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In England, liebe Leserin, lieber Leser,
erscheinen klassische Romane neuerdings in Leicht-Versionen – verkürzt, auf den Plot reduziert und sprachlich vereinfacht, nach dem Motto «Große Klassiker in der halben Zeit und im verdaulichen Format». Also: «Moby Dick» und Dickens auf dünn. Aber wer braucht eigentlich einen Häppchen-Koch fürs Lesevergnügen? Und was für ein Vergnügen wäre das?
Thomas Manns großer Roman «Doktor Faustus» etwa, auf seinen Plot heruntergefahren, läse sich als bloße Action- und Gruselgeschichte: Deutscher Zwölftonmusiker vom Teufel geholt. Nichts bliebe von Mythos und Musik, von Psychologie und Politik, von Erotik und Ekstase, wie sie Thomas Mann hier aufs Raffinierteste verknüpft. Kurzum: die Erzähl-Kunst bliebe auf der Strecke. Eine große Leser-Umfrage, die Literaturen im Vorjahr durchführte, ergab unter anderem: Dieses Publikum liebt seine Klassiker unverstümmelt. Die überwältigende Mehrheit der Befragten gibt an, fast täglich in einem Buch zu lesen und mehr als zwanzig Bücher pro Jahr zu kaufen. Literaturen schätzen sie als glaubwürdig, kompetent, modern, unterhaltsam, kritisch und abwechslungsreich ein. Allerdings würden sie gerne mehr über Kriminalromane erfahren, und auch die Themen bildende Kunst, Philosophie, Politik, Geschichte und Zeitgeist dürften öfter vorkommen.
Nichts lieber als das. Schon ein Blick auf die Bücher des Monats in dieser Ausgabe sowie auf die Essays zur «Klima-Katastrophe» und zum «Balkan heute» macht deutlich, dass Literaturen diese Leser-Anregungen gerne aufgreift. Und zu Franz Schuhs klassischer Kolumne «Das Kriminal» gesellt sich ab dieser Ausgabe die mehrteilige Krimi-Serie «Tatort Europa»: Frauke Meyer-Gosau portraitiert die besten Krimi-Autoren des Kontinents. Lesen Sie ab Seite 98 von ihrem Besuch bei Petros Markaris in Athen.
Einen genüsslichen Lese-Sommer wünscht Ihre Literaturen-Redaktion
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