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Ausgabe 11.07 - Literaturen - Literatur
Bücher des Monats Teil 2
Thomas Karlauf – Stefan George - Die Entdeckung des Charisma

Eine ungeheure Geschichte
Wie Thomas Karlaufs Biografie das «System der Päderastie» im George-Kreis darstellt,
ohne die Nachwirkungen des Dichter-Genies und Gurus aus dem Blick zu verlieren

VON GUSTAV SEIBT

Zu den vielen Vorzügen von Thomas Karlaufs
Biografie des Dichters Stefan George (1868–1933) gehört es, dass sie den Folgenreichtum seines Wirkens entfaltet. Im Bannkreis Georges fand eine bis heute gültige Umwertung des klassischen Literaturkanons statt: Jean Paul und Hölderlin rückten in die erste Reihe neben Schiller und Goethe; Uhland oder Geibel verschwanden, während Hebbel und C. F.Meyer unantastbaren Rang gewannen. Das 19. Jahrhundert lesen wir noch immer ungefähr so, wie Georges Sammlung deutscher Dichtung es seit 1900 vorschlug.
Wer heute auf den Begriff der charismatischen Herrschaft nicht verzichten mag – zum Beispiel, um das Regime Hitlers zu beschreiben –,der weiß oft nicht, dass er 1910 von Max Weber im unmittelbaren Kontakt mit Stefan George und seinem Kreis entwickelt wurde.Und wenn die jüngste Geschichtswissenschaft historische Größe weniger als Substanz, sondern eher als Wirkung, als mythologischen Einfluss auf Mit- und Nachwelt begreift, dann steht sie in der Schuld begeisterter George-Schüler wie Friedrich Gundolf, dem Erforscher von
Caesars Ruhm,und Ernst Kantorowicz,dem Biografen des Stauferkaisers Friedrich II. Von hier aus führt der Weg zuletzt in die Schreckenszone des Führerhauptquartiers, wo das Friedrich-Buch gelesen wurde und
wo Graf Stauffenberg, vom dichterischen Täter-Pathos beseelt, seine Existenz gegen den «Widerchristen» in die Schale warf.
Von George und seiner Umgebung gingen Einflüsse in die verschiedensten Fach- und Wissensgebiete, sei es in Aby Warburgs Theorie vom Nachleben der Antike oder in die Kulturkritik Walter Benjamins und Theodor Adornos. Und damit ist seine eigentliche literaturgeschichtliche Tat, die Erneuerung der deutschen Dichtungssprache,noch gar nicht benannt. Hier hat George sofort Epoche gemacht, und spätestens mit seinen genialen Baudelaire-Übersetzungen,die 1901 gesammelt erschienen, war das Feld, das zuvor von einem ausgelaugten, ins Niedliche gewendeten Heine-Ton beherrscht war,nicht mehr wiederzuerkennen. Ohne Georges sprachlichen Stilisierungswillen wäre der Beginn der deutschen Moderne nicht vorstellbar, nicht einmal der Expressionismus. Noch der späte, klassizistische Gottfried Benn zehrt davon.
Dieser vielgestaltige Einfluss ging von einem vergleichsweise schmalen Werk aus – und mehr als irgendwo sonst unter neuzeitlichen Bedingungen von einer Person. Man muss schon bis zu Platon und seiner vielberufenen «ungeschriebenen Lehre» zurückgehen, wenn man, außerhalb des strikt religiösen Prophetentums, einen Vergleich für eine derart tiefgehende, zwei ganze Generationen in Bann schlagende Wirkung sucht.Aber George lebte im hellen Licht von Buchdruck, Presse, Literaturbetrieb und akademischen Institutionen; das macht den Vorgang noch viel eindrucksvoller. Der Stoff, der sich hier der Geschichtsschreibung bietet, ist so reizvoll wie kompliziert.

Ein Lebensstoff, fein destilliert
Thomas Karlauf ist ihm gewachsen – ein höheres Lob kann es nicht geben. Er hatte zu kämpfen mit einer ganz ungewöhnlichen Quellenlage. Die Masse persönlicher Zeugnisse ist – verglichen mit dem sonst in dieser Zeit Üblichen, etwa bei Thomas Mann, Hofmannsthal oder Rudolf Borchardt – eher gering. Umso ausgedehnter ist eine sekundäre, ebenso suggestive wie trügerische Memoiren-Literatur der Freunde, der Beeindruckten, der Verletzten und der Feinde. Sich kritisch durch diesen Wust zu kämpfen, ist eine quellenkritische Leistung ersten Ranges.
Dazu hat Karlauf in Archiven und alten Adressbüchern, in bekannter und obskurer Literatur der Epoche und nicht zuletzt in einer oft spezialistisch verzettelten Forschung alles Dienliche zusammengesucht – und sich nicht überwältigen lassen, sondern ein dramaturgisch geschicktes, fesselnd erzähltes und, gemessen an den Stoffmassen, übersichtliches Buch geschrieben.
Seine bedeutendste Leistung besteht aber vielleicht nicht einmal in der Disposition des Stoffs, so gelungen sie ist: Zwischen der schrecklich peinlichen Zurückweisung durch den Knaben Hofmannsthal 1892 und der gespenstisch flackernden Szenerie der Totenwache 1934,bei der die George-Jünger das Hakenkreuz am Sarg erst entfernen,dann wieder anbringen, spannt sich ein Bogen vielfach dramatischer und verwirrender Episoden. Karlaufs wichtigste Leistung ist sein immer taktvoller, nie undeutlicher, unaufgeregter, mit einem angemessen minimalen Beiklang von Humor bereicherter Ton.

Spott und Hohn wären zu billig
Wie leicht wären hier Siege des Satirischen gewesen! Wenn das Kürzel «SS» nach außen für gläubige Tölpel «Staatsstützen» bedeutet, während im Inner Circle «sehr Süße», in jedem Fall aber ergebene Jünglinge gemeint sind; wenn solche reifenden Knaben auf Turnplätzen gesucht, auf Brücken angesprochen, am Bahnhof mit einer stellvertretend überreichten Apfelsine gewogen gemacht werden; wenn Hochbegabte im Dienst des Meisters sich durch Vorlesen,Gedichte- Abschreiben, vor allem aber auch durch Teeaufgießen bewähren müssen –
dann liegt beißender Spott nahe.
Karlauf aber betrachtet die menschlichen Dramen mit verständnisvollem Respekt, und damit hält er sich und vor allem den Lesern diese ungeheure Geschichte für alle Fragen und das gebührende Staunen offen. Und auch für einen Anteil von Furcht und Mitleid: Georges Aufstieg vollzog sich genau zwischen den Prozessen gegen Oscar Wilde (1895) und gegen den Fürsten Eulenburg (1906), europäischen Skandalen, die ihre Opfer ruinierten und die Homosexualität endgültig aus dem Toleranzschatten aristokratischer Diskretion ins helle Licht bürgerlicher Moral, selbstgerechter Presse und nicht zuletzt der Strafverfolgung zerrten.
Damit stellte sich für die Homosexuellen seit der Jahrhundertwende die für den Einzelnen meist tragische, überfordernde Alternative von Verzicht, bestenfalls Heimlichtuerei, und offensivem Kampf. Zwar entstand damals die Homosexuellen-Bewegung, die heute, ein Jahrhundert später, an vielen Orten ihre Ziele erreicht hat; aber zugleich begann auch die Epoche der schlimmsten Homosexuellen-Verfolgungen der Geschichte, mit ihren Höhepunkten im «Dritten Reich» und im Stalinismus.
Vor diesem Hintergrund mag man nicht lachen über Georges Konzeption der «übergeschlechtlichen» Liebe,seine Geheimniskrämerei, die Maskenfeste mit Thyrsusstab und Lorbeerkranz, den platonischen Priesterdienst. Hier allerdings wartet eine andere Falle, die Karlauf vermieden hat: all das nur als Schutzvorhang vor eindeutigen Tatsachen zu verstehen und den Gefühlskern der Stilisierungen zu leugnen. Zwar redet auch Karlauf von einem «System der Päderastie», und nüchtern vermerkt er es, wenn er glaubt, dass George mit einem Jungen «intim geworden» sei.

Vierzig Jahre Reisekönigtum
Aber es wird doch auch deutlich, dass dies nicht alles war. Sektenstruktur und Privat- Religiosität lassen sich allein zur Triebbefriedigung nicht aufbauen und über einen so langen Zeitraum aufrechterhalten; zumal das Personal der George-Anhänger im Lauf der Jahre eher besser wurde.Standen am Anfang vielfach ideologische Spinner und verkrachte Existenzen, ja, groteske Außenseiter wie der Kosmiker Alfred Schuler, der sich auf Märkten und Schlachthöfen den Proleten so preisgab wie der Strichjunge aus Georges Gedicht «Porta Nigra» «den Söldnern der Caesaren», so finden sich am Ende von Georges Leben wissenschaftliche Genies wie Max Kommerell und Ernst Kantorowicz. Und auch Georges unbürgerliche Existenzform – ein vierzigjähriges Reisekönigtum als Logiergast eines erstaunlich freizügigen Bildungsbürgertums – weist über das Motiv homosexueller Camouflage hinaus.
Nun war die hochbürgerlich-aristokratische Gesellschaft gegenüber Künstlern und Intellektuellen zu vielerlei Formen der Großzügigkeit geneigt; Rilkes erlesenes Schnorrertum oder die Sommeraufenthalte von Karl Kraus bei seiner Freundin Sidonie Nadherny sind parallele Beispiele.Aber auch in dieser Beziehung liegt der Fall bei George anders. Seine Bewunderer unterstützten nicht nur ein künstlerisches Genie, sondern einen Lebensreformer und Weltverbesserer, wenn man so will: einen Guru. Wenn er sprach, veränderte sich alles
Als solcher muss Stefan George, unabhängig von erotischen Interessen, eine erstaunliche Anziehungskraft besessen haben. Er war ja nicht schön; scharfsichtige Beobachter wie Ricarda Huch und Arnold Zweig haben ihn als geradezu abstoßend, gnomenhaft, mit böser Ausstrahlung und gelblicher, pergamentener Haut geschildert.Aber wenn er sprach,veränderte sich die Welt. Er trennte sich und die Seinen vom trivialen Alltag einer industrialisierten, mechanischen, als seelenlos empfundenen Gesellschaft, sein Geschenk an die Unterwerfungsbereiten war jene «Außeralltäglichkeit»,die Max Weber als Kern charismatischen Führertums begriff.Für den Einzelnen hieß das zwar auch Unterordnung, wenn auch unter eine größere Macht; vor allem aber Ernstgenommenwerden, Emporgehobenwerden,Über-Sich-Hinauswachsen.
Für diese Gefühlswelt, aus vielen Epochen bezeugt, nach 1900 in der gesamten Reformpädagogik tragend, ist uns seit der antiautoritären Revolution der Erziehung der Sinn systematisch abgestumpft worden. Dass Autorität und Liebe, Strenge und Eros zusammengehen könnten, gilt uns bestenfalls als Perversion.Wir sehen nur Überbauten zu schmutzigen Trieben und denken uns Pädagogik daher als «kritisch» und gefühlsarm. Der Enthusiasmus, der natürlich trotzdem immer dazugehört, hat keine Sprache mehr. Stattdessen lernen schon Halbwüchsige, ja, halbe Kinder erschreckend schnell, sich als Spieler auf dem erotischen Markt der Erwachsenen zu bewegen. Die hysterische Aufmerksamkeit für alle
Formen der Kinderschänderei ist nur die Rückseite solcher Aufhebung der erotischen Entwicklungsstufen.

Was macht George so aktuell?
Georges Dichtung und deren Wirkungen reichen über den Bezirk der Literatur- und Geistesgeschichte hinaus. Das ist – neben seiner hohen Qualität – der wichtigste Grund für den Erfolg von Karlaufs Buch; eine ähnliche Resonanz wäre einem gleichartigen Werk über Hofmannsthal oder Borchardt wohl kaum beschieden. Der Appell an den Einzelnen – prägnant in der Gestalt des Attentäters Stauffenberg –, die Abgrenzung von der alles durchdringenden Alltäglichkeit der Konsumwelt, die Konzentration auf ein behauptetes Wesentliches, sie
haben möglicherweise ein Jahrhundert nach George neue Anziehungskraft.Man müsste als Intellektueller stumpf sein, hätte man dafür nicht wenigstens ein Sensorium.
Umso bedauerlicher ist die Askese, die der Biograf dem literarischen Kern seines Gegenstands gegenüber beobachtet. Zwar stellt er alle großen Gedicht-Zyklen Georges vor, er zitiert prägnant und gut gewählt,
aber er kommentiert die Dichtungen doch vor allem als verschlüsselte biografische Bekenntnisse. Das ist legitim, und die methodische Vornehmtuerei gegen «Biografismus» darf als germanistische Unart auf sich beruhen bleiben.Aber gerade,wenn so deutlich wird, dass es hier um mehr als um Dichtung geht, lohnt doch die Frage, wie sich dieses Mehr, also doch wohl Stefan Georges «Geheimnis», in der Dichtung zeigt.Wenn es nur um Geständnisse eines Homosexuellen ginge, wäre der Fall ja ganz uninteressant.
Dem Leser sei daher empfohlen, das zu tun, was der Rezensent sich, befeuert von Karlaufs Buch, zugemutet hat: Er hat sich einen großen Teil von Georges Gedichten laut vorgesprochen, viele davon mehrfach, bis er glaubte, sie vollkommen begriffen, ja, verinnerlicht zu haben. Dann kommt, unterstützt von der Kleinschreibung (der Karlauf wenig Aufmerksamkeit widmet), der inschriftenhaften Zeichengebung mit halbhohen Punkten, den zahlreichen Neologismen ein spürbar verlangsamter Sprechrhythmus in Gang, der an meditative Praktiken, ja, Exerzitien oder liturgische Gebete erinnert. Kein anderer deutscher Lyriker – man versuche Gegenproben bei Brecht oder Benn – vermag allein durch seinen Duktus eine vergleichbare physische Wirkung auf seinen Leser auszuüben.
Vielleicht ist das eine Frage individueller Empfänglichkeit. Im Übrigen hat sich zwar in den letzten Jahren Gottfried Benn, längst auch vor Rilke, als der überragende deutsche Lyriker des 20. Jahrhunderts durchgesetzt.Doch mag es eine kleine Fraktion geben, die damit nicht zufrieden ist;die weder die beim Bier gesprochenen Ernüchterungen des Hautarztes, noch die «formstillen», postfaschistischen Klassik-Ornamente
im Schlagerrhythmus für höchste Offenbarungen halten kann; für die also ein paar Gedichte Stefan Georges die eigentliche Droge bieten – den harten Stoff der Sprache.



Thomas Karlauf
Stefan George. Die Entdeckung des Charisma
Biographie
Blessing, München 2007
816 S., 29,95 ¤





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