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Ausgabe 04/08
Kurz und Bündig 2
Als der vielfach preisgekrönte Lyriker Lutz Seiler im vergangenen Sommer beim Ingeborg- Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit einem Prosa- Text antrat, war die Verwunderung groß. Und noch größer wurde sie, als es hieß, der Wettbewerbs-Text entstamme einem größeren Prosawerk. War der Lyriker unbemerkt zum Roman-Autor mutiert?
Gar nicht mehr verwundert allerdings war das Publikum, als Seiler mit dem Prosastück «Turksib» schließlich den Bachmann-Preis gewann: So geheimnisvoll raunend war der Vortrag gewesen, so auratisch gewoben das kurze Textstück selbst, dass gleich nach Beendigung der Lesung darüber gerätselt wurde, was es wohl mit dem seltsamen «Heizer» auf sich haben mochte, der darin eine etwas unheimliche Rolle spielt. Beim Zusammentreffen mit dem Ich-Erzähler im Gang eines Zugs der Turkestanisch-Sibirischen Eisenbahn (kurz:
«Turksib») bricht der schwere, verschwitzte und verrußte Mensch in eine sehr eigenwillige Rezitation von Heinrich Heines «Ich weiß nicht, was soll es bedeuten» aus, bevor er, nach einem heftigen Kuss auf den Mund des Erzählers, durch die lange Waggonreihe wieder davonschleudert – dieser Heizer, so weiland die allgemeine Meinung in Klagenfurt, sei gewiss dem Tode geweiht, und überhaupt werde im angekündigten größeren Prosa-Werk des Autors noch Geheimnisvolles aller Art geschehen.
Nun ist der damals gelesene Text erschienen, doch vom erhofften Roman drumherum ist immer noch keine Spur. Stattdessen enthält das Bändchen eine zweite Erzählung, «Die Anrufung» heißt sie und wurde vor drei Jahren bereits veröffentlicht.Und doch besteht kein Grund zur Enttäuschung – im Falle beider Erzählungen nicht, die den Leser in ganz unterschiedlicher Weise auf eine Reise in die Schönheiten der Sprache und der poetisch detaillierten Beobachtung mitnehmen. In «Turksib» etwa führt der Erzähler, im Nachtzug das von atomarer Strahlung verseuchte Kasachstan durchquerend, seinerseits einen von ihm so genannten «Erzähler» mit sich: einen Geigerzähler winzigen Formats, dessen Blinken ihm – ja, was eigentlich anzeigt: die eigene Gegenwart?
Die Wirkung unsichtbarer Kräfte? Die Bedrohung seines Lebens? Nach dem Kuss-Zusammenstoß mit dem Heizer jedenfalls erlischt das rote Licht des Kontrollkästchens, und in der Tat: «Ihrrweiss niehrrt, wahs sohlbe deute» – man weiß nicht recht, was das bedeuten soll. Den eigentümlichen Begebenheiten im schlingernden, wummernden, vereisten Schienenfahrzeug folgt man dennoch mit gespannter Aufmerksamkeit, bis sie nach einem zweiten erotischen Zusammenstoß endet, wenn der Erzähler und seine Übersetzerin sich miteinander von der Schwingung des Zuges ins Schwingen bringen lassen; ein roter Funkenschweif aus dem Kessel des Heizers fliegt wie zum Gruß am Fenster vorbei. Wie gesagt, steht die zweite Erzählung dem «Turksib»-Zauber an poetischer Kraft und Sinnlichkeit in nichts nach. Alles geht hier aus von einem Examensvortrag des Ich-Erzählers zum Thema «Schönheit», aus dem sich unversehens die Erinnerung an eine Szene aus der eigenen Kindheit entspinnt – jener magische Augenblick, in dem der Junge, in seiner Dorfeinsamkeit nach den Zwillingen Kerstin und Andrea rufend, die eigene Stimme entdeckt: seine Kraft zu tönen wie auch das Vermögen, Silben auf die unterschiedlichste Weise zumodulieren, ganz nach eigenem Willen und Gehör und schließlich auch ganz ohne einen konkreten Zweck – nebenbei also eine federleichte Parabel auf die Dichtkunst.




Lutz Seiler
Turksib
Suhrkamp Verlag KG, Februar 2008
kartoniert - 46 Seiten, 12,80 ¤





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