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| Ausgabe 11.07 - Literaturen - Literatur |
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Editorial |
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Man braucht Bücher, liebe Leserin, lieber Leser,
wenn man wirklich verstehen will, was in der Welt vorgeht. Bücher können die Köpfe wieder zurechtrücken und auf neue Gedanken bringen – erst recht, wenn es ein Buch war, das die Köpfe ursprünglich verrückt hat. Samuel Huntingtons großem Bangemache-Opus aus dem Jahr 1993, dem Kulturweltkriegsszenario «Clash of Civilizations», wird derzeit von mehreren Seiten heftig widersprochen, seine Thesen vom unausweichlichen Kampf der Kulturen werden vielstimmig widerlegt. So lautet der Leitsatz des deutsch-bulgarischen Erzählers Ilija Trojanow und seines indischen Autorenkollegen Ranjit Hoskoté in ihrer «Kampfabsage»: «Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen». In dieser Ausgabe versammelt LITERATUREN vier internationale Autoren – «Denker von Welt» –, die in neuen Büchern ihre Entwürfe einer ganz anderen Globalisierung darlegen: die kanadische Publizistin Naomi Klein, der deutsche «Zweite Moderne»-Soziologe Ulrich Beck, die New Yorker Sozial-Ökonomin Saskia Sassen und der Philosoph Kwame Anthony Appiah, Professor an der Princeton University. Sassen und Appiah leben auch selbst, was sie beschreiben und als zukunftstaugliches Modell vorstellen – einen neuen Kosmopolitismus: Sassen als vielsprachige, auf zwei Kontinenten aufgewachsene Pendlerin zwischen London und Manhattan, Appiah als afrikanisch-englischamerikanischer Bürger dreier Kontinente. Gemeinsam ist den vieren, dass Bangemachen bei ihnen nicht gilt. Sie entwickeln Vorschläge, wie nicht nur die G8-Regierungen, sondern auch Bürger politisch gestalten, wie nicht nur Staatsbürger, sondern auch Migranten über Rechte verfügen, wie nicht nur Nachbarn, sondern auch Fremde miteinander reden können. Ihre Arbeiten beweisen: Eine andere Welt ist möglich. Und Bücher sind dazu da, um andere Welten möglich zu machen.Niemand weiß das besser als Alberto Manguel, der berühmte Bibliomane in seiner französischen Klosterbibliothek. In diesem Heft (S. 26) verrät Manguel auch eine Überlebensweisheit für Vielleser:Was tun mit all den Büchern, die man nicht liest?
Viel Lektüre-Vergnügen wünscht Ihre LITERATUREN-Redaktion
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Inhalt |
EDITORIAL SCHWERPUNKT DENKER VON WELT
Ein neuer Kosmopolitismus liegt in der Luft. Sieben Thesen für eine bessere Welt | Von Ulrich Beck "Für das Recht kämpfen, Recht zu haben". Alles wird global – nur der Nationalstaat lebt weiter | LITERATUREN-Gespräch mit Saskia Sassen Das grenzenlose Plaudern. Ein Portrait des afrikanisch-amerikanischen Philosophen Kwame Anthony Appiah | Von René Aguigah | BÜCHERWÜRMER Nachts, wenn die Seiten knistern Lesen oder nicht lesen I: Der Bibliomane Alberto Manguel hat sich ein phantastisches Reich aus 30.000 Büchern geschaffen | von Claudia Schmölders BÜCHERWÜRMER Die Hohe Schule des Schummelns Lesen oder nicht lesen II: Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat | von Alberto Manguel DAS KRIMINALGeld regiert, Mitleid krepiert Franz Schuh im Höllenkreis der grünen Dollarsprache BÜCHER DES MONATSKurt DarsowNaomi Klein: Die Schock-StrategieHelmut BöttigerKatja Lange-Müller: Böse SchafeStefan-Ludwig HoffmannDavid Blackbourn: Die Eroberung der NaturWolfgang SchneiderMichael Köhlmeier: AbendlandDietmar DathDavid Foster Wallace: Georg CantorGustav SeibtThomas Karlauf: Stefan GeorgeDIE BEISEITEKlingeln, schwitzen, stöhnen, rasen | Sibylle Berg Wenn Bankwürste auf Mountainbikes durch Gottes freie Natur bretternSTALIN UND SEIN IMPERIUM IDer bolschewistische Gangster-Boss | Sonja Zekri Zwei Biografien widmen sich Josef Dschugaschwili, genannt Stalin
STALIN UND SEIN IMPERIUM II Wie tritt man einen Weg in unberührten Schnee? | Ralph Dutli Erstmals vollständig: Warlam Schalamows «Erzählungen aus Kolyma» und Wassilij Grossmans Stalingrad-Epos «Leben und Schicksal»
DAS JOURNAL Rezensionen neuer Bücher von Michael Lentz || Winfried Speitkamp || Ulrich Peltzer || Günter Busch, Liselotte von Reinken (Hg.) || Barbara Beuys || Kerstin Decker || Renate Berger || Christa Murken || Rainer Stamm || Marcus Braun Bildband von Dietrich Roth (Hg.)
KINDERBÜCHER Horror, Kitsch und Splatter – aber für wen? | Sabine Berloge Cornelia Funke schließt ihre «Tintenwelt»-Trilogie mit dem Band «Tintentod» ab
100 JAHRE LINDGREN Ein Fest für Astrid | Susanne Helene Becker Die Erfinderin von Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist und Karlsson vom Dach wird hundert Wiglaf Droste Haben Mörder schwarze Haare? Wie es kribbelt, wenn man die Geschichten von «Kalle Blomquist» nach dreißig Jahren wieder liest
KURZ & BÜNDIG Bücher von Thomas Glavinic || Bahman Nirumand || Georges Hyvernaud || Richard Schmitz || Jens Sparschuh || Judith Butler, Gayatri Chakravorty Spivak || Robert Löhr Bildbände von Beatrice Minda || Martin Sonnabend (Hg.)
DAS MAGAZIN Was liest Katharia Hacker? || Kalender || Jetzt als Taschenbuch || Hörbücher || Netzkarte || Mitten aus Paris || Leserbriefe || Literatur im Kino
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Das grenzenlose Plaudern |
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Der afrikanisch-amerikanische Philosoph Kwame Anthony Appiah wünscht sich Weltbürger, die ihre Wurzeln nicht vergessen – und Gespräche, die Kulturen überschreiten. Eine Begegnung in New York | VON RENÉ AGUIGAH
Schön ist die Welt des Kwame Anthony Appiah, bunt, fein, humorvoll, vielleicht ein wenig entrückt. Nicht, dass Appiah die hässlichen Seiten der Welt da draußen verschweigen würde. Er spricht von Toleranz, Verständigung und kulturellem Reichtum ebenso wie von Fremdheit, Streit und Terrorismus. Dies aber so freundlich und bestimmt, dass man sich gelegentlich bei dem kindlichen Gedanken ertappt, hier sollten alle mal zuhören, und dann wird alles gut. Aber der Reihe nach. Appiahs neues Buch «Der Kosmopolit» beginnt so: «Würde ein vor vierzigtausend Jahren geborenes Mädchen als Säugling von einem Zeitreisenden entführt und in einer normalen Familie in New York aufgezogen, wäre es mit achtzehn Jahren in der Lage, auf ein College zu gehen. Es könnte Englisch lernen (neben Spanisch oder Chinesisch – wer weiß?), verstünde Trigonometrie, verfolgte Baseballspiele und liebte Popmusik. » Die längste Zeit ihrer Gattungsgeschichte wurden die Menschen in kleinste Gruppen hineingeboren. «Wenn ich an einem ganz normalen Tag die Fifth Avenue in New York hinuntergehe, sehe ich mehr Menschen, als die meisten dieser prähistorischen Jäger und Sammler in ihrem ganzen Leben jemals sahen.» Noch immer gehören wir derselben Spezies an wie jenes Mädchen – leben aber in einer Welt,wo man in Toronto T-Shirts trägt, die Kinder in Bangladesh nähen und wo Reinigungskräfte in Frankfurt am Main ihren Job verlieren,weil die größte US-Bank in eine Kreditkrise geschlittert ist. In diesem Sinn ist heute tatsächlich nichts interessanter als der berühmte Sack Reis, der in China umfällt. «Die Herausforderung», schließt Appiah, «besteht darin, das über Jahrtausende eines Lebens in kleinen, lokalen Gruppen geformte Denken und Fühlen mit Ideen und Institutionen auszustatten, die uns ein Zusammenleben in dem globalen Stamm erlauben, zu dem wir geworden sind.» Das Buch beginnt im Plauderton – und ist doch ein Meisterwerk der Präzision. In den folgenden zehn Kapiteln wird Appiah mal die Abstraktionsschraube anziehen, mal Anekdoten erzählen und interpretieren, nie aber auf gedankliche Klarheit und stilistische Geschliffenheit verzichten. «Das Gespräch suchen» ist die Einleitung überschrieben, und dies entspricht nicht nur einem Stil, in dem der Leser gelegentlich direkt angesprochen wird.Vor allem führt Appiah hier das Gespräch als wesentliches Mittel auf dem Weg zum Weltbürgertum ein: das Gespräch über Grenzen, Kulturen, Religionen hinweg, «als Metapher für das Bemühen, sich auf die Erfahrungen und Ideen anderer Menschen einzulassen».
Ein Leben auf drei Kontinenten Nun ist allein der Umstand, dass Kommunikation ins Zentrum eines theoretischen Apparats gestellt wird,noch keine Überraschung.Doch verglichen mit den hochfahrenden Abstraktionen der systemtheoretischen Soziologie, den verwinkelten Ableitungen der Analytischen Philosophie oder den Vorschriftskatalogen der Frankfurter Schule klingt Appiahs Begriff der Konversation zunächst überraschend unbekümmert: «Ein Gespräch kann für sich genommen ein Vergnügen sein, es kann vollkommen ungerichtet verlaufen.Gegenseitige Verständigung oder andere Leute zu überzeugen, das sind dabei eher willkommene Nebenprodukte.» So sagt es Anthony Appiah in dem ganz realen Gespräch, das wir in seiner New Yorker Wohnung führen.Er empfängt in einem weiten Raum mit Küchenecke und mehreren Tischen voller Bücher.An den Wänden hängen Portraits, hier ein charmanter alter Amerikaner mit weißem Backenbart,dort eine sozialistisch-realistisch lächelnde Bäuerin, in einer Ecke eine Madonna mit Jesuskind, davor eine afrikanische Maske. Ganz hinten steht ein schwarzer Flügel und daneben ein Cello.«Das gehört meinem Lebenspartner», erklärt Appiah. Irgendwann später erzählt er von eigenen jugendlichen Kompositionsversuchen am Klavier, er erwähnt die drei Romane,die er geschriebenhat, berichtet von Erlebnissen bei einem Deutschland- Besuch in den sechziger Jahren, skizziert seinen Weg von der strengen Analytischen Philosophie (seine Dissertation behandelte Probleme der Wahrheitssemantik) zur philosophischen Essayistik,wie er sie heute pflegt.Und zuerst und vor allem erklärt er, was er unter Kosmopolitismus versteht. Je länger der Nachmittag auf dem Sofa in der Mitte des Lofts dauert, desto intensiver wird das Gespräch. Irgendwann muss sich der Gast einen Schubs geben; sein Gegenüber wäre zu höflich, ihn zum Aufbruch zu drängen. Kwame Anthony Appiah verkörpert das Weltbürgertum, für das er wirbt. In seinem Buch zitiert er die letzte Botschaft, die sein Vater ihm und den drei Schwestern hinterließ: «Denkt daran, dass ihr Bürger der Welt seid.» Der Anwalt Joseph Emmanuel Appiah,Mitglied der königlichen Familie des Asante-Volks,wurde in Ghana seit den 1940er Jahren erst als Unabhängigkeitspolitiker,dann als Oppositionsführer bekannt.Verheiratet war er mit der Engländerin Peggy Cripps, einer Kinderbuchautorin, deren Vater Sir Richard Stafford Cripps ebenfalls Politiker war, zuletzt Schatzkanzler des Vereinigten Königreichs. Kwame Anthony kommt 1954 als ältester Sohn in London zur Welt. Bald nach seiner Geburt zieht die Familie nach Kumasi, in die zweitgrößte Stadt Ghanas. Seine akademische Ausbildung genießt er im englischen Cambridge. Die weitere Karriere führt ihn in die «Ivy League» der USUniversitäten: Yale, Cornell, Harvard, Princeton. Ein Leben auf drei Kontinenten, in einer sehr eigenen Welt.
Die Zeitungen tragen Schwarz 11. September 2007. Schon in der Metro-Station am Broadway, zehn Minuten von Ground Zero entfernt,wimmelt es von Feuerwehrleuten mit feuchten Augen. Den Krater zu finden, aus dem einst die Türme des World Trade Center ragten, ist nicht schwierig.Von weitem hört man eine männliche und eine weibliche Stimme, die im Wechsel jeden einzelnen Namen der beinahe 3000 Opfer verlesen, die bei dem Terror-Anschlag vor sechs Jahren ums Leben gekommen sind. Auf blauen Tafeln sind die Namen aufgelistet. Hier sind sie keine Opfer, sondern «Helden des 11. September».Sicherheitskräfte,wohin das Auge schaut. Es ist ein echter Volkstrauertag. Rudolph Giuliani und Michael Bloomberg, der ehemalige und der amtierende Bürgermeister, beschwören die Einheit von New York City – während nicht wenige Plakate schreien: «The Bush Gang Did 9/11».Die Zeitungen tragen Schwarz, Privatleute suchen den Ort auf, weinen um ihre Angehörigen. Und zweihundert Meter weiter, auf der Church Street, loben und preisen vier Mönche einen Veteranen der Attacke. Er habe ein untrügliches Zeichen für die Anwesenheit der Jungfrau Maria geborgen: ein Kreuz mitten in den Trümmern. Stolz, ein Foto seiner Tat in der Hand, deutet der Veteran hinter sich auf einen Stahlträger, an dem ein Querbalken hängen geblieben ist.
Können Werte objektiv sein? Anthony Appiah gehört zu jenen Intellektuellen, die sich entschieden gegen jene neue Weltordnung stellen, die unter dem Banner eines «Clash of Civilizations» ganze Kulturräume aufeinanderprallen lässt.«Nach dem 11.September», schreibt er, «gab es viele gereizte Diskussionen über die Trennung zwischen ‹uns› und ‹denen›. Dabei wurde oft das Bild einer Welt unterstellt, in der Konflikte letztlich auf Konflikte zwischen Werten zurückgehen. Dieses Weltbild hat tiefe philosophische Wurzeln. Es ist durchdacht, gut ausgearbeitet und plausibel.Und,wie ich glaube, falsch.» Ähnliche Positionen waren auf Deutsch zuletzt von Amartya Sen zu lesen («Die Identitätsfalle», siehe LITERATUREN 3/2007) oder von Ilija Trojanow und Ranjit Hoskoté («Kampfabsage.Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen»). Doch Appiahs Buch entfaltet eine besondere Wucht. Denn er nimmt nicht die Politik George W. Bushs oder die Politikberatung Samuel P. Huntingtons auseinander, sondern das dem zugrunde liegende Denken.Mehr noch: indem er der Ansicht,Werte gälten nur innerhalb einzelner Regionen, seine Überzeugung entgegenstellt, auch Werte könnten objektiv sein, erwischt er eine allgegenwärtige politisch-intellektuelle Strömung: Kulturrelativismus ist heute rechts wie links zu finden, bei ethnozentristischen Missionaren wie bei gleichgültigen Isolationisten. Die einen sehen etwa im Islam insgesamt ein System der Frauenunterdrückung, den anderen ist Unterdrückung in anderen Erdteilen egal. Was fehlt, ist ein echtes Gespräch zwischen Fremden. Wie können Werte objektiv sein? Natürlich bestreitet ein ghanaisch-englischer Amerikaner nicht die sprichwörtliche Tatsache, dass andere Länder andere Sitten haben. Aber er reklamiert eine große Zahl von Werten, die auf der ganzen Welt geteilt werden. «Ich glaube, dass Realismus nicht nur in der Erkenntnistheorie ein vernünftiger Standpunkt ist, sondern auch,wenn man über moralische Fragen spricht», sagt Appiah. «Es ist vollkommen vernünftig zu sagen,ob es richtig oder falsch ist,wenn Aischa den Kuchen von Mark nimmt. Es mag schwierig sein, sich darüber zu einigen, was die richtige Antwort ist.Aber das heißt nicht, dass es keine Antwort gäbe.» Appiahs liebstes Beispiel ist der Wert der Freundlichkeit.«Lernen, was Freundlichkeit ist, heißt unter anderem lernen, dass sie gut ist», schreibt er.Wer das bestreitet, hat nicht verstanden, worum es geht. Der Begriff selbst ist «wertgeladen»,und daraus folgen Handlungen.Was aber,wenn ein Mensch Grausamkeit für gut hält? «Wir sollten mit ihm ebenso umgehen wie mit Menschen, die Rotes für grün halten.»
Hexerei macht krank. Oder Viren? Appiahs Kniff besteht darin, die auch im Alltag geläufige Unterscheidung zwischen Werten und Tatsachen (für die er den Positivismus verantwortlich macht) aufzulösen. Wenn er den Aggregatzustand der Werte zunächst erhärtet, so macht er anschließend Tatsachen nicht gleich flüssig, aber doch ein wenig weicher.Und zwar, indem er einige in Afrika verbreitete Praktiken der Welterschließung beschreibt.Appiah erzählt,wie sein Vater gelegentlich ein wenig Whisky auf den Wohnzimmerboden schüttete, um dann einen Vorfahren aus dem 18. Jahrhundert um Beistand zu bitten. Er erzählt, dass der Vater niemals Wild aß – nicht, weil er es nicht mochte oder allergisch dagegen war, sondern weil er selbst «zum Clan der Buschkuh» gehörte. Er erzählt, wie überzeugt seine Schwester nach dem Tod des Vaters war, dass eine Tante der Familie durch Hexerei schade. Sie verbot den Familienangehörigen, von der Nahrung zu essen, die die Tante während der Trauerzeit schickte.Andere Mitglieder des Haushalts dagegen durften zugreifen, denn «Zaubermittel vermögen zwischen gemeinten und nicht gemeinten Zielpersonen zu unterscheiden». Zu ihrem Schutz opferte die Familie einen weißen Widder. All dies hält die Ghanaer nicht davon ab, als Anwälte oder Ärzte zu arbeiten, an den christlichen Gott zu glauben, E-Mails zu verschicken oder sonst am westlich geprägten Leben teilzuhaben,das Zauberei doch als Aberglauben auszuschließen scheint.Appiah behauptet: Es ist «keineswegs unvernünftig, wenn meine Landsleute an Hexerei glauben». Doch ist nicht auch das eine relativistische Haltung – gegen die er zuvor so leidenschaftlich argumentiert hat? Sollten Zauber und das Wissen über Krankheitserreger gleichwertige Versuche sein, dieselbe Welt zu verstehen? «Ich unterscheide zwischen Rationalität und Vernünftigkeit», antwortet Appiah. «Die Theorie der Hexerei mag nicht rational sein, und sie ist nicht wahr.Aber sie ist vernünftig: insofern sie eine konsistente Erklärung, eine sinnvolle Geschichte darstellt – auf der Basis der Informationen, die den Leuten, die daran glauben, subjektiv zur Verfügung stehen.Diese Leute sind nicht dümmer als andere. Sie hatten einfach nicht das Glück, besser ins Bild gesetzt zu werden, etwa mit biologischen Erklärungsmustern.»
Konversation ist praktischer als Diskurs Passagen wie jene über das «Leben mit Geistern» gehören zu den bewegendsten des Buches (und welches Buch aus dem philosophischen Betrieb hätte schon bewegendePassagen zu bieten?).Nicht in erster Linie,weil sie helfen könnten, die Asante oder die Appiahs oder gar ein einzelnes Autor-Ich zu verstehen.Sondern weil dieser dialogische Essay hier die geforderte kosmopolitische Praxis selbst mustergültig vorführt: Er bringt Positionen miteinander ins Gespräch, die auf den ersten Blick strikt unvereinbar scheinen. Nach und nach ermisst er,wo Differenzen sich abmildern lassen,wo sie bestehen bleiben und wo hartnäckige Differenzen nicht allzu sehr ins Gewicht fallen.Appiah – ganz Angelsachse,wenn man so will – plädiert für den Vorrang der Praxis: «Nicht Prinzipien, sondern praktische Handlungen befähigen uns, in Frieden zusammenzuleben. » Deshalb muss das Gespräch nicht unbedingt zum Konsens führen:Möglicherweise arrangiert man sich. Das Gespräch ist also kein Allheilmittel.«Die meisten Konflikte», so Appiah, «entstehen ja nicht aus Missverständnissen, sondern aus echten Interessenskonflikten: Ich will meine Kinder ernähren, du musst deine Kinder ernähren, aber die Mittel sind knapp. Unter solchen Umständen der materiellen Krise habe ich in der Tat keine große Hoffnung für Gespräche.» Kompromissloser Pazifismus folgt aus dieser Position nicht. Aber ein Grenzen überschreitendes Gespräch macht es immerhin unwahrscheinlich, dass es bis zum Ausbruch von Gewalt kommt.So kann Appiah schließen: «Es genügt, wenn das Gespräch den Menschen hilft, sich aneinander zu gewöhnen.» Auf eigentümliche Weise scheint diese Konversation realitätstauglicherals jener auf den Konsens verpflichtete «herrschaftsfreieDiskurs» der Frankfurter Schule, den ein komplexes Raster von Regeln in Realität übersetzen sollte.Appiah beschönigt nichts, sein Kosmopolitismus hat nichts Pastorales. Er durchdenkt vielmehr die Konsequenzen eines Sachverhalts, den die globalisierte Welt zutiefst durchzieht: die Fremdheit. Dieses Wort ist in Deutschland aus der Mode gekommen – obwohl auch hier ganze Milieus sämtliche Informationen vom Freitagsprediger oder von Talkshows aus Übersee beziehen, ohne mit der übrigen Gesellschaft im Gespräch zu sein. Nur so ist jedenfalls zu erklären, warum der deutsche Verlag dem Buch den biedermeierlich-harmlosen Untertitel «Philosophie des Weltbürgertums» verpasst hat. Das Original verspricht, was es entwickelt: «Ethik in einer Welt von Fremden».
Mit Stöckeln übers Kopfsteinpflaster Anthony Appiahs Stadt-Appartement – es gibt einen weiteren Wohnsitz auf dem Land in New Jersey – liegt in Chelsea.Wie an den meisten Orten in Manhattan laufen auf der Straße weiße, schwarze, braune, gelbe Gesichter aneinander vorbei. Großstadtalltag. Kurz vor dem «Chelsea Hotel», wo die Boheme von Mark Twain bis Sid Vicious mehr oder weniger große Teiles ihres Daseins fristete,annonciert eine Lutherische Kirche ihre sonntäglichen Gottesdienste in deutscher Sprache. Chelsea ist eines jener New Yorker Viertel, das die Kreativen mit ihren Ateliers und Lebensgewohnheiten für alle Welt so attraktiv gemacht haben, dass sie selbst einige Jahre später die Ateliers und Lebenshaltungskosten dort kaum mehr bezahlen konnten.Heute reist die Kunstschickeria nach Chelsea zum Galerien-Hopping. Ein paar Straßenzüge lang reiht sich Ausstellungsfenster an Ausstellungsfenster. Vielen Häusern sieht man die ehemals industrielle Nutzung noch an; die Damen müssen aufpassen, dass sie im groben Kopfsteinpflaster nicht mit den Stöckeln hängen bleiben. In der «Andrea Rosen Gallery» steht ein in Jeansstoff eingeschlagener Sarg vor einem halbierten Klavier und neben einer Badewanne mit Fernseher darin: die Installation eines jungen Deutschen namens Friedrich Kunath, sicher ein up and coming-Künstler.Zwei Straßen weiter führt eine silbern glänzende Röhre in eine Galerie, die sich als Boutique entpuppt – grandios rauer Chic, Jacketts ab tausend Dollar: die New Yorker Dependance von Comme des Garçons.
Eine neue Kosmo-Aristokratie Ist Weltbürgertum eine Idee, auf die man nur in einer Global City wie New York kommen kann? Anthony Appiah lacht. «Ich habe meinen Kosmopolitismus sicherlich gelernt, als ich in Kumasi aufgewachsen bin», sagt er. «Das erklärt,warum ich New York mag, aber es war nicht New York, das mich kosmopolitisch gemacht hat. Man kann dieses Temperament selbstverständlich auch in Nebraska oder Bayern haben – und in der Metropole ist es wiederum nicht zwingend.» Im Buch zögert Appiah kurz, bevor er den Begriff entfaltet:Die Feier des Kosmopolitismus könnte als Überlegenheit gegenüber dem vermeintlich Provinziellen missverstanden werden. «Man braucht sich nur einen Comme des Garçons-gekleideten Weltmann mit Platin-Vielfliegerkarte vorzustellen, der mit freundlicher Herablassung auf einen rotgesichtigen Bauern schaut. Und man fühlt sich unwohl.» Kein Zweifel, Appiah selbst gehört einer Kosmo-Aristokratie an, wie vergangene Jahrhunderte sie nicht kannten.Westafrikanischer Adel, englische Upper Class und US-amerikanische Leistungselite fließen in dem zusammen, was er ist; sein Lebensgefährte prägt als Editorial Director die Linie des «New Yorker». Es ist ein beliebter Schachzug, die Ideen von Intellektuellen, die aus Ländern der Südhalbkugel stammen und sich im Westen (beziehungsweise an der amerikanischen Ostküste) mit Thesen über die postkoloniale Welt Gehör verschaffen, mit dem Hinweis zu diskreditieren, sie bildeten nur eine kleine Elite. So verschiedene Kulturtheoretiker wie Edward Said, Homi K.Bhabha,Henry Louis Gates jr.,Gayatri C. Spivak oder Amartya Sen teilen dieses Schicksal.Doch seit wann spricht wissenschaftliche Exzellenz oder die gesellschaftliche Stellung eines Autors gegen sein Buch? In Appiahs «Der Kosmopolit» erinnert eine kleine, aber wichtige Bemerkung daran, dass die globalen Menschenströme unserer Tage nicht ausschließlich per Business Class unterwegs sind: «Den weitgereisten Polyglotten findet man mit gleicher Wahrscheinlichkeit unter den am schlechtesten wie den am besten Gestellten, in einer schäbigen Vorstadt wie an der Sorbonne.» Nein, der Vorwurf des Elitismus wurzelt im Ressentiment. Und er ist einer anderen Reaktion verwandt, die schon Wieland, Lessing, Kant oder Humboldt entgegenschlug, den deutschen Kosmopoliten um 1800: Die Idee des Weltbürgertums sei bloß abstrakt, eine Wolkenschieberei, die unsere Scholle, unsere Kirche, unser Dorf verkenne. Alle Menschen werden Brüder? Ein blendendes Ideal, das die tatsächliche Ideologie dahinter, wirtschaftlichen oder kulturellen Imperialismus etwa, nur verschleiere.Doch auch dieser Einwand verfängt nicht gegen Appiah – insofern er seinen Kosmopolitismus (schon in seinem Buch «The Ethics of Identity» von 2005) als «verwurzelten» oder «parteilichen» konzipiert.
Coca-Cola bei der Beerdigung Diese Paradoxie ist der Versuch, im ewigen – philosophischen wie politischen – Streit zwischen Universalismus und Relativismus einen Modus Vivendi zu finden.Appiahs Vorschlag besteht in der Addition: Universalität plus Unterschied. Einerseits, heißt das, erkennt der Kosmopolit seine Pflichten gegenüber allen anderen Menschen an, unabhängig von Banden des Bluts oder der Nation. Andererseits achtet er das Leben des Einzelnen und die legitimen lokalen Unterschiede zwischen Kulturen. Die Vermittlungsinstanz zwischen beiden ist das Gespräch: Kosmopolitismus ist «nicht der Name einer Lösung, sondern einer Herausforderung». Überzeugend macht Appiah klar, dass die einseitige, «kaltherzige» Betonung des Universalen nicht vor desaströsen Taten schützt: Auch terroristische Muslime verfolgen eine universalistische Mission.Außerdem widerspricht Appiah der Ansicht, Globalisierung überziehe die Welt mit einer gleichförmigen Oberfläche. Denn zum einen finde man vor allem außerhalb der großen Städte nach wie vor lokale «Nischen der Homogenität». Zum anderen sei keine regionale Kultur denkbar, die ungebrochen wäre. «Kulturelle Reinheit ist ein Widerspruch in sich», lautet die thetische Formulierung dafür. Und eines der schönen Beispiele ist die unterschiedliche Nutzung global verbreiteter Waren: Coca-Cola trinkt man in Kumasi bei Begräbnissen.«Im Westen Englands meines Wissens dagegen nicht; dort bevorzugt man bei diesem Anlass heißen indischen Tee mit Milch.» Und gegen Ende verlässt das Buch die Analyse philosophischer Figuren, um die postulierten Pflichten gegenüber den Fremden andeutungsweise zu benennen.Appiah begründet schlau, warum der reiche Norden der Welt durchaus nicht radikal auf seine Annehmlichkeiten verzichten muss,wohl aber sein Engagement in der Entwicklungshilfe erhöhen sollte. Dass Appiah das Weltbürgertum nicht ohne die Wurzeln des Einzelnen denkt, ist sicher einer der Gründe dafür, dass er so ausgiebig von seiner Familie spricht: Er pflegt die eigene Herkunft. Ein anderer Grund hängt mit der Form des Essays zusammen.Wie einst Michel de Montaigne weidet Appiah sein Selbst als Material aus und übersetzt es in Schrift – auf der Suche nach Erkenntnis, die das eigene Ich überschreitet. Und wie bei Montaigne erfährt der Leser so keineswegs nur Einzelheiten aus dem Leben eines Autors.Denn natürlich ist die Biografie des Kwame Anthony Appiah besonders,wie keine zweite; doch zugleich ist sie in einer Hinsicht auch allgemein: insofern sich darin Ereignisse,Begegnungen, Verknüpfungen kristallisieren, die in der einen Welt des 21. Jahrhunderts potenziell jedem widerfahren können. Einmal, wenn er über seine Familie schreibt, dosiert Appiah das Pathos, das er sonst so sparsam einsetzt, ein wenig höher – im Vorwort seiner preisgekrönten Essay-Sammlung «In My Father’s House. Africa in the Philosophy of Culture» von 1992.«Meine Neffen und meine Patenkinder», heißt es da, «reichen ihrem Äußeren nach von der Hautfarbe und dem Haar der Asante-Verwandten meines Vaters bis zu den Wikinger- Vorfahren meines norwegischen Schwagers; sie tragen Namen aus Yoruba-Land,aus Asante,aus Amerika, aus Norwegen, aus England. Und wenn ich sehe,wie sie zusammen spielen und in ihren verschiedenen Akzenten miteinander sprechen,empfinde zumindest ich eine gewisse Hoffnung für die menschliche Zukunft.» Nichts wäre schöner, als sich dieser Hoffnung anzuschließen. Wenn man nur sicher wüsste, dass das Gespräch, die gepflegte Plauderei niemals enden würde.
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Naomi Klein - Die Schock-StrategieDie Lizenz zum Plündern Warum der Neoliberalismus eine Kopfgeburt des Mittelstands ist, warum er in Chile am besten funktioniert hat, warum der Irak-Krieg im Grunde erfolgreich ist: Naomi Kleins neuer Wälzer zur Globalisierung VON KURT DARSOW
Verkehrte Welt: auf der WTO-Konferenz im abgeschirmten «Seattle Convention Center» tagten die Anarchisten des entfesselten Marktes; und im Tränengasnebel draußen vor der Tür demonstrierten selbsternannte Ordnungshüter für humane Arbeitsbedingungen, für Forschungskontrolle, für Umwelt- und Verbraucherschutz.«Rebellen auf der Suche nach Regeln», nannte sie tags darauf die «New York Times». Einen Monat nach diesem Geburtsakt der Anti-Globalisierungs- Bewegung im Dezember 1999 erschien ein Buch, das dem «Battle of Seattle» Stimme und Gesicht gab: «No Logo!». Darin las die damals 29-jährige kanadische Journalistin Naomi Klein der schönen neuen Warenwelt rigoros die Leviten. Die Kampfschrift gegen die anrüchigen Fertigungspraktiken der multinationalen Marken- Konzerne erreichte weltweit eine Millionen-Auflage. Und ihre Autorin avancierte zur Ikone der Bewegung. Sieben Jahre später geht Naomi Klein erneut aufs Ganze. «Die Schock-Strategie» heißt ihr detailbesessener Wälzer, der den Aufstieg einer ökonomischen Doktrin nachzeichnet, die mittlerweile fast den ganzen Erdball im Griff hat. Je tiefer man sich in das Faktengebirge hineinwühlt, desto mehr verschwindet der mystische Nebel,der die gegenwärtige Weltökonomie umgibt. Ist die kapitalistische Grenzenlosigkeit gar nicht der epochale Bruch, als der sie gehandelt wird? Zumindest lässt sie sich – nach den Informationen, die die Autorin und ihre Mitarbeiter zusammengetragen haben – nicht länger als Naturgewalt beschreiben, vor der es kein Entrinnen gibt. Die «globale Herausforderung» erweist sich vielmehr als politisches Projekt mit Namen und Anschriften. Dass Naomi Klein ihr gut belegtes Schurkenstück in sieben Sprachen gleichzeitig auf den Markt bringt und als mediales Großereignis inszeniert, dass, mit anderen Worten, ihr Name inzwischen selbst als Marke auf dem Markt der Globalisierungskritik gelten kann,nimmt man im Dienst der Wahrheitsfindung gern in Kauf. Ihr Hintergrundwissen zum «Aufstieg des Katastrophen- Kapitalismus» deutet immerhin die Möglichkeit an, dass er eines schönen Tages auch wieder absteigen könnte. Milton Friedmans ReinheitsgebotNaomi Kleins große Erzählung beginnt mit einer «Ausbeuterklitsche» in Rahway, New Jersey. Eine ungarische Emigrantenfamilie namens Friedman eröffnete dort in den 1920er Jahren eine Kleiderfabrik. Die Geschäfte gingen schlecht, der Staat griff den Bürgern in die Tasche. In den Spelunken der Prohibitions-Ära steckten Systemveränderer die Köpfe zusammen, Gewerkschafter verlangten mehr Geld und weniger Arbeit. Schließlich musste das von allen Seiten bedrängte Kleinunternehmen seine Pforten wieder schließen. Auf das wirtschaftliche Trauma seiner Familie hat sich der Sohn des Firmengründers noch Jahrzehnte später, als er an der University of Chicago längst zu Ruhm und Ansehen gelangt war,immer wieder berufen.Damit begründete der Ökonom Milton Friedman (1912–2006) seine tiefe Abneigung gegen Staatseingriffe, seinen festen Glauben an die Zauberkraft des von Abgaben und Auflagen befreiten Marktes. Das Friedman’sche Reinheitsgebot machte weltweit Schule.Dass der Sozialstaat die Menschen faul und unmündig werden lasse und das Geschäft am besten bei denen aufgehoben sei, die etwas davon verstünden, wurde eine Zeitlang selbst im Ursprungsland der Sozialen Marktwirtschaft in jeder Talkshow nachgebetet.Naomi Klein deckt die soziologische Wurzel des blinden Glaubens an den Markt auf: Die neoliberale Leitidee erweist sich als Phantasma der Mittelklasse. Nur diese gesellschaftliche Formation fühlt sich ständig in ihrer Existenz bedroht.Und nur sie kann auf die Idee kommen,der Markt sei von Natur aus rein und edel.Großverdiener brauchen solche Heilsgewissheiten nicht: Sie nehmen sich, was sie kriegen können. Nach dem Militär die «Chicago Boys»Im Jahr 1976 wurde Milton Friedman für die damals unorthodoxe Lehrmeinung, die Hochs und Tiefs der Ökonomie seien eine bloße Folge der Geldmenge, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Dass er die Sphäre der Hörsäle und Bibliotheken zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen und seine Theorien ausgerechnet im Reich des chilenischen Folter-Generals Augusto Pinochet zur Anwendung gebracht hatte, nahmen ihm die Juroren nicht weiter übel. Offenbar hielten sie seine ökonomischen Hilfsdienste nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 für eine rein platonische Beratertätigkeit. Doch Milton Friedman und seine Denkschule hatten Chile nicht ohne Grund zu ihrem Testgelände gemacht.Mochten sie auf dem Papier auch als Demokraten reinsten Wassers auftreten, in der Praxis dachten sie gar nicht daran, über die sozialen Einschnitte abstimmen zu lassen, die ihre blütenreine Vision den Menschen zumutet. Das überließen sie ihrem theoretischen Hauptfein John Maynard Keynes, europäischen Sozialdemokraten und Unabhängigkeitsbewegungen der Dritten Welt, die es allen recht machen wollten. Das Mantra aus Privatisierung, Deregulierung und Sozialabbau dagegen war nicht auf dem Verhandlungsweg durchzusetzen, sondern bedurfte eines heilsamen Schocks. Der Schriftsteller Eduardo Galeano bekam die Lektion zu spüren: «Milton Friedmans Theorien brachten ihm selber den Nobelpreis ein, den Chilenen brachten sie Pinochet.» Naomi Kleins Buch ist ein 760 Seiten dickes Dossier über die Unvereinbarkeit von Neoliberalismus und Demokratie. Schon der erste Zusammenprall der reinen Lehre mit der Wirklichkeit in Chile spricht für sich: «Insgesamt waren mehr als 3200 Menschen verschwunden oder hingerichtet, mehr als 80.000 inhaftiert und 200.000 aus politischen Gründen ins Ausland geflohen.» Die nach diesem Muster installierten Militärdiktaturen in Argentinien, Uruguay und Brasilien führten zu ähnlichen Effekten. Auch dort leistete die aus den Folterkammern der Psychiatrie stammende «Wissenschaft der Angst» wirksame Überzeugungshilfe. Und die «Chicago Boys», an der University of Chicago ausgebildete Wissenschaftler, Politiker und Lobbyisten, holten akribisch ausgearbeitete Wirtschaftspläne aus der Schublade, sobald die Militärs ihre Vorarbeiten verrichtet hatten.Kein einziges ökonomisches Problem wurde durch die neoliberale «Schockbehandlung» gelöst; aber viele Menschen wurden arm – und einige wenige unverschämt reich. Ende der siebziger Jahre lag die lateinamerikanische Linke, das eigentliche Objekt der brachialen Umerziehung, in den letzten Zügen. Eine ganze Kultur war ausgelöscht, wie Naomi Klein am Beispiel der ermordeten oder vertriebenen Wortführer Victor Jara, Mercedes Sosa, Augusto Boal oder Rodolfo Walsh aufzeigt. Dieser melancholische Abgesang gehört zu den bewegendsten Passagen des mit Geschichten, Namen und Zahlen gespickten Buches. Je mehr die Autorin sich in ihrem Pandämonium jedoch der Gegenwart nähert, desto brüchiger wird der rote Faden,an dem sie die Ereignisse aufreiht.Statt einer wie geschmiert laufenden Weltverschwörung kommt eine wüste Abfolge von Pleiten und Pannen zum Vorschein. Oligarchen und PrinzchenDie gewaltsame Missionierung Lateinamerikas trug nicht gerade zur Strahlkraft des neoliberalen Modells bei. Schon Margaret Thatcher, die in den frühen achtziger Jahren den ersten Versuch unternahm, ein europäisches Land nach den Vorstellungen Milton Friedmans umzugestalten, bediente sich anderer Methoden. Sie konnte natürlich nicht einfach Truppen in Marsch setzen, sondern musste umständliche Über zeugungsarbeit leisten. Als Friedrich von Hayek (1899–1992), der österreichische Gewährsmann der Chicagoer Schule, sie zu einer schnelleren Gangart aufforderte,machte sie institutionelle und juristische Hindernisse geltend. Erst nach dem gewonnenen Falkland-Krieg 1982 konnte sie sich als Eiserne Lady bewähren.Mit einer «Schock- Strategie» hat diese Gunst der Stunde wenig zu tun. Die neoliberale Zurichtung der kapitalistischen Kernländer verlief offenbar nicht nach dem Drehbuch aus Chicago.Ein Zukunftsmodell wurde jedoch auch die gemäßigte Variante nicht. Die Wiederkehr der Klassengesellschaft, explodierende Preise, überfüllte Krankenhäuser und eine marode Infrastruktur wiesen eher in die umgekehrte Richtung. Erst mit dem Niedergang des Sowjet-Imperiums bekamen die Neoliberalen wieder Oberwasser: Zivilgesellschaftliche Hindernisse hatten sie in den Ruinen des Sozialismus nicht zu befürchten. Goldgräberstimmung machte sich breit: «Die Orientierungslosigkeit aufgrund des rapiden politischen Wandels und die kollektiven Ängste vor einem wirtschaftlichen GAU ließen das Versprechen einer raschen Wunderheilung zu verführerisch erscheinen, um abzulehnen.» Selbst die militärische Option kehrte mit Deng Xiaopings Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking und Boris Jelzins Beschießung des Moskauer Weißen Hauses zurück. Die staatssozialistische Konkursmasse bildete den Stoff für eine neue Oberschicht, die man in China die «Prinzchen» und in Russland die «Oligarchen» nannte: «Vor der Schocktherapie gab es in Russland keine Millionäre, bis 2003 war die Zahl der russischen Milliardäre auf siebzehn angewachsen.» Schock und EntsetzenVerglichen mit US-amerikanischen Verhältnissen ist dies noch eine bescheidene Bilanz. Die Zentrale des Weltkapitalismus blieb von den neoliberalen Wohltaten natürlich nicht unberührt.Was die Autorin über die eher evolutionäre als revolutionäre Umgestaltung seit den Tagen Ronald Reagans schreibt, rückt abgründige, vom Tagesjournalismus kaum je beleuchtete Tatbestände ins Licht. Man merkt Naomi Kleins bohrenden Fragen an, dass ihr Buch ursprünglich nur auf George W. Bushs «Shock and Awe»-Strategie im Irak gemünzt war:Was hat die größte Militärmacht der Erde veranlasst, einen orientalischen Regionaldespoten namens Saddam Hussein zum Weltfeind zu erklären? Warum wächst ihr der ohne Not angezettelte Krieg von Tag zu Tag mehr über den Kopf? Naomi Klein geht der Vorgeschichte und den Wirkungen des Krieges in fünf ausholenden Kapiteln nach – zusammengenommen eine Art Buch im Buch. Danach ist das Abenteuer im Irak keineswegs gescheitert, sondern es verlief sogar äußerst erfolgreich.Um diese paradoxe These zu begreifen, muss man sich darüber klar werden, dass der amerikanische Staat bis in Kernbereiche administrativer Zuständigkeit hinein privatisiert ist: kaum mehr als eine leere Hülle. Seine Repräsentanten stehen zwar immer noch zur Wahl, aber sie passieren inzwischen so reibungslos die Drehtür zwischen Wirtschaft und Politik, dass zwischen den beiden Sphären kaum noch ein Unterschied besteht. Donald Rumsfeld und Dick Cheney, die bereits in den Administrationen von Nixon, Ford und George H.W. Bush gearbeitet hatten, bekleideten hochdotierte Vorstandsposten bei dem Biotech-Unternehmen «Gilead Sciences» und dem Dienstleistungskonzern «Halliburton» – bevor sie unter George W.Bush wiederum in Staatsämter berufen wurden, als Verteidigungsminister und Vizepräsident.Sie verkörpern die amerikanische Spielart des Korporatismus auf idealtypische Weise.Rumsfeld delegierte mit Feuereifer militärische Aufgaben an private Sicherheitsdienste wie «Blackstone» oder «Triple Canopy» und schuf durch dieses Outsourcing eine prächtig gedeihende Wachstumsbranche.Cheney sorgte dafür, dass sein ehemaliger Arbeitgeber die amerikanischen Truppen im Irak mit sicheren Unterkünften, warmen Mahlzeiten und sauberen Uniformen ausstattet. «So schuf denn der Irakkrieg letztlich doch eine Modellökonomie,wenn auch nicht den Tiger am Tigris, von dem die Neo-Cons geschwärmt hatten, sondern das Modell eines privatisierten Krieges und Wiederaufbaus», lautet Naomi Kleins militärpolitisches Resümee.Der Irakkrieg dient demnach keiner weltpolitischen Mission, sondern füllt lediglich einigen Leuten die Taschen,denen der «Bagdad-Boom» gar nicht lange genug dauern kann. Das mag eine unfeine Erkenntnis sein,weil sie sich gegen bestimmte Personen richtet; aber die Waren können nun einmal nicht selbst zu Markte gehen und sich nicht selbst austauschen,wie ein deutscher Philosoph einst unter dem Titel «Das Kapital» zu bedenken gab. Waren tauschen sich nicht selbst ausEine realistische Alternative zu den Machenschaften der Global Player im Irak und anderswo entwirft Naomi Klein allerdings nicht.Ob die Aktivistin von 1999 sich so in den neoliberalen «Globalismus» (Ulrich Beck) verbissen hat, dass sie nur noch die ökonomische Seite der klein gewordenen Erde wahrnimmt? Dass die entstehende Weltgesellschaft auch eine eminent politische Veranstaltung ist, zeigen etwa Theoretiker wie David Held. Der Politologe von der London School of Economics ist, verglichen mit der linken Teufelsaustreiberin aus Montreal, ein trockener Reformer. Statt sein Heil bei lokalen Widerstandsgruppen zu suchen, plädiert Held in seinem Buch «Soziale Demokratie im globalen Zeitalter» (Suhrkamp 2007) für eine «polyzentrische Politik»: für ein dichter werdendes Netz von multilateralen Abkommen, Institutionen und regierungsübergreifenden Netzwerken, die in viele Bereiche des Lebens eingreifen, «vom Finanzsektor bis hin zu Fauna und Flora». Ob eine solche politische Entsprechung der ökonomischen Weltaneignung eines Tages so etwas wie eine demokratisch legitimierte Weltregierung hervorbringen kann, vermag auch David Held nicht zu sagen. Selbstbestimmung, Menschenwürde, Nachhaltigkeit, Subsidiarität sind ehrenwerte Anliegen – aber wo knüpfen sie an, worauf bauen sie auf? Naomi Klein verspricht sich mehr von Konzepten, die bereits erprobt sind: einer gemischten Wirtschaft mit starkem öffentlichen Sektor, Preiskontrolle und Mindestlöhnen. In der Hauptsache aber dürften die kanadische Globalisierungskritikerin und Realos wie der englische Politologe Held übereinstimmen: Was politisch entstanden ist, lässt sich auch politisch überwinden. |
Naomi Klein Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus Aus dem Englischen von Hartmut Schickert, Michael Bischoff und Karl Heinz Siber. S. Fischer, Frankfurt a.M. 2007 560 S., 22,90 ¤
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