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Ausgabe 01/02.08
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Editorial
Schon oft haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser,

in LITERATUREN unveröffentlichte Original-Texte prominenter Autoren gefunden. In den vergangenen Jahren hat die Redaktion unter anderem Erzählungen, Storys oder Essays von Don DeLillo, Elfriede Jelinek, Colm Tóibín, Peter Handke, Philip Roth, Josef Haslinger, Jonathan Franzen,Miljenko Jergovi´c, Josef Winkler oder Gary Shteyngart publiziert. Auch in dieser Ausgabe finden Sie auf S. 62 eine literarische Erstveröffentlichung: die Huldigung an Zinedine Zidane, den Fußballer der Herzen, geschrieben von Péter Esterházy, der dem Fußball tiefer verbunden ist, als er zugeben möchte.
Diese erfolgreiche Tradition, Autoren einen exklusiven Gestaltungsraum zu geben, soll ab 2008 fortgeführt und ausgebaut werden – in einem eigenen Heft. In Zukunft wird LITERATUREN eine elfte Ausgabe im gewohnten Format herausbringen, ein SPECIAL von 96 Seiten als Bestandteil des Abonnements, das zusammengestellt wird von Autoren der Zeitschrift. Den Anfang macht Daniel Kehlmann. Dieses erste neue LITERATUREN-SPECIAL wird eine Sammlung von Kurzgeschichten sein, die er ausgewählt hat. Es soll im Sommer 2008 erscheinen.
Es war nicht zuletzt auch Kehlmanns erstaunlicher Publikumserfolg mit seinem Roman «Die Vermessung der Welt», der LITERATUREN motiviert hat, die Mechanismen zu untersuchen, die den deutschsprachigen Buchmarkt und die Literaturszene im Besonderen heute bestimmen. Der Markt polarisiert sich: Einigen wenigen Mega-Bestsellern steht ein aus rätselhaften Gründen nachlassendes Publikumsinteresse für andere Autoren gegenüber. Autoren werden hofiert und gepäppelt, aber auch vernachlässigt und vergessen. Gleichzeitig drängen immer wieder neue hoffnungsvolle Debütanten in die lesende Öffentlichkeit. Doch wie geht es den Debütanten von gestern? Der Schwerpunkt dieser Ausgabe versucht eine Momentaufnahme der vielfältigen, lebhaften, widersprüchlichen, übervölkerten Literaturszene von heute – im Erkennen von Moden und Trends, wie auch in den Erfahrungsberichten der Autoren selbst.

Viel Lektüre-Vergnügen und ein gutes neues Jahr wünscht

Ihre LITERATUREN-Redaktion
Inhalt
Editorial

Schwerpunkt: Schreiben jetzt.
Wie Autoren heute überleben


Risiken und Nebenwirkungen des Schriftsteller- Daseins.Mit Beiträgen von Sigrid Löffler, Frauke Meyer-Gosau, Bodo Kirchhoff, Thomas von Steinaecker, Hanns-Josef Ortheil und einem LITERATUREN-Gespräch mit Ulrike Draesner, Dietmar Dath und John von Düffel

Sigrid Löffler Im Sog der Stromlinie Der deutsche Literaturmarkt zwischen Moden und Trends || Frauke Meyer- Gosau Der Bildermacher Ulf Erdmann Ziegler ist wohl der unwahrscheinlichste Debütant des Jahres 2007|| Bodo Kirchhoff Wie es um uns steht Schriftstellerei ist kein Brotberuf || Thomas von Steinaecker Der Preis des Buches Zwischen Comic- und Literaturbetrieb || Hanns-Josef Ortheil Fasten your seat belts! Aus der Mail eines fahrenden Schriftstellers || LITERATUREN-Gespräch Die Stunde der kleinen Nager Über den Roman als Allesfresser, Schreiben als Kunst des Fahrradfahrens und einen Lokführerstreik der Literaturkritik


Das Kriminal

Der Himmel über Sardinien
Franz Schuh lässt sich rhythmisch beregnen


Bücher des Monats
Jutta Person
Edward Bernays: Propaganda

Sigrid Löffler
A. L. Kennedy: Day
Moritz Baßler
David E. Wellbery u.a. (Hg.): Eine Neue Geschichte der deutschen Literatur
Robin Celikates
Bruno Latour: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft
Joachim Latacz
Homer: Odyssee
Wolfgang Schneider
Annette Pehnt: Mobbing

Kinderbücher
Michael Schmitt Vier Arten, von Politik zu erzählen
Kleine Prinzen, harte Fakten und ein utopisches Gedankenspiel

Marguerite Duras

Gisela von Wysocki Botschaften aus dem literarischen Geheimfach
Marguerite Duras’ «Hefte aus Kriegszeiten» nehmen das Gesamtwerk der Kult-Autorin vorweg

Hommage

Péter Esterházy Vor langer Zeit lebte einmal ein Zidane
Philippe Toussaint lesen, die Welt verändern und dabei Zinedine-Zidane-Übungen machen

Das Journal
Rezensionen neuer Bücher von Gerhard Roth || Pannonica de Koenigswarter || Bernd Greiner || Jan Siebelink || Bert Rebhandl (Hg.) || Frank Gonzalez-Crussi Bildbände von Magnum || Uta Grosenick, Caspar H. Schübbe (Hg.)

Die Beiseite
Sibylle Berg Altwerden mit Arschgeweih
Muss man wirklich alles wissen über linksdrehende Joghurts und rechtsdrehende Schriftsteller?


Futurama

Wolfgang Kemp Raumschiffe im Bücher-All
Bibliotheken verwandeln sich in Multimediazentren. Ein Streifzug durch jüngste Architekturen

Kurz & Bündig
Bücher von Joseph Vogl || Michal Witkowski || Johannes Ullmaier (Hg.) || Werner Schwab || Adriano Sack ||
Hans-Harald Müller Bildbände von Steffi Roettgen || Eduard Spelterini

Das Magazin

Mitten aus Bukarest || Kalender || Netzkarte || Hörbücher || Leserbriefe || Was liest Norbert Lammert? || Jetzt als Taschenbuch || Literatur im Kino

Impressum

Vorschau, P.S., Register

Schwerpunkt: Schreiben jetzt
Die Stunde der kleinen Nager

Über den Roman als Allesfresser, Naturwissenschaft in der Literatur, Schreiben als Kunst des Fahrradfahrens, einen Lokführerstreik der Literaturkritik und kulturpessimistische Szenarien, die keine Drohung sein können. Ein LITERATUREN-Gespräch mit Ulrike Draesner, Dietmar Dath und John von Düffel.

LITERATUREN Sie alle drei sind Romanschriftsteller, aber nicht nur: Sie kommen aus verschiedenen Berufen, in denen Sie teils auch heute noch arbeiten.Frau Draesner,Sie warenals Literaturwissenschaftlerin an der Universität tätig und haben Ihre Autorinnen Laufbahn als Lyrikerin begonnen.Welcher Weg führte von der Lyrik zum Romanschreiben?

ULRIKE DRAESNER
Ich komme gar nicht von der Lyrik, das sieht nur so aus. Durch eine Verkettung von Zufällen erschien mein erster Gedichtband vor meinem ersten Roman, und damit geriet ich unweigerlich in eine Schublade, eine besonders kleine und enge: «Lyrikerin – jung, blond, schreibt Liebesgedichte ». Das war 1995. Ich habe in den letzten zwölf Jahren zwei Romane,Erzählungsund Essay-Bände veröffentlicht,aber immer noch wird gefragt:Wie kommt man von der Lyrik zum Roman? Meiner Meinung nach gar nicht. Ich habe immer beides geschrieben, und mittlerweile führen die Schreib- Wege für mich auseinander, ein Weg der Spaltung, nicht der Zusammenführung.

LITERATUREN
Sie, Herr Dath und Herr von Düffel, kommen im Unterschied zu Ulrike Draesner beide vom Journalismus.

DIETMAR DATH
Diese Zuschreibung ist so eine Sache. Chronologisch gesehen war ich tatsächlich vor dem Erscheinen meiner Romane Journalist. Aber bei Leuten, die die Romanform besonders lieben, findet man diese Nebenfelder immer. Norman Mailer zum Beispiel hat bedeutende Romane geschrieben, und als was galt er? Als der verrückte Journalist,der Boxer-Freund,der Typ, der in New York für das Bürgermeisteramt kandidiert hat. Das ist das Problem, wenn man noch auf einem anderen Feld gut ist oder dort zuerst wahrgenommen wurde.
Das Entscheidende ist aber nicht, wo man herkommt, sondern wo es hingeht.

LITERATUREN Mangelnde Umtriebigkeit kann man Ihnen,Herr von Düffel,auch nicht vorwerfen. Sehen Sie sich überhaupt in erster Linie als Romanschriftsteller?

JOHN VON DÜFFEL
Gute Frage. Ich komme auf jeden Fall vom Drama her, meine ersten Texte waren Theatertexte. Aus Liebe zum Drama wurde ich zunächst Theater- und Filmkritiker und nach zwei Jahren hatte ich mich so weit ins Theater hineingeschrieben, dass ich dort als Dramaturg arbeiten und auch meine Theatertexte realisieren konnte. Der Sprung zum Roman kam später: Mit 28 Jahren begann ich,«Vom Wasser» zu schreiben, als ich 30 war, war das Buch fertig. Aber der Widerstreit zwischen dem Dramatischen und dem Epischen bleibt, und damit meine ich nicht nur das Drama als literarische Ausdrucksform, sondern auch das Theater als Lebensform und Erfahrungsraum.

LITERATUREN Was ist heute noch attraktiv daran, einen Roman zu schreiben?

DATH Der Witz bei der Romanform liegt für mich darin, dass sie eine Totalität anstrebt: Es soll die Welt sein! Zwar wird da auch die Geschichte vom alten Mann erzählt, der einen großen Fisch jagt, aber letztlich geht’s um eine ganze Welt oder um die Haltung zu einer ganzen Welt.Wenn man sich so einer Form anvertraut,muss man auf jeden Fall darüber nachdenken, was Totalität als Text bedeutet,wie viele Textformen es eigentlich gibt.Und insofern kann ich mir gar keinen Romancier vorstellen, der nicht in irgendeiner Weise auch mit Lyrik Umgang hat oder mit Journalismus, mit der Kulturindustrie, mit dem Gesamten an Text eben, das im Raum steht.

LITERATUREN Sehen Sie das auch so, Frau Draesner?

DRAESNER Nein, ich meine überhaupt keine Welt. Die Welt, die später vielleicht in einem Roman zu entdecken ist, ist ja keineswegs fertig da, so dass ich sie nur noch beschreiben müsste. Sie entsteht überhaupt erst im Akt des Schreibens, in einem komplexen Prozess. Alles zu wissen wäre natürlich toll, davon hat die Welt immer geträumt. Aber im 13., 14. Jahrhundert haben die Leute dann doch allmählich eingesehen, dass das nicht klappt. Ich stimme Dietmar Dath aber darin zu, dass man keine Angst vor anderen Wissensgebieten haben darf und sich auch nicht dadurch abschrecken lassen sollte, dass Mathematik eben so aussieht, wie sie aussieht: verformelt. Ic muss ja keine Mathematikerin werden, um damit umzugehen, ich schaue da als jemand von außen hinein.
Aber als jemand mit Sprachkompetenz und Wahrnehmungsgenauigkeit.

DATH Alles zu wissen geht natürlich nicht, und natürlich meine ich auch keine Welt- Tatsachen im journalistischen Sinne. Aber man muss als Autor eine gewisse Welthaltigkeit anstreben, und der Roman ist für mich die Form, in der es im 20. Jahrhundert möglich geworden ist, alles Erdenkliche zu integrieren – er ist für mich die Allesfresserform.
Wenn ich mit dieser Form arbeite, muss ich wissen, was das für ein Monster ist. Ich kann aber auch versuchen, sie zu dressieren. Das wäre mein Ideal.

VON DÜFFEL Ich würde das Wort «Welt» ersetzen durch «Erfahrung». Für mich ist der Erfahrungsgehalt eines Romans das Entscheidende. Damit meine ich nicht nur, dass der Autor eine Erfahrung ausdrückt,sondern auch ich als Leser mache eine Erfahrung, indem ich ein Buch lese. Erzählen und Erfahren sind im Roman nicht voneinander zu trennen.Die Bereiche,die hier ins Spiel kommen: Welt, Sprache, Imagination, widersprechen sich nicht, sie befördern einander, und das ist es, was mich an dieser Gattung so reizt. In meinen düsteren Momenten, wenn ich im Theater meinen Frustpegel überschritten habe,denke ich: Ja,genau, der Roman als autonome große Kunstform!

LITERATUREN In diese Form wandert heute, wie schon einmal im 19. Jahrhundert, zunehmend aktueller Wissensstoff ein: naturwissenschaftliche Erkenntnisse etwa, Geschlechtertheorien.
Was fangen die auf Erfahrung versessene Romanfigur und ihr Autor mit den Zulieferungen von Denk- und Informationsmaterial an?

VON DÜFFEL Ich bin, anders als in meinen Sturm-und-Drang-Jahren als Schriftsteller, vom reinen Geschichten-Ausdenken inzwischen weit abgekommen.Ich beobachte die Dinge, die da sind. Die Aneinanderreihung solcher Fundstücke wäre für sich nicht interessant, aber im Roman entwickeln sie eine zweite oder dritte Dimension: Sie werden in einen Kontext gestellt und fangen an, etwas zu bedeuten.

DATH Die Naturwissenschaften bieten natürlich eine besondere Art von Erfahrung, auch von Erfahrungskritik. Das eine Element dabei ist die Suggestion von Härte:Ergebnisse, die gesetzmäßig und beweisbar sind. Die andere Seite ist, dass lustigerweise gerade diese Härte von nirgendwoher so interessant wieder aufgelöst wurde wie von den Naturwissenschaften selbst: Gerade diejenigen, die nach Gesetzmäßigkeiten suchten, waren gezwungen, sich mit Bereichen auseinanderzusetzen, in denen die Grenzen anfangen zu verschwimmen.Was meine ich, wenn ich sage, es gibt ein Elektron? Ist es wirklich da? Ist es ein Hilfskonstrukt? Eine Annahme,um über unsere Beobachtungen zu sprechen? Die Naturwissenschaftler sind sehr weit an die harten Ergebnisse und an die Auflösung dieser Härte herangegangen. Das ist natürlich ein unglaublich nützliches System von Erkenntnisproduktion, wenn man wie ich Romane mit Totalitäts-Anspruch schreibt.

DRAESNER Die Physik hat Anfang des 20. Jahrhunderts eine hermeneutische Wende genommen,und ich finde den Sprachtransfer sehr spannend, der da stattfindet – aus der Literatur nämlich oder auch aus der Alltagssprache hinein in die Wissenschaften: «Alphabet» oder der genetische «Code»,das sind ja Metaphern. Sie werden übernommen, weil auch die Wissenschaft Sprache braucht. Die Wörter verändern sich dabei, sie laden sich mit neuen Bedeutungen auf, bringen aber eben auch schon welche mit.
Was handelt sich zum Beispiel die Biologie ein, wenn sie sich ein «Alphabet» ans Bein bindet? Daran hängen natürlich auch unsere alltagssprachlichen Konzeptionen, die Vorstellungen von Fakten, von Wissen, von Welt und Ich.

LITERATUREN Nun ist aber nicht jeder Romanleser ein Physiker. Könnte das Auftauchen der Naturwissenschaften in Romanen nicht auch eine Strategie sein,den Leser einzuschüchtern?
Wer garantiert mir denn, dass Sie, Herr Dath, sich mit Physik oder Mathematik so gut auskennen, wie es in Ihre Romanen den Anschein hat?

DATH Man könnte ebenso gut sagen, das Hereinnehmen von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen in den Roman folgt einer Strategie, sich angreifbar zu machen.Wenn ich nur von mir selber schreibe,von meinem Nabel,meinen Bewusstseinsvorgängen,kann das niemand überprüfen. Keiner weiß, ob das überhaupt noch Kommunikation ist oder nur Gebrabbel. Es gibt, glaube ich, eine gewisse Sehnsucht, Dinge zu sagen, die nicht einfach nur so hingeträumt sind, sondern bei denen mir jemand widersprechen kann.
Wenn ich sage, es ist so und so mit Homosexuellen oder mit Frauen,dann können ein Homosexueller oder eine Frau sagen:Moment, nein,so ist es nicht.Es macht die Kunst erst zum Kommunikationsvorgang, dass mir Leute widersprechen können.

DRAESNER Um Einschüchterung geht es wirklich nicht. Denn warum liest jemand? Unter anderem aus dem Bedürfnis, unterhalten zu werden.Und was unterhält? Zum Beispiel, wenn man etwas Neues erfährt. Naturwissenschaftler sind zweifellos kluge Köpfe, aber nicht immer die Sprachbegabtesten. Haben Sie sich mal mit einem Mathematiker über sein Forschungsgebiet unterhalten?
Sie fangen als Dolmetscherin an, als Spracherfinderin!

DATH Der Unterhaltungseffekt läuft übrigens in zwei Richtungen: Ich unterhalte mich selber auch besser, wenn ich etwas mache, von dem ich noch nicht weiß, wie es ausgeht. Und wenn man selbst Spaß dabei hat, so etwas zu schreiben, dann haben die Leute vielleicht auch Spaß, das zu lesen.

DRAESNER Der eigentliche Antrieb beim Schreiben ist immer die Neugier auf einen Gegenstand – es ist ein Grundfehler, wenn die Leute denken, es ginge bei Literatur um Selbstausdruck. Das Selbst fließt sowieso
immer mit ein, ob man will oder nicht.

VON DÜFFEL Das würde ich unterschreiben. Für meinen Roman «Ego» habe ich mich mit Anatomie beschäftigt und für mein neues Buch mit dem Thema Reproduktionsmedizin – so ein Interesse ist immer geleitet von einer persönlichen Frage an die jeweilige Sache. Und nur dann werden auch die Romanfiguren wichtig:weil sie im Mittelpunkt einer Erfahrungswelt stehen.

LITERATUREN Wenn man Ihnen so zuhört, hat man das Gefühl, dass Sie einen Roman zunächst mal über Themen und Wissensgebiete angehen. Die literarische Innovation, die Sie alle drei ja auch im Auge haben, kommt demnach von den Inhalten?

DATH Nein, sie kommt von den Fragen her. Die Inhalte sind in den Fragen enthalten, und die wiederum sind das Netz, das die Themen fischt. Das alles hängt eng zusammen mit dem, was Ulrike Draesner sagt: mit Expression oder Nicht-Expression.Karl Kraus schrieb, Selbstbespiegelung ist vielleicht erlaubt,wenn das Selbst schön ist,aber sie wird Pflicht, wenn der Spiegel gut ist. Über diesen Spiegel aber – die Form, das Literarische – kann ich nur schwer sprechen.
Ich will einerseits kein Auslegungsmonopol für meine eigenen Texte haben, ich möchte ja mit den Lesern kommunizieren: An ihnen ist es zu sagen, was dies oder jenes Muster bedeutet. Und zweitens ist es mit
dem Schreiben wie mit dem Fahrradfahren.
Man weiß,wenn man es gerade nicht macht, nicht unbedingt, wie es geht. Schreiben ist ja nicht die Anwendung einer Regel,sondern etwas ganz anderes, schwer zu Beschreibendes.

DRAESNER Schreiben ist wie die Anwendung 30 des Gleichgewichtssinns. Man entwickelt ihn aber erst, wenn man auf dem verdammten Fahrrad sitzt – und das hat man vorher auch noch selbst bauen müssen.

LITERATUREN Sie alle sind der Ansicht, dass der Roman heute vom Autor verlangt, intellektuell auf der Höhe der Zeit zu sein.Wie erklären Sie sich dann, dass so viele Romane, die diesen Anspruch erheben und vielleicht sogar einlösen,so wenige Leser finden, während die Mainstream-Unterhaltung so großen Erfolg hat? Warum warten so wenige Leser auf Erkenntnis-Romane?

DRAESNER
«Auf der Höhe der Zeit» ist einmerkwürdiger Ausdruck, da weht vielleicht auch nur der Zeitgeist. Ich erlebe ein In- Bewegung-Sein,Veränderung und Experiment in Sprache und Form. Aber zu Ihrer Frage:Viele Menschen müssen in ihrem Alltag technischen Entwicklungen hinterherlaufen, und dann sitzen sie zu Hause, sind müde – und sollen sich wieder auf etwas Neues einlassen? Da wollen sie vielleicht lieber einen historischen Roman lesen, wo alles schön weit weg ist und einen nicht so viel angeht.

VON DÜFFEL Ich weiß gar nicht, ob es darum geht, auf der Höhe der Zeit zu sein.Auf der Höhe meiner Erfahrungen möchte ich sein und das Gefühl haben, dass der Roman der optimale Ausdruck dessen ist, was ich mir vorgenommen hatte.

LITERATUREN Werfen wir einen Blick auf die Produktionsbedingungen in den Verlagen. Auch sie stehen unter einem enormen Druck: Wenn sie zu kleine Auflagen machen, fliegen sie aus Großbuchhandlungen wie Thalia und Hugendubel heraus, kleine Verlage kommen erst gar nicht hinein.Wird dieser Druck an Sie als Autoren weitergegeben? Oder treiben Sie sich selbst an, schneller zu produzieren, um so rasch wie möglich nach dem letzten Buch einen Anschlusstreffer zu erzielen?

DATH Ich finde,wenn man von Bertelsmann aus gesehen eh auf der Verliererseite ist, lebt sich’s leichter – diese Idee könnten sich meiner Meinung nach auch Verleger zu eigen machen. Die Frage wäre dann:Wie defensiv werden wir? Wie wichtig ist es uns, etwas zu machen,weil wir es gern machen wollen, und wie sehr denken wir darüber nach, einen Hit zu stricken? Wenn man dreimal auf den Mund geflogen ist mit dem gestrickten Hit, dann ist endgültig Feierabend, und dann hat man noch nicht mal dran geglaubt!
Insofern ist es vielleicht besser zu sagen,wir machen grundsätzlich nur Bücher, die wir wollen.Wenn es nicht klappt, leiden wir wenigstens für etwas, statt nur an etwas und wissen auch, warum wir leiden. Da können die Leute, die mit dem Geschäft zu tun haben, von den Autorinnen und Autoren nur lernen.

LITERATUREN Aber wie viel Leiden verkraftet man? Anders gefragt:Kann man das Schreiben heute überhaupt noch als Brotberuf ausüben? Oder müssen auch Schriftsteller sich Mischkalkulationen überlegen?

DRAESNER Das macht doch jeder von uns. Aber das Wort «leiden» gefällt mir in dem Zusammenhang gar nicht. Ich leide nicht unter diesem Beruf. Ich liebe ihn und finde es großartig, dass ich ihn ausüben kann.Und ich bin immer noch erstaunt, dass ich tatsächlich auf Grundlage meiner Mischkalkulation existieren kann, und gottfroh, dass ich in einem Land lebe, in dem diese Bücher erscheinen können – wenn nicht in einem großen Verlag, dann eben in einem kleinen.
Ich bin gegen diesen Alarmismus:Hilfe,was wir hatten, verändert sich! Ja, das tut es. So ist das wohl mit menschlichen Dingen.

VON DÜFFEL Und man weiß ja auch, warum man freier Autor ist.

DRAESNER Man muss halt lernen, mit diesen Strukturen umzugehen. Ich war, als ich anfing, bei einem Verlag, der verkauft wurde. Dann wurde der verkaufte Verlag wiederum verkauft.Und der verkaufte verkaufte Verlag wurde auch wieder verkauft – das ging im Zwei-Jahres-Rhythmus. Im Augenblick scheint die Situation stabil, ich bin bei RandomHouse, und mit den Leuten,mit denen ich dort enger zusammenarbeite, teile ich etwas: den Enthusiasmus fürs Lesen, für Bücher.
Natürlich redet die Marketingabteilung heute mit, ob ein Buch gemacht wird oder nicht, aber ehrlich gesagt ist mir das lieber, als dass mein Verlag in drei Jahren wieder verkauft wird.Da begegnen sich zwei antagonistische Seiten: Da sind die Kaufleute, und da bin ich, und jeder hat Recht. Diese Spannung muss sein.

VON DÜFFEL
Für mich ist Schreiben – jetzt kommt ein ganz großes Wort – ein gewissermaßen heiliges Geschäft. Ich versuche es vor äußeren Einflüssen zu schützen, etwa vor Aufforderungen des Verlegers wie «Lass es nicht zu lang werden» oder «Bau mal eine Pointe ein». Dieser Schutz gilt dem heiligen Teil. Und dann kommt dessen Gegensatz: die Prostitution. Das Buch muss durch das Nadelöhr des Marktes,da werden wir zwangsläufig alle zu Prostituierten.So funktioniert der Betrieb. Wie jede gute Prostituierte macht man sein Handwerk mit einer gewissen Professionalität und jammert nicht darüber. Und nachdem das Nadelöhr der Prostitution durchschritten ist, bekommt der Text seine Chance.

DRAESNER
Das ist der Härtetest für Text und Autor, und der ist gut. Es ist wichtig, dass es öffentliche Resonanz gibt:Lesungen etwa und überhaupt Menschen,die auf Texte reagieren. Stimmen brauchen Widerhall, das heißt: andere Perspektiven, Kritik, fremde Ideen – eine Art Widerlager, um ihre eigene Wirksamkeit zu schärfen.

DATH
Absolut. Das sind einfach verschiedene Lektoratsvorgänge,wenn man so will, und dazu gehören auch die Marketingleute. Wenn ich weiß, dass ich ein Schnabeltier malen will, und dann kommt jemand und sagt, aus kommerziellen Gründen muss der Schnabel weg …

DRAESNER … oder es braucht einen Elefantenhintern …

DATH ... oder der Lektor sagt:Warum hat die Ente ein Fell? Wenn ich wirklich ein Schnabeltier machen will, sind das doch wunderbare Kontrollvorgänge.Die Einwände können von allen Seiten kommen, und plötzlich wird mir klar, ich hab was falsch gemacht. Oder ich weiß noch genauer, warum ich es weiterhin so machen will.

LITERATUREN Aber wie viel Energie geht da rein? Es wird heute verlangt, dass Sie auftreten und Ihre Bücher möglichst auch gleich selber bewerben.

VON DÜFFEL
Ich habe diese Art von Literaturvermittlung eben etwas lax als Prostitution beschrieben, aber da gibt es durchaus unterschiedliche Qualitäten. Einerseits die Werbeveranstaltungen, etwa die Buchmesse oder Fernsehauftritte – Formate, bei denen du keine Chance hast, das, was dir wichtig ist, wirklich zu vermitteln. Etwas ganz anderes sind Lesungen,die gehören für mich zum Buch dazu. Das ist keine Werbung für einen Staubsauger, den ich im Programm habe, sondern ...

DATH … Teil des Kommunikationsakts.

DRAESNER
Zur Literatur gehört das gesprochene Wort integral dazu.Da kommt sie her, aus dem lebendigen Austausch in einem Raum.Wir vergessen das nur oft, weil wir in einer Schriftkultur leben.

VON DÜFFEL Aber natürlich bewegen wir uns alle in einem medialen Betrieb, der auf das Neue, das Sensationelle aus ist.Und da wird gefragt:Welche Story macht das Buch zum Erfolg? Damit ist selten die Story des Buches selbst gemeint, sondern ganz häufig eine äußere ...

DATH … die Rezension der Person oder der Umstände: Der Autor ist 14.Okay,den müssen wir besprechen.

VON DÜFFEL Oder er ist 103 …

DATH … oder er hat im Wald gelebt …

VON DÜFFEL
... auf einem Zeh auf einem Baumwipfel …

DRAESNER
… oder er lebt unter Wasser: Dieser Autor atmet gar nicht mehr! Ideal.

VON DÜFFEL Die Story um den Roman und vor allem um den Autor herum wird immer wichtiger.Umgekehrt ist es natürlich überhaupt keine Story,wenn ein ausgewiesener, etablierter Autor ein neues Buch schreibt.

DRAESNER
Das sind Schubladen, die muss man füttern, oder man lässt es eben sein.

LITERATUREN
Ist das Performative mittlerweile für Sie als Autoren nicht eine Berufs- Notwendigkeit? Sie müssen sich doch auch in den Medien gut vermitteln können.

DRAESNER
Wie sieht meine Website aus, zum Beispiel. Aber manche Autoren entscheiden sich, das nicht zu tun und nehmen die Konsequenzen in Kauf.

VON DÜFFEL
Ich habe keine Website.

DRAESNER
Hat dein Verlag eine ordentliche Website?

VON DÜFFEL
Ich weiß es nicht.

DATH
Aber genau das ist es doch: Das Menü wird einfach größer.Man kann natürlich die Konzentrationsprozesse und all das beschreiben, und das ist in der Tat durchschlagend, schlimm und verheerend. Aber es sind, wie Ulrike Draesner vorhin gesagt hat, zunächst mal einfach Veränderungen. Und die Perspektive «Die Welt geht unter» ist nie produktiv. Das alles sind typische Vorgänge – Entschuldigung, das Wort heißt Kapitalismus.Wenn ein abstraktes Kriterium, nämlich Profit, wichtiger ist als alles andere, dann kommt man an den Punkt: Jeder ist sich selbst ein Würstchen. Jeder verweist auf eine andere Abteilung, jeder sagt: Ich musste ja, weil ... Da wurzelt nichts als Wahnsinn. An irgendeiner Stelle muss das durchbrochen werden, von irgendjemandem.

LITERATUREN
Man kann Strukturen aber nicht durch individualistische, anarchische Akte durchbrechen …

DATH Sicher nicht.Aber ich kann mich verweigern, niemand zwingt mich doch, da mitzutun. Ich muss versuchen, das Problem in die Öffentlichkeit zu bringen und Leute zu finden, die in der derselben Lage sind und dann im weitesten Sinn gewerkschaftlich arbeiten. Man muss das Gespräch überhaupt erst mal wieder anfangen über die isolierten, atomisierten Knechte dieser Strukturen und sich klarmachen, das sind gemeinsame Interessen:Wir gehen alle den Bach runter.

LITERATUREN
Schwer vorstellbar, dass sich etwa Literaturkritiker zu einem Boykott zusammenschließen und sagen, wir besprechen den neuen Günter Grass nicht binnen einem Tag und den neuen «Harry Potter » nicht binnen fünf Stunden, wir lassen uns Zeit …

DATH
Aber wenn die drei wichtigsten und besten Kritiker zum selben Zeitpunkt sich dazu äußern würden, könnte man ja mal sehen.Wenn eine Umwälzung zum Guten oder Schlechten hin passiert, ist die vorher immer undenkbar. Fragen Sie mal Geschichtslehrer, wer 1985 geglaubt hätte, in zehn Jahren gibt’s die Sowjetunion nicht mehr. Irgendwann passiert halt was. Und daran muss man einfach glauben und es betreiben. Wenn man nur sagt, alles ist furchtbar, wir sind Knechte dieser Struktur – daraus folgt in beiden Richtungen nichts.

DRAESNER
Ich schaue in drei perplexe Gesichter uns hier gegenüber – Sie haben sich Fiktionalisten eingeladen, Romanautoren! Da ist ein Moment von Mut und, ja,Anarchie unvermeidlich.

VON DÜFFEL
Oder auch von Naivität.

DRAESNER
Die gehört immer dazu. Und auch, keine Angst vor Strukturen zu haben.

LITERATUREN
Also ein Lokführerstreik der Literaturkritik wäre in Ihren Augen mal eine Überlegung wert? Nur sind wir gesellschaftlich nicht so wichtig wie die Lokführer, das könnte ein Problem sein.

DATH
Moment,Moment! Das ist die Frage von Schwach und Stark, Klein und Groß. Natürlich ist Holtzbrinck größer als zwei gute Kritiker.Aber um noch mal an die Sowjetunion zu erinnern, deren Ende ich ja gar nicht gut finde, aber sehr lehrreich.Warum? Sie hätten die Sowjetunion ändern müssen, dann gäbe es sie vielleicht noch. Wenn sich die Dinge verändern und der Dinosaurier sich nur darauf verlässt, dass er so schwer ist, fällt er genauso um wie alle anderen. Und dann schlägt die Stunde der kleinen Nager.

DRAESNER Sind das dann die Kritiker?

DATH
Vielleicht, vielleicht. Sagen wir mal, die Literaturredaktion der Beutelratten trifft sich, kurz nachdem der Meteorit eingeschlagen ist, und sagt zueinander:Mensch, die fallen alle um.Vielleicht sollten wir uns mal treffen und sagen, jetzt übernehmen wir den Laden. Und ein paar Millionen Jahre später ist es dann tatsächlich so.

DRAESNER
Ein paar Millionen Jahre später!

LITERATUREN Aber droht Random House umzufallen? Oder Holtzbrinck?

VON DÜFFEL
Ich glaube, dieses Gespräch wird in die Literaturgeschichte eingehen als die Stunde der kleinen Nager.Und das «Wir» ist darin die größte Utopie.

LITERATUREN
Wir haben Ihnen jetzt etliche kulturpessimistische Positionen angeboten, aber Sie sagen unisono: Rumjammern ist blöd.

DATH Ich bin einfach zum Kulturpessimismus nicht willens,weil ich in allem Übrigen so pessimistisch bin.Weil alles andere so eine Katastrophe ist. Diese Katastrophe besteht schon in dem Bild, das ich gewählt habe: Ein Meteorit muss auf die Erde knallen, bevor es besser wird. Das bedeutet in der Zwischenzeit Emsigkeit,Unentwegtheit und für mich auch: trotzdem! Kultur ist Tröstung oder sie ist Trost, und ich finde den zweiten Weg besser, weil da die Schönheit auch wieder einen Platz hat.

VON DÜFFEL
Ich will ganz persönlich antworten: Ich bin sehr froh, dass ich meinen zweiten Beruf als Dramaturg habe, der für mich nicht nur Brotberuf ist, sondern ein Herzensberuf. Meinen Optimismus kann ich mir nur dadurch bewahren, dass ich tatsächlich vom Literaturbetrieb unabhängig bin – ich rate zum Zweitberuf.Sie haben uns hier aber in einer unserer optimistischen Phasen angetroffen; es gibt Zeiten, da rede ich über den Literaturbetrieb ganz anders.

DATH
Ich auch.

DRAESNER Ich glaube,Sie können uns nicht auf die äußere Katastrophe des Betriebs festlegen, weil das tatsächlich nicht so sehr unser Thema ist.Wir sind hier, um über unsere Arbeit und unsere Erfahrungen zu sprechen, und die machen immun gegen so etwas wie Kulturpessimismus. Denn das Schreiben ist eine eigene Art von Arbeit: wunderbar und schrecklich und oft genug beides auf einmal. Ein kleiner Fehler kann den Text abstürzen lassen, an dem man ein Jahr lang gearbeitet hat.Man ist sozial ungesichert und man ist mit dieser Arbeit,immer, allein – das ist der eigentliche Kernpunkt. Kulturpessimistische Schreckensszenarien sind dagegen keine so furchtbare Drohung. Das Schreiben selbst ist die Herausforderung.

Die Fragen stellten Sigrid Löffler, Frauke Meyer-Gosau und Jutta Person
Bücher des Monats
Edward Bernays Propaganda

Am Steuerknüppel der Gesellschaft
Wie Edward Bernays, Neffe Sigmund Freuds, Spin Doctor und Urvater der PR-Branche, die Masse mit Propaganda glücklich machen wollte

VON JUTTA PERSON

Als sich Miss Bertha Hunt im Frühjahr 1929 auf der Fifth Avenue eine «Lucky Strike» ansteckt, ist das ein kleiner Schritt für die attraktive junge Frau, aber ein großer für die Gleichheit der Geschlechter.Reporter fotografieren die Aktivistin und deren Mitstreiterinnen, die das Rauchen zu einer ebenso weiblichen wie amerikanischen Geste und die Zigaretten zu «Torches of Freedom»,Fackeln der Freiheit, erklären.Die rauchende Frau ist nicht länger eine verlotterte Künstlerin, sondern eine arbeitende Vertreterin der Mittelklasse, ein «All American Girl».
Und anders als die altmodische Gesetzgebung es vorsah, soll sie rauchen können,wo und wann immer es ihr passt. Ausgedacht hatte sich diesen Medien- Coup niemand Geringerer als Edward Bernays, Gründervater der PR-Branche und Neffe Sigmund Freuds. Sein Werbefeldzug im Auftrag der «American Tobacco Company » gilt heute noch als Paradebeispiel einer PR-Kampagne, in der Jugend, Sexappeal und amerikanische Grundwerte fest mit einem Produkt verschweißt werden.Dass Bertha Hunt, die mutige Raucherin und vermeintliche Suffragette, Bernays’ Sekretärin war, hätte Letzterer wohl kaum als Problem gelten lassen. Denn wenn die Ware mit der passenden Aura umhüllt wird, ist allen gedient: dem Käufer, dem Unternehmen, der nationalen Ökonomie und damit der gesamten Gesellschaft.

Über das Marionettentheater

Aber Edward Bernays ging es nie ums bloße Werben und Verkaufen – er war am großen Ganzen, an der Herstellung, Lenkung und Manipulation der öffentlichen Meinung interessiert.1928 veröffentlichte er sein
Credo in einem Buch mit dem ebenso wuchtigen wie verrucht schillernden Titel «Propaganda »,das jetzt erstmals auf Deutsch erscheint. «Wir werden von Personen regiert, deren Namen wir noch nie gehört haben.Sie beeinflussen unsere Meinungen, unseren Geschmack,unsere Gedanken. Das ist nicht überraschend,dieser Zustand ist nur eine logische Folge der Struktur unserer Demokratie »,schreibt der Experte,der zur Verteidigung dieses marionettenhaften Schauspiels ansetzt: «Wenn viele Menschen möglichst reibungslos
in einer Gesellschaft zusammenleben wollen, sind Steuerungsprozesse dieser Art unumgänglich.» Wie diese Steuerungsmechanik funktioniert, erläutert Bernays mit dem Gestus des kühlen Technikers,der die Emotionen der
Masse erforscht,bevor er ein bestimmtes Produkt, eine politische Position oder das Image eines Unternehmens aufpoliert.
Und natürlich betreibt er damit auch Reklame pro domo: als Propagandist einer «neuen» Propaganda, die nicht mehr nach simplen Reiz- Reaktionsschemata vorgeht,sondern die moderne Massenpsychologie zu nutzen weiß. Edward Bernays war der Sohn von Anna Freud-Bernays,der ältesten Schwester Sigmund Freuds. 1892 wandert die Familie mit dem Einjährigen von Wien nach New York aus, und dort entwickelt sich Edward zum PR-Genie: 1919 eröffnet er ein Büro als «Public Relations Counselor», wenige Jahre später gibt er bereits PR-Kurse an der Universität. Die psychoanalytische Theorie seines Onkels wendet er nicht nur auf die Steuerung
der öffentlichen Meinung an, er organisiert auch das Erscheinen von Freuds Schriften in den USA – und nutzt die Bekanntheit des Onkels für die eigene Publicity. Sein «Propaganda»-Buch ist dabei weniger wissenschaftlich als praxisorientiert: Streckenweise liest es sich wie ein Empfehlungsschreiben an politische Entscheidungsträger oder Wirtschaftsbosse, dann wieder klingt Bernays wie ein Medien-Machiavelli, der Spaß daran hat, virtuos und gewinnbringend mit den geheimen Wünschen der Masse zu jonglieren: Neben den «Torches of Freedom» hat Bernays auch – im Auftrag eines Schinken-Großhändlers – das «American Breakfast» erfunden, das zuvor ohne Fleisch ausgekommen war. Zu einem anregenden intellektuellen Balanceakt wird «Propaganda» aber vor allem dadurch, dass Bernays einen ethischen Kodex für die boomende PR-Branche zu implantieren versucht.

In der Warenwunderwelt
Der ideale PR-Berater hütet sich davor, die Öffentlichkeit mit falschen Informationen hinters Licht zu führen, und ebenso wird das Unternehmen, das ein möglichst sympathisches Image pflegen muss, seine Angestellten fair behandeln.Kurz: die von Bernays herbeiphantasierte Wunderwelt ist eine Art selbstregulierender Organismus, in dem alle Beteiligten um der Reputation willen ehrlich und aufrichtig sind – Wahrheit ist ein Mittel, um die Geschäfte am Laufen zu halten,weil Lügen sich nicht lohnen.Das Evangelium des Marktes und die utilitaristische Ethik, die Bernays zum Wohle aller Interessensgruppen in den zwanziger Jahren vorgeschlagen hat, wirken dabei verblüffend aktuell: Die derzeitige «Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft», die im Auftrag des Arbeitgeberverbandes die Republik mit wirtschaftsliberalen Sprüchen zukleistert, scheint ganz nach dem «Propaganda»- Handbuch gestrickt. Umso fremder klingt dagegen Bernays’Sprache. Sein Hauptkampfwort «Propaganda » ließ sich langfristig nicht etablieren, und brachiale Begriffe wie «Manipulation», «Steuerung», «Herdentrieb» oder «kanalisierter Volkswille» kämen dem heutigen PR-Profi wohl kaum über die Lippen.
Mit entwaffnender Offenheit versetzt Bernays die Masse in den Zustand der Form- und Lenkbarkeit und sich selbst an die Schalthebel der Macht; er gibt die Wunschziele des Gesellschaftsvehikels vor, «ähnlich wie ein Autofahrer mit dem Gaspedal die Fahrgeschwindigkeit steuert». Es sind die Metaphern, an denen man den Sophisten erkennt: Einerseits bemüht sich der Spin Doctor um den Beweis, dass seine Propaganda der Demokratie nicht wesensfremd ist. Und andererseits kann er den Bildern des ebenso cleveren wie kühl berechnenden Herdenführers und Strategen nicht widerstehen.

Dr. Goebbels und Mr. Hyde
Wie leicht Bernays’ Medienglücksbibel – Industrie, Bevölkerung und PR-Branche sollten gleichermaßen profitieren – in eine komplett antidemokratische Veranstaltung mutieren konnte, war dem Verfasser durchaus bewusst. Dass auch Reichspropagandaminister Goebbels zu seinen interessierten Lesern zählte, klingt nach einer PR-Story, die um der Pointe willen erfunden wurde: Dr. Jekyll und Mr. Hyde, hier der Hohepriester des Warenfetischismus, dort der mörderische Demagoge – der tatsächlich Bernays’ andere Grundsatzschrift, «Crystallizing Public Opinion», zur Vorbereitung seiner antisemitischen Propaganda benutzt hatte.Bernays schrieb, allerdings erst in den sechziger Jahren, voller Entsetzen in seinen Memoiren darüber. Er selbst scheint übrigens seinem ethischen Prinzip treu geblieben zu sein: Seit die Schädlichkeit des Rauchens erkannt war, arbeitete er für die amerikanische Anti-Raucher-Liga und wollte auch seine PR-Kollegen davon überzeugen – mit etwas weniger Erfolg. «Propaganda» ist ein faszinierendes Gründungsdokument der modernen
Wunsch- und Meinungsmaschine; merkwürdig bleibt, dass Bernays’ Buch bisher noch nicht übersetzt war. Der Freiburger «orange press» Verlag,der dieses Fundstück publiziert, hat bereits mehrere Bücher zur PR- und Werbe-Theorie veröffentlicht, darunter auch den schönen Titel «Giftmüll macht schlank», der sich ebenfalls mit den Ur-Szenen der Public Relations beschäftigt – und es wäre spannend, auch die übrigen Texte Bernays’ zugänglich zu machen.
Als Aufklärungsexperiment könnte man «Propaganda» möglichst großflächig verteilen: überall dort,wo die Waren Liebesblicke werfen.Auch wenn,wie Bernays schon prophezeit hat, das Wissen über Propaganda nicht zu ihrer Wirkungslosigkeit führt. Einen Versuch wäre es wert – man soll schon «American Breakfasts» mit Tofuschnitzel gesichtet haben. Aber auch das ist vermutlich nur ein Propaganda-Feldzug, im Auftrag der Tofu-Industrie.




Edward Bernays
Propaganda
orange press, Freiburg 2007
158 S., 16,90 ¤





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