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Ausgabe 07/08.07
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Schwerpunkt: Deutsche Hexenmeister. Thomas Mann und sein «Doktor Faustus»
Vor sechzig Jahren ist Thomas Manns Jahrhundert-Roman erschienen: «Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde».
Am 29. Januar 1947, nach fast vierjähriger Arbeit, ist das Buch vollendet. In seinem Tagebuch im kalifornischen Exil notiert der 72-Jährige: «Schrieb um 1/2 12 Uhr die letzten Worte des ‹Dr. Faustus›. Bewegt immerhin.» Und als Monate später die ersten Bände aus der Druckerei kommen, bangt er: «Was werden die Deutschen sagen?»
Bis heute ist das geniale Werk nicht auszuschöpfen, das die deutsche Kultur im faustischen Pakt mit dem Faschismus zum Teufel gehen lässt.

Heinrich Detering fächert in seinen Lektüre-Vorschlägen den ganzen Reichtum dieses Romans auf. Für ihn ist dieser Deutschland-Roman nichts weniger als eine Summa historica vom Mittelalter bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, aber zugleich auch eine Mordsgeschichte von Teufel, Rausch, Größenwahn und Tod: Künstlerroman, Horror-Story und Psycho-Thriller. Wenn, wie Thomas Mann einräumt, alles am «Faustus»-Roman «mittel-bares Selbstbekenntnis» ist, dann kann auch nach den realen Lebenssituationen gefragt werden, die dem Autor Modell gestanden haben. Wolfgang Schneider geht der Frage nach, welch wichtige Rolle die Musik nicht nur im Leverkühn-Roman, sondern überhaupt in Thomas Manns Leben gespielt hat. Und Ulrich Rüdenauer reportiert aus dem Studio 7 des Hessischen Rundfunks, wo «Doktor Faustus» in ein Hörspiel verwandelt wird – in ein zehnstündiges Stimm- und Klangkunstwerk.


Editorial
In England, liebe Leserin, lieber Leser,

erscheinen klassische Romane neuerdings in Leicht-Versionen – verkürzt, auf den Plot reduziert und sprachlich vereinfacht, nach dem Motto «Große Klassiker in der halben Zeit und im verdaulichen Format». Also: «Moby Dick» und Dickens auf dünn. Aber wer braucht eigentlich einen Häppchen-Koch fürs Lesevergnügen? Und was für ein Vergnügen wäre das?

Thomas Manns großer Roman «Doktor Faustus» etwa, auf seinen Plot heruntergefahren, läse sich als bloße Action- und Gruselgeschichte: Deutscher Zwölftonmusiker vom Teufel geholt. Nichts bliebe von Mythos und Musik, von Psychologie und Politik, von Erotik und Ekstase, wie sie Thomas Mann hier aufs Raffinierteste verknüpft. Kurzum: die Erzähl-Kunst bliebe auf der Strecke. Eine große Leser-Umfrage, die Literaturen im Vorjahr durchführte, ergab unter anderem: Dieses Publikum liebt seine Klassiker unverstümmelt. Die überwältigende Mehrheit der Befragten gibt an, fast täglich in einem Buch zu lesen und mehr als zwanzig Bücher pro Jahr zu kaufen. Literaturen schätzen sie als glaubwürdig, kompetent, modern, unterhaltsam, kritisch und abwechslungsreich ein. Allerdings würden sie gerne mehr über Kriminalromane erfahren, und auch die Themen bildende Kunst, Philosophie, Politik, Geschichte und Zeitgeist dürften öfter vorkommen.

Nichts lieber als das. Schon ein Blick auf die Bücher des Monats in dieser Ausgabe sowie auf die Essays zur «Klima-Katastrophe» und zum «Balkan heute» macht deutlich, dass Literaturen diese Leser-Anregungen gerne aufgreift. Und zu Franz Schuhs klassischer Kolumne «Das Kriminal» gesellt sich ab dieser Ausgabe die mehrteilige Krimi-Serie «Tatort Europa»: Frauke Meyer-Gosau portraitiert die besten Krimi-Autoren des Kontinents. Lesen Sie ab Seite 98 von ihrem Besuch bei Petros Markaris in Athen.

Einen genüsslichen Lese-Sommer wünscht
Ihre Literaturen-Redaktion
Inhalt
Editorial

Schwerpunkt
Deutsche Hexenmeister.
Thomas Mann und sein «Doktor Faustus»

Natur & Politik
Kurt Darsow Das Ganze ist das Warme
Öko-Bücher nennen selten Akteure. Lässt sich so der Klima-Kollaps abwenden?

Das Kriminal
Bestseller, wem Bestseller gebührt
Franz Schuh zieht den Hut vor Fred Vargas, der französischen Krimi-Königin

Bücher des Monats
Wolfgang Kemp
Ross King: Zum Frühstück ins Freie
Hans-Ulrich Treichel
Peter von Matt: Das Wilde und die Ordnung
Jutta Person
Moshe Idel: Der Golem
Jens Balzer
Simon Reynolds: Schmeiß alles hin und fang neu an
Patrick Bahners
Peter Rühmkorf: Die Märchen
René Aguigah
Heinrich Geiselberger (Hg.): Und jetzt?

Kinderbücher
Britta Sebens Schiffe kapern, Holzbeine schnitzen, Maden mampfen
Vier neue Bücher – Seeräuber in allen Gefechts- und Lebenslagen

Weltfahrer und Spurensucher
Sigrid Löffler Verschmelzungsgeschäfte auf vier Kontinenten
Zum zweiten Mal huldigt Ilija Trojanow dem «Weltensammler» Sir Richard Burton
Ilija Trojanow Die Wahrheit der verwischten Fakten
Der Welt-Reiseerzähler Ryszard Kapuscinski

Balkan heute
Fotografien von Alen Hebilovic
Literaturen-Gespräch
«Wir lernen nur aus unseren eigenen Katastrophen»
Richard Swartz erklärt, wie Literatur Einfluss nehmen kann auf die Problemzone Balkan
Fotografien von Dragan Petrovic
Literaturen-Essay
Miljenko Jergovic Der ideelle Gesamt-Jugoslawe
Wenn man Donauschwaben, Slowenen und Italiener zu seinen Vorfahren zählt, darf man die eigene Geburt ein politisches Projekt nennen

Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Edward St Aubyn || Tom Levine || Alan Isler || Sharon Begley || György Konrád || Rachel Cusk || Joyce Carol Oates || Oliver Hilmes || Paul Flora || Massimo Carlotto || Richard A. Clarke || Mohsin Hamid
Bildbände von LeRoy Grannis || Christopher Faulkner, Paul Duncan (Hg.) || Pamela Roberts

Die Beiseite

Feridun Zaimoglu ICH. Ein Leben im Dienste des Yoga
Radscha, der Yoga-Slawe, sucht einen Ghostwriter für seine Autobiografie

Serie: Tatort Europa
Frauke Meyer-Gosau Einmal Hölle, einmal Paradies
Petros Markaris ist einer der Großen des europäischen Krimis. Seine eigene Geschichte ist dabei nicht weniger spannend als seine Romane

Kurz & Bündig
Bücher von Ignacio Martínez de Pisón || Ingeborg Walter, Roberto Zapperi || Emili Rosales || Anton Holzer || Wojciech Kuczok || Jacques Le Goff, Nicolas Truong || Christine Aziz || Annette Mingels || Pascal Mercier
Bildbände von Hannah Höch || Gerhard Seyfried, Ziska Riemann || Manfred Metzner (Hg.)

Das Magazin
Mitten aus New York || Kalender || Hörbücher || Literatur
im Kino || Netzkarte || Leserbriefe || Jetzt als Taschenbuch || Was liest Ernst-Wilhelm Händler

Impressum

Vorschau, P. S., Register

«Es geht um Kunst – Hör-Kunst»
Wie wird aus «Doktor Faustus» ein Hörspiel? Ein ehrgeiziges Radio-Projekt verwandelt den 700-Seiten-Roman in ein zehnstündiges Stimm- und Klangkunstwerk – mit eigens komponierter Musik. Ein Besuch im legendären Studio 7 des Hessischen Rundfunks

Von Ulrich Rüdenauer

Sven-Eric Bechtolf sind die Zigaretten ausgegangen. Man ahnt: Das Nikotin braucht er, um eine Balance zwischen Anspannung und konzentrierter Ruhe herzustellen. Vielleicht braucht der Burg-Schauspieler es auch für seine wunderbar kokettierende, geschmeidige Stimme: Die Stimmbänder wollen vom inhalierten Rauch gestreichelt werden. Frau Eggert springt ein, drüben in ihrem Zimmer liegt noch eine Schachtel. Frau Eggerts Schreibtisch im Besetzungsbüro des Hessischen Rundfunks in Frankfurt ist so, wie ein Schreibtisch sein sollte, mit einem Ordnungssystem, das pedantische Gemüter als Chaos bezeichnen würden. An der Wand hängen Fotos von Schauspielern und Sprechern. Ulrich Noethen, Peter Heusch, Rosemarie Fendel. Auf einem Plakat steht ganz groß: 40 Jahre.
40 Jahre lang ist Gudrun Eggert nun schon auf der Suche nach Stimmen, hat dabei die Krise des Hörspiels miterlebt und ihre Rundfunk-Sprecher bereits früh gewarnt, sich bloß nicht aufs Radio zu verlassen. Jetzt sieht sie mit Genugtuung, dass das Wort im Hörfunk allmählich wieder Boden gewinnt – gegen die Ideologie des formatierten Radios, die sich seit den späten 80er Jahren durchgesetzt hat und besagt: Durch größtmögliche Wiedererkennbarkeit des Programms und möglichst wenig gesprochene Beiträge lassen sich Hörer binden.
Auch diesmal hat Gudrun Eggert mitgewirkt, beim Stimmenfinden für eine der Großproduktionen des Jahres: Thomas Manns «Doktor Faustus» wird vom Hessischen Rundfunk (HR) in Koproduktion mit dem Bayerischen Rundfunk und gemeinsam mit der «Internationalen Ensemble Modern Akademie» gestemmt. Zehn Teile von je einer Stunde, rund 30 Aufnahmetage, fast 30 Schauspieler. Vom Oktober bis Dezember 2007 wird die Produktion ausgestrahlt, zugleich erscheint sie als Hörbuch. Alle zwei Jahre wagt sich eine Sende-Anstalt wie der HR an ein solches Mammutprojekt, das bis in die kleinste Rolle hinein glänzend besetzt ist. «Wir haben hier im Studio jeden Tag Salzburger Festspiele», sagt Leonhard Koppelmann, einer der gefragten zeitgenössischen Hörspiel-Regisseure.
Im legendären Studio 7 des HR, dort, wo alle Hörspiele des Senders entstehen, herrscht eine angenehm gespannte Arbeitsstimmung. Werner Wölbern, der den Adrian Leverkühn gibt, sitzt zusammen mit dem Komponisten Hermann Kretzschmar im schalltoten Aufnahmeraum 2. Wand und Decke sind mit Geräusche absorbierender Steinwolle verkleidet. Die Akustik soll den Eindruck von Außenaufnahmen entstehen lassen. Es gibt verschiedene Fußbodenbeläge und eine Treppe, um gegebenenfalls Schritte in unterschiedlichen Umgebungen simulieren zu können. Hermann Kretzschmar summt Leverkühn eine Melodie vor, Leverkühn summt sie nach. Ein zustimmendes Nicken des Toningenieurs. Aufnahme. Der Regieassistent blättert im Manuskript, das einen Leitz-Ordner füllt. Der Text gleicht einer Partitur, die mit Kringeln, Strichen, Farbmarkierungen, kryptischen Zeichen versehen ist. Wer hier den Überblick verliert, ist bei solch einer Produktion verloren.

«Wir machen keine Reader’s Digest-Fassung»
Wie macht man aus einem 700-Seiten-Roman ein Hörspiel-Manuskript? Manfred Hess, Dramaturg und Redakteur beim HR, trug die Idee schon einige Jahre mit sich herum – bis er schließlich mit Hermann Kretzschmar und Leonhard Koppelmann auf die richtigen Mitstreiter traf. Alle drei schätzen den «Doktor Faustus» seit langem. Der Roman verfolgt Leonhard Koppelmann seit dem Abitur, und für den Musiker Kretzschmar ist der «Faustus» natürlich nicht zuletzt ein Buch der Komponisten-Anspielungen, ein Referenzen-Ratespiel. Alle drei arbeiten mit größter Leidenschaft. In einem monatelangen Prozess haben sie den Text erarbeitet und vom einen Medium ins andere übersetzt. Im Gegensatz zur «Zauberberg»-Großproduktion aus dem Jahr 2003, bei der Passagen um- und nachgeschrieben wurden, wollten die Macher dieses «Faustus» ganz nahe am Original bleiben.
Nicht ganz einfach: kann man sich etwas vorstellen, das dem zeitgenössischen Radio drastischer widerspricht als die Sätze Thomas Manns? Sätze, die sich über eine halbe Seite hinweg durch grammatikalisch unwegsamstes Gelände schlängeln; Ungetüme, die reiches Argumentationsmaterial für Mark Twains Überlegungen zur «schrecklichen deutschen Sprache» hätten liefern können; grazil dahinmäandernde Gedankenprosa, die jedem Bildungsbürger das Herz wärmt, aber heutige Programm-Verantwortliche ins Schwitzen bringen dürfte. Und dann auch noch der «Doktor Faustus»: jenes eher ungeliebte Spätwerk Thomas Manns, dieser ehrgeizige Roman, der eine Musiker-Biografie, das deutsche Verhängnis des «Dritten Reichs» und tiefromantische Sehnsucht nach dem Höheren zu verbinden sucht. Das alles im Radio?
Beim geneigten, kulturell interessierten Hörer gebe es eben wieder eine Hinwendung zu komplexeren Inhalten, meint Leonhard Koppelmann. Die Weitschweifigkeit und Umständlichkeit der Sprache Thomas Manns sollten also unbedingt erhalten bleiben und nicht auf Hauptsatz-Reihungen heruntergebrochen werden. «Wir machen keine Reader’s Digest-Fassung», sagt Manfred Hess mit einer Verve, die vielen Medienschaffenden wegen grassierender Quoten-Angst längst ausgetrieben worden ist. «Es geht um Kunst, um Hör-Kunst.» Bei zehn Stunden Sendefläche ist in der Tat Raum für Manns verschwenderisch fließende Sprache, für lange Gedankenbögen, für literarische Ausschweifung, auch für eine ganz eigenständige musikalische Umsetzung, die bewusst Distanz wahrt zu den eklektischen musiktheoretischen Ausführungen Thomas Manns. Die Kompositionen von Hermann Kretzschmar sollen das Hörspiel tatsächlich zu einem Klangkunstwerk machen.
Wie sich das dann am Ende anhören wird, lässt sich während der Sprach-Aufnahmen nur erahnen: Sicherlich wird Leonhard Koppelmanns «Faustus» keine experimentelle, auf schnelle Effekte ausgerichtete Produktion, sondern eine, die auf die Inszenierung der Stimmen setzt, auf die Komposition von Wort und Musik, auf großes Schauspieler-Hörtheater.
Der Roman selbst ist das Maß, an dem die Regie sich orientiert; und der ironische Realismus Thomas Manns verträgt sich kaum mit gewagten Sound-Schnipsel-Collagen. Die Kunst wird es sein, zwischen traditionellem Hörstück und zeitgenössisch inszeniertem Hörerlebnis zu vermitteln.
Schauspieler-Berühmtheiten wie Matthias Habich, Traugott Buhre, Kornelia Boje, Wolf-Dietrich Sprenger oder Jochen Striebeck sind als Sprecher mit von der Partie. Den großen Erzählerpart hat Hanns Zischler übernommen: Der Schauspieler, Autor und Übersetzer leiht Serenus Zeitblom seine Stimme – eine Idealbesetzung. «Zischler hat diesen Bildungsbürgerton», sagt Manfred Hess. «Wir brauchten jemanden, der kapiert, was er liest.»

Leverkühn ähnelt im Studio Franz Biberkopf
Der Code der Hörspielarbeit ist der Wechsel von Ton und Stille. Mehr als diese binäre Unterscheidung gibt es nicht, mehr steht für die Arbeit im Studio nicht zur Verfügung. Aus dieser simplen Anordnung aber folgt die Komplexität des Mediums: Das Hören eines inszenierten literarischen Werks erfordert die ganze Aufmerksamkeit, da Informationen nur über den die Phantasie anregenden Klang übermittelt werden. Um die Hörspielfassung radiogerecht zu gestalten und Dynamik hineinzubringen, sind Passagen aus dem Erzählfluss des «Faustus» gestrichen worden.
Nun sind sie einzelnen Figuren als kleine Monologe zugeordnet oder als Dialoge in den Textverlauf eingebettet. Die meisten Sequenzen wurden solistisch aufgezeichnet – eher ungewöhnlich für ein Hörspiel, in diesem Falle aber möglich und pragmatisch, da man so sehr flexibel mit den Terminen war. In den nächsten Tagen beginnt das Schneiden und Mischen, die Musik wird in die Sprach-Aufnahmen hineinmontiert.
Sven-Eric Bechtolf spricht Rudi Schwerdtfeger, den Geiger im Zapfenstößer-Orchester in München, den tragisch endenden Freund Leverkühns. Bechtolf wirkt gehetzt, genialisch, ein drahtiger Mann mit Drei-Tage-Bart, immer auf dem Sprung: Ihn zeichnet (um Thomas Manns Beschreibung Hans Castorps aus dem «Zauberberg» zu zitieren) eine gewisse philosophische Gleichgültigkeit gegenüber seinem Äußeren aus; Bechtolf wäre der ideale Castorp. Es wird viel gelacht im Studio. Im Nebenraum bespricht Bechtolf mit Regisseur Koppelmann die nächsten Passagen. Werner Wölbern – der äußerlich eher dem Franz Biberkopf aus Döblins «Berlin Alexanderplatz» gleicht, dessen Stimme aber der gepeinigten Künstlerseele Leverkühn bis in die tiefsten Abgründe hinein nachspürt – verabschiedet sich vom Team, hetzt zum Flughafen. Am Abend wird er wieder ein anderer sein, in einer anderen Stadt auf einer anderen Bühne.

Hörspiel ist wie Stummfilm – nur umgekehrt
Koppelmann und Bechtolf werfen sich unterdessen Sätze und Assoziationen zu. Varianten werden ausprobiert,
verworfen, Stimmungen interpretiert: Rituale der Text-Aneignung. «Wir müssen auf die Höhe des Mann’schen Textes kommen, wir müssen uns die gedankliche Schärfe erarbeiten und die Sprachlust, die darin steckt», hat Koppelmann eben noch im Regieraum doziert. In der Praxis ist das ein spielerisches Hin und Her von Möglichkeiten, ein Sich-Hineinsteigern in eine Idee, einen Satz, einen Abschnitt.Die Konzentration wird gehalten, Bechtolf sitzt im Aufnahmeraum. «Achtung.» Es kommt ein Zeichen. «Es läuft.» Rotlicht. Der Moment zählt, der eine richtige Schwung, der Bogen, die richtige Phrasierung. Zu oft darf eine Passage nicht wiederholt werden, sonst riskiert der Regisseur, dass sich der Ton beim Schauspieler verfestigt, und die Überraschung des ersten Sprechens und Hörens ist verflogen.
Bechtolf ist jetzt Schwerdtfeger. Koppelmann fordert ihn mit präzisen Anweisungen, die dieser sofort aufgreift: «Mach mal das Lachen als Bewegung der Annäherung.» Der Regisseur spricht den Text leise mit, gestikuliert, lächelt, wenn ihm gefällt, was er hört. «Der nächste Abschnitt als gedankliche Verfertigung» – und wieder das empathische Mitgehen des Regisseurs, wie ein Fußballtrainer am Spielfeldrand, der den Ball am liebsten selbst ins Tor köpfen würde. «Das war zu offen, mehr ein bisschen in die Verbeugung der Begrüßung gebettet.»
Wenn man die Augen schließt, dem Sprecher lauscht, der sich im Text verliert und diesem immer neue Deutungen gibt, entsteht eine unglaubliche Präsenz. Und das, obwohl der Schauspieler im Radio ja ein Beschnittener ist: Ihm fehlen Körper und Gesicht, Gestik und Mimik, Bewegung und Ausdruck.
Alles legt er in die Stimme, Aufruhr und Traurigkeit, Freude und Angst. Jeder Schritt, jedes Stirnrunzeln, jedes Augenrollen muss sich im Gestus seiner Stimme erahnen lassen, in der Schwingung und Bewegung eines Satzes, im Schweben eines Tons oder in den Pausen zwischen zwei Wörtern. Im Atmen und Luftanhalten, im Singsang oder der Einsilbigkeit seines Erzählens.
Er muss seinen ganzen Körper in die Stimme legen. Wir, die Zuhörer, sollen ihm glauben. «Hörspiel ist wie Stummfilm, nur umgekehrt», sagte Urs Widmer einmal über diese einzig originäre Form, die der Rundfunk hervorgebracht hat.

Verlage hören die Signale
Nach seiner Blütezeit in den 1950er und frühen 60er Jahren galt das Hörstück lange Zeit als verschlafenes, altbackenes Genre: TV Killed The Radio Star. Nun erlebt es ein kleines Comeback – auch weil es mit Mitteln arbeitet, die dem übermächtigen Film entlehnt scheinen, mit schnellen Schnitten, mitunter auch knalligen Effekten. Es rekurriert, ohne ihn reproduzieren zu können, auf einen Bildervorrat, den jeder durch seine Fernseh- und Kinoerfahrung im Kopf hat. Und der sich dennoch in der Sprache auflöst und neue, auch abstraktere Bilder entstehen lässt. Heute sitzen etwa im Sommer in Berlin 2000 junge Leute unter freiem Himmel beim Public Listening auf einer Wiese und hören sich gemeinsam ein Mankell-Hörspiel an. Dass die im Alltag dominierenden visuellen Reize für zwei Stunden gänzlich ausgeschaltet sind, macht dabei das Besondere des Mediums aus. Die Kur gegen die Übersättigung mit Bildern ist das gesprochene Wort.
Aber auch die Möglichkeit, beim Bügeln oder Autofahren nebenher noch ein bisschen Kultur zu konsumieren, verlockt viele Hörer. Und nicht zuletzt die nostalgische Erinnerung an kindliche Hörerlebnisse mit «Benjamin Blümchen»- oder «Bibi Blocksberg»-Kassetten scheint den neuen Trend zu befördern. Dass zudem die freie Hörspielszene boomt, Avantgarde, Pop und Literatur dabei längst eine innige Liaison miteinander eingegangen sind, bildet einen weiteren Aspekt dieser neuen Liebe zur Oral Literature.
Verlage hören die Signale, brennen eifrig auf CD, was sonst im Äther versendet beziehungsweise in den Tiefen der Rundfunk-Archive verstauben würde. Das Hörbuch legt von Jahr zu Jahr zu – wenn Heike Völker-Sieber vom Hörverlag sich auch scheut, dafür den Begriff «Boom» zu verwenden. Es ist zwar richtig, dass der Hörbuch-Markt 2006 einen Zuwachs von 17,4 Prozent auf 150 Millionen Euro Umsatz verzeichnen konnte. Gemessen am Gesamtumsatz des Buchmarktes macht das aber eben doch nur knapp über vier Prozent aus. Dennoch herrscht Aufbruchsstimmung. 500 Anbieter sind auf dem Markt, dominiert wird er von ein paar wenigen. Marktführer ist der Münchener Hörverlag, dessen Gesellschafter diverse Buchverlage sind. Interessant ist, dass seit fünf, sechs Jahren die Kooperationen zwischen privaten Verlagen und öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zunehmen. Auch der «Doktor Faustus» wird beim Hörverlag erscheinen, schon zur Frankfurter Buchmesse Mitte Oktober soll die CD-Box präsentiert werden, wenige Tage nur nach der Ausstrahlung der ersten Folge im Radio.

Besetzung nach dem «Bunte»-Index
Immer wieder gibt es Befürchtungen, die kommerziellen Labels könnten Einfluss nehmen auf die inhaltliche Arbeit der Sender. Beim Hörverlag gilt, so Heike Völker-Sieber, ganz klar: «Wir reden nicht rein bei der Produktion.» Auch bei Projekten, die der Hörverlag anstößt, sei das so. Und Manfred Hess, der HR-Redakteur, sagt: Regie und Dramaturgie würden sich ohnehin nicht ins Handwerk pfuschen lassen. Dass es gerade bei Leseaufnahmen aktueller Romane aber durchaus das Bestreben gibt, Medien-Promis zu besetzen, mag allerdings niemand bestreiten.
Wenn etwa H. P. Baxxter von der Teutonen-Techno-Band Scooter im breitesten norddeutschen Slang Texte von Thomas Bernhard zum Besten gibt, kann man das kaum mehr Anbiederung an ein junges Publikum nennen, sondern nur noch peinlich. Auch die Besetzung nach dem «Bunte»-Index – je mehr Namedropping in einschlägigen Gazetten, desto besser – mag marketing-strategisch von Vorteil sein, erfüllt aber zuweilen den Tatbestand der Textschändung. Und schließlich neigt die Markt-Orientierung dazu, mehr vom Immergleichen zu produzieren.
Große Produktionen wie der «Doktor Faustus» sind heute undenkbar, ohne Synergie-Effekte zu nutzen. Dazu gehört die Zusammenarbeit verschiedener Sender und Hörbuchverlage. Dazu gehören aber auch die durch moderne Technik möglich gewordenen Aufnahmeszenarien und flexible Produktionsstätten. Beim «Faustus» konnte Leonhard Koppelmann Schauspieler in München oder Berlin ins Studio holen, man sparte Reise- und Übernachtungskosten. Und die Einspielung der Kretzschmar’schen Musik durch Studenten der «Ensemble Modern Akademie» bewegt sich zwar künstlerisch auf höchstem Niveau, finanziell aber im Bereich von Anerkennungshonoraren.
«Das Projekt war realisierbar, weil alle an einem Strang gezogen haben», sagt Manfred Hess. «So arbeiten wir weiter, in der Hoffnung, dass irgendjemand den Kultur- und Bildungsfaktor erkennt. Denn wir würden auch Hörspiele machen, wenn es keinen Hörbuchboom gäbe – schließlich arbeiten wir fürs Radio. Und jetzt müssen wir eben die bi- oder sogar trimediale Nutzung – siehe Internet – in unsere Produktionsweise miteinbeziehen.» Tatsächlich könnte die heute noch eher unbedeutende Download-Nutzung bald zum maßgeblichen Faktor werden: Physische Trägermedien wie CDs dürften irgendwann der Vergangenheit angehören, auch das Radio mit vorstrukturiertem Programm, wie wir es kennen.
Rosige Aussichten? Wenn es nach Leonhard Koppelmann geht, schon: «Das Digitale ist unsere Zukunft. Wenn Hörspiele, Features, Sendungen als digitaler Datenstrom da sind, ist das Hören nicht mehr zeitabhängig. Man kann das Programm für einen Tag, für eine Woche auf dem Server haben und zu jeder Zeit abrufen. Das wäre ein idealer Zustand.»

1
Ulrich Rüdenauer arbeitet als freier Kritiker. 2006 erschien der
von ihm mitherausgegebene Briefwechsel zwischen Peter Handke und Hermann Lenz unter dem Titel «Berichterstatter des Tages»

Thomas Mann
Doktor Faustus
Hörspiel. HR/BR-Produktion. Der Hörverlag, München 2007. 10 CDs, 550 Min., 49,95 ¤
(erscheint am 19. Oktober 2007)
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Ausgabe 07/08 2007
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