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Ausgabe 03/08 - Literaturen - Literatur
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Mitten aus...
Barcelona

VON CECILIA DREYMÜLLER

Seit Frankfurt ist alles anders. Jedenfalls, wenn man den katalanischen Politikern Glauben schenken will. Laut Josep Bargalló, in einer Person Schriftsteller, Abgeordneter der linksnationalen Partei und Leiter des katalanischen Kulturinstituts «Ramon Llull», das den Frankfurter Auftritt ausrichtete, markiert die Buchmesse die KopernikanischeWende für das Bild Kataloniens im Ausland. Und in gewissem Sinne stimmt das auch. Niemandem ist wohl entgangen, dass, trotz der ausdrücklichen Einladung an die katalanische «Kultur», die auf Spanisch schreibendenAutoren Kataloniens nicht dabei waren.
In den Amtsstuben der katalanischen Hauptstadt freilich zeigtmansich höchst zufrieden mit dem Frankfurter Ergebnis. Man feiert sich in schicken Publikationen und hat zur medialen Nachsorge eine Tournee organisiert,auf der verschiedene der dabei gewesenen Schriftsteller über die Dörfer tingeln und den Daheimgebliebenen von «Meinen Erfahrungen in Frankfurt» vorschwärmen. Ohnehin zeugt die Selbstdarstellung der Organisatoren des katalanischenAuftritts bei der FrankfurterBuchmesse nicht gerade von mangelndemSelbstbewusstsein: «Er hat dazu gedient zu beweisen, dass unsere Literatur erstklassig ist»,heißt es imVorwort von «Onze de Frankfurt» (Die Frankfurter Elf), einer Sammlung derReden, die die «offiziellen» Katalanen in Frankfurt gehalten haben. Selbstkritik und Transparenzwaren von Anfang an verpönt, als es darum ging, 18 Millionen Euro Steuergelder zu rechtfertigen, die zunicht geringem Anteil aus Madrid geflossen waren.Nachfragen und Einwände fegte Josep Bargalló im Sommer vor der Buchmesse, als die Debatte um die Teilnahme der auf Spanisch schreibenden Autoren auf dem Siedepunkt angelangt war, mit der Ankündigung vom Tisch: «Es wird ein voller Erfolg.» Dann, noch vor Ende der Buchmesse, die Bilanz: «Ein voller Erfolg.» Wie voll der Erfolg bei Lizenzverkäufen und Übersetzungentatsächlichist, muss sicherstnochzeigen.Was zählt, ist die Langzeitwirkung – also was in drei oder vier Jahren in Frankreich oder denUSA ankatalanischer Literatur zulesen sein wird.Für eine Sprache
von kaum acht Millionen Sprechern war die dargebotene literarische Palette zweifellos eindrucksvoll. IhreVielfalt undQualität ist jedoch leider viel zu wenig wahrgenommen worden. Denn die Literatur-Veranstaltungen auf der Messewaren alles andere als voll.
Zumindest was das deutsche Publikum anging.Hatten die rührigen Katalanen auch da vorgesorgt oder nachgeholfen? Es wurde jedenfalls auffallend viel Katalanisch gesprochen unter der Zuhörerschaft.
Sogar ganze katalanische Schulklassen saßen vor dem Podium auf dem Boden.
Die deutschen Besucher gaben mit ihrem Ausbleiben vielleicht nicht so sehr einem mangelnden Interesse Ausdruck als ihrem Vorbehalt gegen die politische Vereinnahmung der katalanischen Buchmessen-Präsenz. Die Einladung, die als Geste ausgleichender Gerechtigkeit gegenüber einer im Schatten derWeltsprache Spanisch unbeachtet gebliebenen Minderheiten-Literatur gedacht war, mutierte zum Polit-Zirkus. Linksnationale
und Konservative hatten im Vorfeld ihren alten Gesang vomunterdrücktenVolke angestimmt; bis ins Parlament wurde die Debatte getragen und perVotumentschieden, wer zur katalanischen Literatur zu zählen sei und wer nicht.
Davon fühlten sich die auf Spanisch schreibenden Schriftsteller Kataloniens, an die erst im letztenMoment eine Einladung ergangenwar, zuRecht brüskiert.Viele dachtenwie JuanMarsé und schlugen sie kurzerhand aus. «Einige auf Katalanisch schreibende Schriftsteller hatten sich aggressiv und feindselig geäußert, angesichts der Perspektive, dass wir ihnen die Schau stehlen könnten», stellte Marsé klar.«So kam es dann,dass ich nein sagte, weil ich, nach allem, was ich gesehen hatte,keine Lust verspürte,damitzumischen, und weil ich auch keine Polemik heraufbeschwören wollte.»
Vom Bewusstsein, eine einmalige Chance verpasst zu haben, sich als offene, pluralistische Gesellschaft darzustellen, ist wenig zu spüren in Barcelona. Die politische Kaste, die eine größtmögliche Rendite aus derBuchmesse herauszuschlagen sucht, redet systematisch an den Tatsachen vorbei. «Die Frankfurter Buchmesse war eine großartige Gelegenheit», insistiert Josep Bargalló, «und wir haben es verstanden, sie zu nutzen.» Durch Feingefühl zeichnet sich die aktuelle Dreiparteien-Regierung nicht aus, deren Vize-Präsident Josep-Lluís Carod Rovira um Verständnis für die besondere sprachliche Situation seines Ländchens mit Sprüchen wirbt wie: «In Katalonien auf Spanisch schreiben, ist wie in Deutschland auf Türkisch schreiben.» Sergio Vila Sanjuan, Feuilleton-Chef von «La Vanguardia», der drittgrößten Tageszeitung Spaniens undAutor von «El síndrome de Frankfurt» (Das Frankfurt-Syndrom), weist – bei aller Kritik an der Instinktlosigkeit in der Sprachenfrage – auf die unleugbar positive Seite der Frankfurter Selbstdarstellung hin: «Frankfurt hatte für die katalanische Literatur einen entscheidenden Effekt, und der ist psychologischer Natur», resümiert er. «Endlich kann sie ihrenMinderwertigkeitskomplex den großenWeltliteraturen gegenüber ablegen.Wir werden nun als eigenständige Literatur wahrgenommen.
Damit müssen sich auch die unversöhnlichsten Ewiggestrigen von ihrer Opferrolle verabschieden. Jetzt gilt es zu zeigen,was unsereAutoren einem Leser in Dänemark oder Tschechien zu bieten haben.» Und was Katalonien zu bieten hat, ist mehr als nur die Bestseller von Albert Sánchez Piñol oder die humorigen Vignetten von Quim Monzó. Dank Frankfurt kann der deutschsprachige Leser jetzt auch die Lyrik Pere Gimferrers entdecken oder die Romane von Jaume Cabré.Und davon sollte er sich durch die plumpe Politisierung der katalanischen Literatur auf keinen Fall abschrecken lassen.
Surfen und Verschwinden
Wie begegnet man der Vergänglichkeit im ach so jungen Internet? Mit Langzeit-Archivierung? Oder einem Trauerjahr für Verstorbene?

Während zu Beginn der Internet-Euphorie das weltweite Netz als Reich unendlicher Freiheit gefeiert wurde, ist Vergänglichkeit inzwischen ein Thema in der Community. Selbst die größtenTechno- Optimisten quälen sich mit der Frage, ob ihr Tun nicht letztlich hinfällig ist. All die Profile, Blogs und Identitätsentwürfe – landen sie früher oder später in der digitalen Unterwelt? «Nichts ist so vergänglich wie digital gespeicherte Daten», erklärt jemand auf www.testticker.de.
Von «digitalem Vergessen» ist die Rede und vom «digitalen Tod».ExpertenfordernsystematischeArbeit ander «Langzeit-Archivierung». Angesichts derDebatten umdigitaleVerfallsprozesse klingt es naiv, was diverseErinnerungsseitenanpreisen.So versprichtwww.portalder- erinnerung.de ein «Gedenken ohne Grenzen»: Im Unterschied zu einer üblichen Traueranzeige sei dieses Portal eine «einzigartige Gedenkstätte – und das nicht nur für kurze Zeit, sondern fürmindestens 20 Jahre». Auch der virtuelle Friedhof www.memoriam.de verkündet, für Verstorbene eine «bleibende Erinnerung zu schaffen».Dass es rein technisch gesehen zumTotal-Absturz der Erinnerungsserver kommen könnte, wird verschwiegen.Wie im körperlichen Leben ist auch im Netz Verdrängung amWerk.
Wennmanes kulturkritischformuliert,mit Heidegger,könnte man sagen: All das Speichern, Anlegen und Erstellen, die ständige Gegenwart in Social Networks, die immer schnelleren Netzzugänge und die immer üppigeren Sites desWeb 2.0 sind nichts als die Leugnung des Seins zumTode – ein Surfen zumVerschwinden. Beschleunigung und Vervielfältigung, so die trügerische Annahme, sind existenzverlängernde Maßnahmen,mit denen sich die Endlichkeit wenigstens virtuell besiegen lässt.Das wirft dann ganz neue, fundamentaltheologische Fragen nach dem Verhältnis von Leib und LAN auf…
Auf www.trauerkulturblog.de wird noch ein anderes Problem thematisiert: «Verstirbt ein Familienmitglied oder ein anderer nahestehender Mensch, dann stellt sich im Zeitalter des Internet eine Frage, die früher noch nicht beantwortet werden musste: Wann stirbt das ‹Digitale Ich›? Ist es eine Lösung, die Kontaktdaten früh nach dem Tod des betreffenden Menschen zu entfernen, um den Schmerz nicht immer wieder zurückzuholen? Oder fühlt sich das aktive Löschen einer Person aus der eigenen Freundesliste nicht an wie ein nachträgliches Einverständnis mit dem Tod,wenn nicht sogar einwenigwie ein digitaler Mord?Nach einem Trauerjahr fühlt sich das Löschen der Daten ja vielleicht nicht mehr wie ein zweiter Tod an.Ob sich ein digitales Trauerjahr als so etwas wi ein neues Trauerritual durchsetzen wird?»
Dies wäre eher zu wünschen als die Langzeit-Archivierung des ganzen Geweses im Netz. Sonst haben sich kommende Generationen mit Unmengen digitaler Untoter herumzuschlagen, mit Blogs, Profilen und Cyber-Identitäten, die wie Gespenster das WWW heimsuchen.

ARAM LINTZEL
«Orje war mir schon als Junge jut!»
Wälsungenblut, mal so, mal so: Von Richard Wagners unter «Hojotoho!» heranpesenden Walküren zur dialektalen Damenrunde in Heinrich Zilles Bouillonkeller

Schon mancher Opernbesucher wird die vier Abende von Wagners «Ring des Nibelungen» als eindeutig zu lang empfunden haben – über sechzehn Stunden sind es alles in allem.Wobei man derWahrheit zuliebe hinzufügen muss: Eilige Hörer können das Ende derWelt auch in knapp 70 Minuten erreichen, in einer Orchesterbearbeitung des «Rings» von Lorin Maazel.Und dreißig Jahre nach diesem «Ring ohneWorte» erscheint nun ein «Ring ohne Musik»: Schauspieler und Regisseur Sven-Eric Bechtolf, ehemals Ensemblemitglied am Burgtheater und aktuell verantwortlich für eine «Ring»-Inszenierung an derWiener Staatsoper, liest alle vier Teile des Zyklus. Sechseinhalb Stunden höchste Emotion in Stabreimform, manchmal an derGrenze zumNeckischen («Ihr Nicker! Wie seid ihr niedlich, neidliches Volk! Aus Nibelheims Nacht naht’ ich mich gern, neigtet ihr euch zu mir…»),manchmal vorgestrig schwertverliebt und butzenscheibenhaft, ohne Ablenkung durch Wagners Musik. Kann das gut gehen?
Die Antwort fällt eindeutig positiv aus. Bechtolf meistert die vertrackten Alliterationen und Vokalwechsel als wahrer Stimmheld,er deklamiert nie und hat ein vollkommen sicheres Gespür für Tempi. Er fängt den Hörer unvermittelt ein, als trüge er selbst die legendäre Tarnkappe, und eheman sich’s versieht, gleitet man in die Tiefe der Geschichte und staunt, was da schon durch bloßen Textvortragwirkt: der träumerisch-lautmalerischeGesang der Rheintöchter und das wilde «Hojotoho!» der heranpesenden Walküren; die weinerliche Verschlagenheit und das in irrer Comic-Manier hervorbrechende Hohnlachen der Schwarzalben Mime und Alberich; der wunderbar beleidigte Bass des Riesen Fasolt, als die Götter ihre schöne Apfelpflegerin Freia nicht herausrücken wollen, oder später, im «Siegfried», die berühmten zwei Zeilen «Ich lieg und besitz – lasstmich schlafen!», die der Sprecher resonanzreich aus den Tiefen des zum horthockenden Drachen gewordenen Riesenbruders Fafner hervorholt; und, nicht zuletzt, Brünnhildes Verzweiflung.
In einem knappen klugen Begleittext beschreibt Bechtolf mit Verve und Humor die «logopädische Zirkusnummer», seinen eigenen Kampf um den «Ring» und seine Entdeckungen während einer intensiven Woche Klausur im Tonstudio: «Nackt und frierend ohne die narkotische und wärmende Unterstützung des KomponistenWagner» habe er die Figurenmanchmal vorgefunden,an anderer Stelle wiederum «vollplastisch. Theatralisch.Wirksam und glaubwürdig». Er verrät sie nie durch parodistische Effekte, lässt aber ihre groteskenCharakterzüge an den richtigen Stellen so durch scheinen, dass man auch über sie zu lachen vermag. Natürlich will und kann diese Aufnahme keine Musiktheater-Inszenierung ersetzen, aber sie ist eine überraschend tragfähige Brücke zum Dichter RichardWagner.
Von den Damenrunden der Rheintöchter,Walküren und Nornen zur Zille’schen Damenrunde im «Bouillonkeller», einemSuppenausschank imwenig feinenNordosten Berlins um1900, ist «Orje war mir schon als Junge jut!»
Wälsungenblut, mal so, mal so: Von Richard Wagners unter «Hojotoho!» heranpesenden Walküren zur dialektalen Damenrunde in Heinrich Zilles Bouillonkeller es eingewaltiger Sprung.Dass es auch hier wieder uminzestuöse Geschwisterliebe geht («Orjewar mir schonals Junge jut!»), ist reiner Zufall! Und durchaus zu Liebe
und Leidenschaft fähig sind auch dieHeldinnen dieser «Hurengespräche». Ein Ensemble gestandener Bühnenschauspielerinnen unterschiedlicher Altersklassen berlinert, was das Zeug hält, und singt oder kräht dazwischen verballhornte Moritaten und Schlagerstrophen über das «Knutschen» im Kinooder in der Pferdebahn, gernauch mitNonsens-Refrain («Pankow Killekille hopsasa!»). Vom eher gemütlich-bodenständigen Typus über die ehemalige Kunstschülerin bis zur die verstopfte «Neese» hochziehenden Jungnutte ist alles vertreten. Dabei geht es,wie zuerwarten,derbzur Sache, undman weiß bald, dass «Bananengroschen» nichts mit Obst zu tunhabenund einhalbwüchsiges Mädchen oft vom Untermieter oder eigenenVater «anjeklaut» wird.Nicht alles erschließt sich leicht, denn Berliner sind notorisch kreativ im Umgang mit Sprache und probieren
gern neue Formulierungen oder auch eine schön hochgestocheneVokabel aus.Aber die Geschichte von Bollenguste und Sänger-Maxes exakt abgeformtem «Zebedäus aus Jipps», von der Dreierkiste mit «Muttern» und einer drastischen Maßnahme Gustes, als die schöne Zeit zu Ende geht, ist wirklich hauptsächlich heiter – sehr im Unterschied zu anderen, bei allem «Mutterwitz» bitteren Geschichten von Inzest und Vergewaltigung.
Das Booklet stellt die alte Frage «Pornografie oder Erotik?» unter Hinweis auf die Zensur der «Hurengespräche» im Kaiserreich lediglich rhetorisch und redet sich auf Zilles «Liebe zum Sujet» heraus. Nach Betrachtung der (nicht im Beiheft abgebildeten) Zeichnung Zilles von der Vergewaltigung des Mädchens Pauline aber kommt einem diese Frage ohnehin kaum noch in den Sinn. Hier war Zille wohl weniger Erotiker denn heftiger Kritiker der sozialen Zustände.

ANNETTE ZERPNER





Richard Wagner
Der Ring des Nibelungen
Gelesen von Sven-Eric Bechtolf.
Schott Music, März 2004
kartoniert, 39,95 ¤





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Heinrich Zille
Hurengespräche
Hörspiel. Mit Dagmar Manzel, Margit Bendokat u.a.
Der Audio Verlag, November 2007
Audio-CD, 14,99 ¤





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Was liest...
Nicholas Shakespeare

International bekannt wurde der britische Publizist und Schriftsteller als Biograf des Weltreisenden Bruce Chatwin. Niedergelassen hat er sich an einem Ort, an dem Chatwin nie war – in Tasmanien, der weltfernen Insel südlich von Australien. Tasmanien ist auch der Schauplatz seines jüngsten Romans «Sturm»

Ich schreibe in England, aber ich lese und reise in Tasmanien. Um schreiben zu können, muss man lesen. Es ist schwierig, in England zu lesen:Dort gibt es unentwegt atmosphärische Störungen, dieAufmerksamkeit erfordernundverlangen,dassmansichals Autor am Meinungsmarkt beteiligt und ständig steile Urteile fällt über die jüngsten und in der Regel enttäuschenden Bücher von Sir Vidia oder Salman oderGünter.Erst, als ichmich in einer von Beuteltieren heimgesuchten Hütte an der entlegenen Ostküste Tasmaniens niederließ, gewann ich die Zeit für Autoren,die ich längst hätte gelesen haben sollen: Proust,Musil, Thomas Bernhard, Patrick White, Faulkner, Cormac McCarthy oderWassilij Grossman.
Die meisten Leute tun so, als hätten sie viel mehr gelesen, als tatsächlich der Fall sein kann.Da ist es eine Erleichterung, wenn man entdeckt, dass Montaignes Bibliothek nichtmehr als etwa tausend Bücher
umfasste,die meisten davon alt. «Wenn ich mich nicht täusche», sagt Montaigne, «dann wurde den schlechtestenBüchern meiner Zeit der größte Beifall gezollt.»
In Tasmanien kann ich zeitgenössische Autoren einfach ignorieren. Momentan lese ich die «Essais» von Montaigne – und auf jeder Seite begegnenmir gesundeVernunft,Humor und scharfe Intelligenz – nicht zuletzt in seinen Bemerkungen über das Lesen selbst. «Bücher sind eine große Annehmlichkeit; aber wenn zu viel Lektüre die Gesundheit beeinträchtigt oder die gute Laune verdirbt – unsere beiden kostbarstenBesitztümer –,dann sollten wir das Lesen bleiben lassen. Denn kein Gewinn, den wir aus Lektüre ziehen mögen, kann uns für einen solchen Verlust entschädigen.» Montaigne ist höchst modern in seinen Ansichten. Er ermutigt den Leser zur Skrupellosigkeit: «Wenn mich ein Buch ermüdet, dann greife ich rasch zum nächsten.»
Auf meinem Nachttisch liegen derzeit mehrere Bücher in unterschiedlichen Stadien der Ungelesenheit, aber jederzeit bereit für eineWiederaufnahme der Lektüre: «JosefineMutzenbacher.Der Roman einerWiener Dirne» von Felix Salten (es ist schon spaßig, dass derselbe Autor auch «Bambi» geschrieben hat); die Memoiren von Alexander Herzen; «Wolf Willow», die Autobiografie des wunderbaren, aber unterschätzten amerikanischen Autors Wallace Stegner (schandbar,dass seineRomane in England seit langemvergriffen sind); und eine Auswahl der Geschichten von P. G.Wodehouse – als ich neulich imZug eine davon las, liefenmir die Lachtränen übers Gesicht, was mir seit meiner Kindheit nicht mehr passiert ist.
Als Gegengewicht dazu interessiere ich mich neuerdings für Armenien, ohne dass ich einen Grund dafür angeben könnte – vor allem für den unleugbaren Genozid an den Armeniern durch die Türken im Jahr 1915. Seit Bruce Chatwin voller Begeisterung über Ossip Mandelstams «Reise nach Armenien» schrieb, erscheintmir diese Region als ein trostloses Mysterium und als eine schwärende Wunde der Türkei. Die beste moderne Darstellung dieses Völkermordes ist «The Crossing Place.A Journey Among the Armenians» von Philip Marsden. Natürlich ist das Buch vergriffen. Es hat mich ein Vermögen gekostet, es antiquarisch zu erwerben.
Der beste moderne Roman,den ich seitmehr als einem Jahrzehnt
gelesen habe, ist «Die Straße» von Cormac McCarthy. Meiner Ansicht nach hat derAmerikaner inzwischen den Nobelpreisträger J. M. Coetzee überholt, als der hervorragendste lebende Schriftsteller der englischen Sprache. Ich konnte mir nicht vorstellen,wie er seinen Roman «Kein Land für alte Männer» hätte übertreffen können, aber es ist ihm gelungen. «Die Straße» ist die kurze und einfache Geschichte eines Vaters,dermit seinem sechsjährigen Sohn Richtung Meer wandert, nach einer namenlosen Katastrophe. Ich habe das Buch portionenweise gelesen, immer nur zehn Seiten am Stück – teils, weil ich das Ende hinauszögern wollte, teils, weil das Buch so grauenvoll und so zeitgenössisch war.
Es gibt wenige Autoren, die so zeitgenössisch sind wie GrahamGreene. Eben ist eineAuswahl seiner Briefe erschienen. Letzten Sommer habe ich einige von Greenes Romanen wiedergelesen. Mit Befriedigung konnte ich feststellen,dass er immer noch spielend standhält,mitBüchernwie «DasHerz allerDinge», «DerHonorarkonsul» oder «Die Kraft und dieHerrlichkeit» (Hemingway kann, was das Nicht-Veralten angeht, nicht mit ihm konkurrieren). GrahamGreene ist zumOpfer einiger schockierend schlechter Biografien geworden; deshalb ist es eine solche Erleichterung, dass diesem Autor nun, sechzehn Jahre nach seinem Tod in der Schweiz, das Leben wiedergegeben wird, in seinen eigenenWorten. «A Life in Letters» erinnert uns an etwas, das wir bereits wussten: dass Graham Greene ein bescheidener, launischerMann war, treu, mutig und offen («Ich schreibe, was ich denke»). Er kannte seine eigenen Fehler besser als sonst jemand, und er bedauerte sie.
An seinen Freund John Sutro schrieb er: «Wirmachen alle Fehler, und wir lassen alle, auf die eine oder andere Weise,die Menschen leiden, die wir lieben – c’est la vie, & es ist ein Glück, dass wir nicht für unsere Tugenden geliebt werden, sonst erginge esuns schlecht.» Mein letzter Hinweis gilt dem Buch des australischen Erzählers Murray Bail mit dem spartanischen Titel «Notebooks 1970–2003». Es gibt kaum eine anregendere Lektüre als dieNotizbücher eines guten Autors – und Murray Bails Notizbücher reichen im Rang an diejenigen von Albert Camus, JeanCocteau, Somerset Maugham oder Elias Canetti heran. Bail ist ein asketischerRepublikaner und auf eine geradezu modische Art unmodern in seinem Geschmack und seinem Verhalten. Er hat nur wenige literarische Hausgötter: Stendhal, Proust, Ismail Kadaré. In der bildenden Kunst verehrt er Velázquez, Matisse und Cézanne.Was Bail fasziniert, sind Extreme an dem Punkt, an dem sie sich berühren, beispielsweise ein Kreuz, das auf eine Kirchentür gemalt ist, «mit menschlicher Scheiße». Was ihn außerdem fasziniert, ist die Art und Weise, wie menschliche Begegnungen zustande kommen.Mein Lieblingseintrag ist der folgende: «Der Vater von P.N., der im Krieg nächtens eine enge Straße in Darlinghurst entlang geht, nicht in der Lage, ein Hotel zu finden (oder zu bezahlen); erblickte ein Bett in einem Souterrain – das Lichtwar an,dieTürwar offen.Er ging hinein und legte sich nieder. Eine junge Frau erschien an der Tür: ‹Was tun Sie hier?› Er klopfte auf das Bett neben sich, ‹Kommen Sie und legen Sie sich hierher.› Sie gehorchte. Schließlich heirateten sie (glücklich).»


MICHEL DE MONTAIGNE
Essais. Drei Bände
Aus dem Französischen von
Hans Stilett. Goldmann TB.
München 2002. 1744 S., 30 ¤

FELIX SALTEN
Josefine Mutzenbacher.
Der Roman einer Wiener Dirne
Löcker, Wien 1988. 350 S., 7 ¤




Cormac McCarthy
Die Straße. Roman
Übersetzt von Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag GmbH, März 2007
gebunden - 252 Seiten, 19,90 ¤





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Cormac McCarthy
Kein Land für alte Männer
Übersetzt von Nikolaus Stingl
Rowohlt Verlag GmbH, März 2008
gebunden - 293 Seiten, 19,90 ¤





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Graham Greene
Das Herz aller Dinge
DTV Deutscher Taschenbuch, November 2003
kartoniert - 348 Seiten, 9,50 ¤





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Unsinn und Sinnlichkeit
«Der Jane Austen Club» von Robin Swicord lässt von der großen englischen Autorin nichts übrig als Klischees

Die Warnung vor der Vorführung klang ernst, aber nicht bedrohlich: «Das ist ein Frauenfilm.» Es gebe jedoch – und die Dame vomVerleih verlieh ihrer Stimme Zuversicht – durchaus auch Männer, die ihn gerne gesehen hätten. Nach gut anderthalb Stunden fragt man sich allerdings, was das für langmütige Exemplare ihrer Gattung sein müssen. Andererseits sollte man auch Frauen nicht unterschätzen, trotz weiblicher Lust an Leinwand-Liebesverwicklungen mit glücklichem Ausgang – und muss auch ihnen deswegen vom Kinobesuch abraten. DieseWarnung ist vor allem nötig, weil der Filmtitel möglicherweise eher kinoferne, dafür aber literaturnahe Besucherinnen und Besucher anlocken könnte. Nicht überall, wo Jane Austen draufsteht, ist auch Jane Austen drin. Nachdrücklich widersprochen werden muss in diesem Sinn einem Satz aus diesem Film: «Lieber etwas Jane Austen als gar nichts.» Nein, das Motto muss in diesem Fall lauten: Nur die ganze Jane Austen oder gar keine. Man kann und sollte ihre Romane lesen, das wäre die beste Wahl; man kann auch eine DVD mit einer gelungenen Verfilmung eines ihrer Bücher anschauen (etwa «Stolz und Vorurteil» oder «Sinn und Sinnlichkeit»). Nur auf eines sollte man verzichten: auf den Kinobesuch für die seichteVerfilmung eines harmlosen amerikanischen Bestsellers: «Der JaneAustenClub».
Dabei machen die ersten Minuten durchaus neugierig. In einer schnell geschnittenen Sequenz wird der alltäglicheWahnsinn vorgeführt: Handy-Hölle, Fitness-Club, Fastfood, Automaten-Zudringlichkeit.
Danach kann man das Kino getrost verlassen, denn nun folgt eine Aneinanderreihung von klischee-triefenden, in vielen Fernsehserien variierten vermeintlich weiblichen Vorlieben, also des wahren Geschmacks-Terrors. Da lernt eine erfolgreiche Hundezüchterin einen jüngeren Mann kennen, ziert sich erst, landet am Ende aber doch in seinen Armen.Eine Ehefrau wird nach langen Jahren von ihrem Mann verlassen, aber er sieht seinen Fehler ein und kehrt reumütig zurück.Die lesbische junge Tochter verliebt sich erst in die Falsche, findet aber rasch doch die Richtige.Die ältere Optimistin trifft einen gutaussehenden Mann, der trotz Sprachschwierigkeiten (oder auch deswegen) ihr siebter Ehemann wird, und schon sieht sie zehn Jahre jünger aus. Die verklemmte Französischlehrerin mit verkorkster Kindheit kann sichmit der Unbildung ihres Mannes nicht abfinden, findet
aber schließlich einenWeg, sein Leserherz zu öffnen – und das gelingt ihr natürlich mit einem Roman von Jane Austen. Überhaupt wird hier 104 Minuten lang Jane Austen gepriesen wie ein neues Produkt im Werbespot.
Der Roman «Der JaneAusten Club» von Karen Joy Fowler verknüpft das Leben von fünf Frauen und einem Mann mit der Austen-Lektüre. Bei den Zusammenkünften wird das Gelesene debattiert, das eigene Schicksal spiegelt sich ein wenig in dem der Heldinnen und Helden, in den Verwicklungen und der Ehe-Geometrie der
großen englischen Autorin.
Das ist eine nette Idee und leidlich amüsant. Man erfährt einwenig über «Emma» oder «Mansfield Park», weil die Romane in Kurzform abgehandelt werden. Allerdings könnte die Leidenschaft der Lese-Club-Mitglieder auch Henry James gelten oder einer der Brontë-Schwestern. Das würde nur unwesentliche Änderungen erfordern. In der Kino-Version – das Debüt der Regisseurin RobinSwicord –wird der Zusammenhang zwischen Filmstory und Literatur nur noch behauptet.Unablässig wird der Name der Schriftstellerin im Munde geführt, aber nur, wer Austens Romane kennt,kann entfernt einen Zusammenhang erkennen.Das hilft allerdings nicht wirklich gegen die Langeweile angesichts dieser Scherenschnitt- Figuren. DieClub-Mitglieder könnten genauso gut eine Fernsehserie debattieren, die Dialoge müssten dafür nicht wirklich geändert werden. Dass allerdings die fünf Frauen und der eineMann in diesemFilmalle umein Jahrzehnt jünger sind als die Vorbilder aus dem Buch, das war wohl nötig, damit die Protagonisten wenigstens nett genug aussehen.

MANUELA REICHART


Der Jane Austen Club
USA 2007, 106 Min.
Regie und Drehbuch:
Robin Swicord
Mit Maria Bello, Emily Blunt, Kathy
Baker, Amy Brenneman, Maggie
Grace, Jimmy Smits u.a.




Karen Joy Fowler
Der Jane Austen Club
Übersetzt von Marcus Ingendaay
Goldmann Wilhelm, Juni 2007
kartoniert - 320 Seiten, 7,95 ¤





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Jane Austen
Mansfield Park
Übersetzt von Ursula Grawe, Christian Grawe
Reclam Verlag Leipzig, August 2002
kartoniert - 517 Seiten, 9,90 ¤





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Jane Austen
Verstand und Gefühl. ( Sinn und Sinnlichkeit)
Übersetzt von Helga Schulz
DTV Deutscher Taschenbuch, März 2000
kartoniert - 413 Seiten, 10,00 ¤





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Jane Austen
Verstand und Gefühl. ( Sinn und Sinnlichkeit)
Übersetzt von Ursula Grawe, Christian Grawe
Reclam Verlag Leipzig, Januar 2001
kartoniert - 426 Seiten, 8,90 ¤





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