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Ausgabe 07/08.07
Was liest... Ernst-Wilhelm Händler
Was Binx Bolling macht, wissen wir nicht. Rabbit Angstrom ist tot. Frank Bascombe aber, der einstige «Sportreporter» und Makler («Unabhängigkeitstag»), hat einen neuen Auftritt – in dem Roman «Die Lage des Landes». Die Trilogie von Richard Ford mit «Lay of the Land» als bisher letztem Band portraitiert einen Ausschnitt der US-amerikanischen Mittelklasse mit scharf geschnittenen Konturen, wie sie sich anderswo nicht ½nden. Das Buch zeigt, wozu realistisches Erzählen fähig ist, wenn der Autor immer genau ist, unter allen Umständen Effekte vermeidet und vor allem: sich darum bemüht, dass jeder Satz Literatur ist. Frank Bascombe, der Ich-Erzähler, ist inzwischen 55 und immer noch Immobilienmakler in einem kleinen Ort in New Jersey im großen Schatten von Gotham City. Sechzig radioaktiv strahlende Kapseln sollen einen Tumor bekämpfen, der sich in seiner Prostata ausbreitet. Seine zweite Frau hat ihn verlassen, um zu ihrem ersten Mann zurückzukehren. Richard Ford schildert die beiden Tage vor Thanksgiving sowie den Feiertag selbst im Millenniumsjahr. Die fast 700 Seiten des Buches geben dem Leser Gelegenheit, den Protagonisten überallhin zu begleiten: in seine Stammlokale, auf seinen ziellosen Fahrten über Land und zu Geschäftsterminen, die er mit seinem tibetischen Angestellten Mike Mahoney (eigentlich Lobsang Dhargey) oder ohne ihn wahrnimmt. Vor allem gibt es keinen Gedanken, den Frank Bascombe in diesen drei Tagen fasst, den er nicht mitteilen würde. Seine Tochter und sein Sohn (aus erster Ehe) wollen Thanksgiving mit ihm verbringen, seine erste und seine zweite Frau melden sich, der Leser erfährt alles über den Zustand des Immobilienmarkts und sehr genau auch, wie jede der auftretenden Personen gekleidet ist. Michiko Kakutani, die gefürchtete Literaturkritikerin der «New York Times», zeigte sich unbeeindruckt. Sie möchte über den Immobilienmarkt an der Küste von New Jersey gar nicht so viel wissen und ½ndet überhaupt, dass «Die Lage des Landes» ein unnötiger Sequel ist. Der Vater von Michiko Kakutani, Shizuo Kakutani, ist Mathematiker; er hat ein für die Wirtschaftstheorie grundlegendes, strategisch äußerst wichtiges Fixpunkt-Theorem bewiesen. Fixpunkt-Theoreme de½nieren die Bedingungen, unter denen eine Abbildung ein Argument auf sich selbst abbildet. Fixpunkt-Theoreme spielen eine entscheidende Rolle in der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie, der formalen Version der neoklassischen Wirtschaftstheorie: Wenn die Voraussetzungen eines Fixpunkt-Theorems erfüllt sind, existiert für das betrachtete Modell mindestens ein Gleichgewichtszustand. Literaturkritik ist nicht Philologie und nicht Literaturgeschichte. Kann man in der Literaturkritik etwas beweisen? Die Kritik eines Buches kann das Buch und seine Stellung zu anderen Büchern weder unter ein allgemeines Prinzip subsumieren noch aus einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit ableiten. Wäre das möglich, dann wäre Literaturkritik ein Software Job. Das würde dann auch für die Produktion von Literatur gelten: Goethe auf Bestellung wäre in Reichweite. Vor der modernen Information Technology bestand das Geschäft der Mathematiker nahezu ausschließlich im Beweisen. Nirgendwo kann man weniger beweisen als in der Literatur- oder in der Kunstkritik. Und niemand bemüht sich so, jede Begründung zu vermeiden, wie die Kritiker-Tochter des Mathematiker-Vaters. Auf eine Tatsachenfeststellung folgt bei Michiko Kakutani unvermittelt das – meist ziemlich harsche – Urteil. In der Mathematik beginnen sich die Dinge zu ändern. Insbesondere die mit den Grundlagen befassten Mathematiker zeigen sich zunehmend skeptisch, wie weit das Beweisen reicht. Es könnte sein, dass es in der Mathematik viel mehr irreduzible Tatsachen gibt, als es den klassischen Mathematikern lieb sein kann. Aber damit sind wir schon fast bei der Literatur: Man kann literarische Inhalte und Formprinzipien als literarische Tatsachen auffassen, ohne deshalb zum theorielosen Empiristen zu werden. Wenn man sich für eine solche Sichtweise der Dinge entscheidet, dann bietet das Werk eines Schriftstellers ein Feld, das mit einem Teilgebiet der Mathematik durchaus vergleichbar ist. Es gibt konstituierende und kontingente Tatsachen, und es gibt Prinzipien, die in der Mathematik die Tatsachen aus einander ableiten, in der Literatur zwischen den Tatsachen vermitteln. Frank Bascombe hat in der Zeitung einen Bericht gelesen, der ihn nicht loslässt. Während eines Tests erschoss ein College-Student seine Lehrerin. Vorher fragte er sie: «Bist du bereit, deinem Schöpfer zu begegnen?» Die 46-Jährige antwortete: «Ja. Ja, ich glaube, ja.» Den dritten Roman über Frank Bascombe gibt es, weil dieser in der Situation der Lehrerin diese Antwort nicht geben würde. Die vorhergehenden Romane gibt es, weil Frank Bascombe zu den dort geschilderten Zeiten die Meldung überlesen hätte. «Die Lage des Landes» ist durchaus keine unnötige Fortsetzung, und der Immobilienmarkt im Buch ist nicht kontingent. Binx Bolling, der Held von Walker Percys Roman «Der Kinogeher», hat sich, zur großen Befriedigung des europäischen Publikums, für Kierkegaard interessiert. John Updikes Rabbit Angstrom würde in der Ewigkeit am liebsten Basketball spielen. Frank Bascombe nimmt am Ende des Buches seinen tibetischen Angestellten als Partner in seine Firma auf, die es in jedem Fall weitergeben wird. Prinzipien sind kein Selbstzweck. Die Philosophie, gleich welcher Couleur, hat die Vorstellung von Gesetzen, die die Natur oder menschliche Gesellschaften regieren (ausgenommen natürlich juristische Codices), längst ad acta gelegt. Prinzipien sind ein Mittel gegen das Vergessen. Viele singuläre Tatsachen benötigen viel Speicherplatz. Lassen sich Tatsachen mit Hilfe von Prinzipien organisieren, muss nicht jede einzeln gespeichert werden. Die Kritiker-Tochter des Mathematiker-Vaters kann sich ein literarisches Gedächtnis offensichtlich nur als eines für irreduzible Tatsachen vorstellen. Sie könnte vom Mathematiker-Vater lernen, welche Befriedigung es bereiten kann, auch in der Literatur Prinzipien zu – jawohl: entbergen, die ein Navigieren im Meer der irreduziblen literarischen Tatsachen ermöglichen. Dem Leser wird in Richard Fords Trilogie eher als in anderen erzählten Büchern nahe gelegt, seine Aufmerksamkeit auf Prinzipien zu lenken, die das Erzählen zwar niemals leiten, ihm aber vielleicht so etwas wie Halt geben können.



Ausgabe 07/08 2007
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