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| Ausgabe 04/08 |
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Editorial |
Kennen Sie Marcion, liebe Leserin, lieber Leser?
Marcion war ein frühchristlicher Theologe, der als Ketzer ausgestoßen wurde, weil er zwei verfeindete biblische Gottheiten amWerke sah, den bösen Schöpfergott des Alten und den liebenden Erlösergott des Neuen Testaments.Wer hätte gedacht, dass dieser verschollene Irrlehrer je wieder zu Ehren kommen könnte? Doch genau dies geschieht derzeit. Irrlehrer haben Konjunktur. DieWelt strikt dualistisch zu sehen, geschieden in unversöhnliche Antithesen, und dabei geltendeWerte womöglich auf den Kopf zu stellen – dies verbindet so entlegene häretische Schriften wie das wiederentdeckte Judas-Evangelium und die wieder diskutierte Politische Theologie des Carl Schmitt. In beiden rumort alsWiedergänger der KetzerMarcion. In dieser LITERATUREN-Ausgabe wird erörtert, was es mit der Aufwertung des Verräters Judas zum Lieblingsjünger Jesu auf sich hat (siehe S. 45); und der Schwerpunkt des Hefts liegt auf Carl Schmitt, dem notorischen «Kronjuristen des Dritten Reichs» und Rechts-Denker des Führerstaats, dessen Geist – oder Ungeist – über auffallend vielen aktuellen Debatten schwebt. Anders alsMarcion allerdings hat sich der katholische Nihilist Carl Schmitt auf die Seite des zürnenden und strafenden Rachegottes geschlagen, der durch Gesetz und Vergeltung herrschte. Schmitt gründete sein politisches und staatsrechtliches Denkgebäude auf ein starres Freund-Feind-Schema, das heute seineWirkungsmacht neu entfaltet, nicht nur in Bushs USA. Auch Jonathan Littell und Raoul Schrott könnte man, jeden auf seineWeise, als Irrlehrer bezeichnen. Beide haben für Verwirrung in nicht wenigen Köpfen gesorgt – Littell mit seinem bildungsstolzen Holocaust- Porno «DieWohlgesinnten» und Schrott mit seiner These von Homer, dem verschnittenen Schreiber aus Kilikien in assyrischen Diensten.Höchste Zeit, die Köpfe wieder zu entwirren. Lesen Sie, warum Littells Buch auf seine Art nicht minder haltlos ist als Schrotts Homer-Spekulation (siehe S. 50 und S. 76). Zum Glück gibt es auch positiveWiedergänger. Der japanische Holzschnitt-Meister Hiroshige feiert in der abendländischen Kunst ein Revival nach dem anderen – als Impressionist, als Anreger Vincent van Goghs und neuerdings alsMitbegründer desComics und desManga.Ein opulenter Pracht- und Prunkband huldigt Hiroshige (siehe S. 4). Unbeirrte Lektüren wünscht Ihre LITERATUREN-Redaktion
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Inhalt |
EDITORIAL
JAPANISCHE KUNST Ronald Düker Ein Impressionist aus Tokio WieMeister Hiroshige Vincent van Gogh die Augen geöffnet und den Comic mitbegründet hat
SCHWERPUNKT
CARL SCHMITT. EINE DEUTSCHE KARRIERE
Nazi-Jurist, Terror-Theoretiker, Rechts-Denker. Mit Beiträgen vonMicha Brumlik, Julia Encke, Friedrich Balke und Dieter Thomä
Micha Brumlik An den Quellen des Sauerlandes Carl Schmitt wird zunehmend wieder salonfähig. Christian Linders Biografie erledigt den Rechtslehrer auf die versöhnliche Tour || Julia Encke Zwischen Panzerschiffen Gretha Jünger versuchte zu vermitteln – zwischen Schmitt auf der einen Seite und Ernst Jünger auf der anderen || Friedrich Balke Mit diesem Staat ist kein Staat zu machen Der Jurist Ernst Forsthoff war SchmittsMusterschüler und Gesprächspartner.Und ein Vordenker der Biomacht || Dieter Thomä Ausflug in den Abgrund AuchMartin Heidegger wollte den «inneren Feind» vernichten. Ein neues Buch reduziert seine Philosophie auf die Nazi-Gesinnung | DAS KRIMINAL Ein grässliches Universum Franz Schuh erlebt den Weltuntergang im Interventionszentrum
BÜCHER DES MONATS MartinaMeister Yasmina Reza: Frühmorgens abends oder nachts Kurt Darsow Paul Collier: Die unterste Milliarde Helmut Böttiger Michael Kumpfmüller: Nachricht an alle Michael Jeismann Jan Philipp Reemtsma: Vertrauen und Gewalt Verena Auffermann Clemens Meyer: Die Nacht, die Lichter ThomasMacho E. Pagels, K. L. King: Evangelium des Verräters
JONATHAN LITTELL. EIN SCHLUSSWORT Sigrid Löffler «Die Wohlgesinnten» Ein Rückblick Jürg Altwegg «Jeder ist ein Deutscher» Jonathan Littells «Les Bienveillantes» als Apotheose der französischen Vergangenheitsbewältigung Moritz Baßler «Ich bin wie ihr!» Dieser Shoah-Roman scheitert monumental – an der Doppelbelastung als historischerWälzer und trashiger Atriden-Mythos
PORTRAIT René Aguigah Homo faber kann auch malochen Die «großen Erzählungen» sind nicht am Ende: Der Soziologe Richard Sennett beschreibt denMenschen als Handwerker
KINDERBÜCHER Britta Sebens Wenn der Tod als Erzähler kommt Zwei Jugendromane aus Australien erzählen davon, wie man sich durch Sprache retten kann
DAS JOURNAL Rezensionen neuer Bücher von Gina Nahai || Uzodinma Iweala || Lars Brandt ||Margriet deMoor || Jeremy Scahill Bildbände von TimWalker || Sebastião Salgado
SCHROTT UND SEIN HOMER Peter Jablonka Homer ist, wenn man trotzdem lacht Groß war derWirbel um Raoul Schrotts kilikischen Homer. Endlich rückt ein Fachmann diese Phantasien zurecht
DIE BEISEITE Sibylle Berg Sehnsucht nach Schlamperei und schlechten Büchern Der Frühling lässt nur dieseWahl: entweder die Selbstmordrate erhöhen, oder das Spiel da draußen mitmachen
KURZ & BÜNDIG Bücher von Lutz Seiler || Dennis DiClaudio || DirkMaxeiner, MichaelMiersch || Joachim Zelter || Hans J.Markowitsch, Werner Siefer ||Martha Gellhorn Bildbände von Jim Rakete ||Max Ernst
DAS MAGAZIN Mitten aus London || Kalender || Hörbücher || Jetzt als Taschenbuch ||Was liest John von Düffel? || Netzkarte || Literatur im Kino || Leserbriefe
IMPRESSUM
VORSCHAU, P. S., REGISTER
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Schwerpunkt |
An den Quellen des Sauerlandes
VON MICHA BRUMLIK
Ein Hauch von Inventur und Abschied durchweht die intellektuellen Interieurs der Bundesrepublik. Bestände werden gesichtet, genauer in Augenschein genommen sowie sicher, aber nicht unbedingt gut sichtbar, auf Dauer deponiert. Deutschland nimmt zu Beginn des 21. Jahrhunderts Abschied von jenen Geistern, die es im späten 19. und im frühen 20. Jahrhundert geprägt, gequält und aufgerüttelt haben. Davon zeugt schon die Fülle von Biografien, die allein im vergangenen Jahr erschienen sind: eindringliche, bestens dokumentierte Lebensbilder von Wilhelm Busch,Stefan George und Rudolf Augstein sowie je zwei von verschiedenen Autoren verfasste Biografien über Ernst Jünger und Alexander Mitscherlich. In allen Fällen handelt es sich um Männer, die ihre anfängliche Verachtung für den Rechtsstaat biografisch überwanden und zum Teil sogar zu Vorkämpfern einer demokratischen Kultur wurden. Ein westdeutscher AutorEin letztes Stück dieser unabdingbaren Trauerarbeit zu leisten,hat sich nun Christian Linder vorgenommen– ein vor allem in Nordrhein-Westfalen wirkender Autor, bisher vor allem ob seines Engagements in Sachen Heinrich Böll und Günter Wallraff bekannt. Linder, dem eine Verwurzelung im rheinischen Westen Deutschlands nachzusagen nichts Denunziatorisches hat, veröffentlicht soeben eine umfangreiche Studie zu Leben und Werk des Publizisten, Juristen und politischen Theoretikers Carl Schmitt (1888–1985), eines Autors, der den einen als Vordenker der nationalsozialistischen Judenvernichtung,den anderen jedoch als einer der tiefgründigsten und brillantesten Köpfe des 20. Jahrhunderts gilt. Schmitt wurde in Plettenberg im Sauerland geboren, um nach seinem akademischen Dienst an Judenvernichtung und Nationalsozialismus sowie dessen Niederlage dorthin zurückzukehren und daselbst hochbetagt, von Verfolgungswahn gequält, zu sterben. Dem Häuschen, das Schmitt dort bewohnte, gab er keinen anderen Namen als «San Casciano» – der Name des Gutes, in das sich Niccolò Machiavelli zurückgezogen hat, nachdem er in der Republik Florenz in Ungnade gefallen war. Sollte die späte Paranoia im hiermanifestierten Größenwahn eine ihrer Wurzeln haben? Für Christian Linder, selbst in Lüdenscheid geboren, gerät die Reise vom Rhein ins heimatliche Sauerland, über den Bahnhof von Finnentrop, zu einer eigentümlichen «Recherche du temps perdu», zu einer um Distanz, Verständnis und ein abgewogenes Urteil bemühten Erfahrung, die der Lösung eines Rätsels nach spürt, das womöglich längst gelöst ist. Das katholische Sauerland hat Deutschland nicht übermäßig bedeutende Politiker geschenkt: Heinrich Lübke, Friedrich Merz und Franz Müntefering. Die Spannbreite ihrer Eigenschaften reicht von tumber Provinzialität über forcierte Weltläufigkeit 12 bis hin zu so genannter Gradlinigkeit. Auch lässt sich der kulturelle Beitrag der Landschaft, der sie entstammen, gut überschauen: mundartliche Dichtungen und Erzählungen aus der Feder etwa Friedrich Wilhelm Grimmes (1827–1887) und Christine Kochs (1869–1951) entstehen hier, haben indes ihren regionalen Kontext nie überschreiten können. Als Ausnahme bleibt: Carl Schmitt, also jener Theoretiker, mit dem sich bis heute radikal gerierende, so genannte postmarxistische Politikwissenschaftler aufputzen, etwa die Belgierin Chantal Mouffe – und sei es nur deshalb, um den noch immer verachteten und gehassten «Liberalen» einen ordentlichen Schrecken einzujagen. In ihrem im vergangenen Jahr erschienenen Büchlein «Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion» (siehe LITERATUREN 6/2007) beschwört Mouffe auf beinahe jeder Seite Carl Schmitts Behauptung, das Wesen des Politischen bestehe in der Unterscheidung von Freund und Feind – um eine, wenn auch demokratisch gepufferte Lehre von politischer Konkurrenz zu propagieren. Dass Mouffe damit den Sauerländer einmal mehr zu dem macht, was er inzwischen wirklich geworden ist, nämlich zu einem politikwissenschaftlichen Kinderschreck, scheint ihr entgangen zu sein. Das Recht in Zeiten des TerrorsTatsächlich ist zu Carl Schmitt rein wissenschaftlich alles gesagt: zu seinen juristischen Doktrinen, seiner erbärmlichen Rolle im Nationalsozialismus, seinem brillanten Stil, seiner inneren Haltlosigkeit, seinempersönlich wie theoretisch tief, nein: zutiefst verwurzelten Judenhass sowie zu seiner Wirkungsgeschichte in der Bundesrepublik. Und dennoch ist Christian Linder, dem Reisenden ins Sauerland, teilweise zuzustimmen, wenn er schreibt,dass «kein Denker…zur Zeit so sehr Mann der Stunde» sei, «zitiert in Berlin wie in Zürich, in Peking wie in London, in Jerusalem wie in Moskau, in Bagdad wie, vor allem dort, in Washington». Amerika betreibt im Sinne der Freund-Feind-Theorie «gegenwärtig reinste Carl-Schmitt-Politik». Seit dem radikalislamistischen Mordanschlag auf Tausende Menschen am11. September 2001 und der daraus erwachsenden Notstandsgesetzgebung vor allem in den USA zieht ein dichotomes Freund-Feind-Denken im Rahmen des «War on Terror» auch in die Rechtspraxis parlamentarischer Demokratie nein: in Guantánamo Bay, außerhalb des Staatsgebiets der USA, ist das Wirklichkeit geworden, was man als einen vom Staat beherrschten, absolut rechtsfreien Raum bezeichnen könnte. Zudem haben die Folterkeller von Abu Ghraib gezeigt, dass auch der Leib von Menschen zu diesen rechtsfreien Räumen gehören kann. Die Unterstellung freilich, dass ausgerechnet die USA der Schmitt’schen Unterscheidung von Freund und Feind folgen, würde von dessen Adepten aus der Neuen Rechten heftigst bestritten. Sei doch gerade die von ihm getroffene Freund-Feind-Unterscheidung die einzige Basis einer letztlich respektvollen, gerade nicht auf dieVernichtung des Anderen zielenden Einstellung: der Feind als hostis justus. Dass diese immer wieder vorgebrachte Schutzbehauptung – zumindest im Hinblick auf die Juden und Schmitts entsprechende Botmäßigkeit im Nationalsozialismus – schlicht gelogen ist, hat trotz des wirrköpfigen und eitlen Philosophen Jacob Taubes (1923–1987), der sich selbst als «Erzjude» bezeichnete und geschmeichelt mit Schmitt diskutierte, der Historiker Raphael Gross in aller systematischen Sorgfalt aus den Quellen unwiderleglich nachgewiesen. Aber auch jenseits der Kreise der Neuen Rechten bleibt Deutschland von Debatten, über denen der Geist Carls Schmitts schwebt, nicht unberührt. Trotz der verfassungsgerichtlichen Zurückweisung eines Luftsicherheitsgesetzes, das den staatlichen Abschuss gekidnappter Flugzeuge mit Todesfolgen für unschuldige Passagiere in Kauf nehmen wollte, trotz der Ablehnung eines von der Sozialdemokratie vorgeschlagenen Staatsrechtslehrers als künftigem Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, misst die deutsche Jurisprudenz in Kommentaren und Entwürfen den Ernst- und Ausnahmefall aus. Sei es, dass der Strafrechtler Günther Jacobs ein nicht mehr dem Schutz der Menschenwürde unterliegendes «Feindstrafrecht» propagiert, sei es, dass die Grundgesetzkommentatoren Matthias Herdegen und Horst Dreier den Wert der Menschenwürde unter bestimmten Bedingungen zur «Abwägung» stellen wollen, sei es dass der Heidelberger Rechtslehrer Winfried Brugger die Folter legitimieren will – der Chor jener, die die universalistische Schutzpflicht des Grundgesetzes zugunsten aller Menschen in Zeiten des Terrors und brutaler Kriminalität aufweichen wollen, schwillt an. Auf Umwegen salonfähigDieser Tonfall ist neu – gleichwohl hat sich hierzulande noch kein Politiker direkt zu Carl Schmitt bekannt, es sei denn, dass etwa der Bundesinnenminister in gewundener Weise auf ein Buch verweist, das man in derlei Zusammenhängen bitte zur Kenntnis nehmen möge. Indem Schäuble überhaupt Otto Depenheuers 2007 erschienenes Buch «Selbstbehauptung des Rechtsstaates» in einem Interview mit der «Zeit» positiv ins Gespräch brachte, hat er als erstes Mitglied dieses Kabinetts das Denken Carl Schmitts indirekt salonfähig gemacht. Der von Schmitt geprägte Depenheuer räsoniert nicht nur über einen «Ausnahmezustand», sondern auch über ein «Bürgeropfer». Ansonsten wird man bis zu den nur spärlich dokumentierten Gesprächendes Krisenstabes der Bundesregierung nach der Entführung Schleyers und einer Lufthansa-Maschine zurückgehen müssen, um Reden vom Ausnahmezustand zu begegnen. Schmitts Namen selbst wird man dort nicht finden. Vor allem aber ist es ein Schüler Schmitts, der katholische Jurist Ernst Wolfgang Böckenförde, der von konservativen Politikern immer wieder gerne zitiert wird. Von Böckenförde stammt das nie begründete Diktum, dass die Demokratie von Voraussetzungen lebe,die sie selbst nicht schaffen könne.Warum soll das eigentlich stimmen? Zudem: ein Blick in die keineswegs nur modische, sondern höchst aktuelle Debatte politischer Philosophie der letzten Jahre zeigt – sogar, wenn man schlichtere Geister wie Chantal Mouffe nicht berücksichtigt –, dass Linder Recht hat. Weder Jacques Derrida noch vor allem Giorgio Agamben sind in ihrer Argumentation und Wirkung ohne das begriffliche Rüstzeug aus Schmitts Denken zu begreifen. Dabei teilen weder Derrida noch Agamben Schmitts politische und normative Ziele; sie lesen sein Werk symptomatologisch. Carl Schmitt – das ist seit Jahren der Tenor einer zunächst in Italien anhebenden, «linken» Lektüre – habe gleichsam wider Willen die Wahrheit über das Wesen des Politischen, jedenfalls unter kapitalistischen Bedingungen, ausgesprochen. Zumal Giorgio Agamben pflichtet Schmitt dort bei, wo es gegen die vermeintlichen Illusionendes Rechtspositivismus und gegen die Ideen einer diskursiven und deliberativen demokratischen Kultur geht. Auf dem Grunde und jenseits des Rechtszustandes, ihn überhaupt erst ermöglichend, existiere, so Agamben, der Ausnahmezustand,der sich geschichtsphilosophisch im Konzentrationslager konkretisiert: Ausdruck der Wahrheit politischer Organisation in der Moderne! Das Konzentrationslager als Einschluss des Ausschlusses von Menschen, die allenfalls als Träger eines animalischen, nicht jedoch eines bewusst geführten und respektierten Lebens vernutzt werden; so offenbart sich der biopolitische Kern aller Vergesellschaftung. Jacques Derrida wieder um hat sowohl in seiner «Politik der Freundschaft» als auch in seinem Buch über das Wesen von «Schurkenstaaten» Schmitt soweit Recht gegeben,dass gerade dort,wo es vermeintlich am unpolitischsten zugeht, die absolute, hyperpolitische Feindschaft ihre äußerste Zuspitzung erfahre. Ganz schlicht rassistischIndes ist eine systematische Debatte, wie sie Agamben und Derrida gerne führen würden, hierzulande dadurch behindert, dassman Carl Schmitt eben auch – sogar,wenn er dann und wann von der SS angefeindet wurde – als überzeugten Antisemiten und juristischen Wegbereiter eines rassistischen und mörderischen Unrechtsstaates nur allzu gut kennt.Carl Schmitt jedenfalls feierte den Nürnberger Parteitag der NSDAP von 1935, an dem die nationalsozialistischen Rassegesetze verkündet wurden, als «Reichsparteitag der Freiheit». «Nach den Gesetzen vom 15. September», so Schmitt, «sind deutsches Blut und deutsche Ehre Hauptbegriffe unseres Rechts. Der Staat ist jetzt ein Mittel der völkischen Kraft und Einheit. … Die Fundamente unserer völkischen Ordnung stehen jetzt fest: Das deutsche Volkmit seinem Führer als Staatsoberhaupt und oberstem Gerichtsherrn der Nation; der Orden der nationalsozialistischen Bewegung als der Hüter unserer Verfassung; die deutsche Wehrmacht mit dem Führer als oberstem Befehlshaber.» Carl Schmitt war schon immer ein Judenhasser, wie die von Christian Linder ausgiebig zitierten frühen Tagebücher zeigen, und er blieb es auch nach dem Krieg – erst die Gründung des Staates Israel mit der damit einhergehenden relativen «Normalisierung» der Juden schien seine Besessenheit abklingen zu lassen. Schmitts Antisemitismus, das zeigt zumal das 16 in den Jahren 1945 bis 1947 verfasste «Glossarium», war auch nicht, wie immer wieder vorgebracht, theologisch, sondern schlicht rassistisch grundiert: Ende September 1947 trägt der nun knapp Sechzigjährige ins Tagebuch ein, dass die «Juden immer Juden bleiben.Während der Kommunist sich bessern und ändern kann. Das hat nichts mit nordischer Rasse usw. zu tun. Gerade der assimilierte Jude ist der wahre Feind». Ein Rätsel, das keines istSo entsteht ein Rätsel, dessen Lösung Linders ganzes Buch durchzieht: Wie war es möglich, dass ein zweifelsohne kluger Kopf und brillanter Publizist, ein politischer Denker von Graden, von dem sich ganze Generationen nicht nur deutscher Juristen, Philosophen, Theologen und Politikwissenschaftler prägen und beeinflussen ließen, politisch die unerträglichste aller Optionen gewählt hatte, persönlich von durchschnittlichstem Opportunismus motiviert und lebensgeschichtlich von beispielloser Unwahrhaftigkeit war? Diese Unwahrhaftigkeit offenbarte sich etwa bei Schmitts Nürnberger Verhör durch Robert Kempner, als der Befragte auf Vorhaltungen zu seinen judenfeindlichen Äußerungen im juristischen Kontext darauf beharrte, sich nur fachlich geäußert zu haben, obwohl doch das in etwa gleichzeitig entstandene Glossarium das Gegenteil erweist. Christian Linder verschweigt an der cause scandaleuse dieses Lebens so gut wie nichts, und wer sich bisher mit Carl Schmitt nicht oder nicht ausführlich beschäftigt hat, wird mit seinem Buch und den darin überaus geschickt und ausführlich montierten Zitaten auf jenen Stand gebracht,der ein nicht nur oberflächlich informiertes Mitsprechen ermöglicht. Linder ist eben auch ein erfahrener Autor von Hörspielen, und sozeugt die Weise, wie er die Vielfalt widerstrebiger Stimmen von und über Schmitt zu einem spannenden Dialog fügt, von hohem technischen Können. Sein Buch ersetzt ganze Bibliotheken nur schwer zugänglicher Literatur. Indes: des Autors Ehrgeiz geht über das Verfassen eines gut lesbaren und lebendigen Sachbuchs weit hinaus. Die geschickt arrangierten, fiktiven Gerichtsszenen sowie die imaginären Spaziergänge mit Schmitt auf sauerländischen Höhen dienen auch einem Selbstklärungsprozess, einer Trauerarbeit, die sich in den Reigen der anfangs genannten biografischen Abschiede nahtlos einfügt. Freilich ist festzustellen, dass dieser Abschied, Linders Trauerarbeit, noch nicht das letzte Wort in der Sache sein kann: Zu sehr geht der Autor dem Objekt seines Interesses ein allerletztes Mal auf den Leim. Und zwar deshalb, weil Linder in geradezu obsessiver Weise Schmitts eigene Lebenslüge bekräftigt – die doch in der Behauptung bestand,dass es bei diesem Leben um ein tiefliegendes Geheimnis, ein «arcanum » gehe: «Im letzten Grund ist Schmitts Werk», so Linders Credo, «nichts anderes als Literatur mit all den in jeder Literatur verborgenen Geheimnissen und Dämonen, die die Texte, auch der darin enthaltenen unberechenbaren Gewalt, mit Spannung und nervöser Erwartung aufladen. Nur als solche Literatur, deren tief in der Person Schmitts liegende Entstehungsbedingungen im Dunkeln liegen…konnten diese Texte eine derart große Faszination und weltweite Wirkung entfalten.» Immerwieder übernimmt Linder diese Selbstdeutung Schmitts, «das Geheimnis seiner Person, das Schmitt selber Arcan umgenannt hat», und beschwört den «persönlichen Hintergrund seines Blicks auf die Welt, das Geheimnis seiner eigenen Person». Schmitt wurde, so legitimiert der Autor seine Bemühungen« zu einem der größten Rätsel der europäischen Geistesgeschichte». Ob Linder Schmitts Bekannten Hugo Ball anführt, der in dessen frühen Werken einen «geheimen unterirdischen Bauplan» erkannt haben will; ob er gegen Ende des Buchs behauptet, dass Schmitt «den tiefsten Blick in sein Arcanum verweigert und die letzte Konsequenz seiner Theorie nicht verraten» habe – stets wird ein Rest, eine unauflösliche Frage auch dann noch postuliert,wenn doch alle Antworten bereits gegeben sind. Dabei gibt Linder selbst Anworten: Anhand der spät edierten persönlichen Tagebücher Schmitts aus seinen jungen Jahren präpariert er das Bild eines haltlosen und innerlich unsicheren jungen Mannes heraus, der sich – sexuell verunsichert – intellektuell vom Nihilismus angewandelt sieht und sich im Lauf der Jahre in das institutionelle Korsett eines katholischen Glaubens flüchtet, welcher, wenn schon nicht Heilsgewissheit, so doch politische Stabilität sowie die dazu notwendigen Feindbilder anbietet. Ein nihilistischer GnostikerStärker noch als andere Autoren nimmt Linder Schmitts persönliche Religion ernst, identifiziert sie aber anhand des «Glossariums» als die Häresie von Dostojewskijs Großinquisitor, dem es nach Schmitts Worten darum ging, «die Wirkung Christi im sozialen und politischen Bereich unschädlich zu machen, das Christentum zu entanarchisieren, ihm aber im Hintergrunde eine gewisse legitimierende Wirkung zubelassen und jedenfalls nicht darauf zu verzichten. »Dasmacht Schmitt nach Linders Auffassung zu einem Marcioniten: also zu einem Anhänger Marcions, jener kirchengeschichtlich bedeutsamen Gestalt aus dem frühen zweiten Jahrhundert, die den Schöpfergott des Alten Testaments scharf vom Erlösergott des Neuen Testaments unterschied und jenen sowie dessen Schöpfung gar für den Inbegriff des Bösen hielt. Indem Linder zeigt, dass Schmitt in seiner «Politischen Theologie II» eine unüberbrückbare Feindschaft zwischen einem welt-fremden Gott der Liebe und einem all wissenden und allgütigen Schöpfergott ansetzt, sieht er ihn auf der Seite des dreieinig gedachten Schöpfergottes. Wie aber kommt es dann zu der eigentümlich apodiktischen Behauptung: «Schmitt war Gnostiker»? Ein Gnostiker, so ließe sich ergänzen, der sich willentlich und bewusst gegen den Gott der Erlösung auf die Seite des Demiurgen, des Herrn der gefallenen Welt, schlug. Wenn dem tatsächlich sowäre, Schmitt also nicht als Autor der «eigentlichen katholischen Verschärfung», sondern als ein im Glauben geradezu antichristlicher, die Hülle des Christentums nur aus Herrschaftsinteressen nutzender Theoretiker zu gelten hätte, wäre das Rätsel gelöst und das Geheimnis offenbart: Auf dem Grunde von Schmitts ganzer Existenz, zu der seine Theorie unablösbar gehört, waltet das Nichts, ein Nihilismus,der immer schon in Gestalt des juristischen und politischen Dezisionismus bereit war, alle christlich-humanistischen Ideen entschlossen über Bord zu werfen. Gibt es aber ein Geheimnis hinter diesemnun aufgedeckten Geheimnis? Und vor allem: war Schmitt in diesem Sinne tatsächlich ein (nihilistischer) Gnostiker – wo doch die historischen Gnostiker nach eigener Überzeugung alles andere als nihilistisch waren? Auf jeden Fall lehnte Schmitt 1947 jedes Warten auf einen anderen, einen besseren Zustand ab, was ihn nicht eben zu einem Gnostiker, sondern zu einem kräftigen Bejaher des Gegebenen werden ließ, der 1947 so weit ging, jedes Warten auf bessere Zustände schon als «Verjudung» zu bezeichnen. Schmitt erscheint daher als jemand,der erkannt hat, dass die Welt grundsätzlich heillos ist und entpuppt sich in dieser Hinsicht als ein Gnostiker,der indes die Hoffnung auf eine Errettung aus dieser Heillosigkeit längst aufgegeben hat – so weit offenbart er sich tatsächlich als Nihilist. Allerdings doch als ein christlicher Nihilist, dessen ganzes Werk sich in Linders Augenum jene drei Mächte dreht, die auch Dostojewskijs Großinquisitor benannt habe: das Wunder (weltlich gesagt: der Ausnahmezustand), das Geheimnis sowie die Autorität (das heißt die letztlich grundlose Souveränität). Versöhnung in der ProvinzLinder,der das vermeintliche Geheimnis längst gelöst hat, umkreist es gleich wohl weiter. So belässt er der ihm allen Anfechtungen zum Trotz liebgewordenen Gestalt einen Rest seiner Faszination und versöhnt sich mit ihm. Am Ende – es handelt sich wirklich um einen Fall von Trauerarbeit – tritt Linder mit Niklas Frank an Schmitts offenen Sarg und überlässt dem Sohn des in Nürnberg hingerichteten Hans Frank, der wähnte, Schmitts natürlicher Sohn zu sein,das letzte, nein,das vorletzte Wort seines Buchs: «Nie hab ich ihn gesehen, lebend nicht, jetzt will ich ihn wenigstens einmal berühren.» Linder selbst schließt sein auf den Haupttext folgendes, kurzes persönliches Nachwort, als ob er dem Verstand seiner Leser nicht traute: Er klärt über seine Montagen auf und verweist, mit einem innigen Bekenntnis zum Sauerland, das auch seine eigene Heimat ist, auf ein Grundgefühl, das er mit Schmitt, jenem« Vordenker der Vernichtung» (Friedrich Balke) teilt. Dieses Grundgefühl findet seinen Ausdruck in der allerletzten Zeile, einer Zeile von Schmitts Lieblingsdichter Theodor Däubler: «Der Ozean ist frei und freier noch sind Quellen.» Soendetdies lesenswerte Buch in einer Versöhnung: Wenn der Ozean das Medium der von Schmitt geradezu metaphysisch bekämpften Händler und Angelsachsen, wenn nicht gar der Juden war, so gehört das Wasser der Quellen doch jenen Hügeln und Landschaften zwischen «Landtrassen und Feld-, Wiesen-und Waldwegen zwischen Plettenberg, Pasel und Finnentrop, Neuenrade, Affelnund Attendorn, Sorpesee, Öster- und Versetalsperre, Ebbeund Lennegebirge», kurz:dem Sauerland an. Diese Landschaftmit «Freiheit» in Verbindung zu bringen,verweist auf den hohen Preis, den eine vermeintlich gereifte Versöhnung mit den menschen feindlichen Traditionen der deutschen Kultur erfordert: Provinzialität und Regression. 1MICHA BRUMLIK lehrt Erziehungswissenschaft an der Goethe- Universität Frankfurt am Main. Zuletzt erschienen seine «Kritik des Zionismus» und «Sigmund Freud. Der Denker 18 des 20. Jahrhunderts»
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Portrait |
Homofaber kann auch malochen Richard Sennett schreibt eine große Erzählung über den Menschen als «Handwerker». Eine Begegnung mit dem amerikanischen Soziologen VON RENÉ AGUIGAH Der modernen Wissenschaft wird, wie der modernen Literatur, gern vorgeworfen, sie verweigere den Kontakt mit der Wirklichkeit da draußen, beziehe sich nur auf sich selbst und verstecke sich im Elfenbeinturm. Ob das neue Buch des Soziologen Richard Sennett eher der Wissenschaft oder der Literatur zuzuordnen ist, ist schwer zu sagen; sicher ist es eine große Erzählung vom Menschen als Handwerker. Als Sennett sein Buch vor kurzem im Hamburger Literaturhaus präsentierte – in einer prachtvollen Villa an der Außenalster,diemit ihrer klassizistischen Fassade und den schweren Kronleuchtern zumindest äußerlich etwas von einem Elfenbeinturm hat –, da platzte die Wirklichkeit auf die schönste Weise herein, die sich denken lässt. Sennett trug seine Thesen im bis auf den letzten Platz besetzten Haus vor, erklärte, warum die Hand ein intelligentes Organist, führte aus, inwieferndas englische Wort «craft» einweiteres Bedeutungsspektrum abdeckt als das deutsche «Handwerk», warb für die Ansicht,dass in jedem Menschen ein guter Handwerker steckt. Und gegen Ende meldet sich, links hinten im Saal, ein blonder junger Mann, der schon durch seine Kluft auffällt: dunkler Hutmit breiter Krempe (den er später «Deckel» nennen wird), grobe, schwarze Schlaghose, Weste und Jackett über weißem Hemd. Ein zünftiger Geselle auf der Walz, ein wandernder Bootsbauer. Er stellt die Frage nach der praktischen Anwendung des Ganzen. Richard Sennett greift den Einwurf dankbar auf. Er referiert über Wissensvermittlung in der Schule und am Arbeitsplatz, beklagt, dass hier wie dort überwiegend «Verfahren » vermittelt und abgefragtwürden – besser wäre es, langfristige «Fertigkeiten» einzuüben. Ob der Zuhörer sich ganz verstanden fühlt, bleibt unklar; jedenfalls stecken die beiden noch nach der Veranstaltung zusammen. Der eine erklärt dem anderen die Voraussetzungen für die Gesellen-Wanderjahre in Deutschland: «Man muss seine Prüfung bestanden haben, unverheiratet und kinderlos sein, man darf keine Schulden haben.» Und Sennett erzählt dem jungen Bootsbauer, wie er selbst gelegentlich segelt. «Ich trage das Buch seit den 60er Jahren in mir» Dass der amerikanische Professor und der deutsche Geselle, der Theoretiker und der Praktiker, einander begegneten, ohne aneinander vorbeizureden, ist nicht uninteressant, weil Richard Sennettsmonumentalem «Handwerk»- Essay seit seinem Erscheinen, neben großer Bewunderung, gelegentlich eben der Elfenbeinturm-Vorwurf entgegenschlägt. Eine Zuhörerinin Hamburg meinte, Sennettwürde die «echten Handwerker» geringschätzen. Der Soziologe Wolfgang Sofsky warf Sennett in der «Literarischen Welt» vor, dass dieser den ökonomischen Zweck von Arbeit ebenso ausblende wie die Plackerei, die sie darstelle: «Romantische Realitätsverluste». Und Mathias Greffrath vermisste in der «Zeit» eine Antwort auf die Frage, wie die «radikale emanzipatorische Herausforderung» heute zu bewältigen sei, etwa für die Beschäftigten am Band bei BMW: «Seltsam,wie einem Soziologen die Gesellschaft aus dem Blick geraten kann.» Seltsam aber auch, dass dieser Einwand gegen eine Studie erhoben wird, die vor konkreten Details aus der Realität beinahe zu bersten scheint. Der Grundgedanke des Buches ist einfach: Sennett versteht unter «Handwerk» nicht nur Zimmern, Schmieden, Tischlern, Töpfern, Backen oder Frisieren, sondern er löst es aus seinem zünftigen Rahmen und definiert es über ein Ethos: «eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen». Daher gelten ihm auch Laborarbeiter, Musiker oder Computerprogrammierer als Handwerker, am Ende sogar Philosophen.Wer sich auf diese Begriffserweiterung nicht einlässt, verfehlt die Idee – und würde eine Menge verpassen: Richard Sennetts «Handwerk» ist ein ebenso inspirierter wie inspirierender Entwurf vom Menschen; er strotzt vor Materialfülle und ist dabei ebenso elegant komponiert wie formuliert. Zwei Anbauten an dieses Principal Work hat der Autor schon angekündigt: einen Band über «Krieger und Priester» und einen weiteren namens «Der Fremde». Wie lange er an dem Buch gearbeitet hat?Auf diese Frage hat Sennett im Gespräch schnell eine Antwort: «Ich trage das Buch seit Mitte der sechziger Jahre in mir», sagt er, «seit der Zeit, als ich aufhören musste, Cello zu spielen.» Richard Sennett – 1943 in Chicago als Kind russischer Einwanderer geboren – war Musiker, bevor er Wissenschaftler wurde. Er trat mit Erfolg auf und komponierte. Erst eine verpfuschte Operationan der Hand beendete die vielversprechende Karriere als Cellist. «Seitdem denke ich darüber nach, wie die Arbeit als Musiker und die Arbeit an der Universität miteinander zusammenhängen.» Heute lehrt Sennett, der in beiden Amerikas ein ebenso begehrter Intellektueller ist wie in Euopa oder Asien, in New York und an der «London School of Economics» Soziologie. Der Mensch als bloßes Lasttier Dass sein neues Buch kein rein soziologisches ist, dass es auf eine letztlich philosophische Anthropologie zielt, wird schon auf den ersten Seiten deutlich. Der Prolog rückt alles Folgende in diese Perspektive, indem er Hannah Arendts Gegenüberstellung vom Menschen als Homo faber und als Animal laborans zitiert: vom herstellenden, denkenden Wesen einerseits und andererseits dem menschlichen Tier, das nur auf Existenzsicherung durch Arbeit aus ist. Arendt bedauerte den «Sieg des Animal laborans» in der Moderne (in ihrem Hauptwerk «The Human Condition»/«Vita activa», 1958). Richard Sennett tritt ein halbes Jahrhundert später an, das vermeintlich bloße «Lasttier» und dessen «Routinetätigkeiten» zu rehabilitieren – oder genauer: die beiden Seiten der Arendt’schen Unterscheidung miteinander zu versöhnen. «Auch das menschliche Tier, das uns als Animal laborans entgegentritt, kann denken», schreibt Sennett. Umgekehrt könnte man sagen: Auch der sich selbst erschaffende und politisch handelnde Homo faber kann malochen. In den einfachsten Tätigkeiten, so Sennetts Annahme, steckt eine spezifisch menschliche Intelligenz. Diese wolle er schon auf der Ebene analysieren, auf der sie sich vollziehen, in flagranti gewissermaßen, nicht erst nach getaner Arbeit; und zwar deshalb, weil die Ergebnisse menschlicher Erfindungskunst und Arbeit aller Erfahrung nach zerstörerische Wirkung habenkönnen.Umden Menschen aber als Einheit von Homo faber und Animal laborans zu erfassen, müsse man auch «auf die Eigenschaften der Bekleidung oder die richtige Zubereitung von pochiertem Fisch achten». In diesem Blick auf die konkreten Dinge besteht Sennetts «kultureller Materialismus». Und man ahnt, womit seine Kritiker rechnen, wenn sie Auskunft etwa über die Erwerbsbedingungen von Arbeit erwarten: mit einer Neuauflage des ökonomischen Materialismus. Diese Erwartung löst das Buch tatsächlich nicht ein – weil es sie nicht verspricht. Das untergegangene Wissen des Stradivari Was auf den Prolog folgt, hat mit hergebrachter Philosophie auf den ersten Blick nicht viel zu tun.Denn das Material, das Sennett bearbeitet, kennt ebenso wie dieWerkzeuge, die er benutzt, keine Grenzen der Zunft. Schon seinen Überlegungen zum Homo faber hat er die Formeiner schlichten Anekdote gegeben: «Kurz nach der Kubakrise im Jahre 1962, als dieWelt am Rande eines Atomkriegs stand, traf ich zufällig meine Lehrerin Hannah Arendt auf der Straße. » Das erste Kapitel eröffnet er, wie ein Filmregisseur, mit kurzen Einstellungen auf drei verschiedene Werkstätten: «Wir schauen durch das Fenster einer Schreinerei und sehen einen älteren Mann, umgeben von seinen Gesellen und seinen Werkzeugen. Es herrscht Ordnung. Zwischen Schraubzwingen trocknen sauber verleimte Teile von Stühlen, der frische Duft von Sägespänen erfüllt die Luft…» Dann lässt er Hephaistos, den einzigen Handwerker unter den olympischen Göttern, auf die Programmierer von frei zugänglicher Software wie Linux treffen – um zu zeigen, dass die archaische Idee, manuelle Fertigkeiten mit Gemeinschaftsgeist zu verknüpfen, noch heute lebt. Allerdings nur selten: im Allgemeinen ist handwerkliches Können in der real existierenden Arbeitswelt der Gegenwart dem Problem ausgesetzt, dass es oft nicht gelingt, Menschen zu motivieren, gute Arbeit zu leisten; außerdem scheint die moderne Trennung von Kopf- und Handarbeit unüberwindlich; und drittens ringen heute widerstreitende Qualitätsmaßstäbe miteinander, Perfektionismus steht gegen Praktikabilität. Drei Probleme, die Sennett illustriert, indem er Daten über das britische Gesundheitswesen interpretiert, Erfahrungsberichte über computergestützte Architektur untersucht oder davon erzählt,wie «ich 1988 zusammen mit meiner Frau das kommunistische Imperium besuchte». Kurz gesagt, Sennett macht sich auf zu philosophischerErkenntnis, indem er unterschiedlichstes Material zu einem Text verwebt: Abhandlungen und Quellen aus allen Gattungen und Epochen, sozialwissenschaftlich erhobene Daten, eigene Erlebnisse. Hier steht nicht These neben These neben These, sondern jeder einzelne Gedanke ist unmittelbar mit Anschauung verknüpft; ohne Zweifel ist es diesem Denk-Stil zu verdanken, dass Sennett, spätestens seit seinem Meisterwerk «Fleisch und Stein.Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation » (1994), ein so großes Publikum auch außerhalb der akademischenWelt hat. In «Handwerk» führt er seine Leser durch die mittelalterlicheWerkstatt eines Goldschmieds (wenn er Lernen als Nachahmung behandelt) oder durch die Geigenbauer-Werkstatt des großen Stradivari (um das arkane Wissen zu beschreiben, das mit dem Meister starb). Sennett schreibt eine «Erzählung des Töpfers »und eine «Erzählung des Ziegelmachers», um zu schildern, wie sich das Bewusstsein der Handwerker von ihrem Material seit der Antike gewandelt hat. Und wenn er plausibel machen will, dass die Hand ein intelligentes Organ ist, weidet er nicht nur die biologisch-anthropologische Literatur aus, sondern erklärt auch, wie Kinder, wenn sie ein Streichinstrument lernen, sich allmählich auf dem Griffbrett orientieren. Ein Sachbuch mit Rahmenhandlung Bei der Lesung im Hamburger Literaturhaus prallt Sennetts Kommentar zu Hannah Arendt unmittelbar auf eine seiner eindrucksvollsten Analysen: Wie übt ein Jazzpianist, wenn er versucht, seine unterschiedlich starken Hände mit einander zu koordinieren? «Sie mögen denken, die beiden Texte entstammten zwei unterschiedlichen Büchern», sagt Sennett und lächelt gewinnend ins Publikum. «Doch es ist nicht schwierig, die Verbindung herzustellen: Es geht überall in diesem Buch um die Frage, wie wir Dinge möglichst gut machen können.Wie werden wir besser in dem, was wir tun?» Und direkter als im Buch nimmt Sennett im Gespräch verschiedene Abzweige, die von dieser Frage aus möglich sind. «Man braucht Wiederholung und Vertiefung, um gut in einer Sache zu werden. Immer wieder stöß tman darauf,dass 10.000 Stunden Übung nötig sind, um eine Tätigkeit zu vervollkommnen», erklärt er beispielsweise. Oder: «Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, seine zwei voneinander unabhängigen Hände miteinander zusammenarbeiten zu lassen, kann von dieser Erfahrung profitieren, wenn es auf gesellschaftlicher Ebene darum geht, Zusammenarbeit zu organisieren. »Oder allgemeiner: «Ein guter ‹Handwerker› wird mit größerer Wahrscheinlichkeit auch ein guter Staatsbürger sein.Wer gut zu arbeiten lernt, kann auch sich selbst regieren.» Eine gewagte These – deren hoffnungsvollen ethisch-politischen Impuls Sennett mit Aufklärern wie Diderot teilt.Widrige reale Arbeitsbedingungen (wie Sennett sie etwa in «Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus», 1998) untersucht hat, Arbeit als Geldverdienen oder systematisch schlechte Arbeitsergebnisse kommen in der Perspektive von «Handwerk» allenfalls indirekt in den Blick. «Die Reduzierung von Arbeit auf Erwerb ist eine typische Mittelstands-Idee», sagt er im Gespräch.«Meine Interviewsmit schlecht ausgebildeten schwarzen Hilfsarbeitern haben vor allem ergeben, dass diese Leute sich Aus- oder Fortbildung wünschen, um mehr Selbstachtung zu gewinnen und um so von anderen besser behandelt zu werden.» Es gibt – neben der Frage, wie wir in jeder Hinsicht «besser werden» – noch eine weitere Ebene, die das Buch zusammenhält: die sonore Erzählstimme, die, vergleichbar dem allwissenden Erzähler in der Literatur, souverän über das so reiche, verschiedenartige Material verfügt. Ein Erzähler, der seine innige Verbindung zum Autor nicht verleugnet, der das Tempo anzieht oder verlangsamt, der mal skizzenhaft, dann wieder in feinsten Schattierungen schildert oder analysiert. Man könnte in diesem Sachbuch sogar von einer Art Rahmenhandlung sprechen, in der der Autor-Erzähler seine eigene Position reflektiert. Denn nachdem Sennett im Prolog eine genealogische Linie von sich selbst über Hannah Arendt bis zu deren Lehrer Martin Heidegger gezogen hat, stellt er sich zum Schluss neben Richard Rorty und Richard Bernstein, zwei Exponenten des amerikanischen Neopragmatismus–Denker, beidenen es nicht schwerfällt, sie sich, wie Sennett, in einer «philosophischen Werkstatt» vorzustellen. Selbstverständlich entspringt dieses Buch der wissenschaftlichen Arbeit seines Autors. Doch «Handwerk» zehrt auchvon der Kraft der Literatur: eine «große Erzählung» – durchaus im Sinne Jean-François Lyotards, der mit diesem Wortphilosophischen Systemen, die auf umfassendes Verstehen zielen und auf Einheitsbegriffe zurückgreifen, ihr entscheidendes Quäntchen Fiktion zurückgab. Doch während Lyotard in den siebziger Jahren das «Ende» der großen Erzählungen gekommen sah, beweist Richard Sennett – ähnlich wie etwa Peter Sloterdijk in Deutschland –, dass das Bedürfnis nach globalen Deutungen der Conditio humana nicht gestillt ist.Man mag behaupten, dass diese jüngste Form der spekulativen Philosophie dies oder jenes ausblende; auch, dass die eine oder andere These zu steil ausfalle. Aber der Faszination an der Architektur dieses Gedankengebäudes wird man sich nicht entziehen können. |
Richard Sennett Handwerk Übersetzt von Michael Bischoff Berlin Verlag, Januar 2008 gebunden - 480 Seiten, 22,00 ¤
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 | Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus Aus dem Amerikanischen von Martin Richter. Berliner Taschenbuch Verlag, Berlin 2006. 224 S., 8,90 ¤ |
Richard Sennett Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus Übersetzt von Linda Meissner Suhrkamp Verlag KG, April 1997 kartoniert - 522 Seiten, 15,00 ¤
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