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ICH. Ein Leben im Dienste des Yoga
Radscha, der Yoga-Slawe, sucht einen Ghostwriter für seine Autobiografie und bietet 25 Prozent der Einnahmen. Allerdings wäre da noch Radschas Mutter – und die hält elf Prozent für genug.
Von Feridun Zaimoglu
Radscha gab Yoga-Kurse, viermal abends in der Woche, und er war sehr beliebt bei den Frauen, die in ihm eine Quelle unablässiger Inspirationen entdecken wollten. Die Ehemänner und Freunde kamen pünktlich auf die Minute, um ihre leicht verknallten Frauen vom Turnraum wegzubringen, denn sie trauten dem Wahl-Inder nicht, der sich in ihren Augen als Muselman besonders verdächtig machte. Radscha überhörte ihre Drohungen, sie würden ihn, wenn ihnen irgendeine Schweinerei zu Ohren kommen sollte, zu Curry-Paste verbreien. Er lehrte nun einmal Frauen, den Nacken zu entspannen, und ließ in seinem Kurs keine Männer zu – er wollte nicht an deren Sturheit scheitern.
Seine Eltern waren aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland ausgewandert. Trotzdem fand er es überhaupt nicht lustig, dass ich ihn einen Yoga-Slawen nannte. Manchmal rief er mich an und sprach über die alten Zeiten, und ich bekam heraus, dass er das immer tat, wenn seine Mutter am Telefon mit ihm über die alten Zeiten geredet hatte. Radscha wählte jedesmal nach dem Anruf meine Nummer. Er sagte, ich sei altmodisch und misstraue allen Selbst½ndungsübungen, eigentlich müsste man mich einbalsamieren und im Völkerkunde-Museum ausstellen. Ich sagte, meine Solidarität mit den Männern der Kursteilnehmerinnen sei unverbrüchlich, und er könnte mich mit seinem Yoga-Joghurt mal gerne haben.
Eines Nachts klingelte es an der Tür, ich machte auf und sah einen Radscha, der mich sofort über seine vertrübte Stimmung aufklärte, er sprach immer so gespreizt, und am liebsten hätte ich ihm «Gutes Yoga» gewünscht und wäre wieder ins Bett gegangen. Doch er stellte seinen Sandalen-Fuß in die Tür, drängte sich an mir vorbei in die Wohnung und verlangte Wasser. Ich füllte ihm ein Glas mit stinknormalem Leitungswasser. Nach einem Schluck verzog er das Gesicht und starrte mich finster an. Nun gut, ich hatte mir einen kleinen Scherz erlaubt und dem Wasser eine Handvoll Salz beigegeben. Ich brachte ihm lauwarmes Wasser, und alles war wieder gut. Radscha legte sich auf mein Sofa. Ich setzte mich auf den Stuhl und kam mir vor wie ein Psychoanalytiker im Pyjama. Die tiefe Schicht hat eine dünne Eisdecke, sagte Radscha, ich bin eingebrochen, und jetzt finde ich das Eisloch nicht, durch das ich mich wieder hochstemmen könnte. Könntest du dir vorstellen, mein Ghostwriter zu werden? Ich erzähle dir mein ganzes Elend, und auch meine Mutter besteht darauf, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Der Titel des Buches steht schon fest: «ICH. Ein Leben im Dienste des Yoga». Das wird ein Bestseller, du bekommst 25 Prozent der Einnahmen, ich musste mich gegen meine Mutter durchsetzen, sie will dir nur elf Prozent zugestehen. Was meinst du?
Tja, was meinte ich? Ich stand auf, wünschte ihm «Gutes Yoga» und schlüpfte ins Bett. Ich starrte zehn Minuten die Zimmerdecke an, dann schlüpfte ich aus dem Bett, und kaum hatte ich wieder auf dem Stuhl Platz genommen, sagte Radscha, er benütze ein hochregenerierendes Shampoo mit Orangenblütenöl, und das führte er zurück auf die alte Zeit, denn er habe im Kinderkrippenalter seine Seepferdchen in Bronze, Silber und Gold bemalt. Da er innehielt und mich anstarrte, rief ich ihn dazu auf, das Eisloch zu suchen, er habe zwar ein Bekenntnis zu Hygiene und Werken und Basteln in der Vorschule abgegeben, aber, nun ja, der geneigte Leser … Was ist mit ihm?, kreischte er, was ist mit dem verdammten geneigten Leser? Der Leser, fuhr ich fort, will natürlich in der Autobiogra½e eines Wellness-Trainers … Weiter kam ich nicht. Er richtete sich auf und brüllte, er sei ein Yoga-Meister, und das blöde Grinsen solle ich gefälligst lassen, ich hätte jede Menge Komplexe, weil ich wegen der Seepferdchen ihn für weibisch hielte.
Nö, sagte ich, ich habe als kleiner Junge Krötchen in Gelb, Rot und Pechschwarz gemalt, kleine süße Krötenbabys. Er schaute mich seltsam an, und dann stellte er fest, ihm und mir fehle eine gesunde Grundlage, seine Mutter habe ihn schon vor mir gewarnt, er, ihr Sohn, solle bloß keinen Pakt mit dem Teufel eingehen. Ich sah ihn erst nach zweieinhalb Jahren wieder, als er mir auf einem Maifest auf dem Lande auf die Schulter tippte. Nein, sagte ich, bist du das wirklich, bist du der Yoga-Slawe? Seine Freundin ging dazwischen, und als er sich wieder entspannt hatte, erzählte er mir, dass er vom Verkauf seiner Handbücher sehr gut lebe, es seien Anleitungen zur Nacken-Entspannung, in gut entspannten Kreisen spreche man von ihm als dem Relax-Literaten. Er hatte in seine Rasta-Locken Perlen eingeflochten und sein Haar zu einem Vogelnest auf dem Kopf gebunden. Seine Freundin fragte mich, ob ich als Kind tatsächlich Kartonkröten bemalt hätte, und ich sagte, nein, es seien Krötchen, also Krötenbabys gewesen. Wegen der lauten Musik verlagerten wir unser Gespräch nach draußen, Radscha ging hinter den Büschen sein Geschäft erledigen, und seine Freundin verriet mir, sie schreibe seit einem Jahr an seiner Autobiogra½e. Sie bat um einen Rat. Ich sagte, sie solle Radscha Tugenden andichten und seine Mutter als Heldenfrau herausstellen und für sich ein paar Prozente mehr erfeilschen, all das mache einen guten Ghostwriter aus. Als der Yoga-Slawe zurückkam, fragte er seine Freundin, wieso sie grinse. Ob etwa seine Frisur verrutscht sei?
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