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Ausgabe 11.07 - Literaturen - Literatur
Bücher des Monats
Naomi Klein - Die Schock-Strategie

Die Lizenz zum Plündern
Warum der Neoliberalismus eine Kopfgeburt des Mittelstands ist, warum er in Chile am besten funktioniert hat, warum der Irak-Krieg im Grunde erfolgreich ist: Naomi Kleins neuer Wälzer zur Globalisierung

VON KURT DARSOW

Verkehrte Welt: auf der WTO-Konferenz im abgeschirmten «Seattle Convention Center» tagten die Anarchisten des entfesselten Marktes; und im Tränengasnebel draußen vor der Tür demonstrierten selbsternannte Ordnungshüter für humane Arbeitsbedingungen, für Forschungskontrolle, für Umwelt- und Verbraucherschutz.«Rebellen auf der Suche nach Regeln», nannte sie tags darauf die «New York Times». Einen Monat nach diesem Geburtsakt der Anti-Globalisierungs- Bewegung im Dezember 1999 erschien ein Buch, das dem «Battle of Seattle» Stimme und Gesicht gab: «No Logo!». Darin las die damals 29-jährige kanadische Journalistin Naomi Klein der schönen neuen Warenwelt rigoros die Leviten. Die Kampfschrift gegen die anrüchigen Fertigungspraktiken der multinationalen Marken- Konzerne erreichte weltweit eine Millionen-Auflage. Und ihre Autorin avancierte zur
Ikone der Bewegung.
Sieben Jahre später geht Naomi Klein erneut aufs Ganze. «Die Schock-Strategie» heißt ihr detailbesessener Wälzer, der den Aufstieg einer ökonomischen Doktrin nachzeichnet, die mittlerweile fast den ganzen Erdball im Griff hat. Je tiefer man sich in das Faktengebirge hineinwühlt, desto mehr verschwindet der mystische Nebel,der die gegenwärtige Weltökonomie umgibt. Ist die kapitalistische Grenzenlosigkeit gar nicht der epochale Bruch, als der sie gehandelt wird? Zumindest lässt sie sich – nach den Informationen, die die Autorin und ihre Mitarbeiter zusammengetragen haben – nicht länger als Naturgewalt beschreiben, vor der es kein Entrinnen gibt. Die «globale Herausforderung» erweist sich vielmehr als politisches Projekt mit Namen und Anschriften. Dass Naomi Klein ihr gut belegtes Schurkenstück in sieben Sprachen gleichzeitig auf den Markt bringt und als mediales Großereignis inszeniert, dass, mit anderen Worten, ihr Name inzwischen selbst als Marke auf dem Markt der Globalisierungskritik gelten kann,nimmt man im Dienst der Wahrheitsfindung gern in Kauf. Ihr Hintergrundwissen zum «Aufstieg des Katastrophen- Kapitalismus» deutet immerhin die Möglichkeit an, dass er eines schönen Tages auch wieder absteigen könnte.

Milton Friedmans Reinheitsgebot

Naomi Kleins große Erzählung beginnt mit einer «Ausbeuterklitsche» in Rahway, New Jersey. Eine ungarische Emigrantenfamilie namens Friedman eröffnete dort in den 1920er Jahren eine Kleiderfabrik. Die Geschäfte gingen schlecht, der Staat griff den Bürgern in die Tasche. In den Spelunken der Prohibitions-Ära steckten Systemveränderer die Köpfe zusammen, Gewerkschafter verlangten mehr Geld und weniger Arbeit. Schließlich musste das von allen Seiten bedrängte Kleinunternehmen seine Pforten wieder schließen. Auf das wirtschaftliche
Trauma seiner Familie hat sich der Sohn des Firmengründers noch Jahrzehnte später, als er an der University of Chicago längst zu Ruhm und Ansehen gelangt war,immer wieder berufen.Damit begründete der Ökonom
Milton Friedman (1912–2006) seine tiefe Abneigung gegen Staatseingriffe, seinen festen Glauben an die Zauberkraft des von Abgaben und Auflagen befreiten Marktes. Das Friedman’sche Reinheitsgebot machte weltweit Schule.Dass der Sozialstaat die Menschen faul und unmündig werden lasse und das Geschäft am besten bei denen aufgehoben sei, die etwas davon verstünden, wurde eine Zeitlang selbst im Ursprungsland der Sozialen Marktwirtschaft in jeder Talkshow nachgebetet.Naomi Klein deckt die soziologische Wurzel des blinden Glaubens an den Markt auf: Die neoliberale Leitidee erweist sich als Phantasma der Mittelklasse. Nur diese gesellschaftliche Formation fühlt sich ständig in ihrer Existenz bedroht.Und nur sie kann auf die Idee kommen,der Markt sei von Natur aus rein und edel.Großverdiener brauchen solche Heilsgewissheiten nicht: Sie nehmen sich, was sie kriegen können.

Nach dem Militär die «Chicago Boys»
Im Jahr 1976 wurde Milton Friedman für die damals unorthodoxe Lehrmeinung, die Hochs und Tiefs der Ökonomie seien eine bloße Folge der Geldmenge, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Dass er die Sphäre der Hörsäle und Bibliotheken zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen und seine Theorien ausgerechnet im Reich des chilenischen Folter-Generals Augusto Pinochet zur Anwendung gebracht hatte, nahmen ihm die Juroren nicht weiter übel. Offenbar hielten sie seine ökonomischen Hilfsdienste nach dem Militärputsch vom 11. September
1973 für eine rein platonische Beratertätigkeit.
Doch Milton Friedman und seine Denkschule hatten Chile nicht ohne Grund zu ihrem Testgelände gemacht.Mochten sie auf dem Papier auch als Demokraten reinsten Wassers auftreten, in der Praxis dachten sie gar nicht daran, über die sozialen Einschnitte abstimmen zu lassen, die ihre blütenreine Vision den Menschen zumutet. Das überließen sie ihrem theoretischen Hauptfein John Maynard Keynes, europäischen Sozialdemokraten und Unabhängigkeitsbewegungen der Dritten Welt, die es allen recht machen wollten. Das Mantra aus Privatisierung, Deregulierung und Sozialabbau
dagegen war nicht auf dem Verhandlungsweg durchzusetzen, sondern bedurfte eines heilsamen Schocks. Der Schriftsteller Eduardo Galeano bekam die Lektion zu spüren: «Milton Friedmans Theorien brachten ihm selber den Nobelpreis ein, den Chilenen brachten sie Pinochet.»
Naomi Kleins Buch ist ein 760 Seiten dickes Dossier über die Unvereinbarkeit von Neoliberalismus und Demokratie. Schon der erste Zusammenprall der reinen Lehre mit der Wirklichkeit in Chile spricht für sich: «Insgesamt waren mehr als 3200 Menschen verschwunden oder hingerichtet, mehr als 80.000 inhaftiert und 200.000 aus politischen Gründen ins Ausland geflohen.» Die nach diesem Muster installierten Militärdiktaturen in Argentinien, Uruguay und Brasilien führten zu ähnlichen Effekten. Auch dort leistete die aus den Folterkammern der Psychiatrie stammende «Wissenschaft der Angst» wirksame Überzeugungshilfe. Und die «Chicago Boys», an der University of Chicago ausgebildete Wissenschaftler, Politiker und Lobbyisten, holten akribisch ausgearbeitete Wirtschaftspläne aus der Schublade, sobald die Militärs ihre Vorarbeiten verrichtet hatten.Kein einziges ökonomisches Problem wurde durch die neoliberale «Schockbehandlung» gelöst; aber viele Menschen wurden arm – und einige wenige unverschämt reich.
Ende der siebziger Jahre lag die lateinamerikanische Linke, das eigentliche Objekt der brachialen Umerziehung, in den letzten Zügen. Eine ganze Kultur war ausgelöscht,
wie Naomi Klein am Beispiel der ermordeten oder vertriebenen Wortführer Victor Jara, Mercedes Sosa, Augusto Boal oder Rodolfo Walsh aufzeigt. Dieser melancholische Abgesang gehört zu den bewegendsten
Passagen des mit Geschichten, Namen und Zahlen gespickten Buches. Je mehr die Autorin sich in ihrem Pandämonium jedoch der Gegenwart nähert, desto brüchiger wird der rote Faden,an dem sie die Ereignisse aufreiht.Statt einer wie geschmiert laufenden Weltverschwörung kommt eine wüste Abfolge von Pleiten und Pannen zum Vorschein.

Oligarchen und Prinzchen

Die gewaltsame Missionierung Lateinamerikas trug nicht gerade zur Strahlkraft des neoliberalen Modells bei. Schon Margaret Thatcher, die in den frühen achtziger Jahren den ersten Versuch unternahm, ein europäisches
Land nach den Vorstellungen Milton Friedmans umzugestalten, bediente sich anderer Methoden. Sie konnte natürlich nicht einfach Truppen in Marsch setzen, sondern musste umständliche Über zeugungsarbeit leisten. Als Friedrich von Hayek (1899–1992), der österreichische Gewährsmann der Chicagoer Schule, sie zu einer schnelleren Gangart aufforderte,machte sie institutionelle und juristische Hindernisse geltend. Erst nach dem gewonnenen Falkland-Krieg 1982 konnte sie sich als Eiserne Lady bewähren.Mit einer «Schock- Strategie» hat diese Gunst der Stunde wenig zu tun. Die neoliberale Zurichtung der kapitalistischen Kernländer verlief offenbar nicht nach dem Drehbuch aus Chicago.Ein Zukunftsmodell wurde jedoch auch die gemäßigte Variante nicht. Die Wiederkehr der Klassengesellschaft, explodierende Preise, überfüllte Krankenhäuser und eine marode Infrastruktur wiesen eher in die umgekehrte Richtung.
Erst mit dem Niedergang des Sowjet-Imperiums bekamen die Neoliberalen wieder Oberwasser: Zivilgesellschaftliche Hindernisse hatten sie in den Ruinen des Sozialismus nicht zu befürchten. Goldgräberstimmung machte sich breit: «Die Orientierungslosigkeit aufgrund des rapiden politischen Wandels und die kollektiven Ängste vor einem wirtschaftlichen GAU ließen das Versprechen einer raschen Wunderheilung zu verführerisch erscheinen, um abzulehnen.» Selbst die militärische Option
kehrte mit Deng Xiaopings Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking und Boris Jelzins Beschießung des Moskauer Weißen Hauses zurück. Die staatssozialistische Konkursmasse bildete den Stoff für eine neue Oberschicht, die man in China die «Prinzchen» und in Russland die «Oligarchen» nannte: «Vor der Schocktherapie gab es in Russland keine Millionäre, bis 2003 war die Zahl der russischen Milliardäre auf siebzehn angewachsen.»

Schock und Entsetzen
Verglichen mit US-amerikanischen Verhältnissen ist dies noch eine bescheidene Bilanz. Die Zentrale des Weltkapitalismus blieb von den neoliberalen Wohltaten natürlich nicht unberührt.Was die Autorin über die eher evolutionäre als revolutionäre Umgestaltung seit den Tagen Ronald Reagans schreibt, rückt abgründige, vom Tagesjournalismus kaum je beleuchtete Tatbestände ins Licht. Man merkt Naomi Kleins bohrenden Fragen an, dass ihr Buch ursprünglich nur auf George W. Bushs «Shock and Awe»-Strategie im Irak gemünzt war:Was hat die größte Militärmacht der Erde veranlasst, einen orientalischen Regionaldespoten namens Saddam Hussein zum Weltfeind zu erklären? Warum wächst ihr der ohne Not angezettelte Krieg von Tag zu Tag mehr über den Kopf?
Naomi Klein geht der Vorgeschichte und den Wirkungen des Krieges in fünf ausholenden Kapiteln nach – zusammengenommen eine Art Buch im Buch. Danach ist das Abenteuer im Irak keineswegs gescheitert,
sondern es verlief sogar äußerst erfolgreich.Um diese paradoxe These zu begreifen, muss man sich darüber klar werden, dass der amerikanische Staat bis in Kernbereiche administrativer Zuständigkeit hinein privatisiert ist: kaum mehr als eine leere Hülle. Seine Repräsentanten stehen zwar immer noch zur Wahl, aber sie passieren
inzwischen so reibungslos die Drehtür zwischen Wirtschaft und Politik, dass zwischen den beiden Sphären kaum noch ein Unterschied besteht. Donald Rumsfeld und Dick Cheney, die bereits in den Administrationen von Nixon, Ford und George H.W. Bush gearbeitet hatten, bekleideten hochdotierte Vorstandsposten bei dem Biotech-Unternehmen «Gilead Sciences» und dem Dienstleistungskonzern «Halliburton» – bevor sie unter George W.Bush wiederum in Staatsämter berufen wurden, als Verteidigungsminister und Vizepräsident.Sie verkörpern die amerikanische Spielart des Korporatismus auf idealtypische Weise.Rumsfeld delegierte mit Feuereifer militärische
Aufgaben an private Sicherheitsdienste wie «Blackstone» oder «Triple Canopy» und schuf durch dieses Outsourcing eine prächtig gedeihende Wachstumsbranche.Cheney sorgte dafür, dass sein ehemaliger Arbeitgeber die amerikanischen Truppen im Irak mit sicheren Unterkünften, warmen Mahlzeiten
und sauberen Uniformen ausstattet.
«So schuf denn der Irakkrieg letztlich doch eine Modellökonomie,wenn auch nicht den Tiger am Tigris, von dem die Neo-Cons geschwärmt hatten, sondern das Modell eines privatisierten Krieges und Wiederaufbaus», lautet Naomi Kleins militärpolitisches Resümee.Der Irakkrieg dient demnach keiner weltpolitischen Mission, sondern füllt lediglich einigen Leuten die
Taschen,denen der «Bagdad-Boom» gar nicht lange genug dauern kann. Das mag eine unfeine Erkenntnis sein,weil sie sich gegen bestimmte Personen richtet; aber die Waren können nun einmal nicht selbst zu Markte gehen und sich nicht selbst austauschen,wie ein deutscher Philosoph einst unter dem Titel «Das Kapital» zu bedenken gab.

Waren tauschen sich nicht selbst aus
Eine realistische Alternative zu den Machenschaften der Global Player im Irak und anderswo entwirft Naomi Klein allerdings nicht.Ob die Aktivistin von 1999 sich so in den neoliberalen «Globalismus» (Ulrich Beck) verbissen hat, dass sie nur noch die ökonomische Seite der klein gewordenen Erde wahrnimmt? Dass die entstehende Weltgesellschaft auch eine eminent politische Veranstaltung ist, zeigen etwa Theoretiker wie David Held. Der Politologe von der London School of Economics ist, verglichen mit der linken Teufelsaustreiberin aus Montreal, ein trockener Reformer. Statt sein Heil bei lokalen Widerstandsgruppen zu suchen, plädiert Held in seinem Buch «Soziale Demokratie im globalen Zeitalter» (Suhrkamp 2007) für eine «polyzentrische Politik»: für ein dichter werdendes Netz von multilateralen Abkommen, Institutionen und regierungsübergreifenden Netzwerken, die in viele Bereiche des Lebens eingreifen, «vom Finanzsektor bis hin zu Fauna und
Flora».
Ob eine solche politische Entsprechung der ökonomischen Weltaneignung eines Tages so etwas wie eine demokratisch legitimierte Weltregierung hervorbringen kann, vermag auch David Held nicht zu sagen. Selbstbestimmung, Menschenwürde, Nachhaltigkeit, Subsidiarität sind ehrenwerte Anliegen – aber wo knüpfen sie an, worauf bauen sie auf? Naomi Klein verspricht sich mehr von Konzepten, die bereits erprobt sind: einer gemischten Wirtschaft mit starkem öffentlichen Sektor, Preiskontrolle und Mindestlöhnen. In der Hauptsache aber dürften die kanadische Globalisierungskritikerin und Realos wie der englische Politologe Held übereinstimmen: Was politisch entstanden ist, lässt sich auch politisch überwinden.



Naomi Klein
Die Schock-Strategie. Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus
Aus dem Englischen von Hartmut Schickert, Michael Bischoff und Karl Heinz Siber.
S. Fischer, Frankfurt a.M. 2007
560 S., 22,90 ¤





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