Suche 
 
 
Ausgabe 11.07 - Literaturen - Literatur
100 Jahre Lindgren
Haben Mörder schwarze Haare?

Wie es kribbelt, wenn man die Geschichten von «Kalle Blomquist» nach dreißig Jahren wieder liest

VON WIGLAF DROSTE

Mein erstes Buch von Astrid Lindgren war «Pippi in Taka-Tuka-Land».Ich las es im Campingurlaub in Ligurien, aber als Junge von neun Jahren fand ich ein Mädchenbuch, auch wenn es kein «Hanni und Nanni»- Schrott war, nur bedingt akzeptabel. Ganz anders verhielt es sich allerdings mit Lindgrens Krimi «Kalle Blomquist lebt gefährlich» – das war aufregend, das machte Gänsehaut. Da waren die beiden Dreierbanden, die sich «Die Roten Rosen» und «Die Weißen Rosen» nannten, und der kultisch verehrte Kleinstein namens «Großmummrich», und dann gab es auch noch eine Geheimsprache. «Mom ö ror dod e ror», sagt Eva-Lotta, als sie den Mörder des alten Gren identifiziert. «Mom ö ror dod e ror» heißt Mörder. Noch heute läuft es mir kalt den Rücken herunter, wenn ich mich daran erinnere,wie ich das zum ersten Mal las.
Mit Geheimsprache kannte ich mich aus, allerdings hatte ich eine andere, in der ein Mörder «Möbördeber» geheißen hätte, Kalle Blomquist «Kaballebe Blobomquibist», Eva-Lotta «Ebevaba-Lobottaba» und Astrid Lindgren «Abastribid Libindgreben». Aber geschenkt:«Kalle Blomquist lebt gefährlich» war unglaublich spannend. Dabei ist der Titel irreführend, denn gefährlich lebt in erster Linie nicht Kalle, sondern vor allem seine Kombattantin Eva-Lotta, die nicht nur einen Mörder entdeckt, sondern auch einen Arsen-Anschlag mit vergifteter Schokolade auszustehen hat. Der Mörder, das erfährt man schon früh, trägt grüne Gabardinehosen. Das Wort hatte ich nicht im Repertoire: Gabardine. Was war das? Gardinen kannte ich, aber Gabardine? Der Mann, den Eva-Lotta sah, konnte ja wohl kaum dunkelgrüne Gardinenhosen anhaben.
«Ja,Gren hatte Besuch,man konnte es deutlich hören.Kuchen wurde aber nicht serviert. Jemand stand mit dem Rücken zum Fenster, jemand, der mit tiefer Stimme aufgeregt sprach. Eva-Lotta konnte zwar nur
einen Teil von dem Betreffenden sehen, da die Jalousie ja zur Hälfte herabgelassen war; aber sie sah, dass Grens Besuch dunkelgrüne Gabardinehosen anhatte.» So lautet die Passage, in der der Mörder und seine Gabardinehosen zum ersten Mal auftauchen. Das Wörterbuch half: Gabardine ist ein schwerer Kammgarnstoff. Aha.
Das Rätseln, Raten und Lernen ging gleich weiter. Gestritten wurde um Geld, das der Wucherer Gren von seinem Besucher zu bekommen hatte – den wiederum Eva-Lotta sagen hörte: «Wir treffen uns am Mittwoch. An der gewohnten Stelle. Bringen Sie meinen Revers mit, nein, alle verdammten Reverse, jeden einzelnen. Ich werde sie alle einlösen. Es muss endlich Schluss damit sein.» Revers? Reverse? Was war das schon wieder?
Erneut half das Wörterbuch.Um einen «Aufschlag am Herrenrock und Mantel» konnte es sich aber wohl nicht handeln, auch nicht um die «Rückseite einer Münze» – nein, es gab noch eine dritte Bedeutung: «schriftliche Gegenverpflichtung, Verpflichtungsschein». Das haute hin. Die Reverse, von denen hier die Rede war, waren also Schuldscheine.
Ein weiteres Merkmal des Mörders sind die schwarzen Haare auf seinen Händen – vor denen es mich ganz besonders gruselte. «Viele schwarze Haare auf den Händen»,sagt Eva-Lotta, als sie dem Kommissar den Mörder beschreibt, und später heißt es: «Und sie erkannte seine Hand wieder. Diese Hand erkannte sie. Sie war wohlgeformt und reichlich mit dunklen Härchen bewachsen.» Mörder, das war für mich damit klar, tragen dunkelgrüne Gabardinehosen und haben schwarz behaarte
Hände.
Heute weiß ich: Mörder können so und so aussehen, wie Putin, wie ein Soldat oder wie ein Familienvatti. Mit grünen Kammgarnbuxen und schwarz behaarten Händen kommt man auf der Suche nach ihnen nicht weit – schade eigentlich. «Kalle Blomquist lebt gefährlich» heißt im schwedischen Original «Mästerdetektiven Blomkvist lever farligt», erschien bereits 1951 und auf Deutsch erstmals 1969. Beim Wiederlesen in diesem Jahr fand ich einen neuen Lieblingssatz, der nichts mit dem Großmummrich, mit Geheimsprache oder dem Krieg der Rosen zu tun hat. Dass mir der Satz so gut gefällt, liegt daran, dass ich, wider alle Erfahrung und besseres Wissen, ab und zu immer noch Zeitung lese. Der Satz trifft ins Schwarze und geht so: «Darf man denn so blöd sein,wie man will,wenn man in der Zeitung schreibt?»
Weil es sich um eine rhetorische Frage handelt,verzichtete Astrid Lindgren auf eine Antwort. Ich erlaube mir, sie nachzureichen: Man darf nicht nur, man muss sogar.

WIGLAF DROSTE, Jahrgang 1961, lebt als freier Autor in Berlin. In diesen Tagen erscheint «Kafkas Affe stampft den Blues. Neue Texte» und «Weihnachten» (gemeinsam mit Vincent Klink und Nikolaus Heidelbach)



Ausgabe 11.2007
titel1107gr
Denker von Welt
Vorschau
Bestellen Sie unseren Newsletter mit der regelmäßigen Vorankündigung. Sie
erfahren schon im Vorfeld der Veröffentlichung den Heftinhalt.
Ihre Aktion
Anrede
Titel
Vorname
Nachname
E-Mail
Web Tipps
Partituren
Das Magazin für klassische Musik
Schwerpunkt: Beethoven

[X] Schliessen
kultiversum
Literaturen ist umgezogen - auf die neue Kulturplattform kultiversum.de. Dort finden Sie alle aktuellen Inhalte: www.kultiversum.de/Literaturen

Sie möchten Literaturen kostenlos kennenlernen, ein Abonnement oder ein Heft bestellen? http://www.kultiversum.de/shop.html

Auf www.literaturen.de finden Sie auch weiterhin die Inhalte der vergangenen Jahre.