität denn genauer festmachen?

Richter Es gibt eine kollektive Mentalität, die sich aus einer Reihe von bestimmbaren Faktoren zusammensetzt. Dazu gehören das Klima, die Landschaft, die Geologie, die Religion, die Geschichte. Es macht einen Unterschied, ob Sie bis nachts um zwölf draußen auf der Straße sein können oder nicht. Wenn es zum Beispiel nur wenig Platz zum Fußballspielen gibt, dann lernt man anders Fußball zu spielen als bei uns. Die Neapolitaner sind Ballkünstler, weil sie keine freien Flächen haben, über die sie bolzen können; sie sind gezwungen, in kleinen Innenhöfen, auf Plätzen zu spielen. Und wenn Sie in einer Gegend
leben, in der immer wieder der Boden unter den Füßen zittert, in der sich, wie vor zwanzig Jahren in Pozzuoli, der Meeresboden um zwei Meter gehoben und wieder abgesenkt hat, dann legen Sie gegenüber Ihrer Umwelt ein anderes Verhalten an den Tag, als wenn Sie jeden Tag auf die Straße rausgehen, die Tür hinter sich zuziehen und auf festem Boden laufen.

Literaturen Die Besucher aus dem Norden waren so gebannt wie irritiert von der neapolitanischen Religiosität – das gilt sogar bis heute, wenn man etwa an die Totenkulte oder das Wunder des San Gennaro denkt, dessen Blut sich jedes Jahr aufs Neue verflüssigt.

Richter Rom war immer der Ort der Amtskirche, der großen Zelebrationen und Prozessionen, in Neapel dagegen spielte und spielt die Volksfrömmigkeit eine wichtige Rolle. In Neapel wurden die Toten bis weit ins 19. Jahrhundert nicht auf Friedhöfen, sondern in den Krypten beigesetzt. Es gibt eine ganze Reihe von solchen unterirdischen Friedhöfen; Frauen und Mädchen gingen dorthin, suchten sich einen Totenschädel, schmückten ihn und steckten ihm Zettelchen zu. Seit den 1960er Jahren sind diese Kulte offiziell verboten, aber die Neapolitaner akzeptieren das nicht.
In der Chiesa del Purgatorio im Zentrum von Neapel darf man nur noch an einem Tag in der Woche nach unten zu den Toten. Aber vor der Kirche legen die Leute Blumen hin und zünden Kerzen an. Es ist ein permanenter Kampf zwischen Amtskirche und Volksfrömmigkeit. Beim Gennaro-Wunder werden Raketen und Böller in der Kirche gezündet, wenn das Blut sich verflüssigt hat. Das wäre undenkbar in Rom. Dieser Heilige passt zu dieser Stadt wie kein anderer: Das sich wandelnde Blut korrespondiert mit dem sich in Feuer verwandelnden Stein des Vesuv.

Literaturen Neapel hatte über Jahrhunderte hinweg ein sehr spezielles Verhältnis zum Vesuv und dadurch zur
Natur. Hier kann man – Sie zeigen das in Ihrem gerade erschienenen Buch über den Vesuv – genau feststellen, wie die Bilder von der Natur sich verändern und auch bei Besuchern ins Wanken kommen.

Richter Mich interessieren nicht nur die wissenschaftsgeschichtlichen Modelle der Erdentstehung, also der große Streit zwischen den Neptunisten und den Plutonisten im 18. und 19. Jahrhundert. Mich interessiert gleichzeitig, was hinter diesen Auffassungen steckt. Hinter dem Neptunismus, also der Annahme, dass die Erde aus dem Meer aufgestiegen sei, stehen Vorstellungen von Harmonie und allmählicher, organischer Entwicklung; dass Goethe Neptunist gewesen ist, entspricht seiner Vorstellung von organischer Entwicklung.
Hinter dem plutonistischen Modell steckt etwas ganz anderes: chaotische Bewegungen, die zur Entstehung des Planeten geführt haben – unberechenbare und bedrohliche Kräfte, die immer noch am Werk sind.

Literaturen Das inspiriert auch die Philosophie?

Richter Nietzsche, der den Vesuv ein halbes Jahr lang vor Augen hatte, entwickelt in der «Fröhlichen Wissenschaft» am Bild des Vulkanismus seine Auffassung, dass es Kräfte gibt, die sich chaotisch entbinden oder entbunden werden. Das ist Anti-Hegelianismus, eine Theorie, die gegen die zielgerichtete Entwicklung der Erde polemisiert.
Der Vulkanismus ist in der Philosophie das Eintrittstor für Geschichtsbilder, die Gewalt, Revolution und Zufälle kennen. In der Aufklärung war die Natur noch gut, und selbst die vernichtende Natur musste im Grunde noch zum Wohle des Menschen tätig sein. Kant argumentiert in seiner Schrift «Vom Nutzen der Erdbeben» in dieser Weise. In der Theorie der Aufklärer waren Vulkane nützliche Ventile, die den Erdball vor dem Auseinanderplatzen retten und die Erde fruchtbar machen. Heute dagegen konfrontiert uns der Vulkan mit einer feindlichen Natur, die sich rational nicht mehr erklären lässt.

Literaturen So wie in vor-aufklärerischen Zeiten, in denen die Ausbrüche des Vesuv als göttliche Zeichen verstanden wurden?

Richter Unser Naturverständnis hat barocke Wurzeln. Im Barock wurde das Wüten der Natur, wurden die Ausbrüche des Vesuv als Botschaften eines strafenden Gottes an die sündigen Menschen verstanden. In den aktuellen ökologischen Debatten fragt man nach dem Warum von Naturkatastrophen und findet zwar keinen persönlich strafenden Gott, aber eine sich rächende Natur.
In der Metapher der Rache lebt das barocke Modell von Sünde und Strafe weiter, nur dass wir das Universum entgöttlicht und die Natur selbst zur strafenden Akteurin gemacht haben. Der Vesuv ist immer der Ort, an dem die Natur zerstörerisch, feindlich und unberechenbar erschien: ein «ewig verschlingendes Ungeheuer». Wir sind zwar heute davon überzeugt, dass sich die Natur für die menschlichen Sünden räche, aber Vulkanausbrüche oder Erdbeben sind nicht Folgen menschlicher Umweltsünden, sondern kommen aus der Tiefe des Planeten: Sie sind nicht steuerbar und stellen uns daher Fragen, auf die wir keine Antwort haben.
Das Abschmelzen der Polkappen hat erklärbare Ursachen, aber das Aneinanderreiben der Kontinentalplatten entzieht sich unserer Beeinflussung, selbst unserer Beobachtung.

Literaturen Neben den Naturspektakeln und den Blutwundern kann Neapel auch auf eine wenig bekannte liberale Geschichte zurückblicken: Was hat es mit der «Parthenopäischen Republik» auf sich?

Richter Im Jahr 1799 nähern sich die Franzosen Neapel, und in der Stadt begehren die liberalen Kräfte und die Jakobiner gegen die Bourbonen auf: Für sechs Monate wird Neapel eine Republik, vergleichbar derjenigen in Mainz.
Auf diese Parthenopäische Republik folgt ein großes Blutbad, das die bourbonische Reaktion verübt.
Dabei wird im Grunde die gesamte liberale Intelligenz physisch ausgelöscht. Zahlreiche Adlige und Bürger, die diese Revolution entscheidend geprägt hatten, fielen der Racheaktion zum Opfer, denn der Republikanismus in Neapel war ein Oberschichten-Phänomen. Diese Morde sind eines der großen Traumata der Stadt, das Jahr 1799 ein Ur-Ereignis der modernen Geschichte Neapels.

Literaturen Warum taucht diese Phase in der Geschichte der Stadt so selten auf?

Richter Erst seit wenigen Jahren gibt es einen Erinnerungsort für die Toten der Parthenopäischen Republik: an der Piazza Mercato, wo die Galgen standen. Nach diesem großen Trauma beginnt im 19. Jahrhundert eine starke Folklorisierung, eine melancholisch-selbstverliebte Napoletanetà, und die große Wunde von 1799 wird verdrängt. Die Stadt verliert den Anschluss an die Moderne.
Es gibt in der kollektiven Erinnerung dann noch ein anderes Bild für die Toten von 1799: Unter denjenigen, die hingerichtet wurden, befand sich auch der Fürst Gennaro Serra di Cassano. Nachdem man den jungen Fürsten abgeholt hatte, ließ sein Vater das Tor versperren, durch das der Sohn in den Tod geführt worden war, und dieses Tor des Palazzo Serra di Cassano blieb 200 Jahre lang verschlossen. Das ist eine typisch neapolitanische Erinnerungsform,
eine sprachlose Klage und Anklage.

Literaturen Gegenwärtig ist die Stadt vor allem von der Camorra geprägt, wie beispielsweise der Schriftsteller und Journalist Roberto Saviano in seinem Buch «Gomorra» schreibt.

Richter Neapel steht seit langem im Ruf der Gewalttätigkeit und der Kriminalität. Die Tatsache, dass man in der deutschen Presse periodisch wiederkehrend etwas über neue Morde in Neapel liest, gehört für mich in den Bereich der Medien-Realität.

Literaturen Erfunden sind diese Ereignisse aber nicht.

Richter Nicht, dass es diese Ereignisse nicht gegeben hätte. Aber die Tatsache, dass und wie dann darüber berichtet wird, ist das Medien-Ereignis. Camorra-Morde gehören in Deutschland zum Image Neapels. Wen interessiert schon, dass Neapel auch eine Stadt der Kunst ist – es gibt zum Beispiel ein neues experimentelles Museum, das Museo Madre, mit Werken von Jeff Koons, Rebecca Horn und Sol Lewitt. Das erwartet man nicht im Zusammenhang mit Neapel.
Das Besondere an Roberto Savianos Buch ist, dass es die Camorra als Spitze eines Eisbergs zeigt. Sie kann nur existieren, weil sie verflochten ist mit einem Netz von Menschen, die ihr vielleicht gar nicht einmal bewusst zuarbeiten und dadurch ermöglichen, dass sie funktioniert. Nichts hören, nichts sehen, nichts tun, das ist das Lebenselixier der Malavita, des organisierten Verbrechens.

Literaturen Worin liegt für Sie der Reiz Neapels?

Richter Zum Zauber dieser Stadt gehört das Widersprüchliche und Unheimliche. Sehr vieles vom alten Neapel ist verschwunden, man findet kaum noch Schuhputzer oder Kinder, die über die Straße laufen und Zitronenwasser verkaufen. Auf der anderen Seite muss sich Neapel modernisieren, aber ich frage mich: Wie weit kann die Modernisierung vorangehen, ohne dass die Stadt das verliert, was sie so faszinierend macht?

Literaturen Durch den Massentourismus ist vieles banalisiert worden, der Vesuv als Wahrzeichen der Stadt etwa wird von Reisebussen befahren. «Um 17 Uhr schließt der Berg», schreiben Sie in Ihrem Buch. Authentische Erfahrungen scheinen da kaum noch möglich.

Richter Das sehe ich anders. Der Massentourismus, gerade zum Vesuv, war schon Ende des 19. Jahrhunderts stark ausgeprägt, und dennoch haben Schriftsteller und Künstler den Berg immer wieder höchst eindrucksvoll dargestellt. Eine große Landschaft wie die am Golf von Neapel spricht zu eindrücklich, als dass ihre Sprache sich nicht bemerkbar machen könnte.

Das Gespräch führte Jutta Person in Bremen

Dieter Richter, geboren 1938 in Hof/Bayern, studierte Germanistik, Altphilologie und Theologie. Seit 1972 ist er Professor für Kritische Literaturgeschichte an der Universität Bremen. Als Kulturwissenschaftler interessiert ihn, wie die Italienreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts auf die Großstadt Neapel reagierten – damals immerhin die drittgrößte Stadt Europas
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Ausgabe 06.2007
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