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Ausgabe 06.07 - Literaturen - Literatur
Literatur im Kino
Aus dem Paradies vertrieben

Ein Bestseller der französischen Buddhistin Alexandra
David-Néel jetzt im Kino – als «Valley of Flowers»

hre Lebensgeschichte böte Stoff für mehr als einen Abenteuerfilm: Alexandra David-Néel war Orientalistin und Erforscherin asiatischer Kulturen, eine unerschrockene und wissbegierige Frau. Die 1868 geborene, 1969 gestorbene Französin fährt 1891 mit dem Schiff nach Ceylon, später nach Indien, sie tritt in London einem Gnostiker-Zirkel bei, studiert, lehrt später selber an der Sorbonne. Sie beschäftigt sich mit Esoterik, als das noch keine modische Freizeitbeschäftigung gelangweilter Westeuropäer war. Zwei Jahre lebt sie in einem Himalaya-Kloster, danach als einzige Frau unter Mönchen in einer buddhistischen Klosterstadt am Rande der Wüste Gobi. Von dort macht sie sich 1921 mit ihrem dreißig Jahre jüngeren Begleiter auf den Weg nach Lhasa, in die verbotene Hauptstadt Tibets.

Wenige Monate sind für die Wanderung vorgesehen, tatsächlich sind die beiden jedoch drei Jahre lang unterwegs. Das Paar gibt sich – das Gesicht mit Ruß beschmiert, die Haare mit Tusche geschwärzt – als Bettelpilger aus. Sie überstehen Krankheit und Kälte, Hunger und Durst, stoßen auf Straßenräuber und müssen immer wieder Grenzposten ausweichen.
Als Alexandra David-Néel nach diesem Abenteuer nach Frankreich zurückkehrt, wird sie als «Frau auf dem Dach der Welt», als Nationalheldin gefeiert. Sie schreibt, lehrt – und bricht 1937 erneut auf: reist mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Peking, gerät in den Bürgerkrieg, wird festgesetzt, beschäftigt sich mit den chinesischen Taoisten und erhält in China die Nachricht vom Tod ihres Mannes Philippe Néel, den sie als 36-Jährige geheiratet hat.

1937 ist auch das Jahr, in dem David-Néel endlich die Geschichte aufschreibt, die sie lange schon mit sich herumträgt. Ein reicher tibetischer Häuptling («halb Bauer, halb Hirte») hat sie ihr am nächtlichen Feuer erzählt, lange ist sie vor der Niederschrift zurückgeschreckt. Jetzt macht sie aus diesem «Abenteuer in Tibet» einen Roman, der «wirkliche Erlebnisse wiedergibt». Es geht um eine große Liebe, um Zauberei, magische Praktiken und ein Unsterblichkeitselixier, das unter grausamen Umständen gewonnen wird.
Dieses Elixier spielt auch in dem Film «Valley of Flowers» eine Rolle, den der indische Regisseur Pan Nalin nach Motiven des Bestsellers von Alexandra David-Néel gedreht hat. Die furchtbaren Praktiken, mit deren Hilfe es gewonnen wird, sind hier allerdings getilgt. Das Wasser schenkt im Film einfach Unsterblichkeit. Aber hier wie im Roman ist damit nicht die erhoffte Glückseligkeit verbunden.

Eindrucksvolle, den Roman perfekt umsetzende Kinobilder stehen am Anfang: «Von fernen Gebirgsketten eingerahmt, lag die ungeheure Hochebene einsam und verlassen unter einem gleichmäßig blauen und strahlenden Himmel – die Stille war absolut.» Die Zeit scheint stehen zu bleiben, die Kamera nimmt sich Zeit, männliche Gesichter zu erforschen, in die Landschaften gezeichnet scheinen (nur die drei Hauptdarsteller sind Profis, alle anderen Rollen wurden mit Laien besetzt). Eine Karawane kommt langsam ins Bild. Aus der Ruhe wird Bewegung, ein Überfall, die Räuber siegen.
Die Ordnung stört nur das schöne Mädchen, das zurückbleibt, sich nicht abweisen lässt. Es hat den Anführer der Diebesbande lange schon gesucht, weil er ihm erschienen ist – in der Nacht und am Tag. Es geht um eine große Liebe und um die Gefahren, die sie bedrohen. Der je andere ist in diesem Spiel oft der unberechenbare Dämon.

Man betrachtet fasziniert die sprechenden Gesichter, sieht sich satt an den unglaublichen Landschaften und wird doch der Bedeutungsschwere ein wenig müde, als der Film plötzlich die Vorlage verlässt und die Geschichte nach einem großen Zeitsprung weitererzählt.
Man sieht den Mann im wahren Sinn des Wortes über Kriegsschauplätze und Jahrhundertwenden wandern. Aus dem schönen Räuberhauptmann Jalan (gespielt vom indischen Starmodel und früheren Schwimmer Milind Soman) wird ein attraktiver Wiedergänger, wie man ihn aus dem Kino kennt, aus dem Wegelagerer von damals ein Geschäftsmann von heute. Der Mann verdient sein Geld jetzt mit dem Tod: Er leistet Sterbehilfe, weil er selber nicht sterben kann. Und der geheimnisvolle Yeti von damals ist auch im modernen Tokio an seiner Seite, um das Schicksal zu lenken.

Das «Tal der Blumen» liegt in den grünen Regionen des Himalaya, im indischen Uttaranchal. Man soll nur auf einem sehr langen Fußweg dorthin gelangen. Der indische Gott Hanuman ist hier ebenso zu Hause wie Feen und Nymphen. Wenn es irgendwo ein Paradies der Leidenschaften gibt, dann findet man es wohl auf diesen Wiesen «vor einer Kulisse von schneebedeckten Bergspitzen». Alle Liebenden, egal welche Dämonen im Spiel sind, werden irgendwann jedoch aus dem Paradies vertrieben. Dass das immer schmerzt – vor allem davon erzählen der Roman aus dem Jahr 1937 und der Film von heute.

Manuela Reichart



Ausgabe 06.2007
Titel 06.07
Italienische Reise
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