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Ausgabe 01/02.08
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Literatur im Kino
Drei Uhr mittags

«Todeszug nach Yuma», eine Neuverfilmung des berühmten Western nach Elmore Leonard

Es ist noch nicht lange her, da erkannte man Menschen, die ein wenig vom Kino verstanden, an ihrem Lob für «Zwölf Uhr mittags». Und Menschen, die etwas mehr vom Kino verstanden, erkannte man daran, dass sie sogar bessere Western kannten als «Zwölf Uhr mittags».Zum Beispiel «3:10 to Yuma» in der Regie von Delmer Daves (1957), in Deutschland nicht sehr bekannt unter dem Titel «Zähl bis drei und bete».
Die Uhrzeit im Titel ist kein Zufall.1953, ein Jahr nach «Zwölf Uhr mittags», schrieb der junge Schriftsteller Elmore Leonard eine Art Umdeutung von Fred Zinnemanns Erfolgsfilm mit Gary Cooper.Und stibitzte dabei für seine Kurzgeschichte «3:10 to Yuma» frech den dramaturgischen Coup:Der exakte Zeitpunkt des Showdowns ist bekannt, bevor die Geschichte überhaupt ihren Anfang nimmt. Damit schien er allen Recht zu geben, die ohnehin glauben, im einfachen, handlungsgetriebenen Genre nach der unvermeidlichen Ballerei am Schluss ihre Uhr stellen zu können.
Um drei Uhr zehn geht ein Zug zu einem Gefängnis. Die letzten Stunden Wartezeit muss ein junger Marshall allein mit einem gefährlichen Gangster in einem Hotel verbringen.Ein Blick durchs Fenster verrät, dass sich die bösen Buben längst für eine Befreiungsaktion rüsten.«Was soll ich ihnen sagen?», fragt der verurteilte Postkutschenräuber seinen Gastgeber.«Dass du ihnen jeden Tag schreibst.» Der trockene Dialog der beiden ist das Hauptereignis dieser Kurzgeschichte.
Freimütig unterhalten sie sich darüber, was ihnen in den frühen Nachmittagsstunden noch bevorsteht. Und so kommt es dann auch. Wie in den späteren Krimis des Autors entwickeln hier harte Männer eine charmante Passion für die leichte Konversation. «Schnappt Shorty» – 1995 mit John Travolta verfilmt – stammt aus der Feder Elmore Leonards, und aus dessen Roman «Rum Punch» machte Quentin Tarantino sein Meisterwerk «Jackie Brown».Auch sonst steht der inzwischen 82-Jährige gegenwärtig hoch im Kurs. 2008 erscheint John Maddens Verfilmung des Romans «Killshot» mit Mickey Rourke. Und wenn jetzt mit «Todeszug nach Yuma» eine Neuverfilmung ins Kino kommt, muss man gerechterweise auch den Drehbuchautor von 1957 loben. Der hieß Halsted Welles und erfand einige der schönsten Szenen – insbesondere den für die damaligen Verhältnisse überaus freizügigen Dialog zwischen dem attraktiven Schurken und einer Saloon-Schönheit, mit der er die Nacht verbringt.
Nicht nur Western sind selten geworden; ganz besonders schwer zu finden sind Drehbücher von dieser Qualität. Regisseur James Mangold behandelt es überaus respektvoll, und obwohl sein Remake ungleich aufwändiger ausgefallen ist als der kleine Film aus den 50ern, besitzt es die gleiche Intimität in den langen, herrlichen Dialogszenen. Die Besetzung ist vorzüglich: Wie vor ihm Glenn Ford spielt Russell Crowe den Häftling – und
in diesem Fall auch Mörder – Ben Wade als heimlichen Sympathieträger. Er ist ein Intellektueller, mit dem jedes Gespräch ein Vergnügen wäre.
Weder Dandy noch Dämon, trägt er einen überaus kleidsamen Machismo zur Schau. Auf nicht weniger reizvolle
Art deplatziert wirkt Christian Bale als sein Bewacher.
Schon die 50er-Jahre-Verfilmung hatte Elmore Leonards (deutlich an «Zwölf Uhr mittags» angelehnten) Marshall durch einen einfachen Viehzüchter ersetzt, der sich eine Belohnung verdient. Beide halten die Situation, in der sie sich befinden, aus unterschiedlichen Gründen für unwürdig – und besitzen doch alle Disziplin, nicht aus der Rolle zu fallen.
Im Jahre 1957 negierte «3:10 to Yuma» jene heldenhafte Attitüde der Pflichterfüllung, die Gary Cooper in «Zwölf Uhr mittags» so unwidersprochen aufgestellt hatte. Dabei konnte Delmer Daves’expressiver Schwarzweiß-Film es an Stilbewusstsein mit «Zwölf Uhr mittags» durchaus aufnehmen. Den entscheidenden visuellen Einfall findet man bereits bei Leonard, nämlich die Distanz in der Beobachtung des nahenden Dramas durch das Hotelfenster: «Der Mann draußen auf der Straße war etwas ohne menschliche Natur oder eine eigene Persönlichkeit. Er war auf einer Bühne. Die Straße war eine andere Welt.» Diese formale Besonderheit ist in dem Remake von 2007 leider verloren gegangen, während die Charaktere wiederum sehr nuanciert herausgearbeitet sind.
Elmore Leonard übrigens sägte noch ein zweites Mal am Ast von «Zwölf Uhr mittags».1980 schrieb er einfach,was könnte es Schamloseres geben, eine Fortsetzung für das Fernsehen: «High Noon, Part II».

DANIEL KOTHENSCHULTE
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Demnächst in LITERATUREN

Wohlgesinnte und andere
Rechtzeitig vor der Leipziger Buchmesse ertönen bereits die Verlagsfanfaren für die neuen Romane von Peter Handke, Marcel Beyer, Philip Roth,Hans Magnus Enzensberger oder Martin Walser.
Auch der viel diskutierte Roman «Die Wohlgesinnten» von Jonathan Littell, die teure Akquisition des Berlin Verlags, ist im Anmarsch. All das steigert die Neugier der Kritiker. Die Frühjahrsromane harren einer ersten eingehenden Sichtung.

Die Versuchung der Objektivität
Was man aus Experimenten weiß, ist objektiv. Denn jeder kann sie immer und überall wiederholen. Oder? Lorraine Daston und Peter Galison halten dem Konzept «Objektivität» jetzt den unerbittlich relativierenden Spiegel der Wissenschaftsgeschichte vor.

Das Märzheft von LITERATUREN erscheint am 22. Februar 2008

P.S. UNBEDINGT LESEN SOLLTEN SIE …

Georg M. Oswald: «Vom Geist der Gesetze».
Roman, Rowohlt, Reinbek 2007. 348 S., 19,90 ¤

Alles an dem neuen Roman des Münchner Autors und Rechtsanwalts Georg M. Oswald wird dem Leser bekannt vorkommen – entweder aus der Zeitung, aus dem Fernsehen oder aus der Unterhaltungsliteratur zwischen John Grisham und Tom Wolfe («Fegefeuer der Eitelkeiten»). Sogar der Titel ist entlehnt: bei Montesquieu. Der Wiedererkennungseffekt ist das Pfund, mit dem dieser Roman aus dem bayrischen Justiz- und CSU-Milieu wuchert. Polit-Skandale, von der Amigo-Affäre bis zu Strauß junior, Absprachen in Strafprozessen, vertuschte Straftaten von Prominenten, Einstellung von Verfahren unter politischem Druck – all dies mixt Oswald so clever, flott und glatt, dass der idealtypische Marktschmeichler-Roman dabei herauskommt. Bei diesem Autor lässt sich die Technik des Mainstream-Buches mustergültig studieren. Er bedient die Erwartungen seiner Leser bis zum letzten Klischee, dosiert seine Story in Mini-Kapiteln mit Cliffhanger am Schluss und hält sich immer hübsch parallel zur Medien-Realität. Am Ende hat man den Roman rückstandslos weggelesen: Pseudo-Literatur, die sich beim Lesen selbst entsorgt.

SIGRID LÖFFLER
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