John von Düffel
Der vielfältig tätige Schriftsteller, Dramatiker, Übersetzer, Filmkritiker und Theatermann, Jahrgang 1966, lebt in Bremen und arbeitet als Dramaturg am Thalia Theater in Hamburg. Zuletzt erschien sein Roman «Beste Jahre»
Ich lese «Hamlet» von William Shakespeare, seit Wochen. Ich muss mich zwingen,dieses Stück zu lesen zumich-weiß-nicht-wievielten Mal. Lässt sich ein Text überhaupt neu lesen, den man in- und auswendig kennt? «Hamlet» ist schuld daran, dass ich zum Theater gegangen bin,warum genau, istmir heute nicht mehr ganz klar, war es aber vermutlich nie.Damals mit achtzehn, neunzehn, beiden ersten stürmischen und ungenauen Lektüren, gab es so vieles,wasmich befeuert hat:das Mutter-Ressentiment,der Vatermordgedanke,der Weltgerechtigkeitsauftrag und die Ohnmachtsgefühle des Zauderns und Versagens. Heute kommt mir «Hamlet» vor wie ein Best-of- Album der Theatermonologe. Die berühmtesten Hit-Singles des Zitatenunwesens sind hier versammelt: «Sein oder nicht sein» – die ewige Nummer eins; «O schmölze doch dies allzu feste Fleisch» («Schwachheit, dein Name istWeib») – auch ein unverwüstlicher Evergreen; «Ach, armer Yorick» – der Monolog für Friedhofsspaziergänge im Novembernebel.Und so weiter.
Am 5. April 2008 ist Premiere von «Hamlet» unter der Regie von Michael Thalheimer am Hamburger Thalia Theater. Spätestens bis dahin muss ich alles vergessen haben, was ich über diesen Text weiß.Denn genaugenommen ist «Hamlet» kei nTheaterstück mehr, sondern ein innerer Wiederholungszwang, eineAnsammlung theatralischer Schlüsselreize und Reflexe, ein Drama, das erdrückt wird von seiner Bedeutung und einem gigantischen philosophischen Überbau.
Hamlet, der A-Held auf dem Sockel seiner Sätze, hat schon vor Ewigkeiten aufgehört, eine Figur zu sein. Er ist eine Chiffre, ein Symbol seiner selbst und damit fern jeglicher Lebendigkeit. Er hat sich vor lauter Sinn entsinnlicht, entkörperlicht, entleibt, ist längst mehr Nicht Sein als Sein. Sich mit ihm zu identifizieren, scheint schwerer denn je. Er ist zum Schema geworden, eine Maschine ohne Motor, eine leerlaufende Monolog-Schleuder, der dramatischeWiederkäuer schlechthin. Und durch Heiner Müller ist das nicht besser geworden.
Jede Zeit hat ihren Hamlet geformt nach ihrem Bilde: Für Schlegel, Tieck und deren Freunde war Hamlet Deutschland, das zerrissene, zögerliche,handlungsunfähige.Für die Nazis war Hamlet der nordische Held, der auf den Plan tritt, umdieWelt, die aus den Fugen ist, wieder einzurenken. Für die 68er war er der Revoluzzer und Rebell. Und heute – ein post-historischer Scherbenhaufen? Wie liest man diese Texte zum ersten Mal? Wie sagt man sie, als seien sie noch nie gesagt worden? Welchen Sinn haben sie, der nicht schon bis in sämtliche Verästelungen ausgewalzt wurde, undwie kann seine Aneignung und Anverwandlung aussehen nach so viel Deutungsmissbrauch?
Angesichts seiner übermächtigen Interpretations- und Penetrationsgeschichte, dieser Traditions- und Repetitionslast des Stückes, wirkt die Bühne – einfach nur die Bühne – geradezu heilsamprimitiv: Die Mittel des Theaters sind so schlicht, die Möglichkeiten so unzulänglich, dass es die Messlatte des Textes notgedrungen unterlaufen muss. All die Deutungs- und Bedeutungserwartungen sind dazu verdammt, enttäuscht zu werden.Denn was soll schon groß sein? Ein bisschen Gehen, Stehen, Sprechen, mal laut, mal leise, mal langsam, mal schnell, mal von hier, mal von da – der Rest ist Schweigen. Doch gerade weil die Bühne so ein grober Klotz ist, fernab von Kommentatoren-Feinsinn und semantischer Migräne, ist sie vielleicht die einzig mögliche Hamlet-Therapie. Heute «Hamlet» machen, heißt nicht Spinnwebenverknüpfen, sondern Holz hacken.
Erste Probe. Alle sitzen sie da, in ihren Probenkostümen: Claudius, der Brudermörder und Afterkönig; Gertrud, dieWitwe und unwürdige Mutter, die den Bruder ihres Mannes durch Heirat zum Herrscher gemacht hat – anstelle von Hamlet, ihrem Sohn; Polonius, der Ratgeber, samt seiner mutterlosen Familie; Laertes, sein Sohn; Ophelia, seine Tochter; daneben natürlich Hamlet sowie Rosenkranz und Güldenstern, seine beiden chancenlosen Freunde. Jetzt wäre der Moment, in dem der neugekrönte, frisch vermählte König Claudius seine erste Thronrede halten müsste, aber ein Schweigen der Ratlosigkeit, der Beklemmung, der Verlegenheit herrscht. Auf einmal der Gedanke:Was auch immer gleich auf der Bühne geschieht, am Ende des Abends werden sie tot sein. Alle, die hier sitzen.Ohne Ausnahme. Vielleicht ist das der Gedanke, durch den diese Figuren noch einmal anfangen können zu leben.Nur für kurze Zeit.
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William Shakespeare Hamlet Übersetzt von Frank Günther DTV Deutscher Taschenbuch, Juli 1999 kartoniert - 399 Seiten, 10,00 ¤
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