Homofaber kann auch malochen Richard Sennett schreibt eine große Erzählung über den Menschen als «Handwerker». Eine Begegnung mit dem amerikanischen Soziologen
VON RENÉ AGUIGAH Der modernen Wissenschaft wird, wie der modernen Literatur, gern vorgeworfen, sie verweigere den Kontakt mit der Wirklichkeit da draußen, beziehe sich nur auf sich selbst und verstecke sich im Elfenbeinturm. Ob das neue Buch des Soziologen Richard Sennett eher der Wissenschaft oder der Literatur zuzuordnen ist, ist schwer zu sagen; sicher ist es eine große Erzählung vom Menschen als Handwerker. Als Sennett sein Buch vor kurzem im Hamburger Literaturhaus präsentierte – in einer prachtvollen Villa an der Außenalster,diemit ihrer klassizistischen Fassade und den schweren Kronleuchtern zumindest äußerlich etwas von einem Elfenbeinturm hat –, da platzte die Wirklichkeit auf die schönste Weise herein, die sich denken lässt. Sennett trug seine Thesen im bis auf den letzten Platz besetzten Haus vor, erklärte, warum die Hand ein intelligentes Organist, führte aus, inwieferndas englische Wort «craft» einweiteres Bedeutungsspektrum abdeckt als das deutsche «Handwerk», warb für die Ansicht,dass in jedem Menschen ein guter Handwerker steckt. Und gegen Ende meldet sich, links hinten im Saal, ein blonder junger Mann, der schon durch seine Kluft auffällt: dunkler Hutmit breiter Krempe (den er später «Deckel» nennen wird), grobe, schwarze Schlaghose, Weste und Jackett über weißem Hemd. Ein zünftiger Geselle auf der Walz, ein wandernder Bootsbauer. Er stellt die Frage nach der praktischen Anwendung des Ganzen. Richard Sennett greift den Einwurf dankbar auf. Er referiert über Wissensvermittlung in der Schule und am Arbeitsplatz, beklagt, dass hier wie dort überwiegend «Verfahren » vermittelt und abgefragtwürden – besser wäre es, langfristige «Fertigkeiten» einzuüben. Ob der Zuhörer sich ganz verstanden fühlt, bleibt unklar; jedenfalls stecken die beiden noch nach der Veranstaltung zusammen. Der eine erklärt dem anderen die Voraussetzungen für die Gesellen-Wanderjahre in Deutschland: «Man muss seine Prüfung bestanden haben, unverheiratet und kinderlos sein, man darf keine Schulden haben.» Und Sennett erzählt dem jungen Bootsbauer, wie er selbst gelegentlich segelt.
«Ich trage das Buch seit den 60er Jahren in mir» Dass der amerikanische Professor und der deutsche Geselle, der Theoretiker und der Praktiker, einander begegneten, ohne aneinander vorbeizureden, ist nicht uninteressant, weil Richard Sennettsmonumentalem «Handwerk»- Essay seit seinem Erscheinen, neben großer Bewunderung, gelegentlich eben der Elfenbeinturm-Vorwurf entgegenschlägt. Eine Zuhörerinin Hamburg meinte, Sennettwürde die «echten Handwerker» geringschätzen. Der Soziologe Wolfgang Sofsky warf Sennett in der «Literarischen Welt» vor, dass dieser den ökonomischen Zweck von Arbeit ebenso ausblende wie die Plackerei, die sie darstelle: «Romantische Realitätsverluste». Und Mathias Greffrath vermisste in der «Zeit» eine Antwort auf die Frage, wie die «radikale emanzipatorische Herausforderung» heute zu bewältigen sei, etwa für die Beschäftigten am Band bei BMW: «Seltsam,wie einem Soziologen die Gesellschaft aus dem Blick geraten kann.» Seltsam aber auch, dass dieser Einwand gegen eine Studie erhoben wird, die vor konkreten Details aus der Realität beinahe zu bersten scheint.
Der Grundgedanke des Buches ist einfach: Sennett versteht unter «Handwerk» nicht nur Zimmern, Schmieden, Tischlern, Töpfern, Backen oder Frisieren, sondern er löst es aus seinem zünftigen Rahmen und definiert es über ein Ethos: «eine Arbeit um ihrer selbst willen gut zu machen». Daher gelten ihm auch Laborarbeiter, Musiker oder Computerprogrammierer als Handwerker, am Ende sogar Philosophen.Wer sich auf diese Begriffserweiterung nicht einlässt, verfehlt die Idee – und würde eine Menge verpassen: Richard Sennetts «Handwerk» ist ein ebenso inspirierter wie inspirierender Entwurf vom Menschen; er strotzt vor Materialfülle und ist dabei ebenso elegant komponiert wie formuliert. Zwei Anbauten an dieses Principal Work hat der Autor schon angekündigt: einen Band über «Krieger und Priester» und einen weiteren namens «Der Fremde».
Wie lange er an dem Buch gearbeitet hat?Auf diese Frage hat Sennett im Gespräch schnell eine Antwort: «Ich trage das Buch seit Mitte der sechziger Jahre in mir», sagt er, «seit der Zeit, als ich aufhören musste, Cello zu spielen.» Richard Sennett – 1943 in Chicago als Kind russischer Einwanderer geboren – war Musiker, bevor er Wissenschaftler wurde. Er trat mit Erfolg auf und komponierte. Erst eine verpfuschte Operationan der Hand beendete die vielversprechende Karriere als Cellist. «Seitdem denke ich darüber nach, wie die Arbeit als Musiker und die Arbeit an der Universität miteinander zusammenhängen.» Heute lehrt Sennett, der in beiden Amerikas ein ebenso begehrter Intellektueller ist wie in Euopa oder Asien, in New York und an der «London School of Economics» Soziologie.
Der Mensch als bloßes Lasttier Dass sein neues Buch kein rein soziologisches ist, dass es auf eine letztlich philosophische Anthropologie zielt, wird schon auf den ersten Seiten deutlich. Der Prolog rückt alles Folgende in diese Perspektive, indem er Hannah Arendts Gegenüberstellung vom Menschen als Homo faber und als Animal laborans zitiert: vom herstellenden, denkenden Wesen einerseits und andererseits dem menschlichen Tier, das nur auf Existenzsicherung durch Arbeit aus ist. Arendt bedauerte den «Sieg des Animal laborans» in der Moderne (in ihrem Hauptwerk «The Human Condition»/«Vita activa», 1958). Richard Sennett tritt ein halbes Jahrhundert später an, das vermeintlich bloße «Lasttier» und dessen «Routinetätigkeiten» zu rehabilitieren – oder genauer: die beiden Seiten der Arendt’schen Unterscheidung miteinander zu versöhnen. «Auch das menschliche Tier, das uns als Animal laborans entgegentritt, kann denken», schreibt Sennett. Umgekehrt könnte man sagen: Auch der sich selbst erschaffende und politisch handelnde Homo faber kann malochen.
In den einfachsten Tätigkeiten, so Sennetts Annahme, steckt eine spezifisch menschliche Intelligenz. Diese wolle er schon auf der Ebene analysieren, auf der sie sich vollziehen, in flagranti gewissermaßen, nicht erst nach getaner Arbeit; und zwar deshalb, weil die Ergebnisse menschlicher Erfindungskunst und Arbeit aller Erfahrung nach zerstörerische Wirkung habenkönnen.Umden Menschen aber als Einheit von Homo faber und Animal laborans zu erfassen, müsse man auch «auf die Eigenschaften der Bekleidung oder die richtige Zubereitung von pochiertem Fisch achten». In diesem Blick auf die konkreten Dinge besteht Sennetts «kultureller Materialismus». Und man ahnt, womit seine Kritiker rechnen, wenn sie Auskunft etwa über die Erwerbsbedingungen von Arbeit erwarten: mit einer Neuauflage des ökonomischen Materialismus. Diese Erwartung löst das Buch tatsächlich nicht ein – weil es sie nicht verspricht.
Das untergegangene Wissen des Stradivari Was auf den Prolog folgt, hat mit hergebrachter Philosophie auf den ersten Blick nicht viel zu tun.Denn das Material, das Sennett bearbeitet, kennt ebenso wie dieWerkzeuge, die er benutzt, keine Grenzen der Zunft. Schon seinen Überlegungen zum Homo faber hat er die Formeiner schlichten Anekdote gegeben: «Kurz nach der Kubakrise im Jahre 1962, als dieWelt am Rande eines Atomkriegs stand, traf ich zufällig meine Lehrerin Hannah Arendt auf der Straße. » Das erste Kapitel eröffnet er, wie ein Filmregisseur, mit kurzen Einstellungen auf drei verschiedene Werkstätten: «Wir schauen durch das Fenster einer Schreinerei und sehen einen älteren Mann, umgeben von seinen Gesellen und seinen Werkzeugen. Es herrscht Ordnung. Zwischen Schraubzwingen trocknen sauber verleimte Teile von Stühlen, der frische Duft von Sägespänen erfüllt die Luft…»
Dann lässt er Hephaistos, den einzigen Handwerker unter den olympischen Göttern, auf die Programmierer von frei zugänglicher Software wie Linux treffen – um zu zeigen, dass die archaische Idee, manuelle Fertigkeiten mit Gemeinschaftsgeist zu verknüpfen, noch heute lebt. Allerdings nur selten: im Allgemeinen ist handwerkliches Können in der real existierenden Arbeitswelt der Gegenwart dem Problem ausgesetzt, dass es oft nicht gelingt, Menschen zu motivieren, gute Arbeit zu leisten; außerdem scheint die moderne Trennung von Kopf- und Handarbeit unüberwindlich; und drittens ringen heute widerstreitende Qualitätsmaßstäbe miteinander, Perfektionismus steht gegen Praktikabilität. Drei Probleme, die Sennett illustriert, indem er Daten über das britische Gesundheitswesen interpretiert, Erfahrungsberichte über computergestützte Architektur untersucht oder davon erzählt,wie «ich 1988 zusammen mit meiner Frau das kommunistische Imperium besuchte».
Kurz gesagt, Sennett macht sich auf zu philosophischerErkenntnis, indem er unterschiedlichstes Material zu einem Text verwebt: Abhandlungen und Quellen aus allen Gattungen und Epochen, sozialwissenschaftlich erhobene Daten, eigene Erlebnisse. Hier steht nicht These neben These neben These, sondern jeder einzelne Gedanke ist unmittelbar mit Anschauung verknüpft; ohne Zweifel ist es diesem Denk-Stil zu verdanken, dass Sennett, spätestens seit seinem Meisterwerk «Fleisch und Stein.Der Körper und die Stadt in der westlichen Zivilisation » (1994), ein so großes Publikum auch außerhalb der akademischenWelt hat. In «Handwerk» führt er seine Leser durch die mittelalterlicheWerkstatt eines Goldschmieds (wenn er Lernen als Nachahmung behandelt) oder durch die Geigenbauer-Werkstatt des großen Stradivari (um das arkane Wissen zu beschreiben, das mit dem Meister starb). Sennett schreibt eine «Erzählung des Töpfers »und eine «Erzählung des Ziegelmachers», um zu schildern, wie sich das Bewusstsein der Handwerker von ihrem Material seit der Antike gewandelt hat. Und wenn er plausibel machen will, dass die Hand ein intelligentes Organ ist, weidet er nicht nur die biologisch-anthropologische Literatur aus, sondern erklärt auch, wie Kinder, wenn sie ein Streichinstrument lernen, sich allmählich auf dem Griffbrett orientieren.
Ein Sachbuch mit Rahmenhandlung Bei der Lesung im Hamburger Literaturhaus prallt Sennetts Kommentar zu Hannah Arendt unmittelbar auf eine seiner eindrucksvollsten Analysen: Wie übt ein Jazzpianist, wenn er versucht, seine unterschiedlich starken Hände mit einander zu koordinieren? «Sie mögen denken, die beiden Texte entstammten zwei unterschiedlichen Büchern», sagt Sennett und lächelt gewinnend ins Publikum. «Doch es ist nicht schwierig, die Verbindung herzustellen: Es geht überall in diesem Buch um die Frage, wie wir Dinge möglichst gut machen können.Wie werden wir besser in dem, was wir tun?»
Und direkter als im Buch nimmt Sennett im Gespräch verschiedene Abzweige, die von dieser Frage aus möglich sind. «Man braucht Wiederholung und Vertiefung, um gut in einer Sache zu werden. Immer wieder stöß tman darauf,dass 10.000 Stunden Übung nötig sind, um eine Tätigkeit zu vervollkommnen», erklärt er beispielsweise. Oder: «Wer einmal die Erfahrung gemacht hat, seine zwei voneinander unabhängigen Hände miteinander zusammenarbeiten zu lassen, kann von dieser Erfahrung profitieren, wenn es auf gesellschaftlicher Ebene darum geht, Zusammenarbeit zu organisieren. »Oder allgemeiner: «Ein guter ‹Handwerker› wird mit größerer Wahrscheinlichkeit auch ein guter Staatsbürger sein.Wer gut zu arbeiten lernt, kann auch sich selbst regieren.» Eine gewagte These – deren hoffnungsvollen ethisch-politischen Impuls Sennett mit Aufklärern wie Diderot teilt.Widrige reale Arbeitsbedingungen (wie Sennett sie etwa in «Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus», 1998) untersucht hat, Arbeit als Geldverdienen oder systematisch schlechte Arbeitsergebnisse kommen in der Perspektive von «Handwerk» allenfalls indirekt in den Blick. «Die Reduzierung von Arbeit auf Erwerb ist eine typische Mittelstands-Idee», sagt er im Gespräch.«Meine Interviewsmit schlecht ausgebildeten schwarzen Hilfsarbeitern haben vor allem ergeben, dass diese Leute sich Aus- oder Fortbildung wünschen, um mehr Selbstachtung zu gewinnen und um so von anderen besser behandelt zu werden.»
Es gibt – neben der Frage, wie wir in jeder Hinsicht «besser werden» – noch eine weitere Ebene, die das Buch zusammenhält: die sonore Erzählstimme, die, vergleichbar dem allwissenden Erzähler in der Literatur, souverän über das so reiche, verschiedenartige Material verfügt. Ein Erzähler, der seine innige Verbindung zum Autor nicht verleugnet, der das Tempo anzieht oder verlangsamt, der mal skizzenhaft, dann wieder in feinsten Schattierungen schildert oder analysiert. Man könnte in diesem Sachbuch sogar von einer Art Rahmenhandlung sprechen, in der der Autor-Erzähler seine eigene Position reflektiert. Denn nachdem Sennett im Prolog eine genealogische Linie von sich selbst über Hannah Arendt bis zu deren Lehrer Martin Heidegger gezogen hat, stellt er sich zum Schluss neben Richard Rorty und Richard Bernstein, zwei Exponenten des amerikanischen Neopragmatismus–Denker, beidenen es nicht schwerfällt, sie sich, wie Sennett, in einer «philosophischen Werkstatt» vorzustellen.
Selbstverständlich entspringt dieses Buch der wissenschaftlichen Arbeit seines Autors. Doch «Handwerk» zehrt auchvon der Kraft der Literatur: eine «große Erzählung» – durchaus im Sinne Jean-François Lyotards, der mit diesem Wortphilosophischen Systemen, die auf umfassendes Verstehen zielen und auf Einheitsbegriffe zurückgreifen, ihr entscheidendes Quäntchen Fiktion zurückgab. Doch während Lyotard in den siebziger Jahren das «Ende» der großen Erzählungen gekommen sah, beweist Richard Sennett – ähnlich wie etwa Peter Sloterdijk in Deutschland –, dass das Bedürfnis nach globalen Deutungen der Conditio humana nicht gestillt ist.Man mag behaupten, dass diese jüngste Form der spekulativen Philosophie dies oder jenes ausblende; auch, dass die eine oder andere These zu steil ausfalle. Aber der Faszination an der Architektur dieses Gedankengebäudes wird man sich nicht entziehen können.
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Richard Sennett Handwerk Übersetzt von Michael Bischoff Berlin Verlag, Januar 2008 gebunden - 480 Seiten, 22,00 ¤
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Der flexible Mensch. Die Kultur des
neuen Kapitalismus Aus dem Amerikanischen von Martin
Richter. Berliner Taschenbuch Verlag,
Berlin 2006. 224 S., 8,90 ¤
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Richard Sennett Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus Übersetzt von Linda Meissner Suhrkamp Verlag KG, April 1997 kartoniert - 522 Seiten, 15,00 ¤
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